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BLOG vom 03.02.2012


Neben Aare bei Auenstein: Prozess der Landschaftsschöpfung
Autor: Walter Hess, Publizist, Biberstein AG/CH (Textatelier.com)
 
„Stell’ Dir vor, was es für Dich da alles zu beschreiben gäbe“, vermerkte mein Bruder Rolf, als er mir eine Serie von fantastischen Bildern aus aller Welt per E-Mail übermittelte: Darunter waren der Emerald-Kratersee aus Neuseeland, ein Restaurant auf einer kleinen Felsenklippe im Meer vor Zanzibar, eine mit einem blauen Teppich aus Wüstenphazelien dicht bewachsene Wüste, Hochhausspitzen, die aus dem Nebel ragten (Dubai), die längste Seebrücke der Welt (über 36 km) in der chinesischen Provinz Shandong, ein Ausschnitt aus einem 260 km langen Verkehrsstau in China, der US-Ort Buford, der genau 1 Einwohner zählt, die Wasserbrücke bei Magdeburg D (Fluss fliesst über Fluss) usw. Ich schrieb dann zurück, dass ich es nicht einmal schaffe, alle die Schönheiten und Besonderheiten der Schweiz zu beschreiben.
 
Gleich darauf unternahm ich einen Spaziergang im Umkreis von etwa 2 km um mein Haus, ins Gebiet Aarschächli und zum Aarekraftwerk Rupperswil-Auenstein AG, wo die Aare überquert werden kann, vorbei am dumpf tönenden Maschinenhaus.
 
Im Aarschächli, etwas aareaufwärts gelegen, wurden hinter dem Damm etwa 3 Hektaren eines trostlosen, beförsterten Waldes aus Fichten und Zuchtpappeln (Kreuzung zwischen der Schwarzpappel und einer nordamerikanischen Art), die hier wirklich nicht sein müssen, gefällt. Der Boden wurde mit schweren Baggern abgetragen und die Landschaft in einen Zustand versetzt, als ob die Aare dort (wie bis vor etwa 150 Jahren) noch nach Herzenslust Bögen anlegen, den Lauf verändern, also mäandrieren, dürfte: Erosionen und Aufschüttungen und Phasen der Erholung im steten Wechsel, je nach Wasseranfall, manchmal eine See-Entstehung. Nichts von Kanal. Mit dem Aarschächlisee (bzw. dem rekonstruierten Altarm im Aarschächli in Rohr (heute: Gemeinde Aarau) ist nach einer halbjährigen Bauzeit Ende 2004 ein Gewässer entstanden, das zudem von 3 nahegelegenen Tümpeln begleitet ist – insgesamt 2,5 ha Wasserfläche – der Altarm ist 340 m lang und 3 m tief. Heute sieht er aus, als wäre er schon immer da gewesen. Die 1,4 Mio. CHF wurden nicht in den Sand gesetzt.
 
Für ökologisch Interessierte ist am südöstlichen Seeufer ein kleiner Hügel angelegt werden, ein Beobachtungsposten, der einen Überblick über den See und den Uferbewuchs ermöglicht; die Seeumrundung ist ausschliesslich den Tieren vorbehalten. Bei meiner Wanderung vom 22.01.2012 traf ich auf dem Beobachtungsposten den Naturschutz-Bereichsleiter und Artenspezialisten Martin Bolliger vom Naturama in Aarau an, der auf einem Stativ eine stattliche Kanone aufgestellt hatte, wie man sie für die Naturfotografie mit Teleobjektiv braucht. Da er sein weises Haupt mit einer handgestrickten Kappe im oberen Teil abgedeckt hatte, um dem leichten, eisigen Wind länger trotzen zu können, erkannte ich ihn zuerst gar nicht, obschon ich an einigen Exkursionen unter seiner Leitung teilgenommen hatte – bis mir in den Sinn kam, dass auch Naturschützer im Winter ein anderes Kleid als im Sommer tragen. Bei mir kommt es statt des Haarwechsels zu Polstern aus hochwertigen Fetten (extra vergine).
 
Dank Bolligers unverminderter Winteraktivität erhielt ich eine personifizierte Naturlektion über das Aussehen von Gehölzen im Winter, verbunden mit ornithologischen Beobachtungsübungen. Auf einer Tanne auf der gegenüberliegenden Seeseite hatten sich 4 Graureiher in verschiedenen Höhen bei fast gleichbleibendem Abstand wie Christbaumschmuck-Elemente aufgereiht, die vom Himmel hoch daher gekommen waren. Und über uns zeigte ein Silberreiher seine Flugkünste mit langsamen, wohlüberlegten Flügelschlägen, die selbst anspruchsvolle Hobbyflieger entzückt hätten. Mir gefiel es in dieser Gesellschaft.
 
Amphibien-Paradies
Hinter einem Wanderweg und einem Damm südlich des Aarschächli-Altarms ist 2011 auf einem ehemaligen Acker ein Sumpfgebiet als Laichgewässer entstanden, wahrscheinlich die Geburtsabteilung für allerlei Amphibien wie Gelbbauchunken, Grasfrösche und Erdkröten. Die schräg stehende Spätnachmittagssonne brachte die kleinen Tümpel neben grün eingefassten Kiesinseln zum Leuchten – wohlverstandene, leuchtende Beispiele des gestalterischen Naturschutzes. Auf dem kleinen Damm ist ebenfalls ein hölzerner Beobachtungsposten angelegt. Verschiedene passende Sträucher wie der Kreuzdorn (Rhamnus catharticus L.) mit seinen schlanken, glänzenden hellgrau-braunen, gegenständigen Zweigen sind gepflanzt, und sie werden zur gegebenen Zeit schwarze, abführende Beeren produzieren.
 
Beim Weiterwandern auf dem breiten Feld- bzw. Waldweg kamen mir 2 Mädchen in Begleitung von 2 Malamut-Schlittenhunden entgegen; hätte es Schnee gehabt, wäre ich mir wie in Alaska vorgekommen. Einer der in ein doppeltes Fell verpackten wolfartigen Hunde mit den Weiss-, Schwarz- und Grautönen zog ein vierrädriges, rot bemaltes Fahrgestell, auf dem eines der Mädchen die Lenkstange betätigte; das andere folgte mit dem Velo. Die jungen Frauen trugen schwarze und graue Kleider und fügten sich gut ins Bild ein. Die Hundeführerin mit schwarzem, nach hinten gekämmten Haar sagte mir, der kleinere Hund habe andere Interessen als das Ziehen von Karren oder Schlitten. Er trottete einfach an der kurzen Leine mit und schaute mich treuherzig an, nach einem verständnisvollen Wort lechzend.
 
Der Tuffgraben
Nach einem Blick auf das schäumende Umgehungsgewässer und der Aareüberquerung beim KW kommt man zum „Naturwunder Tuffgraben“, das mit gut beschrifteten Tafeln erklärt wird. Man erfährt da, dass die Gisliflue und auch der Küttiger Homberg aus Kalkschichten bestehen, die nach Süden geneigt sind und dass Kalk wasserlöslich ist, wenn auch schwer, wie man da beifügen möchte; die Löslichkeit verbessert sich in Anwesenheit von Kohlenstoffdioxid.
 
Durch Spalten und Klüfte kann das Wasser in die Kalkschichten einsickern und Kalk lösen und abtransportieren, wodurch ganze Höhlensysteme entstehen können. Diese werden zu Wasserreservoiren, die meistens einen engen Abfluss haben und das Wasser so kontinuierlich abgeben. Wir Bibersteiner erfreuen uns solchen Jurakalkwassers, dessen Gesundheitswert schon den alten Aarauer Ärzten bekannt war, die ihre Patienten mit Flaschen zum Bibersteiner Dorfbrunnen schickten.
 
Wenn Wasser aus den unterirdischen Kalkseen an die Oberfläche kommt und zum Bächlein wird, lagert sich nach dem Entweichen des Kohlendioxids (CO2) ein weiches Sediment aus feinkörnigem Kalk ab, das hart wird und sich recht porös zeigt. Die niedrige Fliessgeschwindigkeit begünstigt die Kalkausfällung zusätzlich. und so wird denn alles, was sich im Wasser befindet (Sand, Steine, Moose, Wurzeln und andere Pflanzenteile) mit einer Kalkschicht überzogen, eine Art Versteinerung. So bilden sich lebendige, formenreiche Kleinlandschaften, deren Erscheinungsbild sich ständig verändert. Es kann zu aussergewöhnlichen Gebilden wie Tuffnasen kommen.
 
Beim KW Rupperswil-Auenstein wurde gegen Ende des 20. Jahrhunderts versucht, den Tuffgraben in einen ursprünglichen Zustand zurückzuführen; auch Buchen, Buschwerk und Gras wurden entfernt. Der Tuffgraben funktioniert auf seiner ganzen Länge und Breite wieder, und sein fein verästeltes Rinnsale-Netz kommt wieder zur Geltung. Das ist gut herausgekommen.
 
Man sieht: Man muss nicht immer in die Ferne schweifen. Und bemerkenswerterweise verändert sich das gute Nahe ununterbrochen – und wir mit ihm.
 
Hinweis auf weitere Berichte und Blogs mit Bezug zum Auenschutzpark
 
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