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BLOG vom 04.04.2012


In der schneebedeckten Gletscherwelt der Teufelshörner
Autor: Walter Hess, Publizist, Biberstein AG/CH (Textatelier.com)
 
Rund um Saanen und insbesondere das eingekesselte Gstaad im Berner Oberland, das wie ein geschützter Rückzugsort anmutet, öffnen sich mehrere Täler. Die Gestalt der Landschaft wird mit der inneren Hand Gottes verglichen; die gespreizten Finger sind die Nebentäler.
 
Eines von diesen Tälern führt in ziemlich genau südlicher Richtung der Saane entlang durch den touristisch unversehrten Grund (so der Name) zu den Weilern Lädi und Feutersoey nach Gsteig (1107 m ü. M.), das zum Verwaltungskreis Obersimmental-Saanen gehört, etwa 1000 Einwohner zählt und auch das erwähnte Dörfchen Feutersoey mit dem aufgestauten Amensee umfasst. Man befindet sich hier im südlichsten Zipfel des Berner Oberlands, das vom Wallis und von der Waadt begrenzt wird und ein Gefühl von Röstigraben vermittelt (Sprachgrenze, die auch für einen Wechsel bei den regionalen Speisen steht).
 
Auffahrt auf den Col du Pillon
In Gsteig beginnt der Aufstieg zum Col du Pillon in südwestlicher Richtung. Die Strasse auf den Pass, die in den Jahren nach 1880 ausgebaut wurde, begleitet den Rüschenbach. Sie kommt mit nur 2 Haarnadelkurven aus, die bei Gründ auf engem Raum den Höhengewinn beschleunigt vorantreiben – was wäre ein Pass schon ohne etwas Zickzack! Die Passstrasse führt rechterhand am Seeberghore und linkerhand am Schluchhore und dann an der Oldenegg vorbei, auf deren Ostseite der Fluss Saane (französisch: Sarine) entspringt. Von Reusch aus kann man die Oldenegg (1919 Höhenmeter), die als Murmeltier-Paradies gilt und auch Gemsen und Steinböcke beherbergt, mit einer Seilbahn erreichen; die Höhendifferenz beträgt 572 m.
 
Ich fuhr auf der Strasse, neben der sich am 25.03.2012 an schattigen Stellen noch bis 1 m hohe Schneemauern halten konnten, zur Passhöhe des Col du Pillon (VD, 1546 Höhenmeter) weiter; hier scheiden sich die Wasser von Rhône und Rhein. Dieser untere Abschnitt des Tälchens des Dard war einst eine Alpweide mit etwa 20 Hütten, die vom Frühling bis in den August hinein von Vieh heimgesucht wurde und wo sich die kernhaftesten Sennen und Käser nützlich machten. Dort haben vor der eindrücklichen Kalkalpenkulisse, vor der auch Schrattenkalk = Urgon sowie Rauwacke = Zellenkalk und Flysch (kalkhaltige Sand- und Tonsteine) anzutreffen sind, massive Eingriffe im Interesse des Fremdenverkehrs stattgefunden. Vor dem schwerfälligen Gebirgsstock mit seinen Teufelshörnern („Les Diablerets“), dessen Dimensionen man beim Blick von unten nur schwer erahnen kann, haben grosszügig planende Fremdenverkehrsaktivisten alle Register gezogen: Ein ausufernder Parkplatz schluckt jede Menge Blech, und es gibt auch ein Restaurant.
 
Besonders ins Auge aber fällt die riesige Talstation der Seilbahn, die auf den Tête aux Chamois (Gemskopf) führt, und von dort geht es mit einer weiteren Seilbahn hinauf auf den Sex Rouge (so die offizielle Bezeichnung auf der Landeskarte 1:25 000), ohne dass hier irgendwelche Bordellgefühle aufkommen. Das Wort Sex wird in der Alpenwelt manchmal in Scex abgewandelt, womit eine Befestigungsanlage bezeichnet wird. Auf der Seilbahnfahrkarte wird denn auch das züchtigere, jugendfreie Scex verwendet. Mit dem Halbtaxabonnement bezahlt man als Erwachsener 39 CHF für die Bahnen, einschliesslich Retourfahrt, sonst 78 CHF pro Person. Die Dame an der Kasse auf dem Pillon-Pass, die Billets und nicht etwa Liebe verkauft, ist voller Humor, spricht deutsch, als ob es keinen Sprachwechsel gegeben hätte, in den ich mich immer wieder mit einem Kauderwelsch einüben muss, bevor ich den französischen Klang wieder im Ohr habe und hinreichend Wörter aufgetaut sind.
 
Ich entschloss mich spontan, mich schnell auf das rund 3000 m ü. M. gelegene Wintersportgebiet, das man heute „Glacier 3000“ nennt, tragen zu lassen, wenn man ja schon einmal da und das Wetter ausgezeichnet ist. In eine Kabine der unteren Seilbahn (Col du Pillon‒Cabane des Diableters) können 125 Personen gemostet werden, ein wahres Fressen für Sardinen-Liebhaber. Die Kabinen der oberen Seilbahn sind um etwa die Hälfte kleiner, zirkulieren dafür aber doppelt so häufig, so dass die Rechnung aufgeht. Auf diese Weise bewältigt man im Idealfall innerhalb von 15 Minuten, über die Baumgrenze und an schroffen Felswänden wie den Pierres Pointes vorbei schwebend, beinahe 1500 m Höhendifferenz und gerät dann in die stabilisierende Kabinenzange der 4 Etagen umfassenden Sex-Rouge-Bergstation mit einem Gipfelrestaurant. Nach dem Höhenflug kann man nicht nur Frühstücksgipfeli bekommen, sondern auch einen Glühwein, den man sich wie Kaffee von einem Automaten ins Trinkglas giessen lassen kann (7,5 CHF). Ich war schon immer ein Fan des Alpenglühens.
 
Die würfelförmige Bergstation mit all dem weiteren touristischen Zubehör wurde von der Architekten-Berühmtheit Mario Botta entworfen, was natürlich Ehrfurcht auslöst, und 2001 eröffnet. Er konnte es sich sogar leisten, die grosse Fensterfront des Botta-Restaurants genau dort mit horizontalen Rahmenleisten zu durchbrechen, wo man gern auf den Tsanfleurongletscher hinausblicken würde. Doch präsentiert sich hier eine derart weit ausladende, sanft geschwungene bis fest ebene Schneelandschaft, dass man mit den Augen noch immer genug davon aufsaugen kann.
 
Die sich hier ausbreitende Gletscherwelt auf rund 3000 Höhenmetern setzt sich aus dem Glacier des Diablerets, dem Glacier de Sex Rouge und dem sich besonders weit ausbreitenden Glacier de Tsanfleuron zusammen. Normalerweise sind die Gletscher, betrachtet man sie aus etwas Distanz, nicht weiss, sondern sie haben eine leicht ins Bläuliche oder Grünliche gehende Färbung, die sich angenehm von den alpinen Gesteinskolossen abhebt und gleichwohl die Tonart übernimmt. Je zerrissener ein Gletscher ist, desto markanter ist sein Farbenspiel. Bei meinem Besuch aber war der Untergrund flächendeckend schneeweiss, weil wohl etwa 2 m Schnee auf den sich langsam zurückbildenden Gletschern lag. Eine Frau aus Zweisimmen erzählte mir im Restaurant, seit einigen Jahren böten hier die zerfallenden Gletscher jeweils im Sommer einen jämmerlichen Anblick. Ich hatte also auf dem Naturbalkon eher eine Wintersportlandschaft mit all ihren Attributen als eine Gletscherwelt vor mir. Davon unbehelligt waren nur die etwa 20 Viertausender, die den Wintersport-Rummelplatz säumen.
 
Unter dem Gipfelrestaurant war der Alpine Coaster – die höchstgelegene Rodelbahn der Welt – zum Glück noch teilweise von Schnee bedeckt; was an Gestänge wie Leitschienen ans Licht gekommen war, genügte für meine Bedürfnisse vollauf. Die Anlage ist ein hilfloser und zum Scheitern verurteilter Versuch, die grandiose Schönheit der Bergwelt noch durch ein abenteuerliches Schleudern zu toppen.
 
Der Weg zum Aussichtspunkt oberhalb des Botta-Restaurants, von wo man Aussicht auf Alpengipfel wie Eiger, Mönch, Jungfrau und Matterhorn hat bzw. gehabt hätte, war aus Sicherheitsgründen gesperrt. Auf Skiern rutschten 2 Burschen den Steilhang unterhalb des View Point hinunter, eine halsbrecherische Sache, die gut ablief. Und ein mit Skiern bewaffneter Deltasegler rutschte ebenfalls in die Tiefe und glitt dann in die frische Luft hinaus, als er an einer senkrechten Felskante angekommen war.
 
In meinem greisenhaften Alter geht man eher auf Nummer sicher, fordert das Schicksal nicht unnötig heraus und ist froh, wenn es einem gnädig gesinnt ist. Ich schaffte es immerhin, mich auf die Sitzbank einer sich langsam drehenden Sesselbahn fallen zu lassen und den Sicherheitsbügel zu schliessen, von einem Angestellten instruiert. Dieser hatte offenbar mobiltelefonisch der Gästebetreuerin am unteren Sesselbahnende mitgeteilt, es komme da ein etwas schwerfälliger Fahrgast mit Kamera statt Winterausrüstung, und sie solle schauen, dass beim Aussteigen alles gut gehe. Sie konnte meinen kühnen Sprung aus dem Sesseli nicht bremsen – und alles ging tatsächlich gut. Das in der Nähe landende Gletscher- bzw. Skipistenflugzeug brauchte nicht zu meiner Rettung eingesetzt zu werden.
 
Zur Quille du Diable
Ein eiskalter Wind wehte und rief in Erinnerung, dass man hier im Gebiet des ewigen Schnees oder Eises war, und selbst die junge, hilfsbereite Dame unter der Umlenkrolle des Lifts hatte kalt. Sie schlotterte.
 
Um die Poesie der Bergwelt auf mich wirken zu lassen, wanderte ich gegen den Tsanfleurongletscher zum Quille du Diable, was in knapp einer Stunde gut möglich ist. Dahinter grüsste der Dent d’Hérens (4171 m), etwas links davon der Dent Blanche (4357). Breite Pistenfahrzeuge hatten den Schnee verdichtet, der unter meinen Wanderschuhen das gern gehörte knirschende Geräusch erzeugte, hörbare Kälte.
 
An Skipisten gibt es (im „Top-Snowpark“ der Regionen „Gstaad Mountain Rides“ und „Alpes Vaudoises“) laut Prospekt insgesamt etwa 445 km. Diese Fahrstrassen für Skikanonen kreuzten meinen Weg, und niemand nahm Anstoss an mir oder veranstaltete einen Zusammenstoss. Alles ist so wohlüberlegt eingerichtet, dass man nicht einmal Gefahr läuft, von einem baumelnden Skibügel einen Schlag an den gut behüteten Kopf zu erhalten.
 
Im Gebiet der Diablerets sei der Teufel los, hört man (auch aus dem Namen heraus), und die Quille du Diable (der Teufelskegel, auch Tour St. Martin geheissen) als senkrecht dastehender Felsblock bietet ein himmlisches Schauvergnügen. Hinter ihm packten aufziehende Wolkenberge das Steinmonument wie in Watte ein. Der Koloss am Gletscherrand, der erfolgreich gegen die Verwitterung angekämpft hat, ist ein offensichtlicher Orientierungs- und Anziehungspunkt. Deshalb hat sich das Restaurant „Refuge l’Espace“ in dieser Zwischenwelt niedergelassen. Man kann sich dort, hoch über dem Col de Cheville, sogar auf einem Liegestuhl mit Fell ausruhen und sich von der Höhensonne röten oder bräunen lassen.
 
Der aufrechte Fels soll den Dämonen als Zielscheibe für ihre Geschicklichkeitsspiele dienen, denn auch im aussersinnlichen Bereich macht die Übung dem Meister, wie mir auf 2908 Höhenmetern endlich klar wurde. Wenn bei solchen Zielübungen gelegentlich ein Stück Stein abbricht, fällt es bis aufs Plateau von Anzeindaz und zum kleinen Bergsee von Derborance im Wallis hinunter. Verheerende Bergrutsche ereigneten sich in diesem Gebiet in den Jahren des Unheils 1714 und 1740. Da half kein Beten mehr. Und so beschränkt man sich darauf, einen Blick aufs Wallis hinunter zu werfen (Ardon / Chamoson sind von da oben nicht auszumachen), und dieser Blick richtet dieser keinen Schaden an.
 
Nach dem Sattsehen und Durstlöschen nahm ich den Weg zurück über den (kaum spürbaren) Col des Tsanfeuron (= blumenübersäte Weide, was sich wohl auf die tiefer gelegene Gegend bezieht) zum Sex Rouge mit seinem metallischen Botta-Anbau unter die Wanderschuhe, den letzten Teil bewältigte wieder im Sesselbahnsessli. Dann wechselte ich in die Grosskabine der Seilbahn, schwebte der Cabane-Station entgegen, stieg um, wartete im Anblick von kreuz und quer verstrebten Seilbahnmasten mit Kirchturmdimensionen. Nach etwa 10 Minuten Wartezeit glitten die Rollen unserer an einem Metallgestänge hängenden Kabine darüber hinweg, und es ging steil bergab wie mit den Finanzen in den EU-Ländern mit ihrer Steuerfahnder-Kavallerie, die tatsächlich ausgeritten ist. Doch platzten in der Grosskabine keine Schuldenblasen, und blasenfrei waren auch meine Füsse.
 
Ich fuhr dann im eigenen Prius im Westteil des Col du Pillon auf der schmalen, von unregelmässigen, teilweise verbauten Felsen begleiteten Strasse zum Dorf Diablerets hinunter; das Kreuzen wird manchmal zum Abenteuer, will man Schürfwunden an der Karosserie vermeiden, die bekanntlich nicht von selbst heilen.
 
Am Dorfeingang von Les Diablerets, dem Veraltungszentrum von Ormont-Dessus, waren Haufenweiler aus neuen Châlets in der baulichen Endphase, die ich ohne weitere Fachkenntnisse als Zweitwohnungen identifizierte. Definitionsprobleme stellten sich nicht ein.
 
In diesem von Waadtländer Alpen umgebenen Talkessel der Grande Eau im obersten Abschnitt des Tal der Ormonts verabschiedete ich mich von der Diablerets-Gebirgsgruppe. Die Fahrt talabwärts brachte mich zum Weiler Le Sépey (immer noch zu Ormont-Dessus gehörend), wo ich nach Norden abdrehte und wieder einmal über den Col des Mosses. Die Reise führte, vorbei an L’Etivaz mit dem veredelten Gruyèrekäse, nach Chateau-d’Œx, ein zauberhaftes Städtchen, das ein spezielles Blog wert ist.
 
Wegen meiner Abzweigung habe ich nur einen Teil des Col du Pillon gesehen, der hinunter nach Aigle VS führt. Doch so oder so ist die voralpine Landschaft in ihrer Individualität mit der rasch wechselnden Szenerie von einer starken Faszination. Sie besticht durch eine Magie, die zur Reflexion verleitet, auch wenn es schwer hält, so viele ineinander verwobene Elemente wie die Äusserungen der Geologie, den Pflanzenbewuchs, ein zerfallenes Berghaus, die Steine und Felsen, die Infrastrukturanlagen wie Strassen, Hangverbauungen, Rutschhänge und kühne Brücken, die Dörfer und schlafenden Feriensiedlungen in verknüpfende Worte zu erfassen. Bei einem Blick auf die Landschaft sieht man ein Gesamtbild; setzt man es in Sprache um, muss es aus ineinandergreifenden Einzelteilen gefügt werden, so dass es am Ende dem Original nur noch annähernd entspricht.
 
Häftlinge für den Strassenbau
Doch bringt es die gesprochene oder geschriebene Sprache immerhin fertig, einige geschichtliche Hintergründe mitzugeben, die man nicht mit den Augen erkennen kann. Dazu ein Beispiel von der Waadtländer Seite des Col du Pillon: Der Grosse Rat des Kantons Waadt beschloss im Mai 1880 laut www.schweizerseiten.ch, dass die Arbeiten in den beiden obersten Sektoren – das heisst vom Pont Bourquin, wo die grosse Haarnadelkurve oberhalb von Les Diablerets ist – von Sträflingen durchgeführt werden müsse. Die Kilometerkosten im unteren Drittel (Le Plan-Pont Bourquin), vom Kanton ausgeführt, beliefen sich auf 41 568 Franken, die des mittleren Drittels (Sträflingsarbeit) bloss auf 25 366 Franken, die des obersten Teils von der Passhöhe bis zur Berner Grenze auf 22 840 Franken. Aus einem Departementsbericht von 1883 wird klar, dass in diesem Jahr die Arbeiten nur langsam vonstatten gingen, weil der Kanton damals „leider“ zu wenige Gefangene besass …
 
Bei den momentanen Arbeitslosen- und Asylanten-Diskussionen könnte man sich davon vielleicht etwas inspirieren lassen. Soll man junge, kräftige und arbeitswillige Leute herumhängen lassen oder dafür sorgen, dass sie in der Zwischenzeit, bis eine befriedigende Lösung für sie gefunden ist, durch eine nützliche Arbeit ihre Lebenskosten verdienen können – und allenfalls noch etwas dazu? Auch viele Häftlinge würden solch einen Ausbruch aus dem monotonen Alltag wohl schätzen, falls ihnen die Strafanstalt keinen geeigneten Arbeitsplatz anbieten kann.
 
Und gegen ein paar Einsparmöglichkeiten wäre in der heutigen Zeit der allgemeinen Verunsicherung nichts einzuwenden. So ist der Col du Pillon denn eine sprudelnde Quelle der Inspirationen, auch wenn sich die Geister an dieser Wasserscheide darüber scheiden werden.
 
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