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BLOG vom 13.12.2012


Provinzielle Kleinode: Konzerte im Museum und bei Betten
Autor: Richard Gerd Bernardy, Dozent für Deutsch als Fremdsprache, Viersen/Niederrhein D
 
Künstlerische Veranstaltungen können in allen Grossstädten der Welt besucht werden. Deshalb werden Angebote „auf dem Lande“ oft als geringschätzig betrachtet und belächelt. Ich habe festgestellt, dass sich darunter aber durchaus kulturelle Kleinode befinden.
 
Hier geht es um Veranstaltungen in Viersen am Niederrhein D und in Venlo NL, das direkt hinter der niederländisch-deutschen Grenze liegt.
 
Die Veranstaltungen finden nicht in jedem Fall in Konzertsälen oder Theatern statt, sondern manchmal an Orten, die ursprünglich nicht als Aufführungsstätten gedacht waren. So habe ich Konzerten im Museum van Bommel van Dam in Venlo und in einem Geschäft in Viersen, das hochwertige Betten verkauft und sich den Namen „schlafkultur“ gegeben hat, gelauscht.
 
Im Museum in Venlo wurde im November 2012 das Konzert „In faszinierender Einfachheit“ gegeben. Es war der niederländischen Komponistin Margriet Hoenderdos (1952‒2010) gewidmet, die in diesem Jahr 60 Jahre alt geworden wäre. 4 Kompositionen von ihr wurden posthum zum ersten Mal aufgeführt.
 
Die Komponistin hat mehr als 50 Werke für ganz verschiedene Besetzungen geschrieben. Musik, die in ihrer scheinbaren Einfachheit faszinierend ist. Es sind fesselnde, ehrliche und obendrein „eigenen“ Klangwelten. Sie geht dabei oft von strengen mathematischen Vorgehensweisen aus. „Es sind die Flexibilität und die Finesse von flirrender Luft – dieses schwächste, kaum tastbare, aber auch raffinierteste Mittel – das möchte ich gebrauchen, um dasjenige, was nun gerade so rational, formalistisch und konzeptuell erscheint, zu verwirklichen. Ich möchte, dass die 2 einander beleuchten und vervollkommnen“, so Margriet Hoenderdos 1997.

Die Werke boten ein repräsentatives Bild des Œuvres von Hoenderdos. Es waren Stücke mit nur 1, 2 oder 3 Instrumenten, aber auch mit allen zusammen, Klarinette, Bassklarinette, Oboe, Alt-Oboe, Fagott, Kontrafagott, Klavezimbel, Cello und 2 Harfen. Am Schluss verteilten sich einige Musiker mit ihren Instrumenten im Museum, und die Klänge eines Werkes von John Cage, Inspirator und Geistesverwandter von Hoenderdos vereinten sich aus den verschiedenen Ecken im Ohr.
 
Das Museum zeigte eine Sammlung von Fotografien in verschiedenen Formaten vom Meer, aufgenommen am Strand, mit Wolken, Sonnenauf- und -untergängen, Wellen und ruhiger See, immer ohne Menschen oder Schiffe, ruhige Naturaufnahmen. Sie passten perfekt zu den Klangwelten von Margriet Hoenderdos.
*
Im Bettengeschäft in Viersen gab es am 07.12.2012 eine Aufführung mit dem Titel „La petite mort – Lieder von Liebe und Tod“, präsentiert vom Sänger Sebastian Bente und dem Pianisten Tilmann Wohlleber. Es waren „bekannte Ohrwürmer der 1930er-Jahre, verbunden mit zeitgenössischen Kompositionen“. So wurde der Anlass angekündigt. Das weckte mein Interesse. Das Geschäft liegt in einem kleinen Einkaufsgebiet in einem Stadtteil von Viersen im ersten Stock eines Hauses, das ausserdem noch Läden und ein Fitnessstudio beherbergt. Ein grosser Raum, in dem mehrere Pavillons aufgebaut sind, runde Flächen mit Stores, wie man sie sonst vor Fenstern findet, um die Flächen herum; und darin jeweils ein exklusives Bett. Man kann also Probeliegen hinter Gardinen. Zwischen den Pavillons und an den Wänden hängen moderne Malereien. Ein Pavillon war freigemacht, und darin stand ein Sessel und ein Klavier. Davor ein paar Stuhlreihen für nicht mehr als 100 Zuhörer.
 
Die beiden Künstler haben sich dem Genre Chanson verschrieben. Sebastian Bente, ein junger, schlanker Mann, seine Erscheinung wie aus den 1930er-Jahren entsprungen, erzählte ein wenig von dem, was in den Chansons besungen wird: Liebe, Liebeskummer, vergangene Liebe, Liebestod und Herzklopfen, Huren, Sex, Mordgelüste und anderes. Er erzählte kleine Witze dazu, sprach auch einmal jemanden aus dem Publikum an und forderte scherzhaft eine Dame auf, einen Vortrag zum Thema des Abends zu halten. Er sang Chansons von Edith Piaf, Jacques Brel, Hildegard Knef, die meisten auf Deutsch, aber auch einige in Englisch und Französisch, und ganz neue unbekannte Lieder, wie eine Vertonung des Gedichtes von Erich Kästner „Sachliche Romanze“ („Als sie einander 8 Jahre kannten …“). Dazu gab es eine grosse Anzahl von Liedern zum leisen Mitsingen, wie z. B. „Macki Messer“, „Für dich soll’s rote Rosen regnen“ von Hildegard Knef, und – weil Weihnachten nahe ist -, zum Schluss 2 zeitgemässe Chansons.
 
Es war ein kurzweiliger Abend mit vielen bekannten Melodien, Sehnsucht weckend nach dem Paris des letzten Jahrhunderts und nach dem Amsterdam von Jacques Brel.
 
2 völlig verschiedene kleine Konzerte, beide professionell ausgeführt, beide ein vollkommener Genuss. Nicht zu vergessen, die Atmosphäre der Konzerte: nicht pompös in riesigen Arenen oder Sälen daherkommend, sondern klein und ein wenig heimelig, aber gerade darum die Seele berührend. So sind künstlerische Darbietungen echte Erlebnisse!
 
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