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BLOG vom 14.12.2012


Abwendung von der Energiewende: Mit Digipinsel übermalen
Autor: Walter Hess, Publizist, Biberstein AG/CH (Textatelier.com)
 
Bei einer Suchaktion in meiner Bibliothek ist mir soeben das Buch „Digitalfotografie“ von Rainer Emling, 2003 im Humboldt Verlag in München erschienen, zu Gesichte gekommen. Beim flüchtigen Durchblättern habe ich darin viel „Schnee von gestern“ gefunden; denn inzwischen hat ja die Digitalfotografie enorme Fortschritte gemacht. Dennoch hielt ich auf Seite 152 beim Kapitel „So verschwinden Hochspannungsleitungen“ inne und las: „Entfernen Sie mithilfe des Kopierpinsels (Klonwerkzeug) aus einem schönen Foto so störende Elemente wie quer durch den blauen Himmel verlaufende Hochspannungsleitungen.“
 
Selbstverständlich werden digitale Werkzeuge zur Bildbearbeitung in den kommenden Energiewendezeiten Hochkonjunktur haben. Mit der dezentralisierten Elektrizitätserzeugung aus alternativen Quellen, die Strom meistens am falschen Ort und zum falschen Zeitpunkt (ausgerechnet im sonnenarmen Winter ist der Strombedarf am grössten) liefern, wird diese nur bedingt speicherbare Energie (etwa in Pumpspeicherseen, Elektrospeicheröfen, Batterien usf.) verlustreich interkontinental herumzirkulieren müssen. Dies erfordert einen gigantischen Ausbau der Hochspannungsnetze. Das heisst, die Landschaften werden noch mehr verunstaltet als sie zwangsläufig bereits sind. Die physischen Leitungsmasten-Serien lassen sich nicht einfach digital wegpinseln. Und die Stromlücken müssen vor allem in der kalten Jahreszeit mit einem Zukauf von Elektrizität aus ausländischen Dreckschleudern wie Kohlekraftwerken und abenteuerlichen Atommeilern gestopft werden müssen – zum diktierten Preis.
 
Landschaftsschutz und Forschung resignieren
Die Landschaftsschützer wissen im Moment nicht so recht, wo ein und aus. Sie kranken noch immer am Fukushima-Tsunami-Effekt, dieser Folge einer Verschiebung der pazifischen Platte unter dem Pazifik und des davon ausgelösten Erdbebens im März 2011: eine gigantische Überschwemmung mit rund 23 000 Toten. Sie zog die 6 Reaktorblöcke des ufernahen Atomkraftwerks Fukushima Daiichi in Mitleidenschaft, forderte hier keine Menschenleben; umfangreiche Evakuierungen waren aber nötig. Die entwichene Menge an Radioaktivität war in Japan geringer als jene, die bei der Tschernobyl-Katastrophe 1986 in die Umwelt gelangt war.
 
Die Forderung nach einer grösstmöglichen Sicherheit der Kernkraftwerke ist berechtigt und unbestritten. Auch in diesem Sektor steht die Technologie nicht still, falls sie nicht durch die staatliche Planwirtschaft zur Bedeutungslosigkeit verurteilt wird. Brut- und Fusionsreaktoren mit wesentlich verringertem radioaktivem Abfall könnten weitere Verbesserungen bringen, würde man die Forschung nicht durch sinnentleerte staatliche, planwirtschaftliche Massnahmen erschweren, die nicht von Sachverstand getragen sind und am Volk vorbei dekretiert wurden.
 
Die Kopflosigkeit – ganz oben
Dem Abschalten eines Kernkraftwerks an einem frei erfundenen Termin müsste auch der Preis dieses gravierenden Schritts gegenübergestellt werden. Werke sollten doch nur dann abgeschaltet werden, wenn ihre Sicherheit nicht mehr gewährleistet ist (so lautet auch die offizielle Aargauer Haltung) – und nicht zu einem beliebigen, im Voraus festgelegten Zeitpunkt. Das würde die Vernunft gebieten, gäbe es sie noch.
 
Die Folgen eines irrationalen Abschaltbefehls sind nicht so leicht aus der Welt zu schaffen wie die Beseitigung des Rote-Augen-Effekts bei den Digitalaufnahmen. Fototechnisch können die Probleme gelöst werden: Modernere Retouchierprogramme werden sich zweifellos der Beseitigung der ganze Hügelzüge verschandelnden Windräder, die immer protziger werden, und der spiegelnden Solarenergieflächen made in China annehmen. Doch die Realität bleibt davon unbehelligt.
 
Die Hals über dem ausgeschalteten Kopf vom Bundesrat beschlossene und vom Parlament nachvollzogene Energiewende aus wahltaktisch-populistischen Gründen offenbart inzwischen ihre verhängnisvollen Seiten immer deutlicher, gerade auch im Bereich der Industrie, die in der Schweiz etwa 2/3 des Stroms konsumiert. Denn nicht allein auf Private, sondern insbesondere auch auf die Unternehmen kommen enorme Mehrkosten zu, die ihre internationale Konkurrenzfähigkeit schwächen und einzelne energieintensive Betriebe allmählich ruinieren werden. Deshalb haben die beiden Industrieverbände Swissmem und Science-Industries am 11.12.2012 mitgeteilt, dass sie die „Energiestrategie 2050“ des Bundes ablehnen. Sie machten sich für die Beibehaltung der Kernenergie stark, weil sie sonst die Versorgungssicherheit gefährdet sehen. Einen subventionierten Ausbau der Erneuerbaren, der wohl grösstenteils über die Elektrizität bezahlt werden müsste, lehnen die erwähnten Verbände kategorisch ab. Endlich.
 
Die Folgen geflissentlich ignoriert
Das Finanzdebakel war schon zum Zeitpunkt der Ankündigung der Energiewende vorauszusehen; im Blogatelier wurde von Anfang an mehrmals darauf aufmerksam gemacht. Bundesrätin Doris Leuthard, Aargauerin und mit Energiefragen bestens vertraut, wusste das genau: „Natürlich sind noch viele Fragen offen, gerade was die Auswirkungen (des Atomausstiegs) auf die Volkswirtschaft im Detail betreffen.“ Unverzeihlich an ihrem Vorgehen ist, dass sie nicht zuerst abklärte, sondern aus wiederwahltaktischen Gründen und als Entgegenkommen an den Linkstrend spontan und aus dem hohlen Bauch heraus entschied – gegen die sachliche Vernunft. Wahltaktisches Kalkül. Denn hätte sie die Folgen zuerst einmal abklären und darstellen lassen, wäre es offensichtlich unverantwortlich gewesen, den Entscheid so zu treffen. Jetzt kündigt sie einfach Stromerhöhungen an, denn die von ihr initiierte Wende sei halt „nicht gratis zu haben“, posaunt sie mit süffisantem Lächeln im Lande herum. Und endlich hat sie recht. Die Energieverteuerung ist geradezu ein Ziel von ihr, um das Sparen zu erzwingen. Doch auch diesbezüglich hat sie andere Folgen nicht bedacht.
 
Die Branchen der beiden spät aus dem Tiefschlaf erwachten Verbände – Maschinen-, Elektro- und Metallindustrie sowie Chemie, Pharma und Biotech – sind nach eigenen Angaben zusammen für 73 % der Schweizer Güterexporte verantwortlich. Sie beschäftigen rund 400 000 Personen in der Schweiz. Ihre Stellungnahme hat entsprechend Gewicht. Sie hätten am Tag nach der Ankündigung der Energiewende rebellieren sollen, bevor man sich weiter in eine untaugliche, verhängnisvolle Richtung verrennt. Die Verbände beginnen Haltung zu zeigen und liessen jetzt verlauten, politisch motivierte Strom- und Energiepreiserhöhungen, die einseitig durch die Schweiz eingeführt würden, gefährdeten die internationale Wettbewerbsfähigkeit der einheimischen Exportindustrie. Die Industriestrompreise seien im europäischen Vergleich schon überdurchschnittlich hoch.
 
Dank ihres Wasserreichtums und der zentralen Lage als Stromverteilungszentrum müssten die Elektrizitätspreise in der Schweiz theoretisch kleiner als in den umliegenden Ländern sein. Doch eine verkorkste Politik wird es schaffen, auch die Folge der eigenen Standortvorteile noch zunichte zu machen – ganz im Sinne des Linkstrends: die eigene Industrie soll durch eine Planwirtschaft geschwächt. Dazu ist jedes Mittel recht. Arbeiter leiden, das Gewerkschaftswesen blüht auf.
 
Kriminalisierte und hofierte Energieträger
Das Verbot einzelner Energieträger sei unnötig und falsch, sagten die Vertreter der erwähnten Industrieverbände. Gewiss, jeder Energieträger hat seine eigenen Tücken – auch hohe Staumauern haben ein Gefahrenpotenzial. Selbst in einem Biogaskraftwerk wie in Altdorf am 03.11.2012, in Witschwende bei Bergatreute D am 10.07.2012 und im am 06.09.2012 im Energiezentrum Wintersried in Seewen SZ, ebenfalls eine Biogasanlage, kann ein Brand ausbrechen. Soll man sie abstellen und verbieten, weil sich Grossbrände in Dürrezeiten flächenhaft ausdehnen können? Gaskraftwerke ihrerseits stören die Klimaziele, was auch immer man von diesen halten mag, Windräder verwüsten Landschaften, lärmen und zerschnetzeln Vögel, Solaranlagen (Photovoltaik) sind nicht nur ein ästhetisches Problem, sondern werden früher oder später zu Solarschrott, weil sie Schwermetalle und andere Problemstoffe enthalten. Ihre Entsorgung ist noch ungelöst.
 
Das Adam-und-Eva-Dilemma
Die Energie, die unser Leben erleichtert und die Industrie beflügelt, hat also auf jeden Fall ihren Preis. Darum kommt man nicht herum. Aber es ist wohl ein ausgemachter Blödsinn, diesen durch ein unüberlegtes Handeln künstlich zu erhöhen und damit neue Unzulänglichkeiten in Serie zu produzieren.
 
Wir verstehen uns als allwissende, hochzivilisierte Menschen und übersehen, dass wir vor demselben Dilemma wie Adam und Eva stehen: Wir verlangen nach der besonderen Frucht, die am Energiebaum wächst. Und wenn wir sie verschlungen haben, beginnen wir die Folgen zu erkennen – die Gefährdung unserer Lebensgrundlagen. Und dann wenden wir uns halt anderen verbotenen Früchten zu – mit ähnlichen Effekten.
*
In der Digitalfotografie ist die elektronische Bildbearbeitung auf eine Verschönerung bedacht, worunter die fotografische Wahrheit leidet. In der Politik geht es oft einfach um Problemverlagerungen, von fiktiven zu tatsächlichen Verwüstungen, wenn immer das Allgemeinwohl und eine Rücksichtnahme auf die Naturwerte aus den Augen verloren werden. Und wenn geschürte Katastrophenerwartungen die gedankliche Klarheit vernebeln.
 
Der 21.12.2012 und der Maya-Kalender zeigen, wie es so geht. Sie lassen grüssen.
 
 
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