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BLOG vom 01.08.2012


Suche nach der Startklappe, die den Altersbeginn andeutet
Autor: Walter Hess, Publizist, Biberstein AG/CH (Textatelier.com)
 
Meine 75 Jahre trage ich mit Fassung, und wahrscheinlich ist auch ein bisschen Stolz dabei. Denn in dieser Zeit hat sich einiges an Erlebnissen, Erfahrungen, Einsichten und Wissen, von dem ich das meiste wieder vergessen habe, zusammengeläppert. Nur habe ich nie so recht herausgefunden, wann es denn eigentlich beginnt: das Alter.
 
Selbst Säuglinge sind von einem Alterungsprozess befallen. Er ist ein chronischer Begleiter durchs ganze Leben, unheilbar. Man sagt, 40 oder 50 Jahre seien doch kein Alter, was aber nicht stimmt, ansonsten es auch kein jugendliches Alter gäbe. Also ist auch die Jugend ein Alter, aber keine Bejahrtheit (= hohes Alter).
 
Hält man ein Palaver zum Thema Alter ab, wie es hier geschehen soll, meint man das Alter als Folge einer stattlichen Anzahl von Jahren, das sich zum Beispiel in Form von Runzeln und einer erhöhten Zurechnungsfähigkeit äussert. Die Prozesse verlaufen zwar etwas langsamer, sind aber bestimmter, zielgerichteter, überlegter, falls es dem Individuum gelungen ist, die Phase der Infantilität zu überwinden, was keineswegs Standard ist.
 
Die Frage stellt sich nun, wann das Alter, wie es hier gemeint ist, denn beginne – oder, auf einen einfachen Nenner gebracht: „Wann ist man alt?“. Fängt das Alter am 65. Geburtstag an? Denn dieser willkürliche, mathematisch begründete Zeitpunkt gilt bei uns in der Schweiz als landesüblicher Auftakt zur Pensionierung, obschon der durch nichts, aber auch rein gar nichts gerechtfertigt ist. Ob der Erfinder dieses Zeitpunkts etwas mit dem Konstrukteur der Guillotine zu tun hat? Von einem Tag auf den anderen durchschneidet das Fallbeil den Arbeitsstrang im Lebenslauf, einfach aus kalendarischen Gründen. Bei diesem Schematismus wird keine Rücksicht darauf genommen, ob man jemand in dessen eigenem und im geschäftlichen Interesse gescheiter früher pensioniert hätte oder ob er/sie, dank der Reife, der geballten Ladung an Fachwissen und Einsatzbereitschaft, der Arbeits- und Wirtschaftswelt unbedingt noch erhalten werden müsste. Eine erfüllende Arbeit ist kein krankmachender Faktor, ein aufoktroyiertes Nichtstun schon eher. Wobei sich tüchtige Menschen natürlich selber sinnvoll zu beschäftigen wissen (siehe Blog-Ende). Sie sind ja nicht blöd.
 
Zur Beantwortung des Zeitpunkts des Altersbeginns eignet sich die Zahl 65 also nicht – das Altern ist ein schleichender Prozess. Also kann es auch die nächste, einigermassen gerade in der mathematischen Landschaft stehende Zahl nicht sein: 70. Doch diese Zahl ist schon verdächtiger. Denn mit 70 muss, wer einen Fahrausweis (Führerschein) hat, in der Schweiz erstmals zu einer ärztlichen Kontrolle antreten, die Auskunft darüber geben soll, ob er noch alle Sinne beisammen hat und auf bestimmte Reflexe reagiert, wie viel Zucker im Blut ist und wo es auch sonst noch überall zuckt, um heil durchs Verkehrsgetümmel zu kommen. Es handelt sich also um eine Massnahme in Interesse des verkehrstechnischen Umweltschutzes wie auch des Schutzes des Betroffenen, wenn er sich noch hinters Steuer wagen beziehungsweise verirren sollte. Anschliessend muss man dieselbe Prozedur alle 2 Jahre über sich ergehen lassen. Man wird ja nicht jünger. Und schliesslich heckt die EU einen Plan aus, alte Autos jedes Jahr zum TÜF (Prüforganisation) zu schicken und technisch überprüfen zu lassen – auch auf Tachomanipulationen (wovon bei Menschen vor allem Stars betroffen sind).
 
Dennoch: 70 als Einfallstor ins Alter zu betrachten, funktioniert auf dieser Basis ebenfalls nicht. Und dann wird man, wenn alles gut geht, eines fernen Tages eben 75. Ich spreche aus Erfahrung. Solche durch 25 teilbare und deshalb als „rund“ bewertete Zahlen sind jeweils Anlass für grössere Festivitäten: Man hat dann einen Grund, um sich feiern zu lassen und hofft aus dem Munde von begabten Festrednern im Brustton der Überzeugung zu erfahren, wie ausgesprochen gut man inzwischen alles gemacht hat, wie erfolgreich man war und noch ist und dass man einem die 75 Jahre nie, aber auch gar nie geben würde; schon 60 würde als Übertreibung (nach oben) empfunden. Prosit. Er/sie lebe hoch! Ein dreifach Hoch!
 
Die Rituale sind wunderbar eingespielt, bewährt, kommen immer wieder gut an wie eine Geburtstagstorte, falls sie nicht durch das Wachs tropfender Kerzen verunstaltet wurde. Geburtstagsreden gehören zum Grundprogramm von jedem Rhetorikführer in Buchform („Ansprachen für jeder Gelegenheit“ oder: „Der erfolgreiche Festredner im Jahresverlauf“). Dass den Gästen das Buffet wichtiger ist, wird niemals erwähnt; denn das wissen alle sowieso. Man weiss, was sich gehört.
 
Auch 75-Jahre-Feiern, so marksteinig sie sein mögen, sind nicht mit dem Klappgeräusch der Starterklappe oder gar mit einem Startschuss ins Alter verbunden: Auf den Platz – fertig – los! In meinem persönlichen Fall gab es einige wenige Wochen nach meinem 75. doch ein Ereignis, das mir zu denken gab. Im Briefkasten wartete ein Päckchen mit einer in schöner Handschrift geschriebenen Karte mit abgebildetem Wildblumenstrauss. „Wir wünschen Ihnen viel Freude und Zufriedenheit, gute Gesundheit und Wohlergehen – und immer auch die nötige Prise Humor, um weiter erfolgreich weiser werden zu können. Möge das neue Lebensjahr genau so werden, wie Sie es sich wünschen.“ Hanny Rohr fügte bei, auf Wunsch sei man für mich da.
 
Als Geschenk lag eine batteriebetriebene Leselupe einschliesslich der beiden nötigen Batterien bei, und die im Original englische Bedienungsanleitung („Operation instruction“) war einfühlsamerweise von der „Pro Senectute. Für das Alter Aargau“ ins Deutsche übersetzt worden (www.pro-senectute.ch).
 
Was ich früher unter dem Namen „Stiftung für das Alter“, die 1920 gegründet wurde, kannte, ist eine Fach- und Dienstleistungsorganisation der Schweiz im Dienste der älteren Menschen. Weil eine Nachbarin jährlich eine Sammelaktion durchführte, steuerte ich jeweils einen kleinen Obolus bei und hätte nie erwartet, dass etwas davon in Form einer chinesischen und tatsächlich nützlichen Leselupe mit 9-cm-Linse zurückkommen würde. Sie ist so einfach zu bedienen, dass es uns 75ern ohne Weiteres zumutbar ist, einfacher noch als ein Computer.
 
„Pro Senectute“ war also die edle Spenderin. Im Lateinischen bedeutet senectus = alt, bejahrt, aber auch Greisenalter, graues Haar, Ernst, Grämlichkeit. Das mit dem grauen Haar trifft bei mir zu, im Ernst. Jedenfalls hatte ich nun den handgreiflichen, im Sinne von schriftlichen Beweis dafür, dass ich ein Alter auf dem Weg zum Greis bin. Und immer sind die Übergänge fliessend – darin liegt die Lösung. Und wo etwas im Fluss ist – und schliesslich fliesst alles –, haben Marksteine nichts zu suchen. Sie würden ja auch gleich weggeschwemmt.
 
Möglicherweise werde ich eine neue Bestätigung des Altseines erhalten, wenn ich bald einmal eines der Pro-Senectute-Angebote annehmen muss: Haushilfedienst, Mahlzeitendienst, Administrativer Dienst/Steuererklärungsdienst. Ich werde das zum gegebenen Zeitpunkt verbloggen, soweit das dann noch möglich sein wird.
 
Einer, der mit seinem Alter etwas anzufangen weiss, ist Franz Straub in Aarau, der meiner Überschlagsrechnung zufolge zurzeit etwa 70 Lenze zählt. Er war 12 Jahre lang ein sachkundiger und menschlich einfühlsamer Chefredaktor am „Aargauer Tagblatt“ (AT) bzw. an der „Aargauer Zeitung“ (AZ) und obendrein ein brillanter Schreiber. Er vertrat traditionelle publizistische Werte wie Gründlichkeit, Zuverlässigkeit, Korrektheit, Tiefgang, Engagement. Dann brandete der Mainstream heran, spülte das solide journalistische Handwerk-Rüstzeug weg.
 
Franz Straub nutzt seinen Ruhestand für umfangreiche Velotouren und ist als Vertreter des Bezirks Aarau bei einer gemeinnützigen Organisation tätig: bei Pro Senectute.
 
Ich hoffe, dass ich mit ihm demnächst das Rätsel „Altersbeginn“ bei einer längeren Besprechung lösen kann.
 
Hinweis auf weitere Blogs zum Thema Alter
04.01.2005: Sind Altersheime eine Fehlkonstruktion?
Ihre Meinung dazu?

 
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