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BLOG vom 11.09.2012


Nervensägen im Zeitalter der Nervenzusammenbrüche
Autor: Emil Baschnonga, Aphoristiker und Schriftsteller, London
 
Wir leben in einer zunehmend stressvollen Zeit, voller nervöser Spannungen, die sich bis zum Nervenzusammenbruch steigern können. Der Besuch beim Zahnarzt sei diesem Blog vorangestellt, da Stress ansteckend ist.
 
Beim Zahnarzt
Der Besuch beim Zahnarzt macht viele Leute nervös. So auch mich, als ich als 14-Jähriger bei Dr. Michel, nahe der Basler Schifflände, in seiner Praxis wartete. Michel war ein Freund meines Vaters. Beide sangen im Basler Männerchor und tranken nach der Probe ein Bier im „Braunen Mutz“.
 
„Jetzt bist du an der Reihe,“ winkte mich der Zahnarzt ins Zimmer nebenan. Seine Frau, aus der Suisse Romande stammend, hatte die Instrumente griffbereit ausgebreitet. Ich öffnete meinen Mund, wie aufgefordert. Michel streckte seinen Arm gegen seine Frau aus. Sie reichte ihm ein Instrument. „Doch nicht dieses!“ schnauzte er sie an. „Bediene dich selbst,“ gab sie zurück. Immer wieder machte sie etwas falsch. Meine Nervosität steigerte sich. Offensichtlich vertrugen sie sich schlecht.
 
„Jetzt kriegst du Lachgas,“ erklärte er mir. Das Gerät funktionierte nicht, und er rügte wiederum seine Frau: „Wenn man nicht alles selbst macht …“ Vom Fenster hatte ich Ausblick auf einen Kirchturm, wohl jener der Martinskirche auf dem Münsterhügel. Betäubt vom Gas ‒ das war nicht zum Lachen ‒, rutschten meine Augen schläfrig am Kirchturm herunter. Dieser 1. Zahnarztbesuch und die nachfolgenden sind mir in schlechter Erinnerung geblieben. Gehässig zankte das Paar gewohnheitsmässig. Er bohrte wohl zu tief in einigen meiner Backenzähne, die er mit Amalgamplomben vollstopfte. Das war der Befund eines anderen Zahnarzts, der meine Plomben wenige Jahre später auswechselte.
 
Es wäre mir viel lieber gewesen, hätte er sanfte Musik spielen lassen.
*
Phlegmatiker, Sanguiniker, Optimisten und Stoiker werden selten nervös. Nun gibt es Stoiker, die sich hinter einer Maske kaschieren. Wird ihnen diese Maske entrissen, zittern sie nervös wie Espenlaub.
 
Prüfen Sie sich selbst, ob Sie nervös veranlagt sind oder nicht. Leiden Sie an Examensangst? Verhaspeln Sie sich in einem Vortrag? Zittern Ihre Hände, wenn Sie auf einem Instrument öffentlich ein Solo spielen müssen? Wenn ja, dann leiden Sie an Lampenfieber. Ein bisschen Lampenfieber schadet nicht, im Gegenteil, es spornt zur Höchstleistung an. Zuviel hingegen grenzt an Ohnmacht.
 
Antidoten
Zum Glück lässt sich Nervosität vielfach – wiewohl zeitlich beschränkt – drosseln, dank der Aufschubtaktik. Die Steuererklärung wird erst im letzten Augenblick ausgefüllt, desgleichen die Spesenabrechnung, und unliebsame Termine werden verschoben. Aber zuletzt geraten wir unter Zeitdruck … So ist diese Taktik nicht empfehlenswert.
 
Es gibt Leute, die leicht aus der Fassung purzeln. Der Engländer nennt dies: „He has a short fuse“ (Er hat eine kurze Sicherung), will besagen, er explodiere leicht. Solchen Leuten geht man am besten aus dem Weg. Sonst wird man nervös, und der eigene Geduldsfaden reisst. Heftige Emotionen sind ansteckend.
 
Wer leicht verstimmt und hässig wird, hat immer das Nachsehen. Zerknirscht muss er sich nach gehässigen Ausfällen entschuldigen. Erwachsene sollten sich diesbezüglich ihren Kindern gegenüber mässigen. Leicht schwären von Zorn ausgelöste Wortgeschosse im Gemüt, und ihre Wunden vernarben schlecht.
 
In nervöser Erregung misslingt manuelle Arbeit, Kopfarbeit ebenfalls. So sollte man von solchen Arbeiten lassen, bis sich die Nerven beruhigt haben. Das ist eine Binsenwahrheit, die man leicht vergisst.
 
Zuletzt sei angemerkt, dass nervöse Zustände das Wohlbefinden und die Gesundheit angreifen. Wenn sich Ärgerquellen in unserer Zeit häufen, sollten wir unsere Nerven schonen.
 
Hinweis auf weitere Feuilletons von Emil Baschnonga
 
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