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BLOG vom 21.08.2012


Zwangsmedikation: Die digitale Pille zur Einnahmekontrolle
Autor: Heinz Scholz, Wissenschaftspublizist, Schopfheim D
 
Ein 75-Jähriger, der wegen einer Unterfunktion der Schilddrüse und diversen Beschwerden 7 verschiedene Medikamente verschrieben bekam (darunter einen Blutverdünner), wollte von mir Näheres über die Neben- und Wechselwirkungen der Medikamente wissen. Er war höchst erstaunt, dass er von seinem Hausarzt keine Aufklärung darüber bekommen hatte. Er selbst spürte bei Einnahme der Arzneien Nebenwirkungen und liess einige Medikamente weg. Er fühlte sich wohler. Ich riet ihm, doch den Arzt zu wechseln. Dies tat er dann auch und siehe da, der neue Mediziner war der Ansicht, für die Krankheiten benötige der Patient gar nicht so viele verschiedene Arzneien. Nun kommt er mit 3 aus.
 
Auf die Frage, was er mit den anderen unnötig verschriebenen Arzneien machte, antwortete der Malträtierte: „Ich warf sie in den Müll.“
 
Es gibt viele Patienten, die erst über den Beipackzettel über mögliche Nebenwirkungen, Wechselwirkungen und Gegenanzeigen aufgeklärt werden. Manche Ärzte haben oft keine Zeit, sich lange mit einem Patienten zu befassen.
 
Die Beipackzettel sind oft so verfasst, dass man meinen könnte, sie seien für Mediziner entworfen. Viele Patienten beklagen, diese wichtigen Informationen wären zu umfangreich, schwer verständlich und unübersichtlich. Auch schrecken die zahlreich aufgeführten Nebenwirkungen vielfach von einer Medikamenteneinnahme ab.
 
Der 75-Jährige bekam auf seinem Wunsch hin auch Erklärungen von mir zur Wirkung und Infos über Aussagen in den Beipackzetteln. Im Zusammenhang mit dieser Information schaute ich mir die Beipackzettel genau an. Die Infos waren in der Tat für einen Nichtmediziner verwirrend.
 
Ich erklärte dem Ratsuchenden auch, dass jeder Pharmahersteller verpflichtet ist, jede Nebenwirkung anzugeben, egal, ob häufig oder selten vorkommend. Auch andere Infos über das Medikament, ob wichtig oder unwichtig, müssen im Beipackzettel aufgeführt werden.
 
Den Ärzten gefällt es ganz und gar nicht, wenn sie nicht wissen, ob ihre Patienten die Pillen auch eingenommen haben. Der Patient wird natürlich nicht sagen, dass er diese in den Müll geworfen oder in einem Arzneischrank zwischengelagert hat. Es gibt Untersuchungen, dass 50 % der Patienten die Arzneien gar nicht oder nur unregelmässig einnehmen.
 
Kontrolle durch die digitale Pille
Die US-Arzneimittelbehörde FDA (Food and Drug Administration) hat eine digitale Pille zugelassen – kaum zu glauben!. Das Medikament wird um einen sandkorngrossen Chip platziert. Sobald der Chip auf die Magensäure trifft, sendet er ein elektrisches Signal aus. Das wird dann von einem Pflaster auf der Haut des Patienten empfangen und weitergegeben. Die Signale treffen anschliessend auf ein Smartphone oder Mobiltelefon. Die Informationen gelangen dann zu den Ärzten und Pfleger. Diese können dann kontrollieren, ob der Patient die Medikamente eingenommen hat. Dann kann der Patient nicht mehr sagen: „Die Pillen habe ich regelmässig eingenommen“, ohne es getan zu haben.
 
Ich bin der Ansicht, dass der Patient dann nicht mehr frei entscheiden kann. Das kommt einer Entmündigung gleich. Bisher ist das Verfahren nur für den Einsatz in Placebos erlaubt. Bald soll die Zulassung für verschiedene Medikamente folgen. In Deutschland und der Schweiz ist die digitale Pille noch nicht zugelassen. Aber infolge der US-Hörigkeit und der allmächtigen Pharmalobby wird das zweifellos bald geschehen. Die Pharmaindustrie ist auch an so einer Entwicklung interessiert. Nimmt nämlich der Patient das verschriebene Medikament nicht ein und bemerkt der Arzt keine Wirkung, wird er eine Arznei von einem anderen Hersteller verschreiben.
 
Gibt es Alternativen?
Es gibt jedoch eine Alternative, die sich schon bewährt hat, nämlich intelligente Pillenboxen. Wenn eine Tablette herausgenommen wird, sendet die Pillenbox ein Signal ab, das über das Mobiltelefon beim Arzt ankommt. „Dabei weiss allerdings niemand, ob der Patient die Tablette wirklich geschluckt hat“, sagte der Schweizer Pharmakologe Peter Meier-Abt, Präsident der Schweizerischen Akademie der Medizinischen Wissenschaft“ zu Christian Heinrich von der Online-Ausgabe des „Spiegels“ (www.spiegel.de).
 
Sowohl mit der Pillenbox als auch mit der digitalen Pille gibt es Möglichkeiten zur Manipulation. Daniel Grandt, Chefarzt der Klinik für Innere Medizin am Klinikum Saarbrücken und im Vorstand der Arzneimittelkommission der Deutschen Ärzteschaft hatte eine Idee. Er sagte: „Man könnte auch einfach versuchen, die Pille in einem Glas Cola aufzulösen“ oder: „Der Patient könnte seinem Hund das Pflaster aufkleben und ihn danach die Tablette schlucken lassen.“ Dann bekäme der arme Hund die ganzen Nebenwirkungen zu spüren; und das will kein Tierfreund.
 
So ein Pech. Nun haben die erwähnten Ärzte Hinweise zu Mogeleien publik gemacht. Das dürfen die Patienten natürlich nicht erfahren. Sie müssen schlucken, was das Zeug hält. Die Pharmaindustrie floriert, wenn das so weiter geht.
 
Der erwähnte Chefarzt nimmt die Ärzte in die Pflicht. Sie sollen ihre Patienten aufklären und ihnen die Ängste nehmen. Er ist auch der Ansicht, dass die digitale Pille der falsche Weg ist. „Die moderne Medizin geht von einem autonomen Patienten aus, der das Recht hat, frei zu entscheiden“, meinte Grandt.
 
Entsprechend scharf waren auch die Leserzuschriften in der Online-Ausgabe des „Spiegels“ vom 20.08.2012.
 
„Es ist der Wunschtraum jeder Diktatur. Jeder Mensch muss für sich selber entscheiden können, wofür oder wogegen er sich behandeln lassen will. Es ist nicht zu fassen.“ Dann bemerkte der Leser, man solle doch das Urteil vom Bundesgerichtshof am 20.06.2012 nachlesen. Aus diesem geht hervor, dass eine Zwangsbehandlung verboten ist.
 
Ein Leser („spiegelhannes“) ist der Ansicht, die Pharmakratie sei auf dem Vormarsch. „Man muss heute schon weit weg von der ,Zivilisation’ sein, um noch als über sich selbst bestimmender Mensch leben zu können. Schon heute werden ungezählte Menschen gezwungen, in der ambulanten Psychiatrie Psychopharmaka zu nehmen, die sie zu Zombies machen und deren regelmässige Einnahme per Blut- oder Urinprobe kontrolliert wird.“
 
Mini-U-Boote im Körper?
Die digitale Pille ist wohl nur ein Vorbote der Zwangsmedikation. Forscher arbeiten bereits an einen implantierbaren Chip, der die Körperfunktionen misst und bei Fehlfunktionen automatisch Medikamente verabreicht. Aber damit noch nicht genug: Die erfindungseichen Forscher träumen von winzigen U-Booten, die in der Blutbahn des Menschen appliziert werden und dann herumrasen, nach dem Rechten schauen und dann auch Bilder übertragen.
Auf solche Erfindungen kann man getrost verzichten, ein Unfug im Quadrat.
 
Internet
www.spiegel.de („Funksignal aus dem Magen“, Bericht von Christian Heinrich)
 
Literatur
Scholz, Heinz: „Arzneimittelinformationen verstehen“, Kneipp-Blätter, 11/2002.
 
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