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BLOG vom 26.01.2013


CH-Biohandel, Aldi und Lidl: Wenn die Knospe verklemmt ist
Autor: Walter Hess, Publizist, Biberstein AG/CH (Textatelier.com)
 
Das Aktenzeichen „Aldi, Lidl und die Knospe“ ist noch ungelöst. Die beiden Harddiscounter, die sich ab 2005 offensichtlich erfolgreich in der Schweiz etabliert haben, bieten in vielen Bereichen eine ausgezeichnete Qualität zu erstaunlich günstigen Preisen. Sie beteiligen sich selbstverständlich auch am Bio-Wachstumsmarkt. Das ist zu begrüssen: Je mehr zur Förderung umweltschonend produzierter und gesunder Lebensmittel in einem gesamtbetrieblich abgerundeten System getan wird, umso begrüssenswerter ist das.
 
Bioprodukte sind logischerweise etwas teurer als Massenprodukte aus der Intensivlandwirtschaft, und man hört infolgedessen oft, sie seien nur gerade für die Mehr-Besseren (Gutverdienenden) erschwinglich. Da ist sicher etwas dran, denn wer am Existenzminimum nagt, wird wahrscheinlich gezwungen sein, Billigware zu kaufen und einen Bogen um Bio-Labels herum zu machen.
 
Wenn Bioprodukte billiger angeboten werden können, haben mehr Leute Zugang zu hochwertigen Produkten, die der Gesundheitserhaltung und der Ökologie den entsprechenden Wert beimessen. Dabei wäre es meiner Ansicht nach falsch, die viel Handarbeit leistenden, vielfältig produzierenden Biobauern zu Preisreduktionen zu zwingen; denn dadurch könnten sie ihren umweltfreundlichen Standard wohl kaum aufrechterhalten. Doch wenn es dem Handel gelingt, auch hier mit kleineren Margen zu arbeiten, wäre das sehr erwünscht – jedenfalls vonseiten der Konsumenten und wegen der kleinbäuerlichen Absatzmöglichkeiten. Der Wettbewerb müsste sich also auf der Handelsebene abspielen.
 
Bio-Suisse hat sein Knospe-Logo bisher dem Aldi und dem Lidl vorenthalten. Deshalb haben diese ein eigenes Bio-Label geschaffen: „Natur aktiv“ (Aldi) und „Biotrend“ (Lidl) – dabei gelten dieselben Qualitätsanforderungen wie für die Knospen-Produkte. Somit ist halt der Label-Salat etwas grösser geworden; aber schliesslich hat die Branche auch mit viel Salat zu tun. Es kommt mir vor wie damals, als viele Markenproduzenten die junge Migros nicht belieferten und dieses aufstrebende Unternehmen, von Gottlieb Duttweiler gegründet, zur Errichtung eigener Produktionsanlagen zwangen.
 
Aldi Schweiz wollte von Anfang an mit Bio-Suisse zusammenarbeiten, stiess aber auf Widerstand. Denn die etablierten Bio-Händler (insbesondere Coop), die wegen den deutschen Discountern (schon unmittelbar vor deren Markteintritt in der Schweiz) die Preise senken mussten, wollten wenigstens das Biosortiment hochpreisig über die Runden bringen. Die Fernsehsendung „Kassensturz“ vom 16.02.2010 zeigte auf, wie Detailhändler und auch einige Biobauern mit ihrer Preishochhalte-Politik den Wettbewerb behindern. Andere Biobauern wären einer Öffnung zugetan, so der Seeländer Bio-Bauer Ernst Maurer: „Wenn man etwas nach der Richtlinie der Knospe produziert, soll man es auch so vermarkten können.“
 
„Wichtige Bio-Suisse-Partner wie Coop werden so von der Discount-Konkurrenz geschützt“, erfuhr man vom Kassensturz damals. Und in der gleichen Sendung sagte der ehemalige Bio-Suisse-Geschäftsführer Stefan Flückiger: „Discounter definieren sich in der Regel über den Tiefpreis. Und das passt nicht zu der Knospe.“ Bio Suisse wolle nicht, dass ein Preiskampf entstehe, fügte er bei. Dieser Preiskampf schade schlussendlich der Knospe und sicher auch den Produzenten. Wegen divergierender Ansichten hat Flückiger seinen Posten inzwischen quittiert.
 
Bio-Suisse hatte die Weigerung der Belieferung von Discountern unter anderem mit dem stark eingeschränkten Angebot in diesen Läden begründet, doch die Angst vor einem Preiskampf stand und steht im Vordergrund.
 
Das Thema wurde wieder virulent, als die SonntagsZeitung vom 13.01.2013 meldete: „Aldi und Lidl wollen die Knospe“. Nicole Kircher und Alice Chalupny zeigten auf, dass der Biobereich boomt: Bei Coop legte der Biobereich im letzten Jahr um 4,5 Prozent zu, bei der Migros waren es sogar rund 10 Prozent. Insgesamt werden schweizweit rund 2 Milliarden Bio-Franken umgesetzt. Und Aldi und Lidl hätten „intensiv mit Bio-Suisse über eine Zusammenarbeit verhandelt“, was Sabine Lubow, Sprecherin von Bio Suisse, bestätigt habe. Bei Aldi und Lidl machen Bioartikel 3 bis 6 % des Sortiments aus, bei steigender Tendenz.
 
April! April! rief die Zeitung „Der Schweizer Bauer“ vom 16.01.2013 aus. Nichts von Gesprächen zwischen den Bio-Label-Bewachern und den Discountern – der Bericht der SonntagsZeitung habe sich als Zeitungsente herausgestellt. Sozusagen als Bio-Ente. Gleichzeitig wird zuhanden der lesenden Bauernschaft bestätigt, dass Aldi und Lidl ihr Bio-Sortiment stark ausbauen möchten, was für den Konsumenten nur willkommen sein kann. Doch sagte Sabine Lubow zur Bauern-Zeitung, Bio-Suisse sei grundsätzlich bereit, mit allen Marktpartnern zu sprechen; mit Aldi habe man allerdings seit 2012 keine Gespräche mehr geführt. Merkwürdig: Dieses Jahr 2012 ist ja noch nicht so lang verklungen ...
 
Es ist ein Geknorze, ein Lavieren – die Bio-Suisse möchte zwar den Biomarkt ausbauen, aber bitte auf hohem preislichem Level. Sie sollte stattdessen gescheiter dafür sorgen, dass die Bio-Produzenten weiterhin anständig honoriert werden und dass auch die Discounter kostendeckende Preise an ihre Lieferanten zahlen müssen. Aber die Handelsmargen sind doch nicht ihre Sache.
 
Und wenn eine künstliche Preishochhaltepolitik das oberste Ziel von Bio-Suisse sein sollte, würde das den gesamten Biomarkt in ein schlechtes Licht stellen und eine Abzocker-Initiative der speziellen Art verlangen. Die Knospen würden abfallen, bevor sie im erwünschten grösseren Umfang richtig spriessen konnten.
 
 
Hinweis auf weitere Blogs zum Bioproduktehandel
18.01.2006: Bio-Winzer werden bestraft: Kennzeichnung ist nicht erlaubt
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