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BLOG vom 21.02.2012


Die Schlupfwinkel – nicht zuletzt auch für die Vorfreude
Autor: Emil Baschnonga, Aphoristiker und Schriftsteller, London
 
Die Vögel in unserem Garten in Wimbledon haben ihre Schlupfwinkel, die sie nachtsüber aufsuchen. Sie bauen ihre Nester getarnt im Gestrüpp oder Geäst. Die Katzen werfen ihre Jungen im Versteck. Mäuse verschwinden bei geringster Gefahr in ihre Löcher. Schnecken und Schildkröten verziehen sich in ihre Gehäuse und Schalen. Die Natur wartet mit vielen Zufluchtsorten für die Lebewesen auf. Die Welt ist ein gefährliches Tummelfeld, von Raubtieren bespickt, die nach Beute Ausschau halten. Sie kommen nicht zu kurz: Wer nicht aufpasst, wird erbeutet. Hinzu kommt der Jäger mit dem Schiessgewehr …
 
Am Schlimmsten treiben es die Menschen untereinander: Sie bekriegen sich, begehen Morde – bis zum Völkermord – unter zahlreichen anderen Schandtaten. Genug davon! Mehr als genug! 
Ich habe mir das Thema „Schlupfwinkel“ ausgedacht und bin froh, dass ich mich, bei Bedarf, in meine eigenen Schlupfwinkel verziehen kann. In ihnen kann ich mich meines Lebens erfreuen.
 
Es ist mein grosses Glück, dass ich meine Schlupfwinkel in der Literatur und im erweiterten Kunstbereich mit mehr Musse als je zuvor aufsuchen kann, abseits der Hektik meines einstigen Berufslebens. Wie die Spinnen ihre Netze weben, spinne ich immerfort mein eigenes Gedankennetz. Den Stoff dazu sammle ich als Beobachter, unbemerkt etwa in einem Café, in einem Schlupfwinkel sitzend, in meiner Bude die Tasten drückend – und bald wieder im Garten träumend.
 
Nächste Woche werde ich endlich wieder einige Tage in Paris verbringen, und weiss genau, wo ich mich setzen oder aufhalten werde, um den Rohstoff für Gedanken zu sammeln. Noch ist es zu kalt draussen im Garten des „Palais Royal“. Lange kann ich nicht in einem Café ausharren. So werde ich durch Strassen flanieren, am liebsten in Quartierstrassen, wo die Einheimischen vorherrschen, weit weg von den Touristen. Ein Abend ist für ein Familientreffen vorbehalten, worauf ich mich freue. Anders gesagt, ist auch die Vorfreude ein angenehmer Schlupfwinkel.
 
In der Vorschau, voller Erwartungen auf hoffentlich angenehme Überraschungen, schwebt mir ein Streifzug durch eine Quartierstrasse vor:
 
„Lecher les vitrines“ – die Schaufenster belecken und dabei Leckerbissen fürs Auge und für den Magen zu begucken: die Werkstatt eines Kunstschreiners, den Käseladen, das Stapelgut in der Auslage eines Trödlers. Also hereinspaziert! Stöbern kostet nichts. Ein Gesprächsansatz ist gelegt. Ein Stück Käse wird abgeschnitten, ein Fläschchen Möbelbeize wird gekauft, und ein alter Kleiderhaken für den Schuppen ist aufgestöbert.
 
Attendez! Le train partira à 2 h 30. Attention! Le train est parti!
 
 
Hinweis auf weitere Feuilletons von Emil Baschnonga
 
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