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BLOG vom 16.05.2012


Der Romanautor als Gebieter. Vorwort zu einem Roman
Autor: Richard G. Bernardy, Dozent für Deutsch als Fremdsprache, Viersen/Niederrhein D
 
Halt! Das Vorwort nicht überschlagen! Sie laufen Gefahr, den ganzen Roman misszuverstehen. Ich möchte Ihnen nämlich zum Bewusstsein bringen, dass ein Romanschriftsteller schöpferisch tätig ist, im wahrsten Sinne des Worts. Ich erschaffe für diesen Roman eine Gruppe von Menschen. Ich lasse sie denken, fühlen und handeln. Ich lasse sie schlafen, essen und lieben. Ich lasse sie Probleme, Ängste haben, Entschlüsse fassen. Diese meine Geschöpfe werden von mir geformt. Sie erhalten eine menschliche Gestalt. Sie erfüllen in dem von mir für sie zugedachten Lebensraum eine Rolle, eine Aufgabe. Für diese Geschöpfe schaffe ich eine Umgebung, in der sie sich verhalten. Die Umgebung wird für diese Geschöpfe die Welt sein. Sie werden darin das tun oder lassen, was ich sie tun oder lassen lasse.
 
Ich werde diese Geschöpfe in der ihnen zugedachten Welt Beziehungen haben lassen. Diese Beziehungen werden sich aus dem Verhalten, das ich diesen Geschöpfen zugestehe, entwickeln oder auch nicht. Aus diesen Beziehungen werden sich Konflikte ergeben, die wiederum zu Handlungen führen. Diese Handlungen werden Reaktionen hervorrufen, die wiederum zu Handlungen führen. Meistens werden diese Handlungen sich wie selbstverständlich ergeben. Sie werden, so wird der Eindruck sein, den Sie haben werden, logisch sein, sich zwangsläufig aus der dafür geschaffenen Sachlage und Situation entwickeln.
 
Ich werde eines meiner Geschöpfe mehr in den Vordergrund stellen als andere. Die Überlegungen, die ich dieses Geschöpf denken lasse, werde ich sehr ausführlich darlegen. Seine Handlungen, seine Welt, sein Schicksal werde ich in den Mittelpunkt stellen. Seine Sichtweise wird die Grundlage für die Beurteilung der Handlungen der anderen von mir geschaffenen Geschöpfe sein.
 
Ich werde nicht zuerst die Geschöpfe erschaffen, sondern ich werde mir zuerst ein Thema ausdenken, mit dem sich meine Geschöpfe herumschlagen müssen.
 
Am Anfang war das Wort, bei mir steht das Problem am Anfang.
 
Weshalb ich Ihnen das alles darlege? Sie werden es schon noch erkennen!
 
Übrigens: Sie, der Leser dieses Romans, sind natürlich auch nicht von mir vergessen worden. Sie werden sich mit dem Geschöpf, das ich in den Vordergrund meines Romans stellen werde, identifizieren. Sie werden sich in dieses Geschöpf hinein versetzen, zumindest fühlen Sie sich dazu angeregt. Sie werden mit diesem Geschöpf fühlen und handeln.
 
Woher ich das so genau wissen will, obwohl ich Sie, den Leser, nicht kenne? Wie ich so sicher sein kann, wo ich doch so gar nichts von Ihnen weiss? Sie werden es vielleicht nicht glauben, aber das ist nicht erforderlich! Sie werden sich mit diesem Geschöpf identifizieren, Sie werden mit diesem Geschöpf mitleben, aber es wird Ihnen nicht einfallen, seine Welt infrage zu stellen. Sie werden manipuliert, ohne dass Ihnen dies bewusst wird; ja, sie sind sogar unbewusst damit einverstanden, dass ich Ihre Gedanken und Gefühle durch dieses Geschöpf beeinflusse. Sie werden nicht auf die Idee kommen, zu fragen, warum ich, der Schöpfer der Romanfiguren, diese so und nicht anders agieren lasse. Die Geschöpfe sind eben so, wie sie sind, sie leben eben dort, wo sie leben, usw.
 
Ihnen wird es nicht in den Sinn kommen, die Handlungen meiner Geschöpfe oder nur des Geschöpfs, das ich zentral gestellt habe, zu verändern, weil Sie etwa der Meinung sind, dass das, was das Geschöpf tut, eben unlogisch oder in ihren Augen einfach falsch ist. Sie fragen sich auch nicht, warum ich den Roman so und nicht anders laufen lasse.
Manchmal möchte ich alles anders machen!
 
Können Sie sich vorstellen, das zu ändern, sich zu fragen, warum:
- der Roman diesen Verlauf nimmt und nicht anders,
- mein Protagonist diesen Beruf hat und keinen anderen,
- im Roman keine Kinder auftauchen,
- es nirgendwo Haustiere gibt,
- alle eine Waffe haben und mit ihr umgehen können,
- die Frauen gleich nach der ersten Begegnung mit den Männern ins Bett steigen,
- das geschilderte Milieu so dargestellt ist, und ob das realistisch ist,
- die Geschöpfe nicht arbeiten gehen, wie das sonst üblich ist,
- die Geschöpfe sich in bestimmten Situationen so verhalten und nicht so, wie es logisch und vernünftig sein würde?
 
Wenn Sie sich das alles gefragt haben, werden Sie meinen Roman mit anderen Augen sehen, Sie werden mehr von mir, dem Romanschreiber, wissen. Sie werden erkennen, was ich von Ihnen, dem Leser, der Leserin halte, was ich denke. Sie werden erkennen, wie ich die Welt sehe, welche meine Wahrheit ist.
 
Sie wollen nicht?
Sie wollen nicht infrage stellen?
Sie wollen von mir manipuliert werden?
Sie wollen kein selbstständig denkender Mensch sein?
Sie halten nichts von Entscheidungsfreiheit?
Sie wollen alles über sich ergehen lassen, mit meinem Protagonisten alles am eigenen Körper erleben, was er erlebt, weil Sie sich mit ihm identifizieren?
Sie wollen keine Experimente?
Sie wollen einfach nur lesen, die Welt um Sie herum vergessen?
Sie wollen nur das „Noli turbare circulos meos!“ (= Archimedes: „Zerstöre mir die Kreise nicht.“)?
Danke, das wollte ich wissen!
Arabella singt in Richard Strauss’ gleichnamiger Oper: Und du wirst mein Gebieter sein!
Sie lassen mir keine andere Wahl!
 
Und jetzt gehen Sie zum Kapitel 1, sofort!!! Sicher haben Sie einen Roman zur Hand.
*
Oft geniesse ich Bücher in vollen Zügen. Ich kann beim Lesen über Schwächen hinweg sehen und lasse mich ganz auf die Geschichte ein. Grundsätzlich bin ich also immer noch ein Leser aus Vergnügen. Manchmal gehe ich aber auch analytisch an Bücher heran, um etwas vom Autor zu lernen und zu verstehen, warum mich eine Szene oder eine Figur so begeistert.
Hinweis
„Es ist illusorisch zu denken, man könne eine völlig neue Geschichte erfinden.“
 
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