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BLOG vom 18.11.2012


Sexualkunde heute – „dass ich’s nicht lassen kann ...“
Autor: Richard Gerd Bernardy, Dozent für Deutsch als Fremdsprache, Viersen/Niederrhein D
 
Film, Fernsehen und Internet: Sexualität ist immer mit dabei. (Fast) keiner schaut mehr darauf, welche Altersgruppen die Medieninhalte konsumieren. Was Kinder davon in ihren Alltag, in ihre Sozialisation, in ihre Vorstellungen von Freundschaft, Partnerschaft, Ehe und gleichgeschlechtliche Beziehungen übernehmen und welche Kenntnisse und Überzeugungen sie daraus in ihr Leben mitnehmen, ist ungewiss. Welchen Einfluss Schule und Elternhaus noch ausüben können, ebenfalls. In wenigen Jahrzehnten hat sich in diesem Bereich so viel verändert, dass langfristige Auswirkungen noch gar nicht abzusehen sind.
 
War es vor wenigen Jahrzehnten noch üblich, hauptsächlich und unterstützt von Seiten der Kirchen vor sogenannten Auswüchsen und Gefahren zu warnen, hat sich seit den 1960er-Jahren in schulischer Sicht langsam einiges verändert. Die Schule hat die Aufklärung in ihren Bildungsplan integriert.
 
Geheimnisse um die Körpervorgänge, wie sie noch in meiner Generation (ich bin im 7. Lebensjahrzehnt) normal und üblich waren, gibt es nicht mehr. Mit 13 oder 14 wurde uns damals etwas davon erzählt, wie die biologischen Vorgänge bei der Zeugung und Empfängnis ablaufen. Viel mehr aber nicht. Wir haben uns die Informationen von der Strasse geholt.
 
Der Klapperstorch hat seine Schuldigkeit getan, er bringt keine Kinder mehr.
 
Das BRAVO-Heft mit den Fragen an „Dr. Sommer“, aus dem wir damals auch unsere Informationen bekamen, gibt es immer noch. Bei www.bravo.de/dr-sommer bleibt keine Frage mehr offen, und sei sie noch so abwegig.
 
Die Pubertät beginnt bei Mädchen etwa ab dem 10., bei Jungen ab dem 12. Lebensjahr, was natürlich je nach körperlicher Entwicklung durchaus auch einige Jahre später sein kann.
 
Peggy March war 1965 mit dem Schlager „Mit 17 hat man noch Träume“ sehr erfolgreich. Bei dem Entwicklungssprung, den Kinder seit dieser Zeit gemacht haben, müsste das Lied heute bei dem Alter von 13 oder 14 ansetzen. Aber: Haben Kinder überhaupt noch Träume? Wie ist das bei den Kindern, deren Eltern geschieden wurden, die Mutter oder auch manchmal der Vater alleinerziehend ist, bei denen ein Elternteil wieder heiratet und Kinder in sogenannten „Patchwork“-Familien aufwachsen, mit Stiefvater und Stiefgeschwistern? Wie bei Kindern, die die Ehedramen über Monate hinweg am eigenen Leib erfahren müssen? Wie bei Kindern, die Gewalt in Beziehungen erleben und nicht selten dabei auch selbst die Leidtragenden sind?
 
Träume? Dann doch lieber Tatsachen! Dass alle Menschen triebgesteuert sind, bekommen Kinder schon sehr früh mit, dass Liebe, Verantwortung und Treue oft nur Worte sind, ebenfalls. Aber auch, dass der Trieb ihr eigenes Leben beeinflusst.
 
Die Frage, ab welchem Alter welches Wissen sinnvoll vermittelt werden soll, ist ungelöst. Verschiedene Gesellschaftsgruppen und -schichten haben völlig unterschiedliche Meinungen dazu. Ethische, soziale und kulturelle Aspekte sind gefragt.
 
Da wird interessant, was denn so in den Lehrplänen steht.
 
Sexualerziehung soll fächerübergreifend ablaufen, also in den Biologie-, Chemie-, Deutsch- und Religions- bzw. Ethikunterricht integriert werden. Der Lehrplan Nordrhein-Westfalens D (NRW) schreibt von „behutsamer Aufarbeitung von aktuellen Ereignissen im Leben der Schülerinnen und Schüler“, und erfolgreich werde der Unterricht bei einer Vertrauensbasis zwischen Lehrperson und Kind. Vom richtigen Umgang mit sprachlichen Äusserungen ist die Rede und vom Einbringen der Persönlichkeit der Lehrperson.
 
Da kommen Erkenntnisse zur Sprache, die aufhorchen lassen: „Manche Probleme im Verhältnis der Geschlechter bis hin zu sexueller Gewalt sind auch vor dem Hintergrund der Ungleichzeitigkeit der Entwicklung zu sehen. So haben sich Bewusstsein, individuelle und gesellschaftliche Erwartungen und Verhalten bei den Mädchen und Frauen in letzter Zeit schneller verändert als bei den Jungen und Männern. Daher gewinnt neben der sexualpädagogischen Mädchenarbeit die reflektierte sexualpädagogische Arbeit mit Jungen an Bedeutung.“
 
Warum sie bei Jungen reflektiert sein soll und bei Mädchen nicht, bleibt offen; ebenso, was sich denn schneller bei Mädchen und Frauen verändert hat als bei Jungen und Männern.
 
Auch das folgende Kapitel ist von Vernunft geprägt: „Eine positive Beziehung zum eigenen Körper ist eine wesentliche Voraussetzung für das Erleben der eigenen Sexualität. Die Schönheitsideale der Werbe- und Modeindustrie jedoch, die kaum noch Individualität und körperliche Unzulänglichkeiten zulassen, verhindern oder erschweren diesen wichtigen Prozess der Akzeptanz.“
 
Da haben wir doch schon einmal einen Bösewicht. Schönheitsideale taugen nicht! Es heisst weiter, Kinder und Jugendliche seien auf „mutmachende Gespräche mit Erwachsenen angewiesen.“ Denn Erwachsene streben solchen Idealen nicht nach, oder etwa doch?
 
Seelische Voraussetzungen für eine „erfüllte Sexualität“ seien ebenso wichtig wie die Kenntnis der biologischen Vorgänge. Sexualerziehung soll auch das Selbstvertrauen und das Verständnis für den anderen stärken. Auch die „mögliche Entscheidung für Verzicht und Enthaltsamkeit“ soll angesprochen werden.
 
Erinnern Sie sich noch an das Volkslied, hier in der Fassung aus dem 19. Jahrhundert: 
„Ach, wie ist´s möglich dann
dass ich dich lassen kann!
Hab dich von Herzen lieb
das glaube mir!
Du hast die Seele mein
so ganz genommen ein,
dass ich kein´ andere lieb
als Dich allein.“
 
Grundsätzlich wird heutzutage davon ausgegangen, dass Jugendliche es nicht lassen können. Deshalb sollen sie sehr intensiv über die verschiedenen Arten der Empfängnisverhütung informiert werden, Jugendliche sollen „emotionale Hemmschwellen abbauen“.
 
„Bei den Mädchen, besonders aber bei den Jungen, muss die Bereitschaft geweckt und gestärkt werden, die Verhütung ungewollter Schwangerschaften als eine gemeinsame partnerschaftliche Aufgabe der Lebens- und Familienplanung anzusehen.“
 
Die Frage bleibt, in welchem Alter darüber informiert werden soll. Natürlich ist es ein Unterschied, ob die Kinder 9 oder 12 Jahre alt sind. Sensibilität ist gefragt; Kinder in der Grundschule sollen behutsam an das Thema herangeführt, aber Fragen sollen auch nicht unbeantwortet gelassen werden.
 
Alle Bundesländer in Deutschland haben Gesetze darüber, dass Sexualkunde in der Grundschule unterrichtet werden soll, aber über die Inhalte herrscht Uneinigkeit.
 
Nur, dass über die „Funktionen der Sexualität“ gesprochen werden soll, ist überall Konsens. In Baden-Württemberg, Bayern und Hessen steht das Fach unter dem Primat der „christlichen Wertorientierung“, in den anderen Bundesländern nicht. In Rheinland-Pfalz (RHP) wird das Thema „Zeugung“ als wichtig angesehen, in den meisten anderen Bundesländern wird es nur mitbehandelt. Verhütung ist nur in Nordrhein-Westfalen (NRW) im 3. und 4. Schuljahr ein Thema, in Hamburg nur, wenn Kinder danach fragen, in den anderen Bundesländern wird das Thema noch nicht angesprochen. In Schleswig-Holstein und einigen anderen Ländern erschöpft sich das Fach Sexualkunde“ zusätzlich zu den oben erwähnten „Funktionen“ nur noch darin, dass Sexualität in der Familie oder bei „anderen Formen der Partnerschaft“ vorkommt, alle anderen Themen werden erst nach der Grundschulzeit unterrichtet.
 
In Deutschland scheinen sich die Lehrplanmacher darüber uneins zu sein, ab welchem Alter die Jugendlichen miteinander schlafen. Glaubt man den Darstellungen im Internet, ist das etwa ab 13 oder 14 Jahren der Fall. Es gibt aber bereits Mädchen in der Grundschule, die menstruieren. Das kann der einzige Grund dafür sein, dass in NRW das Thema „Verhütung“ bereits dort angesprochen werden soll. Warum das in RHP nicht so ist, obwohl das Thema „Zeugung“ behandelt wird, bleibt unklar.
 
Eltern haben kein Mitspracherecht über die Lehrinhalte in der Schule, auch nicht in diesem Bereich. Daran wird auch die Initiative in NRW „Stoppt Sexualkunde-Zwang für Grundschüler in NRW“ wenig ändern. Anlass für die Kampagne sollen „konkrete Fälle in der Stadt Salzkotten“ gewesen sein, „wo Mütter und Väter in Gefängnisse gesperrt wurden und werden, weil sie ihre kleinen Kinder von der zwangsweisen staatlichen Sexualerziehung der Grundschule ferngehalten haben.“
 
In einer „Zwischenbilanz“ wird festgestellt, dass Abgeordnete nach Bekanntwerden der Kampagne sensibler mit dem Thema umgehen würden, was immer man darunter verstehen soll.
 
Jedenfalls hat der Europäische Gerichtshof Beschwerden gegen die Unterrichtsteilnahme abgelehnt und die Schulbehörden gestärkt. Dies geschah mit der Begründung, der  „Sexualkundeunterricht habe auf eine neutrale Wissensvermittlung zu den Themen Zeugung, Empfängnisverhütung, Schwangerschaft und Geburt nach aktuellen wissenschaftlichen und schulischen Standards abgezielt. Einem solchen Unterricht dürften Schüler nicht wegen religiöser Bedenken fernbleiben“.
 
 
Hinweis auf ein weiteres Blog zum Sexkunde für Kinder
12.12.2005: London-Depeschen: Rauch, Methan und Sexaufklärung
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