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BLOG vom 15.02.2012


Die Bise half gutturale Lautmalereien übers Rifeld verbreiten
Autor: Walter Hess, Publizist, Biberstein AG/CH (Textatelier.com)
 
Das gleiche Geräusch nimmt man je nach Wind und Wetter unterschiedlich wahr. Dabei können Lufttemperatur und Windgeschwindigkeit eine Rolle spielen. Wenn Südwinde blasen, hören wir in Biberstein AG die etwa 1,5 Kilometer entfernt vorbeifahrenden Züge, vor allem die ratternden Güterzüge (Aarau‒Lenzburg), als ob sie durch unser Schlafzimmer fahren würden. Und auch die Kirchenglocken von Aarau-Rohr scheinen plötzlich aus einer verkürzten Distanz zu läuten. Der Wind trägt den Schall mit sich, beschleunigt seine Ausbreitung; gegen den Wind aber hat es der Schall schwer – wie alles: Bei Gegenwind kommt man nicht so richtig voran. Auf Autobahnen fahre ich deshalb gern im Vakuum hinter kastenförmigen Lastwagen. Der Gegenwind ist dann klein, die Benzineinsparung beachtlich.
 
Zu einem unverhofften Selbstversuch zum Thema Schallausbreitung kam ich bei einem steifen Biswind und etwa -8°C am 04.02.2012 um die Mittagszeit. Ich wanderte nach der Besichtigung des Altarms Chly Rhy (kleiner Rhein) über das weite Rifeld dem Dörfchen Rietheim (Nähe Bad Zurzach) entgegen (siehe Blog vom 09.02.2012: „Chly Rhy bei Rietheim AG: Unebenheiten im topfebenen Land“).
 
Um den Sonnenschein nicht zu verpassen, verzichtete ich auf eine Einkehr zum Mittagessen, sondern verpflegte mich sozusagen fliegend. Im Schlossladen Biberstein hatte ich für den bevorstehenden Sonntag einen herrlichen Butterzopf gekauft, und ein Fläschchen Ramseier-Süssmost gehörte ebenfalls zu meiner kulinarischen Ausrüstung. Zu Beginn der Wanderung hatte ich einige Stränge des Zopfs herausgerissen, kaute beim Wandern genüsslich und setzte gelegentlich das Süssmostfläschchen an den Mund. Die gewagte Kombination gefiel mir, woran der Hunger seinen Beitrag leistete. Das duftende Gebäck aus der Bibersteiner Schlossbäckerei wird noch normal gesalzen, und entsprechend schmackhaft und gesund ist es, und die Süsse des Mosts war ein schöner Kontrast dazu.
 
Da ich meine Verpflegung beim Wandern genoss, wurde alles gut durchgeschüttelt, und vielleicht führte auch die Kombination des Hefegebäcks und Süssmost zu einer Form von Nachgärung mit Kohlendioxidproduktion im Magen. Dazu mag auch ein etwas schnelles Essen mit einem damit einhergehenden Verschlucken von Luft seinen Beitrag geleistet haben.
 
In der Windrichtung vor mir, in etwa 300 Metern Distanz, war ein älteres Ehepaar zügigen Schritts in der gleichen Richtung unterwegs, dem ich allerdings keine besondere Beachtung schenkte. Der Zwischenraum zwischen uns war so gross, dass ich mich vollkommen allein auf weiter Flur fühlte und keinen Anlass sah, mich möglichst anständig zu verhalten, während sich der Druck im Magen bedrohlich, ja gewaltig aufbaute.
 
Laut dem anständigen Herrn Knigge sind in Gesellschaft das Aufstossen (medizinisch: Ructus, Efflation oder Eruktation) und andere Verlautbarungen des Körpers, abgesehen von Erzählungen und Diskussionsbeiträgen, tabu, weil der Freiherr die chinesischen Zustände nicht zur Kenntnis nahm. Dort wird die Lust am Rülpsen gepflegt. Er tat alles dafür, um störende Geräusche, gerade bei Tische, zu untersagen. Sogar das genüssliche Schlürfen hat er den Bewohnern unseres Kulturkreises vermiest.
 
Der geneigte Leser spürt, dass ich mich in menschliche, allzu menschliche Ausschweifungen flüchte, weil es mir schwerfällt, den fulminanten Höhepunkt dieses Feuilletons zu beschreiben. Doch Verzögerungstaktiken lösen das Problem nicht, schieben das Elend nur hinaus, wie es beispielsweise mit der finanziellen Rettung des fast so wie die USA masslos überschuldeten Griechenlands immer wieder geschah. Eine künstliche Koma-Verlängerung vergrössert das Elend nur. Auch Schuldenblasen können sich aufbauen, den Druck vergrössern, ähnlich wie das in meinen Hohlräumen geschah, in denen nach allen Regeln biologischer Kunst die Verdauung stattfindet und seit bald einmal 75 Jahren untadelig funktioniert.
 
Mit anderen Worten: Ich liess auf dem offenen Rifeld einen wohltönenden, gutturalen, das heisst tonmässig in der Kehle gebildeten Rülpser fahren, der gewisse Rekordwerte an Lautstärke und Dauer anstrebte.
 
So, jetzt ist die Kernbotschaft draussen. Eine Erleichterung.
 
Das wäre an sich nichts Aussergewöhnliches, hätte dieser Abgang von angestauter Luft die andächtige Stille des Rifelds nicht derart bewegt, ja erschüttert, dass das bereits erwähnte Ehepaar weit vor mir sich schlagartig um 180 Grad umdrehte – der Mann mit halber Rechts- und die Frau mit halber Linksdrehung. Das Paar schaute aus der Entfernung, wie sie zwischen einem Schweizer Schützenhaus und dem Scheibenstand (300 m) besteht, genau zu mir zurück. Ihre Gesichtsausdrücke konnte ich ohne Feldstecher nicht ausmachen. Ich vermute, dass die beiden Menschen das Gefühl hatten, gleich hinter dem Rhein sei die Ruine Küssaburg vollständig eingestürzt. Um jeden Verdacht von mir zu wenden, ich sei da lautmalerisch über Gebühr tätig geworden, vollzog ich ebenfalls eine Kehrwendung und schaute weltverloren gegen Kadelburg und Küssaburg.
 
Anschliessend blieb auf der ausladende Ebene alles still, abgesehen vom knirschenden Schnee unter den Schuhen. Das aufgeschreckte Ehepaar und das erleichterte Ich setzten ihre/unsere Wege, um eine Erklärung ringend, und in meinem Fall gedankenverloren fort. Wir verloren uns im Strassengeäst von Rietheim, mussten uns also mit dem schnellen akustischen Kontakt zufrieden geben.
 
Damit endet die Geschichte von der Schall-Tragweite des eisigen Winds, ein exemplarischer Feldversuch, der aller Wahrscheinlichkeit nach in die Fachliteratur eingehen wird.
 
So bringt man die Wissenschaft voran. Falls Tontechniker weitere Einzelheiten haben möchten, bin ich gern zu zusätzlichen Auskünften bereit, würde aber als Honorar 1 kg frisch gebackenen Bibersteiner Butterzopf und eine Flasche Süssmost einfordern ‒ als Beweis dafür, dass ich ohne Spätschäden davon gekommen bin.
 
 
Hinweis auf weitere Feuilletons von Walter Hess
 

 

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