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BLOG vom 24.06.2012


BILD wird 60 – eine Würdigung: Wir sind sinkende Auflage
Autor: Richard Gerd Bernardy, Dozent für Deutsch als Fremdsprache, Viersen/Niederrhein D
 
An diesem Wochenende verteilte die BILD-Zeitung in die Postkästen von 41 Millionen Haushalten in Deutschland eine kostenlose Sonder-Ausgabe. Unten auf der Titelseite gratuliert sich die BILD selbst: „Glückwunsch. Seit 60 Jahren erreicht BILD ganz Deutschland.“
 
Das ist eine Lüge. Wenn man, wie die Springer-Presse jahrzehntelang immer betont hat, Ost- und Westdeutschland als zusammengehörig betrachtet, erreichte BILD erst seit Ende 1989 ganz Deutschland, in der DDR war die BILD vor der Wende nicht erhältlich.
 
Die BILD ist ein Boulevard-Blatt. Die Definition dafür liefert Wikipedia: „Eine Boulevardzeitung ist ein periodisch in hoher Auflage erscheinendes Druckerzeugnis, dem nur eingeschränkte Seriosität zugeschrieben wird. (...) In Boulevardzeitungen werden vor allem Themen behandelt, die geeignet sind, Emotionen zu wecken. Nachrichten mit deutlich sachbetontem Gegenstand werden personifiziert, emotionalisiert (z. B. wird eine wenig bedeutsame emotionale Komponente der Kernaussage zugeordnet) und manchmal auch skandalisiert. Besondere Beachtung im Boulevardbereich finden Polizei- und Gerichtsberichterstattung, Prominente und Sport. Auch Berichte über Sportsereignisse und Sportler haben oft den für Boulevardzeitungen typischen Stil.
 
Beruhigend ist, dass die BILD nur in zirka 2,6 Millionen Auflage täglich erscheint und die Auflagenhöhe sinkt. „Beruhigend“ deshalb, weil – rechnen wir einmal, ein Zeitungsexemplar werde durchschnittlich von 2‒3 Personen gelesen – weniger als 10 % der Bevölkerung die BILD liest. Übrigens, in der kostenlosen Ausgabe wird betont, dass sie „zusätzlich zu unserer heutigen aktuellen Ausgabe am Kiosk“ erscheint. Es wäre interessant zu erfahren, wie hoch die heute verkaufte Ausgabe noch ist.
 
Auf der Titelseite ist auch die Disney-Ente Donald Duck zu sehen, die eine BILD in der Hand hält, auf der steht „Wir sind Ente“, so wie der Slogan „Wir sind Papst“, der auch von BILD ins Leben gerufen wurde, abgeguckt von der Medienkampagne „Wir sind Deutschland“ aus den Jahren 2005/2006.
 
Ein raffinierter Schachzug gerade in der Zeit der Fussball-Europameisterschaft, in der das Nationalgefühl so richtig hochkocht, was man an den vielen Deutschlandflaggen an Autos, Häusern und Fenstern sehen kann. „Wir sind Fussball“ hatte sich Borussia Dortmund ja schon auf ihre Werbefahne geschrieben: „ Daraus spricht eine aufs Ganze gehende religiöse Ergriffenheit für etwas, was wahrscheinlich doch mehr ist als die schönste Nebensache der Welt“,  schrieb FR-online am 23.04.2012 dazu.
 
Auf der 4. Seite der Gratisausgabe und der Online-Seite von BILD wird „kritisch“ dargestellt: „Wir waren BILD-Schlagzeile“, garniert mit einem Bild von Boris Becker bzw. Franziska von Almsieck und anderen Prominenten, mit dem Hinweis: „Manchmal waren sie bitter, manchmal zuckersüss. Manchmal taten sie weh, manchmal gut.“
 
 Das Ziel ist klar: „Wir sind BILD-Leser“ soll ein nationales Gemeinschaftsgefühl erzeugen, so wie „Wir sind Deutschland“, denn bekanntlich versetzt Glauben Berge und hilft der Auflage!
 
Die BILD-Macher haben sich gedacht, dass als Selbstkritik oder ein kritisch dargestellter Artikel zur eigenen Berichtserstattung dazu beitragen könnte, die eigene Glaubwürdigkeit zu erhöhen. Deshalb haben sie auch auf den Seiten 2 und 3 der kostenlosen Ausgabe ein Interview mit dem ehemaligem Bundeskanzler Gerhard Schröder abgedruckt, in dem er sagt: „BILD war immer GEGEN mich.“ (Das „GEGEN“ in BILD-Manier in Grossbuchstaben). Ausserdem betont Schröder: „Diese Schlagzeilen („Lehrer sind faule Säcke“ und „Kriminelle Ausländer raus, aber schnell“ als Aussagen von Schröder) konnten ja nur dadurch zustande kommen, weil BILD immer wieder meine Differenzierungen weggelassen hat …“ Natürlich antwortet Gerhard Schröder auf die Frage, ob es eine BILD-Schlagzeile gegeben habe, über die er sich so richtig geärgert habe, mit „Ich erinnere mich eigentlich an keine…“ Ein raffinierter Schachzug ist es, neben diesem Interview in Kurzaussagen mit Fotos die Kontakte der BILD zu anderen Kanzlern darzustellen.
 
Und dass BILD sogar „Lebensretter“ war, wird auch auf einer Seite betont: „Wir würden ohne die BILD-Leser nicht mehr leben“, wobei auf „BILD hilft e.V. – Ein Herz für Kinder“ hingewiesen wird, aus deren Spendenaufkommen Kindern medizinisch geholfen wurde.
 
Die weiteren Artikel der Zeitung sind in der üblichen BILD-Manier geschrieben, mit Schlagzeilen wie: „Mein Arsch ist das LETZTE, was mich interessiert“; denn die BILD will ja ein Blatt für alle Bevölkerungsgruppen sein, auch für diejenige, die Vulgarität begrüsst.
 
Also: Die Grundaussage dieser kostenlosen Ausgabe ist doch, dass die BILD unverzichtbar ist, jedenfalls wollen die Herausgeber, dass alle das glauben. Ich kann nur hoffen, dass die Raffinesse solcher Berichterstattung von vielen Lesern erkannt wird.
 
Interessant ist, dass sich die Machart dieser Zeitung in den Jahrzehnten ihres Erscheinens kaum geändert hat. Vor vielen Jahren kursierte die Warnung: „Die BILD darf man nicht schief halten, da fliesst Blut heraus“, was sich auf die herausschreierische Art bezieht, in der Verbrechen dargestellt wurden und noch immer werden. In den Artikeln wurde und wird noch heute nicht normgerechtes Sexualverhalten von Prominenten und anderen Personen angeprangert, aber das in unmittelbarer Nähe zu einem Foto mit einer nackten Dame darauf und einer angeblichen Personenbeschreibung von ihr, wie stolz sie auf ihren Körperbau ist.
 
Seriös war die Zeitung nie, aber das passt auch zur Charakterisierung einer Boulevardzeitung. Auf Details kommt es BILD nicht an. Das Blatt suggeriert den Lesern, in wenigen Worten komplizierte Sachverhalte für jeden verständlich gemacht zu haben, damit alle mitreden können. Viele Stammtischparolen entstammen so aus der Lektüre der BILD und damit auch viele Fehlinterpretationen, Vorurteile und Beschuldigungen.
 
Ich bin wohl nicht der Einzige, der hofft, nie in die Fänge der Reporter dieses Blattes zu geraten, z. B. wegen einer falschen Beschuldigung, als Nachbar eines Geschehens, das die BILD artikelwürdig ansieht oder wie auch immer. Viele Personen, denen das passiert ist, wünschen sich, es wäre nie geschehen, denn unbeschadet kommt kaum jemand davon, auch wenn die Person absolut nichts mit der Sache zu tun hat.
 
Natürlich geschieht das alles unter dem Mantel der sogenannten Pressefreiheit.
 
Ich wünsche der BILD zu ihren 60 Jahren, dass die verkaufte Auflage von Jahr zu Jahr weiter zurückgeht!
 
Hinweis auf weitere Blogs zum Thema Zeitung
16.12.2005: Das Rassismus-Medientheater gehörte zur Hysterisierung
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