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BLOG vom 19.09.2012


Augenfliegen und Ohrmarken bei Kühen, die ins Auge gehen
Autor: Walter Hess, Publizist, Biberstein AG/CH (Textatelier.com)
 
Den weidenden Kühen auf dem Lindenberg (zwischen dem Seetal und Freiamt (AG/LU), denen ich bei einer Wanderung am 20.08.2012 begegnet bin, habe ich hoch und heilig versprochen, das Problem der Ohrmarken im Internet aufzurollen. Das Versprechen will ich hier einlösen.
 
Es war ein heisser Tag, und die grasenden Kühe auf der Weide wurden von Fliegen fast gefressen. Sie verscheuchten die lästigen, angriffslustigen Flugobjekte mit dem Schwanz, so weit dieser reichte. Besonders abgesehen hatten es die Fliegen auf die saftigen Augenpartien der Rinder, wo sie sich fast flächendeckend ansammelten, bis die Kühe ihre beiden Ohren, die als Fliegenklatsche dienen können, zu den Augen schlugen. Das scheuchte den Fliegenschwarm auf, doch die Insekten kehren sogleich wieder zurück. Das wiederholte sich ununterbrochen.
 
Offenbar sind die Augenschleimhäute besondere Leckerbissen für Fliegen, die mit ihrer raspelartigen Zunge sogar kleine Verletzungen verursachen können und dadurch Krankheitserreger ins Auge bringen. Binde- und Hornhautentzündungen können die Folge sein. Es fiel mir schwer, aufgrund meiner grenzenlosen Tierliebe hinreichend Sympathien für diese zudringlichen, parasitischen Augenfliegen (Pipunculidae von lateinisch pipulus = das Gepiepe) zu entwickeln, auch wenn sie nur taten, wofür sie genetisch programmiert sind und mich durch kein Piepsen belästigten.
 
Das Problem für die friedfertigen Kühe, das hier angesprochen werden soll, ergab sich daraus, dass die aus stabilem Kunststoff angefertigten grossen, baumelnden Ohrenmarken im leicht gewölbten Innenteil beider Ohren durch eine Art Druckknopf verankert sind. Die Marken haben die Form eines kleinen Schneidebretts, wie man es in der Küche verwendet, und sie erzählen ganze Paarhufer-Lebensläufe: Herkunftsland und eine fortlaufende Nummer, ein Strichcode, enthalten weitere persönlichen Daten. Wo bleibt der Datenschützer? Die gelben Marken, mindestens 68 × 55 mm gross, sind offenbar auf sehschwache Kontrolleure ausgerichtet. Die Ohrmarken, das Pendant zu den Autokennzeichen, begleiten die Tiere ein Leben lang, über den Todeszeitpunkt hinaus. Gelegentlich führen sie zu Infektionen und wachsen ins Ohr ein. Es gibt auf dieser Erde viel verborgenes Elend.
 
Der Sinn dieser Tierquälerei: Mit einer Marke ist jedes Tier eindeutig identifizierbar und auch datenbanktauglich. Statistiker blühen auf. Von den Ohrenmarken sind übrigens alle Klauentiere, das heisst die Haustiere der Rinder-, Schaf-, Ziegen- und Schweinegattung einschliesslich Büffel und Neuweltkameliden (Lamas, Alpakas) sowie in Gehegen gehaltenes Wild der Ordnung Paarhufer, ausgenommen Zootiere, betroffen. Das kann man aus den „Technische Weisungen über die Kennzeichnung von Klauentieren“ erfahren, welche das Bundesamt für Veterinärwesen (BVET) letztmals am 12.09.2011 mit Blick auf die EU-Vorgaben erlassen hat.
 
Die Plakettenungetüme werden mit einer speziellen Ohrmarkenzange so angebracht, dass der Dornteil der Marke an der Aussenseite des Ohrs anliegt. Diese Position kann verhängnisvoll sein, wie ich selber beobachtet habe: Bei jeder abrupten Ohrenbewegung zum Auge, um den Fliegenschwarm zu vertreiben, schlägt die Kunststoffmarke direkt aufs Auge der armen Kuh, eine zusätzliche, wahrscheinlich auch schmerzhafte Belästigung im Zeichen des Verteidigungskriegs.
 
Die von mir beobachteten Kühe grasten dennoch tapfer weiter, um die von ihnen erwartete Milchmenge für uns zu produzieren. Sie bemühten sich, die Fliegenschwärme, die es auch aufs Euter abgesehen hatten, zu vertreiben, und sie schauten mich aus tränenden Augen hilfesuchend an. Mein Mitleid war ihnen sicher. So etwas gehe doch auf keine Kuhhaut, war ihre Botschaft. Ich könne bloss darauf aufmerksam machen, sagte ich zu den Tieren, ihre hohen Erwartungen etwas herunterschraubend.
 
Ich kann es wirklich nicht fassen: Müssen denn diese Riesenmarken ausgerechnet in die Ohrmuschel platziert werden? An sich wären die Hörner die gegebene Befestigungsstelle – doch diese Hörner werden meistens sinn- und rücksichtslos amputiert (die Kühe auf dem Horben/Lindenberg haben sie immerhin behalten dürfen). Aber wenn man schon auf keine schlauere Idee kommt, müsste wenigstens dafür besorgt sein, dass die Marken viel kleiner wären und so am Ohr befestigt würden, dass sie die Augen des Rindviehs nicht verletzen können.
 
In den letzten Jahren ist einiges dafür getan worden, dass die ausgenutzten, benutzten Nutztiere wieder ein etwas besseres Leben führen dürfen. In diese lobenswerten Bemühungen müsste man auch die Ohrenmarken einbeziehen. Zwar hängen sich auch menschliche Rindviecher allerhand Gegenstände an ihre Ohrmuscheln, wenn auch vorderhand noch keine Prüfziffern in schwarzer Schrift auf gelbem Grund. Und zudem eignen sich die menschlichen Ohrmuscheln kaum zum Verscheuchen von Fliegen. Man kann sie bestenfalls etwas spitzen (aufmerksam zuhören). Tatsächlich: Man sollte nicht vergessen, dass die Ohren auch noch die Aufgabe haben, Töne aufzunehmen, was zwar nicht immer von Vorteil ist, in entscheidenden Momenten aber sehr hilfreich sein kann.
*
Das Zeitalter des Piercings schreckt vor keinem Unsinn mehr zurück. Der Unterschied zwischen Paarhufern und uns Sohlengängern besteht jedoch darin, dass man den ersteren die Plastik-Piercings aufzwingt, die durchlöcherten Menschen ihren Schmuck aber freiwillig tragen und wieder entfernen können, wenn sie sich des Blödsinns endlich bewusst werden.
 
Hinweis auf weitere Blogs zu Piercings
13.05.2006: Abnabeln und Verknoten: Rund um den Bauchnabel
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