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BLOG vom 30.03.2012


Bakelit im Museum (2): So eroberte Kunststoff den Alltag
Autor: Heinz Scholz, Wissenschaftspublizist, Schopfheim D
 
Wie schon im 1. Teil erwähnt, besuchte ich am 11.03.2012 (und nochmals am 18.03.2012) nach längerer Zeit wieder einmal das Museum der Stadt Schopfheim. Gezeigt wurde nämlich die Ausstellung „Bakelit & Co.“ Anlässlich der 160 Jahre zurückliegenden Erfindung erfährt der Besucher in eindrucksvoller Weise, wie Kunststoff unseren Alltag eroberte. Das neue Material wurde deshalb ein Erfolg, weil er billig, robust, wasserundurchlässig, leicht in jede Form pressbar, leicht einfärbbar und leicht ist. Er ersetzte die damals oft unerschwinglich teuren Naturprodukte. Der erste Kunststoff war der 1851 von Goodyear in London vorgestellte Ebonit (Handelsname für Hartgummi). Dieser wurde durch chemische Umwandlung des Milchsaftes des Kautschukbaums hergestellt. 1870 folgten dann das Celluloid und 1897 Galalith (Kunsthorn). Leo Hendrik Baekeland erfand 1905 den ersten duroplastischen Kunststoff Bakelit. Dieser wurde aus Phenol und Formaldehyd hergestellt.
 
Viele der zahlreichen, oft sehr bunten Ausstellungsstücke stammten aus der Bevölkerung, von Leihgaben diverser Museen und von der Museumsleiterin Dr. Ulla K. Schmid.
 
Gelatinebilder sind Hauchbilder
Kaum zu glauben, wie viele Gegenstände in den 50er-Jahren aus Kunststoff waren. Etliche konnte ich aus meiner Jugendzeit in Erinnerung rufen. So entdeckte ich Plastikeierbecher, Uhren mit Plastikgehäuse, Tauchsieder mit einem Bakelit-Griff, Lichtschalter (1950), eine Glühbirnenfassung aus Bakelit (1930‒/1950er-Jahre) und ein Feuerzeug mit einem Bakelitgehäuse (wahrscheinlich um 1920) und eine Schnupftabakdose aus Schildplatt auf Holzkern und mit Perlmutteinlagen.
 
Im Museum gab es auch eine Besonderheit zu sehen: Gelatinebilder aus der Zeit um 1850/80. Es sind sogenannte „Hauchbilder“, die sich beim Anhauchen wölben und bewegen. Gelatine gilt ja als Vorläufer des Kunststoffs. Auf den länglichen Gelatinebilder waren diese Sprüche aufgedruckt: „Selig sind, die reinen Herzens sind, denn sie werden Gott schauen“, „Treue ist ein selt´ner Gast, halt ihn fest, wenn du ihn hast.“
 
Beachtenswert waren für mich auch die Postkarten aus Celluloid (1910−1917). Es waren Leihgaben von Rosmarie Wiegand. Sie steuerte viele Info-Texte in der Ausstellung über Kunststoffe bei. Ausserdem verfasste sie die Schrift „Bakelit & Co.“ im Zuge der Schopfheimer Museumsschriften.
 
Auch an die kleinen Partytische mit den dazugehörigen Sesseln aus Kunststoff erinnerte ich mich noch gut. Hatten doch meine Eltern und Schwiegereltern solche Einrichtungsgegenstände.
 
Ein Höhepunkt der Ausstellung war eine französische Bar von 1940. Die Theke war aus Bakelit und die Front aus PVC gefertigt. Was mich besonders erfreute, war der sonntägliche Ausschank diverser kostenloser Getränke (Wodka mit Waldmeistergeschmack, Sherry, Tomatensaft) durch eine Museumsmitarbeiterin. Ich wählte jedoch nicht den grün gefärbten Wodka, sondern einen Sherry, der mir besonders gut bekam. Mit wachem Blick konnte ich dann die Ausstellung über mich ergehen lassen.
 
Ein weiterer Höhepunkt war das Radio „Dira Primus 50“ von der Dira-Gerätebau-Firma aus Böblingen von 1949/50. Das Radio hatte auf der Frontseite im oberen Drittel einen eingebauten Suevia-Schaltwecker. Das Gehäuse war aus Bakelit. Das Radio war eine Leihgabe vom Technoseum, Landemuseum für Technik und Arbeit, Mannheim.
 
In einer Vitrine lag ein Zigaretten-Etui aus den 1960er Jahren. Das Etui war mit Kunststoffeinlage in Schildpatt-Optik ausgestattet.
 
Für Frauen von besonderem Interesse dürften die Schmuckgegenstände aus Kunststoff gewesen sein. So gab es eine Kette mit Ohrringen aus Bakelit und einer Eisenauflage und Hutnadeln in Perlmutt-Optik (1930/1950er-Jahre). Afrikanische Frauen trugen Glasperlen und türkisfarbene Bakelitscheiben in mehreren Lagen übereinander, sogar auf den Hüften. Die Bakelitscheiben wurden in allen Farben hergestellt und waren Anfang des 20. Jahrhunderts auch als Währung in Afrika im Umlauf.
 
Paula zaubert Flecken weg
In einer Ecke waren Kleidungsstücke aller Art aus Kunststoffen ausgestellt. An der Wand hing eine Kopie von einer Anzeige aus dem Jahre 1960. Da warb die Firma UHU mit den Schlagworten „Paula zaubert Flecken weg!“ Gemeint war nicht meine Ehefrau Paula, sondern hier wurde eine Fleckenpaste mit folgenden Worten vorgestellt: „Keine Sorge bei Perlon, Nylon, Dralon und Trevira. Auch moderne Gewebe werden mit Paula schonend entfernt.“
 
Der Vater der Kunststoffchemie
Hermann Staudinger (1881−1965) gilt als der Begründer der Polymerchemie (Chemie der Makromoleküle) und wird in diversen Publikationen als Vater der Kunststoffchemie bezeichnet. Staudinger studierte in der Natur vorkommende Stoffe und hat u. a. wichtige Beiträge zur Strukturaufklärung der Makromoleküle Cellulose, Stärke, Kautschuk, Polystyrol geleistet. Schon 1920 postulierte Staudinger, es gäbe riesige Moleküle, die aus 100 000 Atomen bestehen könnten. Diese Moleküle (der Begriff Makromoleküle wurde 1922 geprägt) müssten kettenförmig aus gleichen Einheiten aufgebaut sein. Als er seine Ideen vor der Schweizerischen Chemischen Gesellschaft vorbrachte, erlebte er sein blaues Wunder. Ihm wurde das Wort entzogen. Die Gesellschaft glaubte nicht an seine „Hirngespinste“. Die Ungläubigen wurden später eines Besseren belehrt. Sie mussten erkennen, dass der Vortragende Recht hatte. 1953 erhielt Staudinger den Nobelpreis für Chemie.
 
Christbaumschmuck, Margarinefiguren
Im Museum stiess ich bei meinem Rundgang auf einen künstlichen Weihnachtsbaum, der mit Kunststoffkugeln, kleinen Engeln und anderen Figuren behängt war. Erstaunlich, dass solcher Baumschmuck aus Celluloid schon 1920 in den USA in Gebrauch war. Da Celluloid brennbar ist, wurden nur elektrisch beleuchtete Bäume mit diesem Schmuck behängt. 1940 entwickelte Robert Carson, Architekt des Rockefeller Centers, farbige Kugeln aus „gezogenem Acetat“, in deren Inneren elektrische Kerzen angebracht waren.
 
Zwischen 1966 und 1969 bot das Versandhaus Neckermann Kunststoffkugeln an. Der Marktanteil betrug damals 15 % aller Kugeln. Meine Eltern hatten mit diesem Schmuck wenig am Hut. Sie bevorzugten für den Weihnachtsbaum Glaskugeln, Porzellan- und Holzengel. Dann wurde noch Naschzeug drangehängt, das wir dann immer wieder stibitzten.
 
In den 50er-Jahren fertigte man Filmstreifen aus Celluloid. Bei der Aufbewahrung des brennbaren Materials mussten Sicherheitsvorschriften eingehalten werden. Auch bei der Vorführung musste man höllisch aufpassen, zumal manchmal das Material in Flammen aufging.
 
An die sogenannten Margarinefiguren aus den 50er-Jahren kann ich mich noch gut erinnern. Obschon wir vom Bauern öfters Butter bekamen, wurde doch ab und zu Margarine für Backwerk gekauft. In der Verpackung waren Sammelbildchen und Figuren aus Kunststoff. Es gab auch Figuren aus Polystyrol als Werbebeilagen in Teigwaren- und Kaffeepackungen.
 
Kunststoffe in der Kunst
Das Künstlerehepaar Christo und Jeanne-Claude wurden mit ihren spektakulären Verhüllungsaktionen an Gebäuden und Landschaftsräumen bekannt. So wurde beispielsweise der Reichstag in Berlin am 17.06.1995 mit 100 000 m2 aluminiumbeschichtetem, feuerfestem Polypropylengewebe verhüllt. An der Montage beteiligten sich 90 professionelle Kletterer. 5 Millionen Besucher sollen das Ereignis beobachtet haben.
 
Grosses Aufsehen erregten die verhüllten Bäume 1998 in Riehen bei Basel (Schweiz). Für diese Aktion waren 55 000 m2 silbergrau schimmerndes Polyestergewebe und 23 km Seil nötig. Für jeden Baum wurde ein eigenes Schnittmuster angefertigt.
 
Knallende Billardkugeln
Da kam ich aus dem Staunen nicht mehr heraus. Früher wurden Billardkugeln auf Grund des Mangels an Elfenbein von Elefanten und Stosszähnen von Walrossen aus Celluloid bzw. Schiessbaumwolle (nitrierte Baumwolle bzw. nitrierte Cellulose) gefertigt. Erfunden wurde das Celluloid von John Wesley Hyatt 1869. Ein Saloon-Besitzer aus Colorado schrieb laut NZZ damals an den Erfinder: „Mir macht es nichts aus, aber jedes Mal, wenn die Kugeln zusammenstossen, ziehen alle Männer im Raum den Revolver.“ Wegen der knallenden Billardkugeln meinten die Burschen, es sei eine Schiesserei ausgebrochen.
 
Die US-Nachfahren der Goldsucher freuen sich auch heute noch, wenn sie ab und zu ihre Colts und andere Waffen zücken können. Da braucht es keine knallende Billardkugel. Es genügen schon Wanderer, die aus Versehen über ihre Grundstücke laufen. In der Vergangenheit wurden schon einige angeschossen und so mancher Einbrecher erschossen.
 
Walter Hess hatte diesbezüglich auch ein Erlebnis. Er schrieb mir in einer E-Mail am 19.03.2012 das Folgende: „Bevor ich einmal in Florida (bei Everglades City) mit einer kleinen Gruppe nach einem Regentag einer Strasse entlang auf Amphibien-Exkursion ging, läuteten wir zuerst dem Sheriff an, da die Gefahr bestand, dass wir als Verbrecher (Einbrecher) betrachtet und erschossen werden könnten. In der Nähe einer Wohnhütte am Waldrand wagten wir nicht einmal stillzustehen. Das wäre für uns zu gefährlich gewesen.“
 
Frühe Kunststoffe
Leonardo da Vinci beschrieb um 1504 in einer Handschrift (heute Codex Madrid II genannt) die Herstellung eines Kunststeins nach folgendem Rezept: „Um wie Jaspis gesprenkelte Steine herzustellen: Nimm Eiweiss, zerstampfe Glas, Schalen von kleinen Porzellanschnecken und Rauchschwärze. Und wenn Du alles zusammengemischt hast, lasse es an der Sonne oder im Wind trocknen. Dann reinige das Ganze mit Leinöl, mache es mit Schmirgel zurecht und poliere mit Tripel (Kieselerde) …“
 
Die Erfinder wollten erreichen, dass dieses Produkt eine bessere Farbigkeit oder Oberflächenbeschaffenheit hat als der Jaspis (eine Quarz-Varietät). Dieses Produkt wurde auch als Korrekturmasse verwendet.
 
1560 beschrieb der Augsburger Benediktinerpater Wolfgang  Seidel das Rezept für Kunsthorn. Das Rezept erhielt er von dem Schweizer Kaufmann und Hobby-Alchemisten Bartholomäus Schobinger. Das Kunsthorn wurde aus magerem Käse und Lauge gewonnen. Der Erfinder empfahl das Produkt für Intarsienarbeiten, zur Anfertigung von Trinkgeschirren, kleinen Büsten und Medaillons.
 
1897 wurde Galalith (wörtlich übersetzt: Milchstein) durch  den deutschen Chemiker Adolph Spitteler (in einigen Publikationen wird auch Wilhelm Krische erwähnt) erfunden. Das schwer brennbare Produkt wurde aus Milcheiweiss und Formaldehyd gewonnen. Aus dem Material wurden Schmuck, Kämme, Haarnadeln, Knöpfe, Bürstenrücken, Messerhefte, Griffe für Stockschirme und Spazierstöcke, aber auch Isolationsmaterial für die Elektroindustrie hergestellt.
 
Wie sieht die Zukunft aus?
Der weltweite Kunststoffverbrauch betrug laut der deutschen Fachagentur für Nachwachsende Rohstoffe jährlich 260 Millionen Tonnen. Die meisten Kunststoffe werden heute aus Erdöl produziert. Da Erdöl in Zukunft immer knapper wird, sind jetzt vermehrt Bestrebungen im Gange, Plastik aus Biomasse herzustellen. Die Stärke steht dabei an erster Stelle. In den USA wird beispielsweise aus Maisstärke der Kunststoff Polymilchsäure (PLA) produziert. Dabei ist die Mithilfe von Bakterien notwendig, um die Spaltung von Stärke zu Milchsäure zu gewährleisten. Die Milchsäure wird dann chemisch zu PLA verknüpft. Aus diesem Material wurden biologisch abbaubare Folien und Joghurtbecher produziert. Die PLA hat auch Nachteile. Der Kunststoff verformt sich in der prallen Sonne und ist durchlässig für Kohlendioxid und andere Gase. Der Hersteller von Coca-Cola kann PLA für ihr Gesöff nicht gebrauchen. Darüber hinaus kostet ein solches Bio-Plastik etwa viermal soviel wie herkömmlicher Kunststoff.
 
Auch ein Abfallprodukt aus der Biodiesel-Produktion, das Glycerin, kann mit Hilfe von Bakterien in Biopolyester umgewandelt werden.
 
Wissenschaftler hoffen, dass die Produktion des Massenkunststoffes Polyethylen aus Biomasse bald realisiert wird. Das Chemieunternehmen Dow und der brasilianische Zuckerproduzent Crystalsev sollen laut NZZ jährlich 350 000 Tonnen Polyethylen aus Zuckerrohr herstellen.
 
Ich erachte diese Art der Kunststoffherstellung nicht als besonders intelligent, weil viele Rohstoffe aus der Nahrungsmittelproduktion stammen. Vorzuziehen sind Rohstoffe aus ungeniessbaren Pflanzenresten. Aber da brauchen die Forscher noch mehr Zeit, um aus diesen Produkten einen guten Kunststoff herzustellen.
 
Recyclingmöglichkeiten
In der Ausstellung wurde auch auf die Wiederverwertung von Kunststoffen hingewiesen. Es gibt 3 Arten der Verwertung:
 
Werkstoffliche Verwertung: Altkunststoffe werden zerkleinert und geschmolzen. Aus dem Kunststoffgranulat werden neue Kunststoffe hergestellt (z. B. Herstellung von Getränkekisten).
Rohstoffliche Verwertung: Altkunststoffe werden in ihre Ausgangsmoleküle bzw. Ausgangsmonomere umgewandelt und stehen dann für neue Synthesen zur Verfügung.
Energetische Verwertung: Altkunststoffe werden in Müllverbrennungsanlagen im Restmüll verbrannt und liefern Wärmeenergie (Strom- und Dampferzeugung).
 
Wichtig für mich ist auch die Verwendung von Kunststoffen, die biologisch abbaubar sind. So gibt es jetzt schon Folien und Kunststofftüten aus diesem Material. Bis heute sind jedoch diese Kunststofftüten nicht so belastbar wie die Standardplastiktüten.
 
Bei uns in Deutschland wurde schon vor vielen Jahren der „Gelbe Sack“ eingeführt. Dort kommen alle Kunststoffprodukte hinein. Diese werden einer werkstofflichen und rohstofflichen Verwertung zugeführt.
 
Persönlich senke ich meinen Kunststoffverbrauch, indem ich Einkaufstaschen aus Stoff benutzte und etliche Lebensmittel bzw. Getränke in Glasgefässen einkaufe. Ein Gräuel ist es für mich, wenn Speisen in Kunststofftellern mit dem dazugehörigen Besteck aus ebendiesem Material serviert werden.
 
Internet
www.nzz.ch („Das Comback der Kunststoffe vom Feld“)
 
Literatur
Wiegand, Rosmarie: „Bakelit & Co.“ (Wie der Kunststoff unseren Alltag eroberte), zur gleichnamigen Sonderausstellung im Museum der Stadt Schopfheim, 18.11.2011 bis 18.03.2012, Schopfheimer Museumsschrift Nr. 63, herausgegeben von Dr. Ulla K. Schmid.
 
Hinweis auf Blogs zur Kunststoff-Anwendung
 
Hinweis auf ein weiteres Blog über den Museums-Besuch in Schopfheim
 
Hinweis auf „Glanzpunkte-Artikel“
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