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BLOG vom 23.03.2012


Heinz Scholz 70: Dem Jungbrunnen-Geheimnis auf der Spur
Autor: Walter Hess, Publizist, Biberstein AG/CH (Textatelier.com)
 
Wenn einer 70 wird, wie das unserem Blogger Heinz Scholz, wenn auch nicht ganz unerwartet, ausgerechnet am 21.03.2012 geschah, ist das eine Gelegenheit, seine Familie und Freunde um sich zu scharen und sich seine Gedanken über den Alterungsprozess zu machen. Doch in dieser Alterskunde ist überhaupt nicht alles so klar wie es jener ungetrübt sonnige Tag nahe am Frühlingsanfang war: Alt werden möchte jeder, nicht aber alt sein, hört man so. Das bedeutet, dass ein langes Leben zwar willkommen ist, aber das müsste direkt in Reichweite eines Jungbrunnens stattfinden, jener Einrichtung also, die Lukas Cranach der Ältere (und nicht etwa der Jüngere) in einem seiner berühmten Gemälde 1546 dargestellt hat: ältere Damen steigen ins Wasser und kommen verjüngt wieder heraus. Man mag das Verwischen der Spuren der Reife bedauern.
 
Heinz Scholz leidet nicht unter dem Älterwerden. Bei ihm scheint das Altern ohnehin etwas langsamer als bei anderen Leuten zu verlaufen, und seine Aktivitäten tragen zum Erhalt der geistigen und körperlichen Vitalität bei. Alter ist für ihn einfach ein Thema unter vielen, das ihn wie hundert andere ebenfalls interessiert und das er lustvoll und unkonventionell behandelt. Das tat er auch in einer launigen Ansprache im Landgasthof „Krone“ in Schopfheim-Wiechs D, in seiner Wohngemeinde also. Er erinnerte an Franz Kafka, der sich für einmal prägnant ausdrückte, jenseits aller Satzverschachtelungen: „Jeder, der sich die Fähigkeit erhält, Schönes zu erkennen, wird nie alt werden.“
 
Und solche Schönheiten findet Heinz bei seiner kunstbeflissenen Frau Paula, der Familie seiner Tochter Daniela mit den beiden wissensdurstigen Enkelkindern und auch auf den vielen Wanderungen mit Toni Fitting aus Lörrach D und weiteren Anhängern der gemächlichen Bewegung aus der eigenen Muskelkraft. Die Wanderrouten seien selbstverständlich altersgerecht ausgelegt, sagte Heinz; 4 Wanderer sind über 70 und 2 darunter. Und er präzisierte gleich, was das in der Praxis bedeutet: Die Einkehr in einem Gasthof dauert oft länger als die Wanderung als solche. Darauf nahmen wir einen tiefen Schluck badischen Gutedelwein, der einen kurzen Fasskontakt hatte und bei all der verschwenderischen Fülle doch erfrischend und spritzig war. Daraus erwuchs ein einstimmiger Lobgesang auf die deutschen Weine, die in den letzten Jahrzehnten immer trockner wurden. Das bedeutet nicht, dass man Wasser braucht, um sie hinunterzuspülen, sondern bloss, dass die ehemalige restsüssliche Lieblichkeit einer erfrischenden Säure Platz gemacht hat.
 
Aufgrund solcher Voraussetzungen wäre die Stimmung in der „Krone“ noch heiterer geworden, wäre sie nicht von Anfang an schon erfrischend ungezwungen gewesen. Toni wusste, was er dem Thema des Abends schuldig war und rezitierte den an Altherrenabenden gefürchteten Sexzeiler, pardon: Sechszeiler: 
Ach, der schönen Zeit gedenk' ich
als alle Glieder noch gelenkig -
bis auf eins.
Heute, in der Zeit der Reife
werden alle Glieder steife -
bis auf eins.
Wenn dann allfällig anwesende Ehefrauen ein gewisses zustimmendes Nicken oder andere diskrete Gesten des Einverständnisses mit dem besten Willen nicht zu unterdrücken vermögen, dann fügt der Rezitator bei, diese Lyrik stamme nicht aus irgendeiner Schmuddelecke, sondern von Johann Wolfgang von Goethe. Und dann fühlt man sich in bester Gesellschaft.
 
Gelegentlich werden solche Eingeständnisse unter Bezug auf den französischen Schauspier und Chansonnier Maurice Chevalier relativiert: „Ein Mann mit weissen Haaren ist wie ein Haus, auf dessen Dach Schnee liegt. Das beweist aber noch lange nicht, dass im Herd kein Feuer brennt.“
 
Andere Altherren sehen es krampfhaft positiv und halten es gerade auch noch mit George Bernard Shaw: „Das Alter hat 2 grosse Vorteile: Die Zähne tun nicht mehr weh und man hört nicht mehr all das dumme Zeug, das ringsum gesagt wird.“
 
Doch was an der Geburtstagsfeier in Wiechs gesagt wurde, vernahm man mit Interesse. Wir unterhielten uns über Deutschland und die Welt unter Einbezug der Hochpreisinsel Schweiz, die alles tut, um ihre teuren Seiten nicht preisgeben zu müssen und sogar noch den Franken geschwächt hat, damit unsere Importe, die stärker als unsere Exporte ins Gewicht fallen, nicht noch billiger werden. In Deutschland setze der Aldi die Preise, sagte ein Tischnachbar, der aus Franken angereist war, als wir über den Franken redeten. Im etwas zurückhaltenderen Stil tue das die Schweiz auch, stellte ich fest, denn bereits als sich Aldis Ankunft abzeichnete, holten die Grossverteiler ihre Mondpreise ein Stück gegen Erdnähe herunter.
 
Mit Kosten hat auch das Essen in Gasthöfen zu tun. Und die Küche des Gasthofs „Krone“, der seit 1837 so heisst, wie auf der Fassadenmalerei nachzulesen ist, überzeugt in jeder Hinsicht. Die Bouillabaisse für 6 Euro mit grossen Fischstücken und Krustentieren ersparte einem die Reise nach Marseille und hatte jenen dezenten Fischgeruch, wie man ihn in den Seehäfen so sehr zu schätzen weiss – genau richtig. Und dann wandte ich mich der badischen Spezialität „Suure Leberli“ mit Rösti zu. Die Kalbsleberstückchen wurden mit einer kräftigen braunen Sauce serviert, in der etwas Essig den Namen des Gerichts rechtfertigt. Nach der ersten grossen Portion wurde mir noch eine zweite ebenso grosse Portion vorgesetzt. Ich schätzte dieses herrliche, bekömmliche Gericht (18.50 Euro), das in meinem gastronomischen Kosmos eine neue Nische entdecken liess.
 
Das zentrale, erdverbundene Ereignis aber war der Jubilar: Heinz Scholz, bescheiden, zuverlässig, kompetent, nicht nur in Fragen der Ernährung, ein stiller Geniesser mit einem Sensorium für Humor und Kuriositäten. Seine beiden Grosskinder, nicht weit vom Stamm gefallen, bezeichneten ihn als Oldtimer und baten ihn zu einer TÜV-Prüfung. Die kleinen Abgeordneten des Technischen Überwachungs-Vereins stellten keinerlei gravierende Mängel fest, so dass der Veteran mit Liebhaberwert und einem entsprechenden Zertifikat weiterhin und hoffentlich noch recht lange in Betrieb bleiben darf.
 
Das Schreiben über alle möglichen Themen sei eine Fitnessaktion für sein Gehirn, verriet Heinz, und das erhalte ihn jung. Somit dürfen wir mit vielen weiteren lehrreichen und unterhaltenden Blogs aus der Feder bzw. aus seinen Tasten rechnen. Sein Blick weitet sich mit zunehmendem Alter, und seine inneren Schätze werden sich weiterhin auftürmen.
 
Es war ein schöner, unvergesslicher und zuversichtlich stimmender Abend hoch über dem Wiesental, ein Lehrstück in Lebenskunst.
 
Hinweis auf Heinz Scholz’ bloggerisches Schaffen
Die Liste mit allen 569 bisher von Heinz Scholz verfassten Blogs findet sich unter „Blogs nach Autoren“
 
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