Startseite 
Kontakt  °  Inhaltsübersicht  
Seite weiterempfehlen
     22. Januar 2018, 03:08 Uhr
 


Schlossportal
 Kundeneingang

 
 
BLOGs nach Datum sortiert Alle BLOGS zum Zurückblättern
BLOG vom 18.05.2012


Wundern, staunen: Phänomene, die man nicht versteht
Autor: Richard Gerd Bernardy, Dozent für Deutsch als Fremdsprache, Viersen/Niederrhein D
 
Gerribert war ein Mensch, der seinen Verstand benutzte. Mit dem Begriff Wunder konnte er nichts anfangen. Immer, wenn das Wort irgendwo benutzt wurde, „das Wunder von Bern“, „das Busenwunder“, „Wunderwaffe“, „Wunderstimme“, „Wunderland“, hatte er dafür nur ein müdes Lächeln übrig.
 
Bei den einen werden Wunder als übernatürlich angesehen. Besonders in den Religionsgemeinschaften sind unerklärbare Ereignisse göttlich, bei den anderen werden Wunder als Beweis dafür angesehen, dass die Naturgesetze nicht vollständig erkannt sind. Wunder heben sie nicht auf, sondern weisen darauf hin, dass die menschliche Erkenntnis noch nicht so weit ist.
 
Gerribert las im Internet: http://www.dittmar-online.net/religion/wunder.html: „Das bedeutet, dass sich die Grenze, was wir für ein Wunder halten, permanent verschiebt. Wenn wir also einem Wunder begegnen, dann können wir nicht wissen, ob es sich um etwas handelt, was wir noch nicht verstehen oder ob es sich um etwas handelt, was wir niemals verstehen werden. Ersteres wäre kein richtiges Wunder, sondern eine unverstandene Erscheinung, letzteres wäre ein ,echtes’ Wunder. Aber da wir das nicht entscheiden können, ist die Trennung zwischen ,unverstandener Erscheinung’ und ,echtem Wunder’ künstlich und nicht nachvollziehbar ‒ wir können diese beiden Dinge nicht unterscheiden, sie sind für uns gleich. Erst wenn man ein Wunder ,widerlegt’, d. h. es auf natürliche Dinge zurückgeführt hat, dann können wir die Frage ‚echt oder unverstanden?’ lösen ‒ die Antwort kann also nur lauten: ,früher unverstanden, aber jetzt verstehbar’, oder aber es gibt eben keine Antwort. Wunder bestätigen lediglich, dass wir die Natur noch nicht vollständig verstanden haben, das aber ist überhaupt keine überraschende Erkenntnis, sondern ein nicht zu bestreitendes Faktum.“
 
Gerribert fühlte sich bestätigt. Was hatte es also auf sich, mit dem Gerede von Wundern?
 
Er versuchte, den Wundern sprachwissenschaftlich auf den Grund zu kommen. Althochdeutsch stammt das Wort Wunder von „wuntar" und gehört vielleicht zu indogermanisch „uen“ (verlangen). Wunder wäre dann verwandt mit Wunsch; im Lateinischen kennt man dafür den Begriff „Miraculum“, das Wunderding (man denke an die „7 Weltwunder“). Und die alten Griechen im Hellenismus nannten das Wunder „Paradoxum“ (Phänomene und Fragen, die dem menschlichen Verstand widersprechen).
 
Und wieso benutzen so viele Menschen den Begriff „sich wundern“ wie in dem nachfolgenden berlinerischen Gedicht? 
Ick sitz an' Tisch und esse Klops
uff eenmal klopts.
Ick kieke, staune, wundre mir,
Uff eenmal jeht se uff, die Tür!
Nanu, denk ick, ick denk nanu,
Jetz is se uff, erst war se zu.
Ick jehe raus und kieke
Und wer steht draußen? - Icke.
 
„….und nachher wundern wir uns ...“ „... und dann wundern wir uns noch?“ „Wir können es als Wunder ansehen, dass….“ In der Umgangssprache ist das Wunder alltäglich, aber, genau genommen, ist damit eher „erstaunen“ gemeint, etwas Unerwartetes erzeugt einen Überraschungsmoment, worüber wir in Erstaunen geraten.
 
Wie hiess es in der Ankündigung zur Ausstellung „Wunder – Kunst, Religion und Wissenschaft vom 4. Jahrhundert bis heute“ am Anfang dieses Jahres in den Deichhallen in Hamburg? „Das Wunder ist eine Öffnung in der Welt! – Wunder sind immer nur vom Ende her zu bestimmen, nämlich indem was sie auslösen, was sie für Menschen bedeuten…“ (Daniel Tyradellis, Kurator).
 
Und welche Exponate wurden gezeigt?
 
Die „Wunderwaffe“ V2, das Hamburger Patent für die Wunderkerze, historische Wundergläser, Votivbilder, ein heilmagnetisches Benediktuskreuz, Geisterhände, Seligsprechungsakten, ein mittelalterlicher Prachtkoran, Tiefseefische, Flugblätter aus dem 16. Jahrhundert, ein Perpetuum Mobile, innovative Wunderstoffe (Mauvein, Hartgummi, Betonbohrkern, Graphen etc.), ein Teil eines Teilchenbeschleunigers der Zukunft, Wunderpillen, Hexenkessel, Goethes Zauberkasten, eine Zauberschale aus dem 4. Jahrhundert, Harry Potters Zauberstäbe, Reliquien, Teleplasma, der WM-Pokal des Wunders von Bern, eine Laterna magica, Pokémon-Karten, Guckkästen mit den sieben Weltwundern, eine Hamburger Skulptur des heiliggesprochenen Nikolaus aus dem 16. Jahrhundert, ein Spiderman-Ganesha (heute eine der beliebtesten Verkörperungen des Göttlichen im Hinduismus), eine Nebelkammer, ein Nagelfetisch aus dem Kongo, Wunderbatterien, ein Stein aus der Mine des „Wunders von Chile“, frühmittelalterliche Münzen, ein Kaaba Kompass, eine Wunderkugel, telekinetisch verbogene Löffel, ein Meteorit.
 
Wahrlich eine „Öffnung in der Welt“, aber „Wunder“? Soll man nicht eher darüber staunen?
*
Wenn Gerribert die Strasse entlang ging, sah er überall Menschen mit kleinen Geräten am oder im Ohr, die vor sich hin sprachen. Vor wenigen Jahren noch wären diese Menschen in der Psychiatrie, früher Irrenanstalt, gelandet. Es wäre auch möglich, dass man die Fähigkeit, mittels einen kleinen Geräts mit Menschen, die Tausende von Kilometern entfernt ebenso ein kleines Gerät benutzen, zu sprechen, ja, sie dabei auf einer kleinen Fläche zu sehen,  als Wunder angesehen hätte. Er verstand nicht, wie das Gerät funktionierte. Er sah nur, dass es das tat.
 
Noch vor wenigen Tagen war er mit dem Flugzeug von der anderen Seite der Erde nach Europa geflogen. Und das trotz der Anziehungskraft der Erde! Alles, was er fallen liess, landete unfehlbar auf der Erde.
 
Vögel können fliegen, weil sie dazu anatomisch dazu eingerichtet sind. Aber so ein schwerer Gegenstand, wie es ein Flugzeug mit all dem Gepäck und den Menschen an Bord ist, warum fällt das nicht einfach auf die Erde? Unter ihm sah er die Wolken wie eine flauschige weisse Decke. Er wusste, er würde nicht darauf laufen können, sondern hindurch fallen, bis auf die Erde. Dabei war er nur ein Bruchteil so schwer wie das Flugzeug. Das Flugzeug landete langsam wieder auf der Erde, ihm war nichts passiert.  Einige Generationen zurück hätte man an ein Wunder geglaubt.
 
Das Fernsehen zeigt Bilder von der Marsoberfläche, noch nie war ein Mensch dort. Wie ist das möglich? Ein Wunder?
 
Die Welt ist voller Wunder, nur niemand sieht sie, was schade ist. Lernen wir wieder zu staunen!
 
Hinweis auf weitere Blog-Wunder
05.04.2006: Hellseher, Wunderbrillen und optische Täuschungen
Ihre Meinung dazu?

 
Nach oben  
Alle Blogs
Liste der bisher erschienenen Tagebuchblätter
Blogs nach Autoren
Blogs nach Autoren
Artikel nach Autoren
Wer was geschrieben hat
  Twitter
Wir sind auch auf Twitter, ebenso unsere Gedankensplitter
 
   
  © 2002-2017 Textatelier