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BLOG vom 04.10.2012


Entweder-Oder-Positionen: Ungeliebte Rechtschreibreform
Autor: Richard Gerd Bernardy, Dozent für Deutsch als Fremdsprache, Viersen/Niederrhein D
 
Wenn fliegen hinter fliegen fliegen, fliegen fliegen fliegen nach. Fliegen fliegen fliegen nach, wenn fliegen hinter fliegen fliegen? - Haben Sie in Paris Liebe genossen oder in Paris liebe Genossen?“
 
Diese hübschen Sätze wurden früher als Rechtfertigung der Gross- und Kleinschreibung der deutschen Sprache angeführt. Bei der Gross- und Kleinschreibung werde die Funktion aller Wortarten im Satz klar. Lächerlich, nicht wahr? Erstens werden die wenigsten oder die Wenigsten (beides ist möglich!) in ihrem Leben mit diesen Sätzen zu tun haben, zweitens kann man im Zusammenhang des Texts ohne weiteres oder ohne Weiteres (auch hier ist beides möglich, der Duden empfiehlt die 2. Schreibung) erkennen, was gemeint ist.
 
Rechtschreibprobleme werden unter uns Bloggern häufig lebhaft diskutiert. Die offizielle deutsche Schreibung sollte eigentlich logisch sein, ist sie aber bei Weitem, pardon, bei weitem nicht (kleingeschrieben wird empfohlen!). Der Herausgeber dieser Website www.textatelier.com, Walter Hess, legt Wert darauf, denn die Website wird nicht nur in deutschsprachigen Ländern gelesen, sondern häufig auch im Ausland und sollte bei der Rechtschreibung vorbildlich sein. Dafür wird ein stattlicher Korrekturaufwand betrieben.
 
Das ist eine freiwillige Selbstverpflichtung; bindend ist die vom Duden empfohlene Rechtschreibung für die Blogschreiber nicht: Diese „neue“ Rechtschreibung war und ist nur bindend für Behörden, Schulen, Universitäten, für alle Institutionen, deren oberster Dienstherr der Staat ist.
 
Seit 6 Jahren sind die neuen Regeln in Kraft. 95 Jahre lang galt das ehemalige Regelwerk. Dann stritten sich einige Wissenschaftler ein paar Jahre. 2006 wurde die neue Schreibweise verbindlich, nach einigem Hin und Her, denn führende Zeitungen weigerten sich zunächst, sie zu übernehmen, bis dann die Medienagenturen kippten. Wer sich über alle Änderungen und Nicht-Änderungen informieren will, findet hier alle Informationen auf 16 Seiten:
 
Im Vorwort dieser offiziellen Darstellung findet sich die erstaunliche Aussage: „Dies (also die Entwicklung einer konsensuellen Lösung) bedeutete, Entweder-Oder-Positionen aufzugeben und für eine ausgewogene Berücksichtigung der Interessen der Schulen (…) einerseits und der professionellen Schreiber andererseits Sorge zu tragen.
 
Als Ergebnis wurde eine Regelung anvisiert, die systematischer als die alte Rechtschreibung, aber näher am Schreibgebrauch als die Rechtschreibreform (von 1996/97) ist.“
 
Ich kann das nicht sehen: Weder das Aufgeben von „Entweder-Oder-Positionen“ noch eine systematischere Rechtschreibung „näher am Schreibgebrauch“.
 
Wir haben jetzt mehr Vielfalt bei der Schreibweise, in vielen Fällen kann man klein oder gross schreiben, in anderen Fällen wurde aber eine Schreibweise festgelegt.
 
So bietet der neueste Duden folgende Schreibweisen an: „Gewinn bringend/gewinnbringend, ausschlaggebend, allein erziehend/alleinerziehend und herzerquickend“.
 
Am 24.08.2009 hat Walter Hess in einem Blog schon die Frage gestellt:
„Sogenannt oder so genannt? Wer sozusagen die Wahl hat ...“ 
 
Die Probleme sind nicht weniger geworden: Claudia Ludwig, eine Lehrerin, schreibt im Hamburger Abendblatt unter dem Titel „Die Rechtschreibreform – ein Riesenfehler" (01.08.2012):
 
„Sicherheit beim Schreiben wird es so nie mehr geben. Und wozu führt das? Schüler feilschen mit Lehrern um die Schreibweise eines Wortes. Wörterbücher werden gewälzt und zur Schule geschleppt. Es geht ja immerhin um einen, vielleicht gar den ausschlaggebenden Punkt. Da es keine eindeutigen Schreibweisen mehr gibt, führt das zu wachsender Verwirrung bei allen Schreibenden, worauf die einen mit Gleichgültigkeit reagieren (Ich schreibe jetzt, wie ich will!), andere, die professionell mit Schrift umgehen, häufiger im Duden nachschlagen müssen. Und es gibt viele neue Fehler.“
 
So ähnlich war die Situation vor zirka 100 Jahren, als Herr Duden sich veranlasst sah, eine Rechtschreibreform zu erarbeiten. Schon damals war die Umsetzung schwierig, da sich der Reichskanzler Otto von Bismarck der Reform vehement widersetzte. Er hielt die damalige neue Reform für „eine ganz unnütze Beengung der individuellen Freiheit“.
 
Vielleser hatten früher im Blick, ob die Schreibweise richtig war oder nicht, denn das Gehirn hatte das Schriftbild gespeichert. Heutzutage funktioniert das nicht mehr. Ich würde es jedenfalls als falsch ansehen, wenn ich läse: „Ich schlafe morgen Früh aus“, was genauso richtig ist wie „Ich schlafe morgen früh aus.“ Ich denke, Schuld haben an dieser Misere nicht nur die Politiker, sondern auch die Sprachwissenschaftler, aber keiner will schuld sein! („Schuld haben“, aber „schuld sein“!)
 
Die Expertenkommission hat sehr schöne Begründungen dafür, dass z. B. „Rad fahren“ und „Ski laufen“ geschrieben wird, aber „eislaufen“ klein und zusammen: Man fährt mit dem Rad und läuft mit den Skiern, aber nicht mit dem Eis! Dafür müssen Sie manchmal davor „Schlange stehen“ logischer wäre „schlangestehen“ schliesslich stehen Sie nicht auf ihr, aber das ist eindeutig falsch. Da können sie kopfstehen oder heimfahren und damit Ernst machen, ganz wie Sie wollen!
 
Ich hoffe nicht, dass Sie die neue Rechtschreibung jetzt zum Aus-der-Haut-Fahren finden, sondern in Bälde das Sowohl-als-auch und ebenso die Kunst des Sich-alles-durch-den-Kopf-gehen-Lassens üben. Sie haben es gut, wenn Sie wollen, können Sie alles ausser-Acht lassen und nicht nur diesmal hierzulande schreiben, wie es Ihnen gefällt!
 
Schliesslich können Sie die Regeln entweder beachten oder auch nicht.
Jetzt ist doch alles klar und alles bestens? Oder ist es etwa nicht zum Besten?
 
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