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BLOG vom 13.08.2012


Savoyen 5: Im Schüttelbecher zum Nid d’Aigle verfrachtet
Autor: Walter Hess, Publizist, Biberstein AG/CH (Textatelier.com)
 
Das auffälligste Wunder am bahntechnischen Wunder „Tramway du Mont-Blanc“ besteht nach meinem Empfinden darin, dass die Zahnradbahn nicht zwischen die Schienen fällt (wie das übrigens mir passiert ist, siehe später). Die Geleise, welche die Zahnstange beidseitig begleiten, verlaufen nicht schnurgerade, sondern sie scheinen von einem Freihandzeichner entworfen zu sein, der Mühe mit der Geraden hat. Und wenn die Bahn die steile Strecke auf- oder abwärts befährt, werden die Passagiere in der Holzklasse gerüttelt und geschüttelt. Durch die offenen Fenster ertönen ein Quietschen, Stöhnen, Jammern, worunter sich achromatische Gesänge von misshandeltem Eisen, ein Schlagen und dumpfes Hämmern mischen. Die vorbeiziehende Landschaft mit dem Blick an den Mont-Blanc ist grandios, wird nach oben zunehmend grandioser. Die erste Teilstrecke dieser insgesamt 12,4 km langen Bergbahn wurde 1899 in Betrieb genommen.
 
Die Rede ist hier von der einstündigen Bahnfahrt von St-Gervais-Les-Bains in Savoyen auf den Mont Lachat (http://www.compagniedumontblanc.fr/). Normalerweise geht die Bahnreise von dort noch hinauf zum Refuge-du-Nid-d’Aigle beim Glacier-de-Bionnassay auf 2400 Höhenmetern. Doch da ganz oben die Strecke verschüttet ist, vor dem Tunnel (unterhalb des Tête-Rousse-Gletschers) Steinschlagnetze montiert werden und der Tunnel ebenfalls instand gestellt werden muss, ist bis zum Abschluss der Arbeiten auf dem Mont Lachat Schluss mit der Bahnfahrt. Den Rest haben wir unter die eigenen Füsse genommen.
 
Die Bergfahrt ab St-Gervais
Die elektrifizierte Zahnradbahnfahrt beginnt an sich bei Le Fayet (585 Höhenmeter) nordwestlich unterhalb von St-Gervais; doch sind wir erst in St-Gervais (an der Rue du Berchat, wo sich der 1909 erbaute Bahnhof befindet) zugestiegen (Kosten für die Retourfahrt: 30,4 Euro pro erwachsene Person). Nachdem das Aussendorf Morneau passiert ist, steigt die bejahrte Bahn mit ihren nostalgischen Holzbänken durch den Wald zur Haltestelle Montivon (1303 m) an, und gelegentlich wird durch das Geäst der Bäume der Überblick über das Dorf St-Gervais mit dem neuen Strassenviadukt frei. Der nächste Halt ist auf dem Col de Voza (1653 m), auf dem eine stattliche Anlage mit Appartements steht. Man findet sich hier in einer alpinen Umgebung mit wenigen Bäumen, und nahe beim Bellevue, einem Kasten zur Touristenbeherbergung (1812 m), findet der nächste Halt statt. Dann quält sich die Trambahn bis zum Mont Lachat (2077 m) weiter. Auf der rechten Seite wächst die ergraute Zunge des Bionnassay-Gletschers zu stattlichen Dimensionen heran. Und der Mont-Blanc scheint näher zu kommen und ständig in die Höhe zu wachsen, als ob er nicht schon hoch genug wäre. Das Panorama weitet sich ununterbrochen. Bei unserem Ausflug vom 27.07.2012 war die Sicht so, dass man Aufnahmen für einen Kalender hätte machen können.
 
Auf dem Mont Lachat
Endstation der TMB (Tramway du Mont Blanc) hin oder her, wir wollten uns dem Bionnassay-Gletscher annähern, und das steil aufwärtsstrebende, momentan stillgelegte Trasse des Tramways zum Nid d’Aigle (Adlernest), teilweise in die Felsen, Les Rognes, gehauen, wies den Weg. Allerdings signalisierte eine Verbotstafel bei der Station Mont Lachat, dass eine Trasse-Begehung unerlaubt sei. Das war vorerst kein Problem, stand doch ein ungehobelter Wander-Trampelpfad gleich daneben zur Verfügung.
 
Die Flora, die sich bis zur Zahnradbahnstange vorgewagt hatte, war in Hochblüte. Besonders stark vertreten sind die Allionis Glockenblume (Campnaula alpestris), die Pfauennelke (Dianthus pavonius), Alpenaster (Aster alpinus), die Alpen-Gänsekresse (Arabis alpina), das Rot-Seifenkraut (Saponaria ocymoides) und viele andere, auch kleine Hauswurzkissen und Silbermäntelchen.
 
Aufstieg auf dem Trasse
Der verzworgelte Weg aber kapituliert weiter oben vor den Felsen und führt einen unwillkürlich auf das verbotene Trasse zurück. Da auf diesem aber garantiert keine Bahn zirkulierte, wurde es von vielen Wanderern benützt, auch von uns, der Not gehorchend. Der Aufstieg im Schotter, der unter den Schuhen nachgab, war etwas mühsam; doch an breiteren Stellen gibt es normale Wanderweglein, die oft am Rand von aufgemauerten oder abfallenden Stellen verlaufen. Das Bahntrasse mit teilweise Y-förmigen Eisenschwellen, steinschlaggefährdet, schlängelt sich um einige Felsen herum und strebt dann einem vielleicht 150 m langen Tunnel zu – für Fussgänger gesperrt. Aber da wir gerade am Übertreten von Verboten waren, mit denen es in Frankreich ohnehin niemand so genau nimmt, entschlossen wir uns für die Tunnelwanderung, zumal unser Tunnelblick Licht am Ende des Tunnels erblickte.
 
Wir sollten für diese Verbotsübertretung gleich büssen. Die schmierölverschmierte Zahnschiene war glitschig, das Licht spärlich, und es stank grausam nach menschlichen Exkrementen, da der ruhende Tunnel offenbar mit einem stillen Örtchen verwechselt wurde. Wir legten geschwindigkeitsmässig einen Zacken zu, um dieser missbrauchten Tunnelanlage möglichst schnell zu entfliehen. Glücklicherweise fiel uns kein Stein auf den Kopf, obschon das Tunnelgewölbe einen eher destabilisierten Eindruck erweckte. Nach dem Ausgang, wo wir die reine, herrliche Bergluft umso mehr zu schätzen wussten, waren 3 angeseilte Arbeiter mit dem Befestigen von einem Steinschlagnetz oberhalb einer betonierten Galerie beschäftigt. Nach einem weiteren kurzen Tunnel, den wir umgingen, verloren sich die Bahnschienen in einem von einer Natursteinmauer befestigten Rutschgebiet.
 
Ein Weg bzw. ein Umweg (Umleitung = Deviation) führte über Felsbrocken und lockeres Gesteinsmaterial zu einem architektonisch gelungenen Rundbau mit viel Holz, der aber nicht zugänglich war. War das wohl das Adlernest (Nid d’Aigle), von einem scharfen, massigen und bedrohlich bellenden Hund bewacht?
 
Hier, wo unser Höhenflug endete, ist für jüngere Leute eigentlich der Ausgangspunkt für Touren auf den Mont-Blanc oder die Aiguille de Bionnassay, wobei als Stützpunkte die Schutzhütten Refuge de la Tête Rousse und Refuge du Goûter dienen. Wir begnügten uns mit dem Anblick der hochalpinen Berg- und Eis-Sensationen: den Felsen, den skurrilen Gletschern, einem Gletscherabbruch, den dem Tal zustrebenden Eismassen, die oft von Gesteinsmaterial und abrasiertem Sand auf ihrer Oberfläche ins Gräuliche verfärbt sind.
 
Abstieg mit Ausrutscher
Für den Abstieg mussten wir uns wieder ans Trasse halten; den Tunnel umgingen wir, benützten ein Weglein an einer steil abfallenden Felswand entlang. Man passt bei solchen Gelegenheiten auf. Weniger aufgepasst habe ich später auf der Schotterpiste, die mir vollkommen ungefährlich zu sein schien und die auch andere Wanderer benützten. Ich trug meine schwere Nikon-Kamera mit dem Teleobjektiv bei mir, rutschte aus und schlug mit dem rechten Unterarm auf der Eisenschiene auf – die Kamera war gerettet. Doch wagte ich zuerst gar nicht so recht, nachzuschauen, was mit meinem Unterarm geschehen war, erwartete eine klaffende Wunde. Doch meine Haut hielt dicht und wurde bloss durch ein von innen heraus wachsendes Kissen ausgedehnt. Auch der Handballen hatte offenbar beim Abfedern mitgeholfen; doch die Schmerzen, wenn man überhaupt von solchen sprechen kann, hielten sich in Grenzen. Und es war abzusehen, dass ich meine Schreibarbeiten auch weiterhin werde ausüben können, wofür dieser Bericht der unumstössliche Beweis ist. Zudem musste ich auf Evas Befehl noch in der Lage sein, aufzuschreiben, dass man auf jede Tour Verbandsmaterial und ein Dreiecktuch mitzunehmen habe.
 
Manchmal erwache ich noch heute nachts, wenn ich mein Gewicht auf den sich bessernden, von einem leichten Juckreiz befallenen rechten Arm verlagere. Dann träume ich von Bahnlinien, aus denen Blumen wachsen.
 
Oder aber ich sehe das Panoramabild „Aufstieg und Absturz“ von Ferdinand Hodler vor meinem geistigen Auge, das als eines der bedeutendsten Exponaten des Schweizerischen Alpinen Museums am Helvetiaplatz 4 in Bern gilt. Es wurde als eigenständiger Bestandteil eines riesigen Alpenpanoramas („Panorama des Alpes Suisses“) gemalt. Hodler stellte 6 Männer beim Austieg in schwierigen Felspassagen im Gebirge dar und daneben 5 der Männer, die beim Abstieg an der gleichen Stelle von einer Lawine in die Tiefe gerissen werden; nur der hinterste wird vom Unglück nicht betroffen – er kann mit letzter Mühe ein Abrutschen verhindern.
 
Sicher, als Motiv für eine Hodler’sche dramatische Darstellung hätte mein Sturz, der ja kein Absturz war, nicht getaugt. Ich habe aus meiner eigenen Panne nur gelernt, dass die eigentlichen Gefahren oft nicht dort sind, wo man sie vermutet (und entsprechend aufpasst), sondern vielmehr an jenen Stellen, wo man sich sicher fühlt und in den Tag hinaus lebt oder wandert.
 
Relativ wohlbehalten zurück
Bei der Tramway-Fahrt zurück nach St-Gervais vermutete ich solche Gefahren, da wir Schweizer doch ganz andere technische Standards für Bahnen aller Art haben. Deshalb passierte nichts. Auf den Zwischenstationen stiegen adrette Bahnangestellte weiblichen Geschlechts zu, schäkerten mit dem Triebwagenführer.
 
Der Schüttelbecher kam wohlbehalten in St-Gervais an. Auf dem Rückweg ins Dorf kamen wir an nostalgischen, verschlafenen Badehotels vorbei.
 
Berge sind eine Quelle der Kraft. Und das trifft wohl auch für das gut gelagerte Wasser zu, das sie an uns zum Trinken und Baden weitergeben.
 
Hinweise
Bahn-Fahrplan
 
Quelle
Banaudo José: „Le Tramway du Mont-Blanc“, Les Editions du Cabri, Breil-sur-Roya 2007.
 
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