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BLOG vom 05.08.2012


Savoyen 1: Reise über den Col de la Forclaz nach Chamonix
Autor: Walter Hess, Publizist, Biberstein AG/CH (Textatelier.com)
 
Aus touristischen Gründen wäre es sinnvoll gewesen, den Mont-Blanc der Schweiz einzuverleiben, statt diesen Alpenkoloss im Grenzbereich Frankreich-Italien, oberhalb von Chamonix-Mont-Blanc, hinzustellen. Man hätte auch einfach die Landesgrenzen anders ziehen können (darüber wird auch im Blog Savoyen 4 spekuliert). Wahrscheinlich ist die gegebene Situation das Ergebnis eines geschickten Schachzugs des einst einfluss- und (im 2. Weltkrieg) am Ende noch siegreichen Frankenreichs, um uns Hirtenknaben und -mädchen von den eigenen Alpen, die ja ebenfalls viele weisse Berge umfassen, hinüber nach Frankreich zu locken. Wir Schweizer sollen dort unsere für die Ferien in harter Arbeit verdienten und aufgesparten starken Franken und Rappen in Form von schwächelnden Euros liegenlassen. In meinem Falle hat der Franzosen-Trick verfangen.
 
Savoyen kannte ich bisher nur rudimentär. Im Rahmen einer Pressereise verschlug es mich im Oktober 1982 nach einer Exkursion zum „Super-Phénix“ in Creys-Malville (Département Isère), der 1997 ausser Betrieb kam, auch zum Kernkraftwerk Bugey (Gemeinde St-Vulbas, Département Ain), das immer noch mit Rhônewasser gekühlt wird. Es produziert direkt an der Grenze zu Savoyen; die Unterkunft hatten wir im Grand Hôtel Ducs de Savoie am Bahnhofplatz in Vhambéry (siehe Blog Savoyen 8). Und 1997 besuchte ich Les Diablerets im Rahmen einer Alpen-Exkursion mit Einbezug von Verbier VS und Chamonix F, meinerseits nach Abkühlung suchend.
 
Savoyen ist in der Deutschschweiz fast ein Fremdwort, unbekannt, abgesehen von dessen geschichtlichen Bezügen zur Westschweiz, die gute Geschichtslehrer verbreitet haben. Natürlich gehört auch das Südufer des Genfersees (Le Léman) zu Savoyen, und Thonon-les-Bains und Évian-les-Bains sind Bestandteile unserer schulisch antrainierten Geografiekenntnisse. Eine Fahrt mit der alten Bahn zwischen Évian und St-Gingolph/Bouveret ist ein beliebter Ausflugsspass. Als ich (1997) die Strecke befuhr, hielt der Dampfzug vor Strassenübergängen an, und der Kondukteur schloss die Barriere von Hand, um sie dann ebenso wieder zu öffnen, ein Beitrag zu einem beschaulichen Reisen und zur Arbeitsbeschaffung. Die Linie wird jetzt erneuert. Dann wird's zügiger vorangehen.
*
Spitzkehren über Martigny
Den Einstieg nach Haute-Savoie unternahm ich diesmal von Martigny im Wallis (VS) aus über den Forclazpass (Col de la Forclaz = Gabelpass). Von Martigny aus verläuft die jetzige, 1957 angelegte und gut ausgebaute, zweispurige Strasse in ziemlich steilem Anstieg (maximal 9 % Steigung) durch Rebberge mit Signalen für Sprühflüge. Dabei öffnet sich eine weite Sicht über die ausufernde Stadt Martigny mit ihren 3 Ortsteilen, über das Rhônetal und die Walliser Berge. Das Château de la Bâtiaz, auf einem Felsvorsprung ausgestellt, kann besonders gut eingesehen werden, sozusagen auf Augenhöhe, aber aus respektvoller Distanz. Diese Burg (im Ortsteil Martigny-Bourg) wurde im 13. Jahrhundert von Graf Peter II. von Savoyen erobert, fiel aber mit der anderen Burg, La Crête, nach Peters seligem Ende wieder an den Bischof von Sitten zurück, wie es eben Sitte war. Bei dieser meiner Erwähnung ging es bloss um einen Hinweis auf die expansive Politik des Hauses Savoyen, wie sie ja auch bei den Habsburgern beoachtet wurden, eine Form von Vorlauf auf die Globalisierung, die sich bis in die Heiratspolitik auswuchs und am Ende scheiterte, wie der heutige Grössenwahnsinn auch. Das tröstet.
 
Die mit 7 attraktiven Spitzkehren versehene, etwa 6 m breite Strasse wird bergseits fast ständig von einer perfekten Natursteinmauer begleitet und verliert sich dann im Wald mit den vielen Kastanienbäumen bei La Fontaine. Unversehens ist man wenig später auf der Passhöhe angelangt (1526 m ü. M.).
 
Die erste Strassenverbindung hierhin wurde 1824 angelegt, wobei es 11 enge Kehren und Steigungen von 20 bis 28 % gab; noch früher existierte bloss ein Saumpfad. Natürlich hätten sich die Strassenplaner diese Höhendifferenz ersparen und die Verbindung dem wilden Bach Trient entlang bauen lassen können, also viel tiefer unten. Dieses Gewässer strebt der Rhône zu, hat aber die Landschaft stark geprägt, um nicht zu sagen: in Mitleidenschaft gezogen. Es hat in geduldiger Feilarbeit tiefe Schluchten eingefressen, die, wie auch die Viamala im Bündnerland lehrt, für Strassenbauten mit vertretbarem Aufwand ungeeignet sind. Also strebte man nach oben.
 
Auf der Forclaz-Passhöhe
Für Touristen, die 2 Augen für Landschaftsweiten mitbringen, lohnt sich der Ausflug in die Höhe. Nach Süden ist der Blick zur Gletscherwelt der Aiguille du Tour (3543 m) offen, der einen fast zum Schmelzen bringt. Nachdem ich mich am Forclaz-Kiosk mit Kartenmaterial eingedeckt hatte, erkannte ich zudem den Col de Balme (2204 m), der für Wanderer angeblich eine angenehme Verbindung nach Chamonix ist. Im Süden grüsste der Trientgletscher (Glacier du Trient).
 
Auf der Passhöhe sind hinreichend Parkplätze und ein grosses Hotel vorhanden, das an jenem 25.07.2012 gerade Wähe (Früchtekuchen) aus frischen Aprikosen anbot. Walliser Aprikosen!
 
Der Suone entlang 
Nach dem Wähengenuss wollten wir noch ein paar Schritte tun. Wir studierten die Infotafeln und gerieten in südlicher Richtung auf einen Wanderweg, unter den gerade eine betonierte Wasserleitung (Wasserleite, Suone) abtauchte, eine Erinnerung, dass wir noch im Wallis mit seinem steten Kampf gegen die Trockenheit waren. Wir folgten dem Wassergraben am Westhang des Pointe Ronde (2700 m). Im Graben mit dem annähernd quadratischen Querschnitt schien das saubere Lebenselixier leicht aufwärts zu fliessen; wir verwarfen aber diese Variante der Fata Morgana gleich wieder. Die Leite wurde nach bewährtem Muster so angelegt, dass das Gefälle durchgängig minimal blieb. Das bedeutet, dass dort, wo eine kleine Senke war, nicht einfach Höhendifferenz geopfert werden konnte, sondern das Wasser in einem langen Kasten aus schweren Holzbrettern weitergeführt werden muss, bis dann das Höhenniveau wieder stimmt.
 
In diesem alpinen Wald mit den Lärchen und anderen Nadelbäumen hätten wir noch stundenlang spazieren mögen, zuerst gegen den Strom, wie es meine Spezialität ist. Doch mussten wir uns, noch bevor wir das Châlet du Glacier erreicht hatten, zur Umkehr zwingen: zurück zur Passhöhe, die zwischen dem Mont de l’Arprille und dem (2085 m) im Norden und dem Croix des Prélayes im Massiv des Le Génépi (2884 m) im Süden liegt. Der Génépi wird in einem späteren Blog noch thematisiert.
 
Durchs Trienttal
Die Fortsetzung der Autofahrt führte hinunter nach Trient VS, das nichts mit dem italienischen Trient zu tun hat. Wir befanden uns in einer im Interesse der Landesverteidigung gut gesicherten Landschaft. Die Walliser Ausgabe von Trient (im Tal auf 282 Höhenmetern) ist von 22 Weilern umgeben; wir hatten das von der Forclazpasshöhe aus bereits beobachtet. Unterhalb des Dörfchens ist ein gross dimensioniertes Kieswerk, wo früher wahrscheinlich Eisenerz abgebaut wurde. Die von Felsen begleitete Strecke, die am Tête Noire vorbei angelegt wurde, führt unterhalb von Le Châtelard vorbei, und kurz darauf ist die Grenze Schweiz-Frankreich endlich erreicht.
 
Promillefrei
Wir hielten am Zoll unseren Prius an, und ich wollte mir einige Alkoholtestgeräte besorgen, wie sie nun in Frankreich für Menschen hinter dem Steuer vorgeschrieben sind. In der Schweiz hatte ich mich beim Touring-Club (TCS) vergeblich darum bemüht. Ich hätte schon lange gern gewusst, wie hoch bei mir als 89,99 kg schwerem 75-Jährigen der Promillepegel steigt, wenn ich zu einem ausreichenden Mittagessen 2 oder 3 Deziliter Wein (mit 11- bis 12 Volumenprozenten) getrunken habe. Ich wollte mit einem Zöller sprechen, doch war von dieser Spezies ebenso wenig aufzutreiben wie von einem Testgerät. Ich erkundigte mich in der Servicestelle (Tankstelle). Der freundliche Shop-Besitzer zeigte sich über mein Ansinnen belustigt. Damit könne er mir nicht dienen, sagte er, und in Frankreich werde ohnehin nicht kontrolliert, wobei ich jetzt nicht mehr genau sagen kann, ob er mit dem Kontrollieren das Vorhandensein eines Messegeräts oder den Alkoholpegel, der beim uns gerade bei 0 Promille lag, meinte.
 
Jedenfalls hatten wir einen Eindruck von der französischen Lebensart à la légère erhalten und wussten nun, dass man nicht allem zu sehr auf den Grund gehen sollte. Wir fuhren weiter, hatten noch einige Serpentinen hinter uns zu bringen und liessen uns linkerhand vom Anblick des Glacier du Tour und des Glacier d’Argentière mit den vorgelagerten, geschliffenen Felsabhängen begeistern.
 
Und dann rollt man durch kleine Dörfer wie Les Chosaltes, Le Lavancher und Les Bois dem Sportort Chamonix unter dem weltberühmten, eisstarren Mont-Blanc-Klotz entgegen.
 
Ankunft in Chamonix 
Somit hatten wir das erste Etappenziel unserer Tour de Savoie erreicht. Wir hielten in der Nähe des Bahnhofs Chamonix, ein romantisierendes, langgezogenes Gebäude an der TER-Strecke von St-Gervais-les-Bains nach Vallorcine, wo man in den Zug nach Martigny umsteigen kann bzw. könnte.
 
Doch danach war uns überhaupt nicht zumute, da unser Erlebnishunger erst geweckt und überhaupt nicht gestillt war. Knapp 200 m vom Bahnhof entfernt fiel mir das Hôtel Mercure auf, ein hoher, moderner und doch verspielter Holzbau, üppig mit dunkelbraunem Holzschutz imprägniert und mit roten Geranien geschmückt, an den Giebeln von Lämpchen-Firlefanz überwuchert, wahrscheinlich ein Hinweis aufs chinesische Kirschblütenfest. Japaner, Chinesen und Inder waren rudelweise auszumachen, diszipliniert, unauffällig, ständig am Fotografieren.
 
Ich erkundigte mich an der Réception, ob ein Doppelzimmer für 2 Nächte frei sei – kein Problem (168 Euro pro Nacht inkl. Petit Déjeuner = Frühstück). Ich sagte zu. Das Auto könne ich in der Tiefgarage des Partnerbaus gratis abstellen, sagte der Fachmann an der Empfangstheke, der unheimlich schnell französisch sprach und keine Rücksicht darauf nahm, dass ich erst am Aufwärmen meiner Französisch-Kenntnisse war, die einst recht gut, inzwischen aber innerhalb eines Sprachenbreis eher ein Randdasein führen und allmählich wiederbelebt werden müssen.
 
Um in die Garage zu kommen, musste ich, der Schnellinstruktion folgend, über Mäuerchen, die wie Stolperanlagen anmuten und keinen erkennbaren Sinn haben, den Eingang des benachbarten Hotelbaus finden. Darin hatte ich mich über eine Treppe und durch ein Labyrinth von seitlichen Ein- und Ausgängen durchzumanövrieren sowie Lichtschalter zu entdecken. Endlich landete ich, wohl eher zufällig, in der Garage. Währenddem Eva im Auto draussen auf der Abfahrtsrampe geduldig wartete, musste ich noch einen Code eintippen, um das Tor zu öffnen. Ich hatte den Französischtest bestanden, doch den Gastbetreuungstest hatte das Hotel verloren. Dabei verstehe ich natürlich, dass Frankreich seine Arbeitslosenquote von 11 Prozent nicht halten könnte, würde man am Hotelpersonal weniger sparen.
 
Wir quälten das Auto nach 262 km Fahrt (ab Biberstein AG) mit zugeklappten Aussenspiegeln an einer Betonstütze vorbei und packten das Nötige aus, wechselten wieder die Strassenseite, fuhren mit dem Lift zum Zimmer 504 mit Blick zum im Schatten liegenden Le Brévet. Die Welt und das Hotel waren in Ordnung, mit allem nötigen Komfort ausstaffiert.
*
Über Chamonix und den Ausflug auf den Aiguille du Midi (übersetzt: Mittagsspitze) soll im nächsten Blog berichtet werden. Ob auch jener Bericht spitze (klasse) sein wird, kann ich noch nicht sagen, aber der Ausflug war es schon.
 
Hinweis auf weitere Blogs über den Raum Martigny
 
Hinweis auf einen weiteren Bericht über eine Suonen-Wanderung
11.07.2010: Turtmanntal 2: Via Bärenpfad zur Wasserleite von Ergisch VS
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