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BLOG vom 18.12.2012


Genuss-Killer: Kommt nach der Raucher- die Alkoholhatz?
Autor: Walter Hess, Publizist, Biberstein AG/CH (Textatelier.com)
 
Zivilisierte Völker werden immer kränker, behandlungsbedürftiger (siehe Krankheitskosten), und eine riesige Maschinerie wird installiert, um den Tod hinauszuschieben, als ob das Leben selbst unter Dauerschmerzen und Einschränkungen noch einen Sinn habe. Durch Mehrfach-Impfungen werden bereits Kleinkinder geschwächt, eine Vorbereitung auf die Immunschwäche. Die Lebensmittel werden zur Nahrung nach industriellem Design, der Medikamentenkonsum zur Symptomunterdrückung beim grassierenden Gesundheitszerfall floriert. Und all das geschieht im Dunst eines rasant zunehmenden Elektrosmogs – die Leute, zum Plappern und Nachplappern erzogen, können offensichtlich gar nicht genug an Kommunikation bekommen.
 
Kastrierte Raucher
In diesem Umfeld machen staatliche Gesundheitsbehörden punktuell auf Prävention – auf Krankheitsverhinderung. Statt die Leute zur Genussfähigkeit hinzuführen (wenn überhaupt erzieherische Massnahmen vonseiten des Staats nötig sein sollten), wird versucht, mit Einschränkungen und gar Verboten die Bürger auf den richtigen Weg zu zwingen. Sicher, man kann im Kettenraucherstil und mit Drogen aller Art seine Gesundheit ruinieren, das Dahinvegetieren in abgasschwangeren, sauerstoffarmen Räumen ist nicht gerade ein erstrebenswertes Lebensziel. Aber man könnte, wenn schon, den Leuten sagen, dass das bewusste, genüssliche Rauchen etwa von einer Zigarre oder einer Pfeife eine Lebensfreude, ein Stück Kultur sein kann. Das hat dann nichts mehr mit dem Rauchen wie ein Schlot zu tun.
 
Das Stopfen einer Pfeife aus der Bruyère-Wurzeln ist ein sinnliches Vergnügen, das Anzünden ein feierlicher Akt, und das Empfinden eines aromatischen, kühlen Rauchs in Mund und Nase führt zu Momenten der wohligen Entspannung. Der Liebhaber des Pfeife- oder Zigarrenrauchens wird beim Anblick der sich bewegenden Rauchschlieren zum Philosophen.
 
Das Rauchen sollte keine Reflexhandlung, keine sich ständig wiederholende Gewohnheit sein, sondern ein kleines Fest im gegebenen Moment und am richtigen Ort, an dem niemand belästigt wird. Man erinnere sich etwa an das kunstvolle Rauchzubehör, wie es im elisabethanischen England Minuten, vielleicht Stunden, adelte. Möglicherweise trifft das in einem sehr beschränkten Ausmass auch für Zigaretten zu. Mein Fall ist das nicht, weil mich das Papier und die meist billigen Tabake stören – ich konnte damit noch nie etwas anfangen.
 
Aus solchen Erkenntnissen heraus wird immerhin der Unsinn klar, das Rauchen pauschal zu verteufeln, zu bestrafen, in Misskredit zu ziehen. Man muss jetzt aufpassen, dass dieselbe Hatz wie gegen das Rauchen und die Raucher nicht auch auf die Alkoholgeniesser ausgedehnt wird, zumal sich die Gesundheitsbehörden ständig neue Einschränkungen, kampagnehaft verkauft, einfallen lassen müssen, um ihre Existenz zu rechtfertigen.
 
Es ist durchaus denkbar, dass auch die Schokolade bald einmal auf die Abschussliste der Gesundheitswächter geraten, weil sie das Glückshormon Serotonin stimuliert und zudem noch 2 weitere Glücksbotenstoffe (Phenylethylamid und Anadamin aus der Kakaobohne) neben vielen Kalorien enthält, die gar nicht so recht zum Schlankheitskult passen mögen.
 
Übrigens: Dänemark hat seine im Oktober 2011 eingeführte Fettsteuer bereits wieder gestrichen. Die weltweit erste Steuer auf Lebensmittel mit gesättigten Fettsäuren sei zu kostspielig und habe das Ernährungsverhalten der Dänen nicht verändert, erklärte das wenigstens lernbereite Steuerministerium in Kopenhagen. Die Fettsteuer betrug pro Kilogramm gesättigter Fettsäuren 16 Kronen (2.15 Euro). So verteuerte sich die 250-Gramm-Packung Butter um 2.20 Kronen (0.29 Euro, etwa 35 Rappen).
 
Das Gläschen Wein im Versteckten
Vor einigen Wochen habe ich eine Fernsehsendung gesehen, bei der es um den „versteckten Alkoholismus“ ging. Nun, gewiss gibt es gedankenlose Säufer in allen Alterskategorien (ob am Licht oder im Versteckten), und es gibt Designergetränke, die ich der Kläranlage zuführen würde, in der Hoffnung, dass das Belebtschlammverfahren davon nicht beeinträchtigt wird. Der Konsum solch künstlicher Mixturen hat nichts mit Lebenskunst zu tun.
 
In der erwähnten TV-Dokumentation wurde sinngemäss gesagt, die Mitmenschen müssten halt schon etwas aufmerksamer sein, oft sei dieser Alkoholismus an Indizien zu erkennen. So sei es zum Beispiel verdächtig, wenn in einem Altersheimzimmer eine angebrochene Weinflasche herumstehe.
 
So wird also indirekt zu Bespitzelungen aufgerufen. Wenn sich ein altes, einsames Männchen in seinem Heimzimmer ein Verdauungsschnäpschen gönnt oder sich in der Mitte des Nachmittags ein Gläschen Wein über die Zunge rinnen lässt und dabei vielleicht einige Sorgen vergessen kann, läuft der arme Mann bereits Gefahr, als therapiebedürftiger Alkoholiker (Säufer) abgestempelt und therapiert zu werden. Und genau das ist der Skandal. Lasst doch den alten Menschen ein kleines Vergnügen! Alles andere ist unmenschlich, zeugt von mangelnder Toleranz, von Verbohrtheit.
 
Eine andere Gesundheitssendung befasste sich mit dem Thema Alkohol von der Expovina in Zürich aus. Der sympathische Seiltanz-Weltmeister Alfred Nock jun. stellte sich für einen interessanten Test zur Verfügung. Er musste Schnaps trinken, über ein gespanntes Seil wenig über dem Seewasser gehen (eine gefahrlose Übung), noch mehr Schnaps trinken, bis er etwa bei 0,8 Promille angekommen war und sich trotz höchster Konzentration nicht mehr auf dem Seil halten konnte. Die Aussage war überzeugend: Durch einen hohen Alkoholkonsum verliert man die Kontrolle über sich.
 
Er würde vor dem Seiltanzen nie trinken, sagte Nock, das Gleichgewichtsgenie, glaubhaft. Und das soll man ja auch vor dem Autolenken nicht tun. Das hat sich inzwischen herumgesprochen.
 
Die guten Seiten des mässigen Alkoholgebrauchs
Im Übrigen hat auch der Umgang mit Alkohol wie das Rauchen mit der Genussfähigkeit zu tun. Und ehrlicherweise müsste man bei aller Berechtigung von Warnungen vor mass- und kopflosem Konsum gleichzeitig auch einmal feststellen, dass Bier, Wein und wohl auch eine reelle Spirituose durchaus gesundheitlich positive Wirkungen haben können. Gerade der aus Traubenbeeren gewonnene Wein enthält viele organische Inhaltsstoffe und Mineralsalze, wobei die Menge je nach Reichhaltigkeit variiert: leichte Wein sind ärmer an wertgebenden Komponenten als etwa körperreiche Rotweine. Und dank den spurenweise vorhandenen Polyphenolen, die in konzentrierter Form auch Gifte sein können, und den Flavoniden entwickeln Weine antiseptische Eigenschaften, das heisst sie bekämpfen krankheitserzeugende Bakterien (und beeinflussen selbstverständlich auch andere).
 
Guter Wein, mit Mass getrunken, hat durchaus gesundheitserhaltende und -fördernde Eigenschaften. Die weinseligen Franzosen haben weniger Herzinfarkte als die Engländer und Amerikaner. Die Säuren im Wein regen die Sekretion der Galle und der Bauchspeicheldrüse (Pankreas) an, verbessern also die Verdauung, was sich gerade im Alter günstig auswirkt, weil die Magensäureproduktion dann etwas nachlässt. Und das Resveratrol, das zu den Polyphenolen zählt und erstmals 1976 in Weinbeeren nachgewiesen werden konnte und das auch in anderen pflanzlichen Lebensmitteln wie Himbeeren und Pflaumen vorkommt, kann dem Abwehrsystem wieder etwas auf die Beine helfen. Es sind ganze Bücher über die Gesundheitswirkungen des Weins geschrieben worden.
 
Man stelle sich einen festlichen Anlass ohne ein alkoholisches Getränk vor. Ich beobachte immer wieder, wie Anlässe, bei denen miteinander wenig vertraute Leute zusammentreffen, zuerst steif verlaufen. Man ringt um Gesprächsstoff, tastet ab, ist verklemmt. Doch fast unmittelbar nach dem Zuprosten ändert sich die Stimmung schlagartig. Der Lärmpegel steigt: die Gespräche werden flüssiger, man lacht, geht aufeinander zu – eine leicht euphorisierte Stimmung stimuliert die menschlichen Kontakte. Das sind auch Werte. Es muss ja nicht gleich zu nebelhaften Visionen und einer inneren Erleuchtung kommen, die auch übers Fasten und Kasteiungen erreicht werden können.
 
Heiss ins Blut ...
Die Literatur ist voller Lobgesänge über die Weisheit im Kulturgut Wein, in Prosa und Lyrik. Der mit Trauben bekränzte Weingott, Dyonysos (Bacchus), ist unsterblich, über Anhänger kann er sich nicht beklagen.
 
1935 reimte der deutsche Schriftsteller Anton Schnack (1892‒1973) in „Worte vom Wein“ in teil-euphorisierter Stimmung mit kritischer Beachtung von Details: 
Mancher Wein stand vor mir ganz allein.
Wo und wann? Die Stunden waren bitter,
Leben schien Gefangenschaft und Gitter,
Und es ging ein Wind vor einem Nachtgewitter.
Langsam schwanden Sorgen, Last und Pein.
Bleiern stach der Blick ins Leere,
Doch es löste sich die dumpfe Schwere,
Und ich dachte an die grossen Meere.
 
Teuren Wein trank ich bei reichem Fest,
Auf den Tellern lagen Speisehaufen,
Und ich hörte fette Männer schnaufen,
Und ich war verwirrt vom Reden, Lachen, Saufen,
Und mein Herz war traurig, still, gepresst,
Und ich hatte Sehnsucht, irgendwo zu gehen,
Irgendwo bei einem Kind zu stehen,
Irgendwo in ein geliebtes Angesicht zu sehen.
 
Mancher Wein schoss heiss ins Blut,
Wein von meinen Eltern,
Wein aus alten Frankenkeltern.
Und er roch nach Rebhuhnjagd und Feldern,
Golden war es, voll und honiggut.
In ihm steckten viele Wonnen,
Krumme Gassen, Julisonnen,
Bauernjuchzer, Mainmadonnen.
 
Mancher Wein hielt uns des Abends wach
In den Stuben bei den kleinen Wirten,
Wo die Augen nach vergilbten Jägerbildern irrten,
Wo die Fliegen schwarz am Lichte schwirrten.
Und wir sassen da und dachten nach:
Dachten an den Fluss der Knabenjahre,
Dachten an den Glanz der Mädchenhaare,
Dachten einfach an das Wunderbare.
*
Der Umgang mit Alkohol muss gelernt sein; ein stupider Konsum spricht gegen den Trinker, nicht gegen das Getränk. Der Alkohol und insbesondere der Wein und das Bier als Kulturgüter werden auch mit 1000 Präventionskampagnen durch Gesundheitsbehörden, die Askese predigen und Lebensfreuden vermiesen, nicht aus der Welt zu schaffen sein. Wie beim Tabak wird man in den nach EU-Muster verarmenden Ländern darin ein Fiskalobjekt erkennen, um den leeren Kassen Gutes zu tun und die Trinker und gleichzeitig die Geniesser auf diese Weise bestrafen. Das Muster ist bekannt.
 
Auch das oben erwähnte Männlein im Altersheim wird man schon noch auf den rechten Weg zwingen. Das wird ihm den Abgang erleichtern. Hoffentlich findet es, um das „Trinkerlied“ von Novalis etwas abzuwandeln, beim Anklopfen der letzten Stunde wenigstens noch den letzten Tropfen in einer angebrochenen Flasche.
 
 
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