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BLOG vom 04.07.2012


Die merkwürdigen Düfte in der Limmatschlaufe bei Turgi AG
Autor: Walter Hess, Publizist, Biberstein AG/CH (Textatelier.com)
 
Am Dienstagmorgen, 03.07.2012, regnete es in der Stadt Zürich, selbst zur Überraschung der Meteorologen, wie aus Kübeln. Morgens, kurz vor 4 Uhr, bildete sich über der Stadt eine Regenzelle, die zur grossen Morgendusche ansetzte, zu einer eigentlichen Morgentoilette von etwa 4 Stunden Dauer, bei der mehr als genug Wasser floss. In einigen Teilen der Stadt gingen bis zu 50 Liter pro Quadratmeter nieder, manchmal als Hagel. Der Start in den neuen Tag begann mit Erdrutschen, Verkehrsbehinderungen und einem rund einstündigen Elektrizitätsausfall in den Kreisen 7 und 8. Soweit das, was die Medien über das Sintflütchen in dieser sündigen Stadtwelt zu berichten wussten.
 
Das Wasser fliesst gern abwärts, wie die meisten Erfahrungen lehren; von Kapillarwirkungen soll hier nicht die Rede sein. Und das Stadtzürcher Wasser strebt zu diesem Zwecke der Limmat zu; es wird sozusagen zur Limmat. Über Schlieren und Dietikon ZH flüchtet sie, die Limmat, sich verständlicherweise in den beschaulicheren Aargau, den sie bei Spreitenbach/Killwangen/Würenlos erreicht, sich dann durch Wettingen und Baden zwängt und im Wasserschloss (Zusammenfluss von Aare, Reuss und Limmat) mit der dominanten Aare fusioniert.
 
Nicht, dass mich das Zürcher Abwasser besonders interessieren würde. Doch brauchten meine Beine wieder einmal etwas Bewegung. Und so schien es naheliegend zu sein, am Dienstagnachmittag im untersten Teil der Limmat nachzusehen, wie sich dort ein Zürcher Gewitter post festum manifestiert. Ich fuhr zur 1978 erbauten Limmatbrücke B 069, die Untersiggenthal mit Turgi (Bezirk Baden) verbindet; an Brücken besteht dort keinerlei Mangel. Das Auto wurde ich in der Nähe der Turgemer Mehrzweckhalle „Gut“ los, wo auch die Bezirksschule untergebracht ist. Die Anlage befindet sich ganz in der Nähe der rauschenden Limmat, hat aber keinen direkten Zugang zum Fluss. Turgi ist übrigens für seine Bildungsbeflissenheit berühmt; die Gemeinde hat schon 1886 eine für alle Jugendlichen obligatorische Bürgerschule eingeführt, 10 Jahre vor allen anderen, die erst auf einen gesetzlichen Zwang reagierten. Aus ihr wurde die regionale Bezirksschule.
 
Ich spazierte über die Brücke auf die Untersiggenthaler Seite und folgte rechtsufrig auf dem Wanderweg dem Flusslauf, der eine Linkskurve vollzieht, bis zur Holzbrücke in Ennetturgi.
 
Die Limmat rauschte, hatte es eilig, verharrte aber züchtig in ihrem Bett. Das Streichwehr, das leicht diagonal, also annähernd parallel zur Fliessrichtung mitten im Fluss verläuft und einen Teil des Wasser dem Limmatkraftwerk zuleitet, war beinahe gestrichen voll ... von Wassermangel keine Spur. Die Überlaufschwellen hatten nur noch wenig Höhendifferenz.
 
Der Mergel-Wanderweg hatte nur wenige kleine Wasserpfützen, ermöglichte also ein problemloses Spazieren. Frauen mit Kinderwagen, Hundehalter und Jogger suchten hier ihre erfrischende Erholung, fanden sie allerdings nur zum Teil. Denn die Luft ging mit jenem süsslich-moderigen Geruch schwanger, den man oft in der Nähe von Kläranlagen antrifft. Mein dadurch etwas benebeltes Gehirn liess immerhin noch einige vernünftige Gedanken wie diesen zu: Kläranlagen bewältigen sturzbachartig anfallende Wassermengen nicht, das heisst, ein grosser Teil des Wassers fliesst im Falle starker Regenfälle direkt in die Bäche, Flüsse und Seen, ansonsten die Klärwerke enorm vergrössert werden müssten. Doch der Zufall will es, dass bei grossem Wasseranfall auch der Verdünnungseffekt erhöht ist, und das trifft sich ja dann gut.
 
Als ich das braune Limmatwasser anschaute, wusste ich nicht, ob abgeschwemmter Humus, die Zürcher Stadtreinigungssauce oder häusliches und industrielles Abwasser, das die Klärwerke unbehelligt passierte oder direkt umgangen hatte, dafür verantwortlich waren. Wahrscheinlich war es alles zusammen. Was die hier in der Limmat schwimmenden Fische (Schleien, Äschen, Barben, Hasel, Hechte, Egli, Brachsmen, Bachforellen, Bachneunaugen, Grundeln, Nasen usf.) zu dieser Überfülle an erwünschtem und weniger begehrtem Futter sagen, konnte ich nicht herausfinden.
 
Als ich mich der alten Holzbrücke Turgi näherte, hielt ein gütiger Wind das Zürcher Parfüm von mir fern, so dass ich mich unbehelligt in Brückenfragen vertiefen konnte, die sich im Wasserschloss natürlich immer wieder stellen. Im speziellen Fall von Turgi wurde die erste Limmatbrücke 1845 durch die Fabrikbesitzerfamilie Bebié erstellt. Jenen Flussübergang gibt es aber nicht mehr, weil die alte, baufällig gewordene Brücke 1921 durch eine neue, ähnliche Holzbrücke ersetzt wurde, die Johann Biland aus Baden entworfen hatte. Sie ist auf 4 Jochen abgestützt. Ein Rafendach hält das Regenwasser fern und verlängert die Lebensdauer das Holzbauwerks. Südwestseitig ist es mit Holzbrettern vollständig verschalt. Besonders schön ist die in der Mitte stehende dreiseitige Kanzel mit karniesförmigen Bügen (Glockenleisten), polygonalem Ziegelhelm und schwarzblau geflammten Brüstungen. Diese angenehm geschmückte Brücke gehört heute der Gemeinde Turgi und dient dem Fussgänger- und Veloverkehr. Eine Strassenbrücke Ennetturgi-Turgi befindet sich in kurzer Distanz flussabwärts.
 
Die Limmatschlaufe in Turgi war schon im 19. Jahrhundert als Industriestandort begehrt. Die zwischen 1826 und 1836 erstellte Baumwoll-Spinnerei Bebié war die erste grosse Fabrik im östlichen Teil des Kantons Aargau: ein riesiger Komplex, in dem der Spinnereibetrieb 1962 aufgegeben wurde. Die Wasserkraft lag vor der Haustür. Die sozialen Zustände sollen miserabel gewesen sein. Die Arbeiter wurden rücksichtslos ausgenützt. Und Ludwig Kappeler-Bebié sorgte dafür, dass das Fabrikgesetz von 1862 nur wenig verbessern konnte. Die Arbeiterschaft wurde von Aufsehern unter Totalkontrolle gehalten, gebüsst, geknebelt.
 
Neben den Spinnereien wurde 1905 ein kleines Kraftwerk gebaut, nachdem die Wasserkraft bis dahin mit Hilfe von Wasserrädern, Transmissionen und Turbinen genutzt worden war. Das heutige Kraftwerk Turgi mit S-Rohrturbine ist 1986 entstanden und entwickelt knapp 1 MW Leistung und gehört der Limmatkraftwerke AG.
 
1962, also vor 50 Jahren, kaufte die Brown Boveri in Baden (BBC) die Werke Bebié und Kappeler-Bebié. 1965 begann der Bau des BBC-Werks in Turgi, und 1985/86 wurden in den Spinnereien Büros und Fabrikationshallen für die BBC-Informationstechnik (heute: ABB) eingerichtet.
 
Ich folgte der Spinnereistrasse, die den Industriebauten entlang führt, doch dann in einem Wendeplatz ihr Ende findet. Nicht einmal ein Fussweg führt weiter. Das hiess umkehren. So wählte ich die Bahnhofstrasse und erlebte die Industriegemeinde Turgi als Verkehrsort. Sie war dank der Erstellung der Bahnlinie zwischen Turgi und Waldshut D zum Eisenbahnknotenpunkt geworden, was wiederum Industrieansiedlungen provozierte. Die erste direkte Verbindung nach Deutschland zweigt hier von Nordostbahnnetz ab.
 
Arbeiter- und Fabrikantenwohnhäuser rufen im Ort noch Aspekte aus der Industriegeschichte von Turgi in Erinnerung, an der das Wasser mitgewirkt hatte – und manchmal auch das Abwasser.
 
Quellen
Verein Wassertor der Schweiz, Windisch (Herausgeber): „Wasserschloss. Das Wassertor der Schweiz", Verlag Merker im Effingerhof, Baden und Lenzburg.
Info-Tafeln „Industriekulturpfad Limmat-Wasserschloss".
 
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