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BLOG vom 17.05.2012


Fremde Gedanken: Die Selbstbestimmung ist eine Illusion
Autor: Richard G. Bernardy, Dozent für Deutsch als Fremdsprache, Viersen/Niederrhein D 
 
Aus dem Programm der deutschen Piratenpartei: „Selbstbestimmung ist das natürliche Recht jedes Menschen; es ist die Grundlage des Menschseins. Die Grundlage der Menschlichkeit ist demgegenüber, anderen Menschen dieses Recht zuzugestehen. Der Selbstbestimmungsgedanke prägt und gestaltet unser Leben mehr als alles andere. Er ist die Basis für Unabhängigkeit und Freiheit und somit jedem Menschen uneingeschränkt zuzusprechen. Das Recht auf ein selbstbestimmtes Leben ist gleichzeitig Bedingung für die Entwicklung der eigenen Identität und deren Integration. Dies bedeutet gleichzeitig aber auch, Verantwortung für eigenes Handeln zu übernehmen, denn die Freiheit des einen endet dort und erst dort, wo die Freiheit seines nächsten beginnt. Das menschliche Leben ist wesentlich gekennzeichnet durch ein Streben nach grösstmöglicher Unabhängigkeit. Dieser Prozess sollte mit Erreichen des Erwachsenenalters abgeschlossen sein. Zu diesem Zeitpunkt liegt der verantwortungsvolle Umgang mit den eigenen Freiräumen in den Händen jedes einzelnen Individuums (...).
 
Aber auch in seinem unmittelbarsten Lebensumfeld, der Familie, ist der Mensch nicht so frei, wie er es sein müsste. Die Gestaltung des persönlichen Lebens und die sexuelle Orientierung sind Angelegenheiten, die der freien Selbstbestimmung der Menschen überlassen werden müssen. Politik und Gesellschaft haben weder Recht noch Grund, um in diesen Bereich einzugreifen. Vor dem Gesetz ist jeder Mensch gleich, und deshalb spielen Entscheidungen in diesem Bereich für die Gesellschaft keine Rolle. Der Staat ist lediglich dann gefordert, wenn es gilt, dieses Recht durchzusetzen und Menschen vor Zwang oder Diskriminierung zu schützen."
 
Wie selbstbestimmt leben sie?
Verpflichtungen, Sachzwänge, Stress: Haben Sie manchmal auch das Gefühl, über Ihr Leben nicht wirklich selbst bestimmen zu können? (Brigitte)
 
„Der Mensch ist gegen seinen Willen in die Welt geworfen und sein Sein ist ein Sein zum Tode." (Martin Heidegger)
 
Selbstbestimmung ist eine Illusion; es gibt keinen eigenen Willen. Ich war und bin mein Leben lang, von der Geburt bis zum Tod, Einflüssen unterworfen, die einen eigenen Willen gar nicht erst haben entstehen lassen, wenn es überhaupt so etwas gibt wie ein selbst bestimmtes Leben. So etwas gibt es nicht, weder privat noch gesellschaftlich. Ich habe nie nein sagen können, wenn mir gesagt wurde, ja zu sagen. Das wäre mir nicht in den Sinn gekommen. Selbstverständlich handelst du so, wie es von dir erwartet wird.
 
Und was von dir erwartet wird, wird dir von der Geburt an eingetrichtert, später eingebläut. Besonders, wenn du eigentlich nicht erwünscht warst. Die Schwangerschaft hat sich einfach so ergeben. Dabei hatten die Eltern schon damit abgeschlossen, Tag und Nacht durch einen hilflosen Schreihals daran gestört zu werden, an sich selbst zu denken. Verpflichtet zu sein, sich Sorgen zu machen, ob dieses kleine Bündel Hunger hat, friert, krank ist. Es darf nicht allein gelassen werden, sogar wenn die Arbeit ruft, die es ernährt und kleidet, die den Rest der Familie ernährt und kleidet und für die es selbst kaum ausreicht. Und dann ist es auch noch ein Mädchen, also später, wenn es uns ernähren könnte, nicht mehr da, verheiratet.
 
Natürlich dürfen Eltern solche Gedanken nicht haben. Sie haben sich zu freuen. Sie haben das Kind taufen zu lassen, ihm einen Namen zu geben, für es zu sorgen. Das wollen die Gesellschaft, die Kirche, die Gesetze, die Nachbarn, die Verwandtschaft von den Eltern. Die Selbstverständlichkeit für andere.
 
Sie haben keine Wahl, sie haben sich zu fügen. Also spielen sie diese Rolle: glücklich, liebevoll, umsorgend: unsere kleine Maria. Sie spielen eine Rolle, wie wir alle eine Rolle spielen, nicht mehr wissend, ob es eine Rolle ist, die wir spielen, oder sind wir das wirklich, die so handeln. Auch ich spiele meine Rolle: ich höre auf zu schreien, wenn ich die Flasche bekomme, wenn ich sauber gemacht werde. Nein, das ist noch kein Rollenspiel, hier bin ich noch das Ich, dem die elementarsten Lebensbedürfnisse befriedigt werden.
 
Spüre ich den Widerwillen, mit dem das geschieht? Spüre ich den geheimen Wunsch in meiner Mutter, es wäre besser, erst gar nicht da zu sein? Den Wunsch, den zu denken sie sich nicht eingesteht? Schmecke ich ihn in der Milch? Spüre ich ihn auf der Haut? Rieche ich ihn bei ihr?
 
Sobald die Erziehung beginnt, wird der Urwille verdrängt, unterdrückt. Du hast zu gehorchen. Alle wissen genau, was für dich gut ist, was man denken und tun darf und was nicht. Eigene Gedanken sind nicht erlaubt. Richtig ist das, was dir als richtig dargestellt wird. Du hast dich zu fügen oder du wirst bestraft. Und so richtest du dich danach.
 
Denkst du manchmal, etwas sei richtig, auch wenn deine Erzieher es nicht denken? Was hast du dir dabei gedacht? Wie kannst du nur so etwas denken und sogar tun? Noch bist du spontan, handelst ohne Nachzudenken, aber schon in ihrem Sinne, gehorchend, moralisch so wie sie. Schon im Rollenverhalten verhaftet.
 
Was sind das für Gedanken, die dir in den Sinn kommen? Der Elternwille kann nicht falsch sein! Erlaube dir solche Gedanken nicht! Sie sind Sünde! Du sollst Vater und Mutter ehren, auf dass sie lange leben auf Erden. Du sollst, du sollst nicht, du musst. Es gehört sich so, einfach so.
 
Dann kommen weitere Erzieher hinzu: Kindergärtnerinnen, Lehrpersonen, Pfarrer. Alle sagen dir, was richtig ist, was du zu tun und zu lassen hast, was du zu denken hast. Eigene Gedanken werden niedergeknüppelt, heruntergemacht, belächelt, bestraft. Fehler zu machen, ist nicht gestattet, Fehler zu machen heisst, etwas falsch zu machen, und das ist verwerflich.
 
„Du sollst ...“, „du musst ...“, „du hast zu gehorchen“.
 
Du bist abhängig von allen, „wenn du nicht das so machst, dann ...“. „So lange du die Füsse unter meinen Tisch stellst, hast du gefälligst zu tun, was ich will.“
 
„Dein Wille geschehe, wie im Himmel, als auch auf Erden!“. „Du sollst nicht sündigen.“ Und was Sünde ist, wird dir eingebläut: der eigene Wille ist Sünde, Lesen, was man will, ist Sünde, Masturbieren ist Sünde, Alkohol ist Sünde, die Antibabypille ist Sünde, Sex vor der Ehe ist Sünde. „Du bist schuldig, immer!“
 
„Mach' erst mal die Schule fertig!“ Die Eltern mischen sich in deinen Berufswunsch ein: „Davon kannst du später keine Familie ernähren, wenn dein Mann dich verlassen sollte. Ich will, dass du das wirst.“
 
Aber wehe, wenn du willst deinen eigenen Weg gehen willst! „Das geht doch nicht!“
 
Dann mischen sich die Eltern in deine Partnerwahl ein: „Der ist doch nichts für dich!“ ‒ „Lass dich bloss nicht schwanger machen!“
 
„Geheiratet wird im Standesamt und in der Kirche! Ohne Fest geht es nicht. Ob du willst oder nicht: Sei dankbar, wir, deine Eltern zahlen alles!“
 
Und wenn später noch keine Kinder da sind: „Wollt ihr nicht oder könnt ihr nicht?“ ‒ „Wir wollen ein Enkelkind.“
Und wenn eins da ist: „Was machst du denn mit der Kleinen! Das kannst du doch nicht machen!“
Dann das wichtigste Argument, jederzeit: „Was sollen nur die Nachbarn von uns denken?“
 
So geht das weiter, bis zum Tod. Über den Tod der Eltern hinaus.
 
Überall wird über dich bestimmt, und wenn du nicht willst, bekommst du keinen Job, zahlst Bussen, zahlst zu viel, wirst hereingelegt, giltst als renitent, unsozial, undankbar, Aussenseiter, Nichtsnutz. Krank.
 
Warum handelst du so wie du handelst? Könntest du auch anders? Wirklich? Ist es nicht so wie der Raucher, der sich etwas vormacht: „Wenn ich wollte, könnte ich auch ohne Zigarette auskommen!“ Er will natürlich nicht, weil er nicht könnte. Das gesteht er sich aber nicht ein.
 
Es kommt doch vor. Ein Mann oder eine Frau geht Zigaretten kaufen und kommt nicht mehr zurück. Nie mehr. Verschwindet einfach. Fängt irgendwo ein neues Leben an. Einmal das tun, was man nicht tut. Und dann? Der Zwang, den Lebensunterhalt zu verdienen, zwingt wieder in die Tretmühle. Bis zum Tod.
 
Das ist das Leben, dein Leben. „Leben?“
 
„Ich diagnostiziere eine schwere Depression. Denken, das Leben sei fremdgesteuert! Lächerlich! Lebensverdruss und Lebensunlust können nicht gesund sein. Der Mensch ist krank. So wie er denkt, ist er suizidgefährdet. Geben wir ihm Tranquilizer, Happy-Pillen. Das wird ihm wieder Lust am Leben geben. Ob er will oder nicht!“
*
„... und sie werden nicht mehr frei ihr ganzes Leben ...“. Ein Ausspruch Adolf Hitlers, der die Lebensläufe der deutschen Männer und Frauen vorbestimmte ‒ als Diktator.
Hitler ist Vergangenheit. Die Vorbestimmung nicht.
*
"Und was ist ein wahrer Geisteskranker? Das ist ein Mensch, der es vorgezogen hat, verrückt zu werden, im gesellschaftlichen Sinne des Wortes, statt eine bestimmte höhere Vorstellung von menschlicher Ehre zu verletzen.
Derart hat die Gesellschaft in ihren Asylen all jene erdrosselt, die sie loswerden wollte oder vor denen sie sich schützen wollte, denn sie weigerten sich, mit ihr bei bestimmten erhabenen Schweinereien gemeinsame Sache zu machen.
 
Denn ein Geisteskranker ist auch ein Mensch, den die Gesellschaft nicht hören wollte und den sie daran hindern wollte, unerträgliche Wahrheiten zu äussern" (Antonine Artaud).
 
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