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BLOG vom 21.03.2012


Folter im Museum (1): Schwedentrunk und Waterboarding
Autor: Heinz Scholz, Wissenschaftspublizist, Schopfheim D
 
Nach längerer Zeit besuchte ich wieder einmal das Museum der Stadt Schopfheim D. Anlass war die Ausstellung „Bakelit & Co.“ („Wie der Kunststoff unseren Alltag eroberte“).
 
Das Museum im ehemaligen Kornspeicher ist in der Altstadt hinter der mittelalterlichen Stadtkirche St. Michael gelegen. Das Museum bietet wertvolle Sammlungen zur adeligen und bürgerlichen Wohnkultur. So gibt es einen ganzen Raum über die freiherrliche Familie von Roggenbach (in Schopfheim ansässig ca. 1500 bis 1925).
 
Sehr interessant waren für mich die Infos zum Wohnen vom Frühmittelalter bis in die 1960er-Jahre, die Design-Sammlung von Prof. H. Th. Baumann, Infos zur Küche und Konservierung von Lebensmitteln (1900−1950), der funktionstüchtige Musikautomat „Kalliope“ von 1880 und die Dauerausstellung über den Türkenlouis und seine Barockschanzen. Besonders beeindruckt war ich von den Dioramen „Zwischen Sonne und Halbmond“ und „Schwarzwälder Schwedentrunk“, die von der AG Minifossi der Friedrich-Ebert-Schule, Schopfheim (Werkrealschule), unter Leitung von Werner Störk in jahrelanger Arbeit geschaffen wurden. Es sind Meisterwerke, die in dieser Form nirgends zu bewundern sind. Darüber werde ich jetzt berichten.
 
Zwischen Sonne und Halbmond
Im 17. und 18. Jahrhundert wurden zahlreiche blutige Schlachten ausgefochten. Auf der einen Seite standen die Habsburger, im Westen wollte Frankreich seine territorialen Grenzen zu Lasten des Reichs auszudehnen (Sonne = Symbol von Ludwig XIV.). Im Südosten drängte das Osmanische Reich (Halbmond) in Richtung des habsburgischen Machtzentrums und seiner Metropole Wien. 1683 erlebte die Hauptstadt ihre 2. türkische Belagerung. Die kaiserlichen Truppen siegten. Dadurch war es möglich, den grössten Teil Ungarns gegen die Osmanen zu behaupten.
 
Hier die Infos zum Diorama: „Das Diorama zeigt das Aufeinandertreffen von osmanisch-muslimischen und alliierten habsburgisch-christlichen Truppen des Heiligen Römischen Reiches Deutscher Nation im heute ungarisch-serbischen Raum (1683−1715) – also nach dem Entsatz (Ende der Belagerung) von Wien und auch nach der wichtigsten Schlacht für den Türkenlouis.“
 
Der Türkenlouis war der Markgraf Ludwig Wilhelm von Baden-Baden (1655−1707), Bauherr des Rastatter Schlosses, Generalleutnant aller kaiserlichen Truppen und siegreicher Feldherr in den Türkenkriegen. Über den Türkenlouis und den Schanzenbau  berichtete ich in dem Blog vom 01.09.2009: Rund um Gersbach D: Barockschanze und eine Kräuterwirtin.
 
Das Diorama zeigt originalgetreu die Taktik und Strategie der Belagerung, des Angriffs und der Verteidigung in der damaligen Zeit. Ich war von der detailgetreuen Nachbildung der 1360 Figuren sehr beeindruckt. So sind auf dem Areal 520 Berittene, darunter 80 Dragoner, 30 Husaren und über 120 Kürassiere zu sehen. Die Infanterie besteht aus über 400 Soldaten, darunter auch solche mit langen Spiessen (Pikeniere) und Grenadiere sowie Angehörige der Reichskreise und Grenztruppen. Die christliche Allianz bietet 880, die osmanischen Truppen 420 Kämpfer auf. Wer genau hinschaut, wird noch etliche Zivilsten erkennen. Wichtigstes Fortbewegungsmittel bei Feldzügen waren Pferde. Auf dem Diorama sind 500 Pferde auszumachen.
 
Wie mir Werner Störk erzählte, wurden die Figuren von einer Mannheimer Künstlerin geschaffen und mit einem Dachshaar bemalt. Die detailgetreue Nachbildung erfolgte u. a. durch das Studium von Literatur und durch genaues Betrachten von Schlachtgemälden. Sogar der Landschaftsaufbau wurde nach den realen geologischen und hydrologischen Gegebenheiten des danubischen (Donau-) Raumes realisiert. Der Aufbau zeigt sich auch in den unterschiedlichen Felsformationen mit den entsprechenden Erosionsformen und der jeweils zugehörigen Vegetation.
 
Ein anderes, ebenso beeindruckendes Diorama, das die Schanzarbeiten bei der Errichtung einer Redoute (Viereckschanze) zeigt, wurde übrigens in mehreren Museen des Landes gezeigt. Das viel beachtete Werk wurde überall sehr gelobt.
 
Schwedentrunk und Waterboarding
Im Dreissigjährigen Krieg (1618−1648) gab es eine berüchtigte Foltermethode, nämlich die Verabreichung des Schwedentrunks. Es waren nicht nur die Schweden, sondern auch kaiserliche Truppen, die sich dieser Foltermethode bedienten. Hans Jakob Christoffel von Grimmelshausen (um 1622−1676) schrieb in seinem Roman „Der abenteuerliche Simplicissimus“ das Folgende über den Schwedentrunk: „Den Knecht legten sie gebunden auf die Erd, steckten ihm ein Sperrholz ins Maul, und schütteten ihm einen Melkkübel voll garstig Mistlachenwasser in den Leib, das nennten sie ein Schwedischen Trunk.“
 
In der Gersbacher Chronik betonte Wilhelm Kneusslin (1834‒1920), dass die Zeit von 1634 bis 1640 „die schlimmste Zeit für unsere Umgegend, vielleicht für das ganze Land gewesen sei (…).“  Über den Schwedentrunk schrieb er die folgenden Zeilen: „… Sie (die Soldaten) sperrten ihnen den Mund auf, schütteten ihnen schmutziges Wasser hinein oder gar Gülle bis zum Überlaufen, dann sprangen sie ihnen auf den Leib, dass er platzte, oder banden sie an die Pferdeschwänze und schleiften sie zu Tode.“ Auch der Schreiber der Schopfheimer Chronik, August Eberlin (1878), wies auf die Foltermethode hin. Es wurden Menschen, die in den Wäldern Schutz suchten mit Hunden aufgespürt und dann durch Folter Geständnisse erpresst. Die Folterknechte wollten Verstecke von Wertgegenständen herausbekommen.
 
Auch das stand auf der Info-Tafel zum Schwedentrunk: „Aktuell ist der Schwedentrunk im Zusammenhang mit der Diskussion um das als heutige Foltermethode eingesetzte ,Waterboarding’ wieder stärker ins Bewusstsein der Öffentlichkeit gerückt. Diese besondere Form der sogenannten ,Weissen Folter’ (sie hinterlässt keine sichtbaren Spuren der massiven Misshandlung) wird als simuliertes Ertrinken bezeichnet, da sie dem Opfer den Eindruck unmittelbar drohenden Ertrinkens vermittelt, indem seine Atmung durch ein Tuch über Mund und Nase, das ständig mit Wasser übergossen wird, stark erschwert wird – massive Erstickungsängste sind die Folge.“
 
Das Waterboarding, wie es heute noch die Amerikaner praktizieren, kam schon in der spanischen Inquisition vor. Die Spanier brachten dann diese Foltermethode in ihre Kolonien in Süd-Ost-Asien, insbesondere auf die Philippinen.
 
Japanische Soldaten sollten Waterboarding im Zweiten Weltkrieg angewandt haben. Nachahmer gab es im Algerienkrieg, Vietnamkrieg und bei den Roten Khmer in Kambodscha. Das Waterboarding wurde in neuerer Zeit seit Beginn der Präsidentschaft George W. Bush bei Terrorverdächtigen angewandt, um Geständnisse zu erpressen. Ein Regierungssprecher erklärte nach zahlreichen Protesten, Waterboarding sei eine „akzeptable Verhörmethode“, und es handle sich um gar keine Foltermethode ... Bald darauf wurde ein Gesetzentwurf vorbereitet, durch den das Waterboarding verboten werden sollte. Die Initiatoren machten jedoch die Rechnung ohne Bush. Bush kündigte an, er wolle im Falle einer Annahme sein Veto einlegen. Anfang März 2008 begründete er sein Veto so: „Das mir vom Kongress übermittelte Gesetz nimmt uns eines der nützlichsten Werkzeuge im Kampf gegen den Terror.“ Er legitimierte also die Folter. Erst US-Präsident Barack Obama ordnete am 22.01.2009 pro forma ein Verbot von Waterboarding an, ohne dieses aber durchzusetzen. CIA-Mitarbeiter, die diese Foltermethode anwenden, entgehen jeder Strafverfolgung, so dass es also weiterhin erlaubt ist – eine stolze Leistung eines Friedensnobelpreisträgers.
 
US-Justizminister Eric Holder bezeichnete diese Verhörmethode zwar als Folter. Er verfügte in Übereinstimmung mit Obama auch, dass CIA-Mitarbeiter, die Waterboarding in der Vergangenheit anwandten, nicht mit Strafverfolgung rechnen müssen. Welch eine „grosszügige Geste“ ... eine typische US-amerikanische Augenwischerei.
 
Bei solchen Foltermethoden zeigt sich meiner Ansicht nach die Grausamkeit des Menschen. Obwohl es chemische Substanzen gibt, die bewirken, dass Gefangene Geständnisse preisgeben, wird zusätzlich immer wieder Waterboarding praktiziert. Einer der Gründe dafür dürfte die Macht oder das grausame Vergnügen der Folterknechte gegenüber Gefangenen sein.
 
Wolfseisen und Wolfsangel
Auch bei der Tötung von angeblich unliebsamen Tieren war der Mensch seit jeher erfinderisch. So fing er beispielsweise Wölfe in sogenannten „Wolfsgruben“. In den oft 3 m tiefen Gruben wurden Tierkadaver gelegt oder ein lebendes Schaf oder eine Ziege angepflockt. Vom Geruch angelockt, fiel der Wolf in die Grube und konnte nicht mehr heraus. Die Fänger erschlugen dann den Wolf mit Steinen.
 
Eine andere, noch grausamere Methode war das Fangen der Wölfe mit einer „Wolfsangel“. Eine Kette wurde an einer Astgabel aufgehängt. In das letzte Kettenglied wurde an beiden Seiten ein angelhakenartig zugespitztes, bis etwa 20 cm langes Quereisen eingearbeitet. An den Aussenspitzen wurde ein Luder (übelriechender Tierkadaver) aufgesteckt. Das Luder war in so einer Höhe angebracht, dass der Wolf hinaufspringen musste, um das Fleisch zu erhaschen. In dem Moment, wo sich sein Fang über dem Stück Fleisch schloss, drang die eiserne Hakenspitze tief in das Maul des Tiers. Der angebrachte Widerhaken schlug sich durch das Eigengewicht den zurückfallenden Körpers unlösbar fest. Der Wolf hing hilflos an der „Wolfsangel“, erstickte oder wurde vom Fänger mit einem Knüppel erschlagen.
 
Das „Wolfseisen“ war, wie in einem Bericht von Minifossi nachzulesen ist, ein massives Flach- oder Rundeisen. An beiden Enden war es umgeschmiedet und mit Spitzen versehen, wobei eine der Spitzen als Baumhaken und die andere als Fanghaken für den Wolf diente.
 
Krähenfüsse und ein Schlachtengemälde
Die in einer Vitrine des Museums ausgestellten Fanggeräte, wie Wolfsangel mit Wolfsanker samt Wolfseisen und „Krähenfüsse“ wurden von Günter Wassmer nach historischen Originalfunden exakt nachgebaut. Die Krähenfüsse wurden oft getarnt unter Laub oder Gras platziert und waren eine schreckliche Trittfalle für Mensch und Tier. Die Krähenfüsse waren für Berittene und Fusssoldaten eine gefürchtete Defensivwaffe.
 
In dem Blog vom 07.07.2008 („Feldberg-Wanderung: Bannwald und grandioses Panorama“) erwähnte ich das Schlachtgemälde in Schönenbuchen mit den Hinweisen zu den Krähenfüssen. Hier ein Auszug aus meinem damaligen Blog:
 
Auf der Rückfahrt vom Feldberg über Todtnau, Schönau nach Schopfheim besuchten wir die Wallfahrtskapelle „Unserer lieben Frau von Schönenbuchen“ und zum „Heiligen Petrus und Paulus“. Die Kapelle liegt im Ortsteil Schönenbuchen (gehört zu Schönau) an der B 317. In der Kapelle ist ein 6,36 × 2,35 Meter grosses, düster wirkendes Gemälde, das eine Schlacht aus dem Jahr 1444 darstellt. Das Gemälde selbst stammt von 1771 und wurde von Joseph Zimmermann vom Kloster Sankt Trudpert im Münstertal geschaffen.
 
Über die Schlacht wurde dieses u. a. geschrieben: „Die einheimische Bevölkerung wehrte sich mit aller Macht gegen einfallende versprengte Truppen. Sie machten den Weg durch Werfen von vierspitzigen Wurfeisen (Krähenfüsse, die auch auf dem Bild zu sehen sind) für Rosse und Menschen unpassierbar.“ Ende Zitat.
 
Wer sich einmal das Bild und die Kapelle anschauen möchte, kann folgende Internet-Adresse anwählen:
 
Internet
www.schopfheim.de (Infos über das Museum)
 
Literatur
Eberlin, August: „Geschichte der Stadt Schopfheim und ihrer Umgebung“, Verlag Georg Uehlin, Schopfheim 1878.
Diverse Literatur der AG Minifossi der Friedrich-Ebert-Schule Schopfheim (Werkrealschule) und Literatur von Werner Störk. Herzlichen Dank für die wertvollen Infos.
 
Hinweis auf weitere Blogs zum Thema
 
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