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BLOG vom 16.09.2012


Vom Tod einer Taube und vom Vergifter Georg Kreisler
Autor: Richard Gerd Bernardy, Dozent für Deutsch als Fremdsprache, Viersen/Niederrhein D
 
Vor einigen Tagen, es war einer der letzten warmen Spätsommertage, schreckte uns ein Geräusch auf. Wir wohnen im Erdgeschoss. Das Fenster des Wohnzimmers geht zum Garten hinaus, und das Geräusch kam links von der Seite her. Dort stehen 3 Eiben, verschieden gross, hinter dem fensterlosen Teil des Zimmers.
 
Als wir nachsahen, was los war, entdeckten wir, dass eine Taube vom grösseren Baum heruntergefallen war und sich im kleineren Baum auf etwa 3 m Höhe mit dem Kopf, der nicht sichtbar war, zwischen den Ästen verfangen hatte. Das Tier hängt ansonsten frei mit dem Körper nach unten. Der Tod war offensichtlich. Wie der Vogel zu Tode gekommen ist, war nicht festzustellen. Dass einer meiner Nachbarn mit einem Luftgewehr darauf geschossen haben könnte, ist auszuschliessen. Er hätte sich ziemlich weit aus dem Fenster beugen müssen; an der Seite des Hauses gibt es keine Balkone. Vielleicht war es ein natürlicher Tod. Wilde Stadttauben werden etwa 2 Jahre alt, und beim Todesopfer handelte sich um ein ausgewachsenes Exemplar.
 
Vielleicht hatte es irgendwo Gift aufgepickt. Mir fiel nämlich das Lied des Wieners Georg Kreisler ein:
 
Eine Strophe daraus lautet: 
Schau, die Sonne ist warm und die Lüfte sind lau,
Geh mer Tauben vergiften im Park!
Die Bäume sind grün und der Himmel ist blau,
Geh mer Tauben vergiften im Park!
Wir sitzen zusam' in der Laube
Und a jeder vergiftet a Taube,
Der Frühling, der dringt bis ins innerste Mark
Beim Taubenvergiften im Park.
 
Er selbst war allerdings nicht überzeugt von seinem Kunstwerk, wie er in einem Interview kurz vor seinem Tod im Jahr 2011 darlegte:
 
ZEITmagazin: Herr Kreisler, manchmal habe ich den Eindruck, Sie hadern ein wenig mit Ihrem Erfolg als Meister des bösen Humors. Ihr bekanntestes Lied heisst „Tauben vergiften im Park“.
Georg Kreisler: Nein, ich hadere nicht. Aber ich habe vor mehr als 50 Jahren dieses Lied geschrieben, und seither wird es immer wieder erwähnt. Weder ist das Lied besonders gut noch sonst irgendwas.
 
Mir fiel noch ein anderes Lied ein. Es handelt zwar nicht von einer Taube, aber ebenfalls vom Tod eines Vogels: ein niederländisches Kinderlied. Die Melodie ähnelt übrigens kurioserweise sehr stark dem Kirchenlied: „Grosser Gott, wir loben dich, Herr wir preisen deine Stärke“: 
Moeder onze kraai is dood (Mutter, unsere Krähe ist tot).
Hij is van zijn stokje gevallen (Sie ist von ihrer Stange gefallen).
Heeft gebroken zijn linker poot ( und hat gebrochen ihren linken Fuss).
Moeder onze kraai is dood. (Mutter, unsere Krähe ist tot). 
Der Unterschied zum Taubentod ist hier, dass es sich um eine Krähe in einer Volière gehandelt hat, er (im Niederländischen ist die Taube männlich) ist eben nicht vom Ast, sondern von seiner Stange gefallen. Der Grund seines Todes wird auch hier erwähnt. Vielleicht war das ja auch der Grund für das Ableben der Taube, die noch jetzt im Baum hängt.
 
Der Schritt von der Taube zur Krähe war nicht weit; denn kurz nach dem Taubentod hörten wir, wie sich die Krähen über den Kadaver hermachten. Der Boden darunter war schnell mit kleinen weissen Federn bedeckt. Bisher sind sie nicht sehr weit gekommen, weil sich die Krähen nirgendwo festkrallen können, wenn sie die Taube anpicken wollen.
 
Wie eine Taube jemanden aus dem Gleichgewicht bringen kann, beschrieb Patrick Süskind, bekannt geworden durch „Das Parfüm“, in seiner Novelle „Die Taube“ so:
 
„Als ihm die Sache mit der Taube widerfuhr, die seine Existenz von einem Tag zum andern aus den Angeln hob, war Jonathan Noel schon über fünfzig Jahre alt, blickte auf eine wohl zwanzigjährige Zeitspanne von vollkommener Ereignislosigkeit zurück und hätte niemals mehr damit gerechnet, dass ihm überhaupt noch irgend etwas anderes Wesentliches würde widerfahren können als dereinst der Tod.“
 
Die Taube bringt den Protagonisten, ein Mann ohne Beziehungen zu anderen Menschen, zur Einsicht, dass es nicht möglich und wünschenswert ist, ohne jegliche soziale Kontakte zu leben. Nach dieser Einsicht verschwindet die Taube übrigens wieder.
 
Erwähnen möchte ich noch den Ausdruck „sanft wie eine Taube“ als Metapher für jemanden, der gemässigt, nicht radikal und kompromissbereit ist.
 
Ich warte ab, bis ein Sturm ‒ wir wohnen auf einer kleinen Anhöhe des sonst so flachen Niederrheins – die Taube aus der Umklammerung der Äste löst und sie dann zu Boden fällt. Dort wird sie nicht lange liegen bleiben und schnell durch einen oder mehrere Aasfresser beseitigt werden.
 
Mich erstaunt es immer wieder, wie ein eigentlich unbedeutendes Ereignis zu so vielen Erkenntnissen führen kann! Seien oder werden wir alle „sanft wie eine Taube“!
 
Hinweise
 
Hinweis auf weitere Blogs über Tauben
23.11.2007: Die Taubenplage und das Basler „Dybli” (Briefmarke)
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