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BLOG vom 29.02.2012


Bad Schinznach: Wo die Rohrpost jenseits fauler Eier abgeht
Autor: Walter Hess, Publizist, Biberstein AG/CH (Textatelier.com)
 
Das Modewort Event, das für eine Veranstaltung, einen Anlass, ein Ereignis steht, hat es mir nie richtig angetan, ebenso wie alle übrigen oberflächlichen Modeerscheinungen. Dieses Event ist übers Englische in den deutschen Sprachraum infiltriert. Es war plötzlich einfach da und machte sich jede Veranstaltung und jeden Gag untertan. Und weil die Überfülle der Veranstaltungen möglichst viel Publikum braucht, kam es zum Eventmarketing, das auf Verkaufsgeschäfte aller Art überschwappte: Die Verkaufsbemühungen wurden und werden mit einem Erlebnis verbunden, das die Leute anziehen, unterhalten und in eine fröhliche Kauflaune versetzen soll. Spasskultur für die Spassgesellschaft.
 
Manchmal ufert die Erlebnisorientiertheit zum Bluff aus; dieses Wort wurde hier gewählt, um bei der Einheitssprache zu verweilen. Mir selber ist eine solide Veranstaltung wie eine Abendunterhaltung, eine Tanzveranstaltung, ein Konzert, eine Theateraufführung usf. lieber als ein vieldeutiges Event, von dem nicht einmal das Duden-Wörterbuch weiss, ob es sächlich (das Event) oder männlich (der Event) ist. Ich reihe es eher unter dem undefinierbaren Sächlichen ein.
 
Ich bin mir durchaus im Klaren, dass ich zusammen mit anderen menschlichen Auslaufmodellen nicht mehr in diese Moderne passe, in der das Währschafte, das Wesentliche keine Chancen und Events sowie Eventualitäten ihren viel höheren Stellenwert haben. Alles muss heute spannend sein; heute ist dieses „spannend“ neben „cool“ bald einmal noch das einzige Adjektiv, das den Sprachzerfall überlebt hat.
 
Solche Gedanken sind in meinem Gehirn am 23.02.2012 aufgetaucht, als ich am späten Nachmittag den Entschluss fasste, mich nach langer Zeit wieder einmal im Thermalbad Bad Schinznach („Aquarena fun“) zu bewegen, zu entspannen und mich von Wasserdüsen mechanisch massieren zu lassen. Die „Aquarena“ als Bestandteil der Schinznacher Badeanlagen in Aarenähe wurde am 30.10.1991 eröffnet, vor gut 20 Jahren. Der Bau erinnert etwas an die römischen Architekten, an eine Römer Bauweise light, genau genommen. Schon damals (1991) wurde für Events wie ein Flussbad und Sprudel gesorgt. Und über dem Ausgang vom Innen- zum Aussenbad steht eine Marmorgestalt, die an den David von Michelangelo erinnert, eine ziemlich werkgetreue Kopie des Steinschleuderers von hohem ästhetischem Rang.
 
Besonders geschätzt habe ich in der Aquarena immer eine künstlich angelegte, aber Naturkalksteinen nachempfundene Grotte, in der es stark nach Schwefelwasserstoff roch und in der manchmal ein Liebespaar dennoch einen Kuss austauschte, eine uneinsehbare Nische gekonnt ausnutzend. Mich interessierte weniger die Schmuserei als vielmehr der Umstand, dass hier noch unbehandeltes Thermalwasser mit seinem hohen Schwefelanteil, wie es die Erde hervorbrachte, zu erspüren war. Es floss über Kunststeine und kristallisierte langsam und beharrlich zu echtem, gelblichen Stein aus.
 
Beim Schwefelwasserstoff (H2S) handelt es sich um ein gleichzeitig giftiges und heilkräftiges Gas, das nach faulen Eiern beziehungsweise Jauche riecht. In der Natur entsteht es durch Fäulnisprozesse aus schwefelhaltigen Aminosäuren (Eiweissbausteine), und es ist auch in Vulkangasen enthalten. Wegen seines starken Geruchs und den davon ausgelösten Fluchtbewegungen kommt es selten zu Vergiftungen. Doch in Verdünnungen (bis etwa 500 Milligramm pro Liter), wie man sie in natürlichen Heilwässern findet, ist das H2S eine Wohltat gegen Hautentzündungen, und es fördert immunologische Vorgänge. Aber viele Leute mögen den Gestank nicht. Deshalb wird im Schinznacher Bad zur H2S-Neutralisation Ozon eingesetzt, wie ich bereits im Blog vom 10.02.2009: Ein bisschen Hölle: der Schwefelwasserstoff im Thermalbad beklagte. Damit ist selbstredend der Heileffekt im Eimer. Umso mehr schätzte ich die Grotte und den Trinkbrunnen im Innenraum des Bads, der warmes Schwefelwasser spendet und den Kennern noch immer zur Verfügung steht. Im Halbrundbau kann man in unverfälschtem Heilwasser Wannenbäder nehmen.
 
Wo die Grotte war (anschliessend ans höher gelegene Restaurant), steht jetzt ein bunkerähnlicher Bau, der mit schönem, grünem Granit aus San Bernardino verkleidet ist und damit an die berühmte Valser Therme von Peter Zumthor erinnert.
 
Neben dem Bau führt eine Treppe auf dessen Dach. Dort steht man vor einer Öffnung mit einer Lichtsignalanlage, damit es im 65 m langen Rohr der neu installierten Grottenrutsche nicht zu einer Kollision kommen kann. Vor mir waren 2 jüngere Damen, eine nach der anderen, in die Höhle getaucht und wurden gleich fortgespült. Ein lautes Kreischen, wie es bei Mädchen üblich ist, wenn ein amerikanisierter Popstar nur schon sein Mikrofon anhebt, ertönte aus dem Inneren des mit gebogenen Rohren angefüllten Bauwerks. Ich stieg mit gemischten Gefühlen in dieses Verliess. „Da musst du durch“, dachte ich, ohne eine Begründung dafür auftreiben zu können. Ich  setzte mich in die Röhre, die Beine wie Puffer noch vorn gestreckt. Und dann zwingt einen der Röhrendurchmesser in eine liegende Position, und mit Spülwasser wird man wie auf dem berühmten Örtchen in einen undefinierten Abgrund befördert. Diesmal aber geruchsneutral. So muss sich das Wasser in einer Leitung vorkommen.
 
Lichtspots tauchten auf, immer schneller und nach den Seiten verschoben – ein immer nervöseres Blitzen und Rauschen. Meine Geschwindigkeit erhöhte sich, wohl gewichtsbedingt, in dem spiralig verlaufenden Kanal dramatisch, was die Lichtblitze ungemein beunruhigte, und manchmal hatte ich das Gefühl, ich werde hin und her geworfen und ein Stück weit um die eigene Achse gedreht. Wie immer, wenn mir eine Lage ausser Kontrolle gerät, fühlte ich mich unbehaglich. Ein Kamikazepilot kann wenigstens sein Ziel noch ansteuern ... Wie aber würde das enden?
 
Plötzlich wurde ich gestoppt, ohne dass ich genau zu beschreiben vermag, welche Gegenkräfte mich, zum Geschoss geworden, im letzten Moment vor dem befürchteten Aufprall zum Stillstand brachten. Blaue Flecken, die sich im Alter schneller einstellen und dafür langsamer verschwinden, trug ich nicht davon.
 
So also war das Event, in das die Bad Schinznach AG zusammen mit anderen Baumassnahmen wie z. B. ein neues, 25 m langes und 8 m breites, beheizbares Kaltwasserbecken rund 21 Mio. CHF verbuttert hat.
 
Nach der Rutschbahnfahrt kam ich mir etwas infantil vor; denn irgendwie erinnerte mich die Sache an die farbenfrohen, gewundenen Röhren, die man oft neben Imbissbuden sieht und in die man quengelnde Kinder stecken kann. Man spricht von Wohlfühloasen, unter denen ich mir persönlich zwar etwas anderes vorstelle.
 
Für mich stellt sich die Wellness, der wir früher Wohlbefinden sagten, ein, wenn ein Heilbad auf seinen unersetzlichen Wert, auf Heilwassers mit seinen Wirkungen eben, setzt und dessen Qualitäten zur Geltung bringt. Auch wenn sein Duft nicht gerade an ein Lavendelfeld erinnert. Selbstverständlich darf daneben etwas Vergnügen sein, doch soll es nur eine marginale Bedeutung haben. Heute sind die meisten Werte umgewertet.
 
Das vom Dorf abgetrennte Bad Schinznach, ab 1694 als eine schlossähnliche, vornehme Kuranlage im barocken Feudalstil neu erbaut, wie noch heute erkennbar ist, war früher dem Schönen und Wesentlichen zugetan, wurde hier doch vor 250 Jahren die Helvetische Gesellschaft gegründet, die aus den unterschiedlichen Bestandteilen der Schweiz mit ihren verschiedenen Sprachen, Religionen, Sitten und Gebräuchen eine geeinte Nation machen wollte; aus Kantonsbürgern sollten im Rahmen des Republikanismus Schweizer werden. Die Diskussionsrunde des Männerkreises aus gut situierten Familien diskutierte politische und gesellschaftliche Zukunftsfragen und vermittelte der modernen Schweiz viele Impulse – lang, lang ist’s her. Die Gesellschaft wurde um 1860 stillschweigend aufgelöst. Bei der heutzutage zu beobachtenden Erosion des eidgenössischen Selbstbewusstseins wären solche Zirkel wieder fälliger denn je.
 
Der Trend geht stattdessen hin zum Lockeren, zum Leichten und Seichten. Gefragt sind Leute, die man in einen Kanal stecken kann, dessen Ziel vorgegeben ist und die das spannend finden. Mit einigen Lichtspielen wird für Unterhaltung gesorgt. Fun. Ob auch am Ende des Tunnels Licht ist – man lässt sich überraschen. Spannend.
 
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