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BLOG vom 12.10.2012


Cocktails mit Stil: Stadt St. Gallen bei Nacht, auf Hochglanz
Autor: Walter Hess, Publizist, Biberstein AG/CH (Textatelier.com)
 
Überwältigend: Noch nie hat sich mir die Innenstadt von St. Gallen so perfekt herausgeputzt vorgestellt wie in der Abenddämmerung des 03.10.2012. Der zurückhaltend beleuchtete Stiftsbezirk mit seinen monumentalen Klosterbauten, der von einer 1200 Jahre dauernden Geschichte von Kultur und Macht erzählt, ist renoviert, geradezu poliert, als ob die Bauten und Plätze erst in den letzten Monaten entstanden seien. Die Kathedrale mit der Doppelturmfassade aus warmem Sandstein aus der Umgebung (Teufen AR, St. Georgen SG und Rorschach SG, Ablagerungsgesteine der Unteren Süsswassermolasse), wurde 2000/03 aussen einer Schönheitsbehandlung unterzogen. Das Kloster und die weltberühmte Stiftsbibliothek sind seit 1983 Bestandteile des Unesco-Weltkulturerbes. Und im Klosterbezirk wurde die umfangreiche Bogenpflästerung aus grauem Alpenkalk perfekt neu gelegt – es gibt sie also noch, die Handwerker, die solch ein Meisterwerk zustande bringen.
 
In der Nähe heischen die ebenfalls stilvoll gepflegten Altstadt-Bauten nach Aufmerksamkeit. Die Spiser-, Multer-, Markt- und Neugasse sind als Fussgänger- und Einkaufszone belebt. Viele Erker an den üppig verzierten Bauten zeugen von einem Wohlstand, der sich offenbar über den kirchlichen Bereich hinaus erstreckte.
 
Wirtschaft zur Alten Post
Im Klosterviertel, an der Gallusstrasse 4, kehrten wir, die 7 Teilnehmer am Herrenreisli, in der Wirtschaft zur Alten Post ein: Es ist ein seit 1552 bestehendes Traditionshaus und eines der ältesten St. Galler Restaurants. Den Tipp hatte uns die Ehefrau von Reiseleiter Magnus Würth, Vera, mit auf den Weg in die Ostschweiz gegeben.
 
Wie oft in St. Galler Gasthäusern, gelangt man in einen engen Gang und steigt vom Parterre über eine knarrende Treppe in den 1. Stock hinauf. Man findet sich dann in einer heimeligen Stube, in der 28 Personen Platz finden und wo auf individuelle Wünsche eingegangen wird; das gastliche Haus zur Alten Post wird von Cornelia und Alexander Zimmermann betrieben. Viel Holz gewährleistet eine wohnliche Atmosphäre. In der Ostschweizer Metropole spricht man denn auch von der Erststock-Gastronomie, mit der ich bisher ausschliesslich gute Erfahrungen gemacht habe. Im 2. Stock ist ein weiteres Restaurant für den Fall eingerichtet, dass etwas grössere Anlässe zu verkraften sein sollten (www.apost.ch).
 
An der Wand des unteren Restaurants dokumentiert eine beschriftete Fotografie, dass hier am 27.08.2012 der damalige deutsche Bundespräsident Johannes Rau und als Bundesrat Kaspar Villiger getafelt haben. Lange vorher hat  der gelernte Sattlermeister, Reformator und Reformations-Chronist Johann Kessler (1502‒1574) (laut Fassadenaufschrift) eine Zeitlang in diesem Haus gewohnt. Von Martin Luther beeinflusst, dürfte er hier darüber nachgedacht haben, wie die Macht der etablierten Kirchengewaltigen einzuschränken sei.
 
In der 1. Etage befindet sich neben dem Gastlokal auch die angeblich kleinste Küche von St. Gallen, aus der nach unseren Erfahrungen nur Erstklassiges kommt, meist Traditionelles, oft in neuer Aufmachung. Wir stimmten uns mit einer Riesling-Schaumsuppe auf spätere Genüsse ein. Sie hatte vom zartschmelzenden St. Galler Klosterkäse ihr feines Aroma bezogen. Vielleicht war es etwas banal, doch hatte ich Lust auf eine opulente, Olma-Bratwurst (Lieferant: Gemperli) vom Lavasteingrill zu Zwiebelsauce und einer knusperigen Rösti – passend zur momentanen St. Galler Olma-Atmosphäre. Den Bezug zur Aussenwelt schaffte der Païen-Wein von Michel Boven aus dem Wallis (Chamoson). Der kräftige Tropfen steht dem Heida nahe und erzählt durch die Blumen vom Visperterminen-Terroir.
 
„Sidämänteli“ wird in der Alten Post die katalanische Crème mit frischen Früchten genannt – noch nie habe er eine so delikate gebrannte Crème gegessen, freute sich Hanspeter Setz. Sein Kommentar, auf andere Gerichte übertragbar, war glaubwürdig.
 
Im Hotel Einstein
2 Nächte verschliefen wir im Hotel „Einstein“ an der Wassergasse 7 in St. Gallen, zu dem auf der gegenüberliegenden Strassenseite ein Kongresszentrum gehört, ein 55-Millionen-Neubau, der sich an die klassizistische Architektur des alten „Einstein“-Hotels aus dem Jahr 1830 anlehnt, aber aus der Moderne die grösseren Fenster und damit mehr Tageslicht übernommen hat. Neben den grossen Glasflächen sorgt heller Granit für eine beschwingte, leicht wirkende Fassade. Diese Hotelanlage befindet sich ebenfalls im Klosterviertel, wo gutes Essen und Trinken seit je einen ähnlichen Stellenwert wie Hallelujagesänge haben.
 
Zuerst testeten wir die Hotel-Bar, wo eine weltliche Clubatmosphäre im britischen Stil vorherrscht. Der erfahrene Barkeeper, Andrea Bonetta, ein Glücksfall, stammt aus dem Piemont. Er bestand jeden Test glänzend. Als ich ihn nach dem Bratwurst-Rösti-Abendessen bat, für mich eine Verdauungshilfe zusammenzustellen, legte sich seine hohe Denkerstirn unter der Glatze für einen Moment in Falten. Er freute sich über die Herausforderung und empfahl, einen Drink, den er „Apotheke“ nannte. Er mixte Fernet Branca, Wermut, Angostura und Cognac – und das verteilte tadellos. Da ich die Bitterkeit ohnehin zu schätzen weiss, schmeckte mir das heilsame Getränk auch noch.
 
Beim Angostura handelt es sich um einen Bitterlikör aus der Enzianwurzel (gelber Enzian), Bitterorangen, Gewürznelken, Kardamom, Zimt und Chinarinde. Zählt man alle Zutaten des beschriebenen Cocktails zusammen, ergibt das wirklich eine kleine Heilmittel-Apotheke, gegen die kein Magen zu rebellieren wagt. Damit die einzelnen Aromen überhaupt eine Chance haben, zur Geltung zu kommen, muss der Cocktail mit viel Eis gekühlt werden.
 
Anderntags mischte mir der fachkundige Bar-Akrobat eine persönliche Variation des berühmten exotischen „Casablanca“-Cocktails (benannt nach dem Filmklassiker von 1942): Weisser Rum, Passionsfrucht- und Rosagrapefruitsaft (original: Ananassaft), Erdbeermark, 2 Tropfen Vanille und Kokoscrème, gestossenes Eis und alles elegant mit dünnen, halbmondförmigen Fruchtschnitzen dekoriert. Mit anderen Worten: Humphrey Bogarts Lieblingscocktail, den er gern im Beisein von Ingrid Bergman trank, wurde in St. Gallen übertroffen.
 
Ebenfalls am 04.10.2012 assen wir im neu gestalteten Panorama-Restaurant im Dachgeschoss des Hotels „Einstein“ zu Abend. Im Hinblick darauf hatte mir Le Chef de Bar, Bonetta, ein Glas Champagner mit Grand Marnier, Angostura und Cognac zusammengestellt, diesmal also einen modernen Champagner-Cocktail, in dem der Branntwein für den Pfiff sorgte. Ob man den Angostura Bitter auf einen Zuckerwürfeln träufeln und zusammen ins Glas geben oder auf den Zucker verzichten will, ist Geschmackssache. Meines Erachtens braucht es keinen Zucker, eine Ansicht, die auch Keeper Bonetta teilt; jedenfalls verzichtete er auf Zucker.
 
„Einstein“ klingt gut
Das Restaurant unter dem Dreieckgiebel in der 5. Etage bietet einen Ausblick über die Altstadtdächer. Die Gourmetküche wurde bei unserem Besuch vom süddeutschen Koch Klaus Schlachter geleitet. Als Einstieg hatte sich das Haus etwas einfallen lassen, das einen Wiedererkennungswert schaffen sollte: Unter einer hohen Glasglocke, die auf einem St. Galler Spitzentüchlein stand, erhielt jeder Gast sozusagen als Gruss aus der Küche einen monolithischen, würfelförmigen Stein, einen „Einstein“ eben, von CO2-Nebel umhüllt. Im Stein steckte ein Reagenzglas mit einer getrüffelten Selleriesuppe, auf einem kurzstieligen Löffel ruhte eine Scheibe Carpaccio vom Rinderfilet, und 2 Granny-Smith-Kugeln mit grüner Haut waren weitere Dekorationselemente.
 
Ausser des Umstands, dass es in St. Gallen das Hotel „Einstein“ gibt, ist mir kein weiterer Bezug des Physikgenies zu jener Stadt bekannt. Das Restaurant „Einstein“ an der Bahnhofstrasse in Aarau hätte diesbezüglich mehr Legitimation, da der Albert dort, in der Hauptstadt des Kulturkantons, in die Kantonsschule ging. Doch will ich nicht relativieren, sind doch Namen Schall und Rauch, wie Faust zu Gretchen sagte.
 
Und doch findet der Hotel-Name Einstein seine Begründung: Nach einigen Handänderungen wurde das Hotel, in dem 113 Gästezimmer sind, von Isaak David Einstein einige Jahre nach dem Bau als Stickereifabrik gekauft. 1983 wurde daraus ein Vierstern-Hotel, das 2003 um 48 luxuriöse Zimmer im angrenzenden Gebäude vergrössert wurde.
 
Wichtig war uns weniger die Relativität von Raum und Zeit als vielmehr die Qualität der Gerichte, und die stimmte. Eine in dünne Scheiben geschnittene Kalbshaxe (Millefeuilles = 1000 Blättchen) mit ebenfalls dünnen, saucendurchtränkten Kartoffelovalen erwies sich als würzig-aromatische Blätterteigabwandlung.
 
Kostenfragen
Die Preise erwiesen sich als erstaunlich niedrig, so dass unser Kassier und Bevorschusser Rolf Klinger, Gränichen AG, Immobilienhändler und die personifizierte Zuverlässigkeit, nicht tief in die Tasche greifen musste. Gerade in guten Häusern, so auch im „Bad Horn“ im thurgauischen Horn am Bodensee, staune ich oft über die attraktiven Menupreise in einer gehobenen Atmosphäre. Ganz im Allgemeinen macht sich bei mir der Eindruck breit, dass die Betriebskosten vielerorts über die sich ständig erhöhenden Mineralwasserpreise abgedeckt werden, zumal der Weinkonsum nach den Promille-Senkungsaktionen rückläufig wurde. 7,5 dl Valserwasser werden im „Einstein“-Panorama- Restaurant mit 9 CHF in Rechnung gestellt, 1/3 der Kosten des Kalbshaxen-Gerichts (27 CHF). So muss man am Ende eben die Gesamtrechnung machen, die in den gastlichen Häusern der Ostschweiz in der Regel sehr befriedigend ausfällt.
*
Die Ostschweizer sind bescheiden, qualitätsbewusst, leben in einer friedlichen, abgeschiedenen Welt, freuen sich über Gäste und tun alles, um persönliche Kontakte zu schaffen und zu pflegen. Dazu 2 Beispiele: Im Hotel „Einstein“ kam der morgendliche Weckanruf nicht ab Band, sondern eine nette Angestellte wünschte im schönen St. Galler Dialekt einen angenehmen Tag. Und wenn man mit der Schwebebahn zwischen Brülisau AI und dem Hohen Kasten zirkuliert, wird man in der Kabine von einem Seilbahnangestellten aus Fleisch und Blut auf Appenzellisch „Wöllkomm“ geheissen bzw. verabschiedet und darüber informiert, was es gerade zu sehen gibt.
 
Hier ist alles persönlich, herzlich, sauber, ordentlich. Ich mag die Ostschweiz und die Ostschweizer, die in ihrer Abgeschiedenheit die sich ausbreitenden oberflächlichen Trends im Zeichen von Vermassung und Gleichschaltung am Fusse des Alpstein-Riegels und des begrenzenden Bodensees an sich abprallen lassen. Das machen sie gut. Und sie werden es weiterhin gut machen.
 
Hinweis auf weitere Blogs über St. Gallen
11.12.2006: Stadt St. Gallen: Handschriften, Riesenglobus und Bratwürste
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