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BLOG vom 04.06.2012


Schlecker-Pleite: Vorschusslorbeeren sind entschwunden
Autor: Richard Gerd Bernardy, Dozent für Deutsch als Fremdsprache, Viersen/Niederrhein D
 
„There has grown up in the minds of certain groups in this country the notion that because a man or a corporation has made a profit out of the public for a number of years, the government and the courts are charged with the duty of guaranteeing such profit in the future, even in the face of changing circumstances and contrary public interest. This strange doctrine is not supported by statute nor common law. Neither individuals nor corporations have any right to come into court and ask that the clock of history be stopped, or turned back, for their private benefit."
*
 
Die grosse deutsche Drogerie-Kette Schlecker wird abgewickelt. Betroffen sind 13 800 Beschäftigte; im April 2012 hatten schon 10 000 Mitarbeiter ihren Job verloren. Über die Medien war in den letzten Jahren nicht viel Gutes über die Drogerie-Kette zu lesen gewesen. Mitarbeitern war gekündigt worden, und sie waren dann unter schlechteren Bedingungen über eine Leihfirma, die den Nachkommen des Firmengründers gehört, wieder eingestellt worden. Es gab laufend Probleme, zuerst damit, überhaupt einen Betriebsrat zu etablieren; dann kam es zu Problemen mit ihm, auch wegen der Lohnpolitik des Unternehmens. Eigentlich war die Firma schon lange pleite. Laut dem Insolvenzverwalter Arndt Gleiwitz machte das Unternehmen in den letzten Jahren laufend Verluste, 200 Millionen pro Jahr. Schon 2008 schrieben 4000 der 10 000 deutschen Filialen Verluste.
 
Die Direktoren von Schlecker machen die extreme Expansionsstrategie des Firmengründers für den Zusammenbruch verantwortlich. „Wenn wir ehrlich sind, dann funktionierten wir ab Mitte der 90er Jahre wie ein Schneeballsystem. Es ging nur weiter, weil wir es ständig erweiterten“, sagte ein Altdirektor dem Handelsblatt. „Das ist die eigentliche unternehmerische Leistung von Schlecker, dass er die Pleite so lange hinausgezögert hat.“
 
Jetzt werden diejenigen Mitarbeiter, denen zuerst gekündigte wurde, ausserdem auch die FDP (Freie Demokratische Partei), dafür verantwortlich gemacht, dass sich kein Investor gefunden hat, denn die Gekündigten haben bis zu 4000 Kündigungsklagen eingereicht, und das wollte sich niemand „ans Bein binden“. Ausserdem habe die FDP die Übergangsgesellschaft verhindert, die es ermöglicht hätte, Arbeitsplätze zu sichern.
 
So ist das. Da wirtschaftet ein Unternehmen über Jahre hinweg kriminell; denn nichts anderes ist es, wenn zur Vertuschung von Verlusten einfach wieder neue Filialen eröffnet werden, und im Nachhinein sind es die Mitarbeiter Schuld oder die Politik. Dass die Direktoren von Schlecker den Schwarzen Peter auf den Firmengründer Anton Schlecker und seine Kinder schieben, obwohl ihnen, wie sie heute aussagen, die Schieflage bereits seit Jahren bekannt war, sagt viel aus.
 
Wann waren Sie zuletzt in einem Schlecker-Laden in Deutschland? Mehr als eine Angestellte haben Sie selten zu Gesicht bekommen. Währenddem Sie durch die engen dunklen Gänge liefen, um Ihren Kaufwunschartikel zu finden, musste die Angestellte Fächer nachfüllen, um dann schnell zur Kasse zu eilen, um abzurechnen. Insgeheim haben Sie die Angestellte bedauert. Aber – was hätte sie machen sollen? Wenn sie gekündigt hätte, wäre sie zuerst einmal von der Arbeitsagentur für Leistungen bis zu 12 Wochen gesperrt worden, ausser sie hätte eine andere Anstellung gefunden. Aber oft waren die Angestellten wegen geringer Qualifizierung auf dem Arbeitsmarkt im Nachteil.
 
Hätte es „die Politik“ richten sollen? Dass das häufig nicht funktioniert, konnte man in den letzten Jahren verfolgen, und wenn sie es bei Schlecker tun würde, hätten wir ein Fass ohne Boden, denn Firmenpleiten gibt es andauernd, auch bei grösseren Firmen. Der Steuerzahler hätte das Nachsehen.
 
Ich sehe noch kein Gleichgewicht auf dem Arbeitsmarkt. Bei der hohen Arbeitslosenzahl haben die Arbeitgeber immer noch die Möglichkeit, sich ihre Arbeitnehmer sorgfältig aus vielen Bewerbern auszusuchen. Deshalb wird es für viele jetzt arbeitslos gewordene, ehemalige Schlecker-Mitarbeiter schwer werden, einen Job zu finden.
 
Das ist das harte Gesetz der Marktwirtschaft. Es gibt und kann keine Sicherheit des Arbeitsplatzes geben. Und daraus ergibt sich, dass es immer Gewinner und Verlierer geben wird.
 
Dennoch: Anton Schlecker und das Führungsdirektorium sollten angeklagt werden, wegen Insolvenzverschleppung, und, wenn es das geben würde, wegen Unmenschlichkeit und des unverantwortlichen Umgangs mit Untergebenen. Dies soll keine Vorverurteilung sein; die Unschuldsvermutung bleibt bestehen. Aber es gilt, Licht ins Dunkel zu bringen.
 
Ich bin schon immer skeptisch gewesen, wenn sich Unternehmer von Politikern loben und ehren liessen, weil sie ein Unternehmen gegründet haben, das angeblich viele sichere Arbeitsplätze schaffen würde. Wie man hier sieht, hat dieser erste Schritt zuerst einmal gar nichts zu bedeuten, und ist auch keine Vorschusslorbeeren wert, bevor sich das Unternehmen bewährt hat. Hin und wieder ist das nicht der Fall, sondern es ist oft sogar kriminelle Energie im Spiel.
 
Hinweis auf an anderes Blog zum Thema Konkurs
02.06.2009: Grössenwahn: Abgesang auf die US-Auto-Erfolgsgeschichte
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