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BLOG vom 12.06.2012


Facebook: Grosse Dummköpfe, faule Tricks der Andreher
Autor: Walter Hess, Publizist, Biberstein AG/CH (Textatelier.com)
 
Das via naive Medien verbreitete Geschrei über das finanzielle Potenzial der Facebook-Aktie war grenzenlos, und entsprechend riesig war die Nachfrage nach dem Schrottpapier, das sogar überzeichnet wurde. Die Schreibtisch- und Mikrofontäter bejubelten vor dem Börsenstart voreilig den „Börsengang des Jahrhunderts“ ... was sich dann in umgedrehter Version bewahrheiten sollte. Es war die Börsenpleite des Jahrhunderts.
 
Der Emissionspreis der Facebook-Aktie wurde in astronomische Höhen getrieben. Im Rahmen dieser grandiosen Euphorie wurde die Anzahl der im Zuge des IPO (Initial Public Offering = erstmaliges öffentliches Anbieten von Aktien an der Börse) am Markt angebotenen Aktien um 25 % auf 421 Mio. Aktien und damit der Free Float – also jener Teil der Aktien, der an der Börse gehandelt wird – nach verschiedenen Angaben auf rund 10‒12 % erhöht (normal wären etwa 35 %). Der grosse Rest bleibt in den Händen der Firmengründer, insbesondere in jenen des cleveren Mark Zuckerberg, der allerdings den Börsengang angeblich nicht wollte, weil er dadurch unter die Wallstreet-Fuchtel geraten ist. Ob er und seine vergoldete Mannschaft mit gezinkten Karten spielte, wird sich vielleicht noch weisen.
 
Die trickreich geschürten Aufregungen und Allheilserwartungen liessen massenhaft dumme Kälber ums verheissene Gold tanzen. Fast kein Medium liess sich die Gelegenheit zu einer Verherrlichung des Facebook-Unternehmens, das persönliche Daten mit Geschick zu vermarkten versteht, nehmen, ohne dem Datenschutz jene Bedeutung beizumessen, der er verdienen würde. Die Abneigung gegen eigene intellektuelle Anstrengungen kennt keine Untergrenze.
 
Der in den USA zusammengebraute Schwindel war für das Kollektiv der an der Börse aus dem Bauchgefühl heraus handelnden Idioten – und das ist der grosse, leicht beeinflussbare Teil des Anlegerpublikums – ein eindeutiges Signal, dass man das kräftig einsteigen musste, um zusammen mit Zuckerberg ein süsseres, von finanziellen Sorgen befreites Leben führen, um sozusagen ein immerwährendes Zuckerlecken betreiben zu können. Die Unterhaltungs- und Wiederkäuersendung „10vor10“ des Schweizer Fernsehens zeigte eine Karte, auf der fast die ganze Erde, abgesehen vom nördlichen Sibirien und schwer zugänglichen Gegenden in der Mongolei, unter einem dichten Facebook-Netz begraben ist.
 
Ein Kurssprung von 15 bis 20 Prozent ist im Bereich des Möglichen“, verkündete der Facebook-begeisterte Finanzprofessor Tim Loughran von der University of Notre Dame in Notre Dame im US–Bundesstaat Indiana. Und praktisch alle Medien beteten das nach; gleich hinter dem Zuckerberg wurde Loughran bei so viel weiser Voraussicht zum Helden. Andere Finanzgrössen hielten sogar Kursaufschläge von mindestens 30 Prozent für realistisch. Einer Morningstar-Umfrage zufolge sahen Analysten den Schlusskurs am ersten Handelstag bei 50 Dollar voraus. Doch hätte man ja schon lange, etwa aus der Zeit des fröhlichen Blasenplatzens, wissen müssen, was von Analysten zu halten ist. Unter Einbezug der Basis-Fundamentaldaten (Umsatz, Gewinn, Wachstumserwartungen, Stellung im Markt usf.) liess sich, wenn man optimistisch genug war, ein fiktiver Wert von bestenfalls 10 USD für die Facebook-Aktie errechnen. Wahrscheinlich ist auch in dieser Zahl noch viel heisse Luft drin. Doch viele Spekulanten sind zu weit überteuerten Käufen bereit – in der Hoffnung, dass sich schon noch grössere Idioten finden werden, die noch mehr bezahlen, ganz im Sinne der ungeschriebenen Regeln des Börsenspiels mit den sich überbietenden Dummheiten.
 
Stimmen wie jene von Jens Korte, Wallstreet-Berichterstatter, der sagte, das FB-Unternehmen sei keine 100 Milliarden USD wert, wurden überhört, um den Gottesdienst rund ums weltgrösste soziale Netzwerk nicht zu stören. Profitieren lautete die Devise, nichts verpassen. Das Kursfeuerwerk musste am Freitag 18.05.2012, 11 Uhr, nur noch gezündet werden; bisher waren bereits die Erwartungen in ungeahnte Höhen geschossen. Doch bereits der Handelsbeginn musste um mehr als 30 Minuten verschoben werden. Die Spannung wuchs ins Unerträgliche, eine meisterhafte Inszenierung. Es sah so aus, als ob es um den Beginn einer neuen Zeitrechnung mit Mark Zuckerberg als neuem Jesus und Heilsbringer gehe. Ergebene Jünger hatten sich bereits in Position gebracht: In den vorangegangenen Monaten hatten sich Internetfirmen wie das Schnäppchenjäger-Portal Groupon, sodann LinkedIn, Yelp und Zynga an die Börse gewagt, allerdings ohne grosses Brimborium und mit wenig Erfolg. Vertrauen und Hoffnung, wie sie uns anbefohlen sind, starben wieder einmal zu spät.
 
Man darf Facebook, das mit privaten Daten und der Vernetzung auch luscher (zwielichtiger) Freundeskumpaneien einen hemmungslosen Handel betreibt, dafür dankbar sein, dass uns seine Börsenpleite vor weiteren ähnlichen Hypes vorerst verschonen wird. Denn in der Warteschlange der Börsengänge stehen noch die potenziellen Technologie-Börsendebütanten wie der der Kommunikationsdienst Twitter und der Speicherdienst Dropbox. Die Facebook-Schockwellen zeigen jetzt Wirkung; ein Kartenhaus fällt zusammen.
 
Bis zum Wochenende vom 08./09.06.2010 ist die Feissbook-Aktie, wie sie in der schweizerischen Mundart ausgesprochen wird (feiss bedeutet fett, fettleibig) von 38 USD (Höchstpreis: 43 USD) auf 27,1 USD abgesackt (29 % weniger als am Tag 1). Die Finanzexperten suchen nach Ausreden, die mitgegangenen, hereingefallenen Medien sind in einem Erklärungsnotstand. Tröstende Zuflucht finden sie im Umstand, dass der amerikanische Börsengang von allerhand Gaunereien und Manipulationen begleitet war. Solche dubiosen Vorgänge sind für mich Gründe dafür, dass ich niemals ein US-Wertpapier kaufte und kaufen werde; zudem würde man dann gleich der US-Steuergesetzgebung unterstellt.
 
Verschiedene US-Investmentbanken müsste man der US-Justiz zuweisen. Vorab die US-Bank Morgan Stanley mit Hauptsitz in New York hat die Kleinanleger-Abzocke versucht und die Greater Fools (Kleinanleger als die „grössten Narren“) über den vorgängig bereits bekannten übersetzten Aktienpreis nicht informiert und dieses Wissen ausschliesslich einem erlauchten Kreis von Grosskunden zugänglich gemacht: 100 Milliarden USD Börsenkapitalisierung für ein Unternehmen mit weniger als 4 Milliarden Jahresumsatz und einem Gewinn von etwas mehr als 1 Milliarde ...? Ein schlechter Witz.
 
Und noch gravierender ist das merkwürdige Versagen des New Yorker Börsenbetreibers Nasdaq, der technische Unregelmässigkeiten in Serie produzierte und dann, wie wenn jeweils US-Soldaten in fremden Ländern Hochzeitsgesellschaften statt Feinde erschiessen oder wenn sie Barack Obama mit seinen Drohnen erschiessen lässt, der Einfachheit halber gleich selber „vollkommen klinische und analytische Überprüfung“ des eigenen Versagens vornehmen will. Amerikanische Selbstjustiz, die bekanntlich im Sand verläuft.
 
Wer hat die umsatzfördernden Softwarepannen inszeniert? Die Schweizer Grossbank UBS macht die Technologiebörse Nasdaq laut Zeitungsberichten auf der Grundlage eines Berichts des TV-Senders CNBC für einen Schaden von 350 Mio. USD verantwortlich. Laut Gerüchten erneuerte die Bank die hohen Kaufaufträge immer wieder, weil Abwicklungsbestätigungen ausblieben, so dass sie zum bitteren Ende auf viel mehr Aktien sass, als sie haben wollte. Auch andere Investmentbanken haben Millionen USD verloren. Irgendwo wurde das Geld ja einkassiert.
 
Über Stunden hinweg wussten die Börsenhändler nicht, ob ihre Kaufaufträge abgewickelt waren und, wenn ja, zu welchem Preis, und, wenn nein ... dann haben sie ja noch Glück gehabt. Endlich räumte die Nasdaq ein, sie sei „peinlich berührt“, was den Geschädigten nicht weiterhilft. Vor allem Privatanleger, die Greater Fools eben, erhalten keinerlei Schadenersatz, und Online-Aktienhändler bleiben auf dem Facebook-Abfall sitzen. Die Nasdaq wollte sich mit einem Fonds von mickrigen, schäbigen 40 Mio. USD aus der Schlinge ziehen, was von den Betrogenen selbstverständlich abgelehnt wurde.
 
Die Massenpsychosen
Bei Ereignissen, die medial als Grossereignisse vermarktet werden (sie beflügeln die Quote), stellt man immer wieder fest, dass sich das Kollektiv um Grössenordnungen einfältiger verhält als dies das einzelne Individuum tun würde – ein bezeichnendes Beispiel war der Fukushima-Tsunami, der die Energiepolitik schlagartig veränderte, obschon die Kernkraftwerke vor und nach dem Erd- und Seebeben gleich sicher oder unsicher wie zuvor waren. Der auslösende Dreh bestand darin, dass die Medien die Todesopfer unterschwellig dem durch den Tsunami ausgelösten Atomunfall in die Schuhe schoben, obschon alle die bedauernswerten Menschen in der Flutwelle umkamen. Nun wird auf dem Altar einer neuen Energiepolitik viel Umweltschutz und Wirtschaftskraft geopfert; die Greater Fools werden vielerorts mit fast unerschwinglichen Elektrizitätsrechnungen konfrontiert.
 
Friedrich Nietzsche fand schon lange vor Fukushima und Facebook die richtigen Worte: „Der Irrsinn ist bei Einzelnen etwas Seltenes – aber bei Gruppen, Parteien, Völkern, Zeiten die Regel.“ Aus kleinen und grossen Gruppen entstehen tatsächlich neue Verhaltensweisen, die nur aus den bekannten Regeln der Massenpsychologie zu erklären sind. Sobald einer „Feuer!“ ruft, bricht Panik aus; die Zeit, um abzuklären, ob es wirklich brennt, ist nicht mehr da. Dementsprechend sind politische, kriegerische und sportliche Massen rasch, was man bei Elias Canetti („Masse und Macht“) nachlesen kann, die Entladung erfolgt schnell, und die Masse kann zu einer Jagdmeute werden, die es auf Abtrünnige und Aussenseiter abgesehen hat. Verbote werden unter solchen Zuständen der Geistesverwirrung gefordert, gefördert und akzeptiert – und auch Kriege, in denen es ums Töten geht.
 
Zurück aufs Börsenparkett: Wenn alle kaufen wollen, ist das ein Signal, dem sich niemand entziehen will. Und es funktioniert meistens. Weil alle kaufen, steigen die Kurse. Doch wenn einer „Feuer!“ schreit, kippt die Stimmung. Die Masse löst sich auf, bildet eine neue Masse – das Kollektiv der Flüchtenden.
 
Facebook ist überall, und Facebook ist ebenfalls ein Massenprodukt. Man muss dabei sein, weil alle anderen auch dabei sind. Und es funktioniert eben darum. Oder muss man bereits die Vergangenheitsform anwenden: Es funktionierte? Hat da jemand „Feuer!“ gerufen?
 
Das Zuckerlecken auf dem Zuckerberg hat einen bitteren Nachgeschmack bekommen. Die nächste Phase ist die Massenflucht, bis neue Befehle auftauchen, die über den einstimmigen Chor medialer Megaphone verbreitet und nach den Gesetzen der Massenpsychologie von den grössten Narren gedankenlos befolgt werden.
 
Hinweis auf ein weiteres Blog über Facebook
17.05.2012: Facebook: Netzverhedderung, Cybermobbing, Cyberbullies
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