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BLOG vom 17.05.2012


Facebook: Netzverhedderung, Cybermobbing, Cyberbullies
Autor: Heinz Scholz, Wissenschaftspublizist, Schopfheim D
 
„Facebook ermöglicht es dir, mit den Menschen in deinem Leben in Verbindung zu treten und Inhalte mit diesen zu teilen.“
(Werbetext von Facebook)
*
Sogar Politiker sind vom Facebook („Gesichtsbuch“) fasziniert. So konnte Bayerns Ministerpräsident Horst Seehofer nicht widerstehen und lud auf den 08.05.2012 zu einer Facebook-Party in Münchens Nobel-Disco P1 ein. Viele hielten die Einladung für das Werk von Computerhackern oder die plumpe Anbiederung der Piratenpartei. Die Einladung war jedoch ernst gemeint. Seehofer fand das alles lustig. Wer kommen wollte, musste sich anmelden. Der Eintritt war frei und das 1. Getränk gratis. Angemietet wurde ein Teil des P1 für 1000 Gäste. Angemeldet hatten sich 2561, gekommen sind allerdings nur 500 bis 700 Gäste, die meisten rekrutierten sich aus dem eigenen Parteinachwuchs. Seehofer fand die Party ganz toll. Sie wurde nicht von Flashmobs oder Neonazis gestört.
 
Es war übrigens das erste Fest dieser Art von einem deutschen Politiker.
 
CSU-Verbraucherschutzministerin Ilse Aigner ihrerseits warnte vor Facebook-Exzessen. Im Herbst vergangenen Jahres empfahl sie Kabinettsmitgliedern, sie sollten sich nicht im sozialen Netzwerk präsentieren.
 
Weltweit gibt es 900 Millionen Facebook-Mitglieder. In der Time hiess es: „Gemessen an der Nutzerzahl wäre Facebook nach China und Indien das drittgrösste Land der Erde.“
 
Nun steht der Börsengang bevor. Facebook wurde 2004 von Mark Zuckerberg gegründet. Nun sollen beim Börsengang über 100 Milliarden zusammenkommen; genaue Zahlen sind noch nicht bekannt..
 
Firmen nutzen Facebook
Inzwischen nutzen immer mehr Firmen und Zeitungen das Internet-Netzwerk Facebook. Bei einer mir bekannten Firma schaute ich einmal rein und stellte fest, dass viele Kunden über dieses oder jenes Produkt ihre Kommentare abgeben, aber auch Tipps und Anregungen anbieten. Die Kundenmeinungen sind für die Firma sicher interessant, zumal positive Anwendermeinungen gern publiziert werden. Das ist auch eine Produktwerbung, und die Firmen hoffen auf höhere Umsätze. Die Firmen wissen dann auch, welche Produkte gekauft werden oder wie diese verbessert werden könnten.
 
Beispiel 1: Die Firma Dr. Grandel in Augsburg D hat eine Pinnwand-/Facebook-Seite. Nach einer Registrierung und Anmeldung kann man sich hier präsentieren. So schrieb zum Beispiel eine Kundin: „Versuche händeringend an Dr. Grandel Produkte in Griechenland zu kommen, bitte um Hilfe!“ Später folgte eine Antwort mit der entsprechenden Adresse, wo es solche Produkte gibt.
 
Beispiel 2: SPAM ist die Satire-Seite von SPIEGEL ONLINE (www.spiegel.de). Hier der Werbetext: „Werden Sie jetzt mit einem Klick auf ,Gefällt mir’ rechts oben Fan, dann bekommen Sie ab sofort die neuesten SPAM-Artikel als Statusupdate auf Facebook mitgeteilt − so verpassen Sie nichts.“ Bis jetzt haben 26 216 Personen mit „gefällt mir“ geantwortet, 382 sprachen darüber. Viele von den Schreibern wurden mit einem Foto vorgestellt.
 
48 000 wollten kommen
Zu einer privaten Party melden sich regelmässig mehr Leute an als bei einer Politikerveranstaltung. So wollte kürzlich ein 14-jähriger Franzose 29 Freunde telefonisch zu seinem Geburtstag einladen. Einer seiner Freunde wollte ihm helfen und richtete im Internet-Netzwerk Facebook einen Aufruf für ein „geheimes Ereignis“ ein (www.spiegel.de). Angekündigt hatten sich dann 48 000! Der Vater des Jungen erstattete Anzeige. Der Vater versuchte verzweifelt, die Seite schliessen zu lassen, aber das ist nicht so einfach.
 
Immer wieder kam es in der Vergangenheit zu Massenzusagen. Oft wurden die Heranwachsenden in Abwesenheit der Eltern regelrecht überrannt, und es gab Wohnungsverwüstungen.
 
Im Netz verheddert
Ministerialdirektor Daniel Rousta war oberster Kassenverwalter vom baden-württembergischen Wirtschaftsminister Nils Schmid (SPD). Rousta gilt als Freund schlüpfriger Witze. Er outete sich als Spassvogel via Facebook. Er bezeichnete einen Kollegen der Konkurrenz als „FDPisser“. Dann folgten noch ganz andere dumme Bemerkungen. Wenn das noch via Facebook publik gemacht wird, dann haben solche Äusserungen eine ganz andere Dimension. Als Kritik hagelte, verteidigte er sich, in dem er sagte, ihm sei der Gaul durchgegangen. Diese Äusserung ist auf jeden Fall verfehlt. Da könnte ja jedermann eine solche Ausrede fabulieren.
 
Letztendlich hatte sein Chef die Nase voll und entliess ihn.
 
Sportlerin wehrte sich
Die deutsche Hochsprung-Redkordhalterin Ariane Friedrich postete auf ihrer Facebook-Seite die E-Mail eines Mannes, der ihr ein Foto von seinem Geschlechtsteil gesandt hatte. Sie will Anzeige wegen sexueller Belästigung erstatten. „Ich wurde in der Vergangenheit beleidigt, sexuell belästigt, und einen Stalker hatte ich auch schon“, sagte die hübsche Sportlerin und Polizeikommissarin.
 
Bei Facebook nannte die 28-Jährige Vornamen, Nachnamen und den Wohnort des Mannes. Sie erntete auch Kritik. Man könne doch nicht einen Stalker blossstellen. Ich finde das Verhalten der Sportlerin in Ordnung.
 
Am virtuellen Pranger
Cybermobbing ist in deutschen Schulen und auch in anderen Bereichen gang und gäbe. Laut einer repräsentativen Forsa-Umfrage wurden 32 % der 14- bis 20-Jährigen Opfer von solchen Attacken. So können peinliche Fotos, Videos oder Texte mit einem Klick an einen grossen Kreis gesandt werden. Oft rächen sich abgewiesene Liebhaber, indem sie die Opfer auf dem virtuellen Pranger stellen. Eine Ex-Freundin wird dann zum Beispiel so dargestellt: „Sie treibt es mit jedem.“ Aber es gab auch schon Fälle, wo Nacktfotos der Verflossenen präsentiert wurden.
 
Andreas Lorenz-Meyer in der „Badischen Zeitung“ vom 09.05.12: „Verbreitet sind auch falsche Facebook-Profile, die jemand im Namen einer anderen Person erstellt. Dort werden Dinge in die Welt gesetzt, welche dem Ruf dieser Person schaden. Das Opfer ist dem wehrlos ausgeliefert, meistens für lange Zeit. Denn was einmal im Netz steht, lässt sich nicht so leicht wieder löschen. Es sei denn, die Betreiber nehmen die Inhalte aus dem Netz, weil sie gegen den Verhaltenskodex verstossen. Bis es dazu kommt, muss das Opfer aber so mutig sein, den Vorfall zu melden.“
 
Ein besonders trauriger Fall ereignete sich in den USA. Dort wurde ein Mädchen im Internet von einer in der Nachbarschaft wohnenden Schülerin so gemobbt, dass sie sich umbrachte.
 
Viele Chefs durchstöbern bei Bewerbungen immer mehr die Internetseiten. So kam es vor, dass sich so mancher Bewerber durch ein unmögliches Präsentieren seiner Person im Internet nicht angestellt wurde. Also aufgepasst, wenn einem der Gaul durchzugehen droht.
 
Facebook verführerischer als Alkohol?
Laut Forscher der Chicago Universität (USA) besitzen soziale Medien ein grösseres Suchtpotential als Tabak und Alkohol. Die Forscher nahmen 200 Personen unter die Lupe. Sie überprüften Einträge in sozialen Medien und das Abrufen von E-Mails und stellten fest, dass die Versuchspersonen bei den Freizeitaktivitäten den 3. Platz einnahmen. Die Gelüste auf das Trinken von Alkohol und das Rauchen von Zigaretten war nicht so gefragt. Die Aktivitäten im Netz haben keine gesundheitlichen Auswirkungen, kosten jedoch viel Zeit (soziale Netzwerke können „Zeitfresser“ sein), und die Betroffenen haben weniger Kontakt mit realen Freunden.
 
Wie in Consumer Report zu lesen war, posteten 15 % der Nutzer von sozialen Netzwerken ihren Aufenthaltsort oder ihre Reisepläne (gut für Einbrecher!) und 34 % ihr Geburtsdatum. 21 % der Eltern stellen Bilder ihrer minderjährigen Kinder auf eine Plattform.
 
Was meint Prof. Schwägerl zu Facebook?
Ich habe mich erkundigt, was Prof. Dr. Dietrich  Schwägerl, der grosse Erfahrungen mit dem Internet hat und auch die Ottobrunner Seniorengruppe leitet (http://senotto.de), zu Facebook meint. Hier in Auszügen seine Antwort:
 
„Facebook hat ganz perfide Seiten (…). Viele machen den Fehler, dass sie auf Facebook viel zu viel öffentlich zeigen. Dann kommen zur Geburtstagsfeier nicht 10 Leute, sondern 300. Bei den Privatsphäre-Einstellungen ist grösste Vorsicht angesagt.
 
Freilich schauen potentielle Arbeitgeber eines Berufsbewerbers als erstes nach: Was schreibt der oder die über sich in Facebook? Je nachdem, was öffentlich sichtbar ist, kann das ganz unbequem werden. Bei uns wäre es zwar nicht durchsetzbar, dass ein Arbeitgeber die Herausgabe des Passwortes verlangen kann, um die nicht-öffentlichen Einträge zu sehen. Aber es genügen oft schon Einträge von anderen, die unvorsichtig waren, über Dritte. Und es genügt gegebenenfalls, bei etwas dem Arbeitgeber nicht Genehmem öffentlich sichtbar auf ,Gefällt mir’ geklickt zu haben.
 
Mir kann durch Facebook nix Ungutes mehr erwachsen, bei jungen Menschen kann das ganz schnell ganz anders sein. Wenn mir Facebook nur Werbung zu Themen, die mich interessieren, auf die Seite stellt, habe ich gar nichts dagegen.
 
Und für den Informationsaustausch und für gemeinsame Aktionen in Arbeitsgruppen ist Facebook ausgesprochen praktisch. Links zu guten Seiten, auch mit wichtigen Petitionen im Natur- und Tierschutzbereich, sind im Nu weitergegeben, so dass ganz schnell grosse Zahlen von Unterstützern zusammenkommen. Auch kleine Gruppen, die es noch gar nicht so lange gibt, haben so eine Chance, ohne riesigen Aufwand schnell publikumswirksame Aktionen auf die Beine zu stellen. ,Animals United’ z. B. wird von lauter aktiven jungen Leuten gemacht, Schülern, Studenten, Berufsanfängern; ihre Facebookseite ist öffentlich auch für ,Nicht-Facebookler sichtbar: http://www.facebook.com/AnimalsUnited.eV.
 
Sie haben in kürzester Zeit eine Zusammenarbeit mit Peter Maffay erreicht. Wer weiss, ob diese Publikumswirksamkeit ohne Facebook so schnell erreicht worden wäre! Eine normale eigene Internetseite bekannt zu machen, erfordert viel mehr Aufwand.
 
Freilich liegt Facebook schon oft daran, Leute auszutricksen. Der Druck der Werbewirtschaft ist enorm. Wie im gesamten Internet ist auch hier die Grenze zwischen denen, die sich austricksen lassen, und denen, die auf die Trickser nicht hereinfallen, von immer grösserer Bedeutung. Die Methoden der Trickser werden raffinierter, daher muss die Wachsamkeit zunehmen. Welch ein Dschungel!“
 
Soweit die Ansichten des Professors aus Ottobrunn. Für die kompetente Antwort danke ich Herrn Schwägerl sehr herzlich.
 
Soziale Netzwerke haben ihre Vorteile. Es ist aber wichtig, dass man wachsam bleibt und in der Öffentlichkeit nichts Privates ausplaudert. So gibt es beispielsweise in Chatrooms sogenannte Cyberbullies (so werden die Täter genannt) mit „grossen“ Ohren, die alles mithören. So werden beispielsweise intime Unterhaltungen zwischen Teilnehmern, Adressen und Urlaubspläne („Morgen fahren wir in Urlaub!“) mitgehört und gnadenlos ins Netz gestellt. Die Opfer sind überrascht und voller Scham. Ich frage mich, warum solche Aktivitäten nicht bestraft werden?
 
 
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