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BLOG vom 29.12.2012


John und Pat zu Besuch: Wie sich das Papierblatt füllt
Autor: Emil Baschnonga, Aphoristiker und Schriftsteller, London
 
Meine Augen starren auf das in meinem PC aufgeschlagene leere Blatt. Ich grüble und frage mich, womit ich es füllen könnte. Das Jahr hat sich entblättert und, mir schien, mein Gedankenfach ebenfalls.
*
Vor 2 Tagen besuchten uns John und Pat unverhofft. Der Tag war licht. Ich war im Garten und stutzte die dürren Blütenstängel der Lavendelstauden. Sie erschienen sonntäglich gekleidet. Seit 20 Jahren begegne ich John auf dem Ramschmarkt in Wimbledon, wo er seine Ware feilbietet. Ich plaudere gern mit ihm. Nein, er plaudert mit mir. Ich bin sein Zuhörer. Er wechselt die Themen sprunghaft. Seine Anekdoten amüsieren mich.
 
Etwas aufgewirbelt vom unerwarteten Besuch, geleite ich die beiden Gäste ins Haus. Hastig sprang Lily die Treppe hinauf, denn sie musste den Morgenrock gegen ein Kleid auswechseln. Nachdem Lily wieder erschienen war, zeigte sie uns die Fotos ihrer wachsenden Zahl von Enkelkindern. Ich liess mir nicht anmerken, wie zerstreut ich war. John ist gross gewachsen und 77 Jahre alt. Stracks bezog er den seiner Grösse angemessenen Sessel.
 
Lily tischte Kaffee mit Kuchen auf, denn sie hält viel auf Gastfreundschaft. John zog ein kleines Lederbändchen (10 x 6.5 cm) aus der Tasche, das mich augenblicklich fesselte. Es war ein Tagebüchlein aus dem Jahr 1879 und trug den Titel „My Boxe“. John hatte es in einer Schachtel aufgestöbert und in Bezug mit seiner Familie gebracht, die bis ins 15. Jahrhundert zurück reicht.
 
Die ersten 20 Seiten dieses Tagebuchs waren mit Tinte geschrieben und hielten Gedanken und Erlebnisse fest. Es begann mit dem Titel „Take Care“, der immer wieder als Refrain auflebte. Ein weiterer Textteil war so beschriftet: „To L. – after 10 years“.
 
Obwohl der Text zügig in Schrägschrift festgehalten war, hatte ich Mühe, die Zeilen zu entziffern. John hat mir dieses Büchlein als Leihgabe übergeben.
 
Einige Textfragmente streue ich hier ein als Gedankensplitter des Verfassers: „Try and be sensible“ (Versuche und sei vernünftig), und etwas rätselhaft: „Love you – aye as Sappho loved the lesbian maid … (Liebe dich, wie Sappho die lesbische Magd liebte …), unter der Überschrift „Cleopatras Needle“ vermerkte er: „A fitting present you would be to the old lady who resides in famed Thread Needle Street“.(Ein passendes Geschenk würdest du sein für die alte Lady in der berühmten Thred Needle Street). Auch französische Sprachbrocken sind da und dort eingestreut. Mit etwas Geduld sollte es mir möglich, ein Bild vom Verfasser zu formen.
 
Und genau seine farbig gemalten Bildchen sind für mich der Höhepunkt dieses Büchleins, mit Schmiss und Talent skizziert, wie die Heuschrecke, mit „sauterelle“ unterschrieben, oder die Maulwurfsgrille („grillon“), gefolgt von der Libelle („libellule“). Hinzu kommen doppelseitig gemalte Landschaftsbilder, wohl Vorstudien für Ölbilder, vermute ich. Das Prunkstück ist eine kräftig ausgearbeitete Doppelseite, links mit Herrenköpfen in Zuschauerreihen eingebettet, rechts mit eleganten Frauenköpfen illustriert. Zuletzt sind Zahlenreihen angefügt, vielleicht als des Verfassers Einkommen aus seinen Zeichnungen? Das Adressverzeichnis von Lords und Ladies beschliesst sein Notizbüchlein.
*
Zum Dank für Johns Leihgabe habe ich ihm versprochen, den etwas losen Rückenbund zu restaurieren. Die recht kunterbunten und sprunghaften Eintragungen sind Eigenarten, die John mit dem Verfasser dieses Werkleins teilt. Mit seinem rund 3-stündigen Besuch hatte mir John geholfen, diese Seite, die ohne ihn leer geblieben wäre, zu füllen.
 
 
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