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BLOG vom 29.01.2013


Kraftwerk Aarau: Mehr Strom, mehr Natur, mehr Attraktion
Autor: Walter Hess, Publizist, Biberstein AG/CH (Textatelier.com)
 
Was ist das, ein Wasserkraftwerk?
 
Regulierbare Wehre, ein Maschinenhaus mit Turbinen, umrahmt von einer Fischtreppe? Genau. Die wesentlichen Bestandteile aber sind das Wasser und damit der oft kilometerlange Staubereich mit den Kanälen, ein Bett für das vorgeschriebene minimale Restwasser und hoffentlich einige Ausuferungen in die Landschaft hinaus, die ans frühere Mäandrieren der Flüsse erinnern. Unterhalb der Werkgebäude muss das Wasser, das ja nicht verbraucht, sondern bei seinem Abstieg nur als Antriebsmittel benutzt wurde, geordnet weiterfliessen können ... bachab, zur nächsten Staustufe und zum nächsten Kraftwerk. Der Schwerkraft sei Lob und Dank. Das Geschiebe sollte mitgerissen werden, und rundum werden seit dem Erwachen des Umweltbewusstseins die massiven Eingriffe in die Umwelt so weit wie möglich abgedämpft.
 
Der Verlust des freien Fluss-Fliessens erfüllt jeden naturverbundenen Menschen mit einem schlechten Gewissen, dem nach Möglichkeit entgegengewirkt werden soll. Solche Bauwerke seien immer Kompromisse zwischen dem wachsenden Appetit auf eine saubere Energie und den Eingriffen in die belebte Umwelt, in den Naturhaushalt, den wir als Ökologie bezeichnen. Das war sinngemäss an einer Orientierungsversammlung im Gemeindesaal Erlinsbach (Solothurn) am 24.01.2013 vom dortigen Gemeindepräsidenten Markus von Arx und von Martin Würsten vom kantonalen Amt für Umwelt des Kantons Solothurn zu vernehmen. Im Rahmen der Vorbereitung der Konzessionserneuerung des Kraftwerks Aarau und der Aare-Wiederbelebung war gerade die Phase der öffentlichen Mitwirkung ausgebrochen. Das Publikumsinteresse hielt sich in Grenzen, so dass 2 grössere, gut gebackene Speckzöpfe aus der Erlinsbacher Dorfbäckerei Leuenberger (zu einem Glas Rotwein) zu deren Fütterung vollkommen ausreichten.
 
Ein dauerhaftes System
Ein Wasserkraftwerk ist ein gleichzeitig nötiges und landschaftsveränderndes, verzweigtes, umfangreiches System, das sich über weite Gebiete erstreckt und selbstredend nicht nur die natürliche oberirdische Wasserdynamik, sondern auch das Grundwasser beeinflusst. Die Konzessionsstrecke des 1894 erbauten Kraftwerks Aarau ist 4040 m lang, wovon rund 82 Prozent im Kanton Solothurn und 18 Prozent im Kanton Aargau liegen.
 
Kraftwerke sind keine Wegwerfprodukte. Sie sind langlebig, überdauern Jahrzehnte, vielleicht Jahrhunderte. Entsprechend lang sind auch die Konzessionen (befristete behördliche Genehmigungen): Die heute geltende Konzession fürs KW Aarau stammt von 1954, die nächste wird sich von 2015 bis 2082 (also über 68 Jahre) erstrecken. 4 Turbinen werden ihren Dienst voraussichtlich noch bis um 2036 versehen können, wie IBAarau-Direktor Hans Kaspar Scherrer ausführte.
 
Die Wasserkraftnutzung hat laut seinen Ausführungen an der Aare eine lange, über 100-jährige Tradition: Im gleichen Jahr (1894) wie das Werk in Aarau wurde auch das Kraftwerk Ruppoldingen SO erstellt. 1894/96 entstand das KW Wynau BE; das Wasserkraftwerk Gösgen SO kam 1909 hinzu, und 1965 wurde das das KW Flumenthal SO im Bezirk Lebern gebaut.
 
Energiefresser-Gesellschaft
Energie ist gefragt. Allein die Bewohner des Kantons Solothurn brauchen mit 9900 GWh pro Jahr mehr Energie als das Kernkraftwerk Gösgen zu produzieren vermag (wovon etwa 2/3 allerdings von fossilen Energieträgern stammt – die Elektrizität deckt etwa 1/4 des Solothurner Gesamtenergieverbrauchs). In der Schweiz streben eine Anzahl von sogenannten „Energiestädten“ die 2000-Watt-Gesellschaft an. Dieser energische energetische Klub hat sich zum Ziel gesetzt, die weltweiten Ressourcen nachhaltig zu nutzen. Dies soll durch einen effizienteren Energieeinsatz und durch eine global gerechte Verteilung der Energie geschehen, was immer das heissen mag. Wahrscheinlich brauchen Arktisbewohner mehr als Wüstennomaden. Vorsichtshalber wurde das Ziel aufs Jahr 2100 hinaus geschoben, das die meisten von uns nicht mehr erleben werden – ich schon gar nicht. Das Resultat werden also die Kindeskinder von unseren Kindeskindern zu kontrollieren haben. Bis dann sollen der Primärenergiebedarf auf 2000 Watt Dauerleistung pro Person und der Treibhausgas-Ausstoss auf 1 Tonne CO2eq pro Person reduziert werden. Das im ETH-Bereich angesiedelte Novatlantis Bauforum 2012 in Zürich zeigt auf, wie die Produktion und Nutzung von Energie im Gebäudesektor stärker in die Stadtentwicklung integriert werden könnten. An Ideen zum bewussteren Umgang mit der Energie besteht in diesen Zeiten des Energieverbrauchanstiegs kein Mangel. Der Verband Schweizerischer Elektrizitätsunternehmen (VSE) berichtete 2012: „In 3 von 4 Schweizer Haushalten übernimmt heute der Geschirrspüler den Abwasch. Über ein Drittel besitzt 2 Fernseher und 2 PCs. Selbst 4 Computer in einem Haushalt sind keine Seltenheit mehr – iPad & Co lassen grüssen. Die neue Studie des VSE zum Stromverbrauch in den Privathaushalten zeigt: Die Anzahl der elektrischen Geräte hat in den Schweizer Haushalten zwischen 2005 und 2011 weiter zugenommen.“ Die verbesserte Energieeffizienz wird durch die Geräteinvasion weggefressen. Besonders amüsant ist für mich immer, wenn die Stars vom Stromverschleuderungsmedium Fernsehen den Atomausstieg propagieren ...
 
Die Wasserkraft hat angesichts der vom Bundesrat propagierten „Energiewende“, die eine undurchdachte, panische Fukushima-Schreckreaktion war und sich bei bröckelnder Zustimmung zunehmend in einen nebulösen Dampf auflöst, eine grosse Bedeutung. Laut dem Energiefachmann Scherrer, der mehr der Realität als den Utopien zugetan ist, werden die erneuerbaren Energien nicht ausreichen, um den Abgang der Kernkraftwerke zu ersetzen. Das ist eindeutig.
 
Die Wasserkraft ist tatsächlich weitgehend ausgenutzt, die Kraft von den Flüssen abgesogen – nennenswerte frei fliessende Gewässerstrecken gibt es kaum mehr –, und es wäre auch ein Jammer, würden die allerletzten kümmerlichen Restbestände unter Staustufen begraben werden. Ein gewisses, bescheidenes Ertragssteigerungspotenzial haben aber die bestehenden Wasserkraftwerke noch. Im Hinblick auf die Konzessionserneuerung wird das KW Aarau mit veranschlagten Kosten von 141,8 Mio. CHF derart auf Vordermann gebracht, dass sich laut den Berechnungen von Ingenieur Peter Billeter eine Produktionssteigerung von 16,3 % ergibt (von heute 108.5 auf 126.2 GWh). Relativierende Billeter-Bewertung: „Recht viel angesichts der Grundausrichtung des Kraftwerks“, die ja im Prinzip unverändert bleibt.
 
Andeutungen des ehemaligen Zustands
Man kann somit feststellen, dass die braven Flusskraftwerke ein integraler Bestandteil der Landschaft sind und bleiben werden, und dementsprechend versuchen Wasserkraftbetreiber und Behörden, sie gefällig in den Lebensraum einzubetten, der sie umgibt. Darüber referierte in Erlinsbach SO der Ökologe Heiner Keller von der AG Natur und Landschaft (ANL Aarau). Er ist imstande, aus den heutigen Formen der Stufenlandschaft um Aarau 20 000 Jahre Landschaftsgeschichte abzulesen, denn eine Region habe eine Geschichte und eine Zukunft, sagte er. Die landschaftsgestaltenden Prozesse gehen weiter; so tieft sich die Aare ständig weiter ein; wäre das Gegenteil der Fall, würden die Überschwemmungen zunehmen.
 
Mit der Erneuerung des Kraftwerks Aarau werden die kühnsten Forderungen der Naturschützer wahrscheinlich übertroffen. Die Aare erhält ein neues, 1320 m langes Umgehungsgerinne mit einer kiesigen Sohle im Schönenwerder Schachen, und damit entstehen wichtige Fischlebensräume. Das Gerinne folgt den ehemaligen Wasserläufen, die teilweise noch als Mulden vorhanden sind, und hat auch eine ökologische Aufwertung des Schachenwalds zur Folge. Zudem wird die Restwassermenge erhöht, die aber variabel, das heisst dem Jahresverlauf angepasst sein wird (im Winter weniger, im Sommer mehr Wasser) – denn nichts empfindet ein auf Natürlichkeit bedachter Fluss als derart langweilig wie eine stets gleichbleibende Wassermenge, die ihn jeder Dynamik beraubt.
 
Ein weiterer Glanzpunkt des Projekts ist der Abbruch der Gebäude auf dem „Areal Netzbau“. Das Terrain wird aufgeschüttet und so gestaltet, dass in dessen westlichem Teil Stillgewässer mit Riedpflanzen für Amphibien und Libellen entstehen können. Im östlichen Teil wird ein „Lehrplatz Wasser“ angelegt, welcher der öffentlichen Nutzung sozusagen als Freiluftschulraum mit Beobachtungsmöglichkeiten dient – ein Naherholungsgebiet für bildungsbeflissene Naturfreunde. Am Kanalufer soll eine Allee aus Einzelbäumen gepflanzt werden. Und im landwirtschaftlich genutzten „Grien“ wird die Landwirtschaft extensiviert (keine Dünger, angepasster Schnitt), und auf einer Fläche von 70 Aren kann sich die Artenvielfalt vervielfältigen, indem dort ein neuer Weiher angelegt wird, der für Fische und andere Wasserlebewesen zugänglich sein soll. Gleich daneben wird ein Amphibienteich mit einer Fläche von 7 Aren entstehen. Das rechte Kanalufer soll zudem mit kleinen Flachwasserzonen versehen werden, eine Einladung an Vögel und angepasste Pflanzen. Und ein neuer Amphibienteich ist auch beim Erzbachpumpwerk „Häsibach“ vorgesehen. Hoffentlich gibt es noch genügend zeugungsfähige Amphibien, um das alles zu bevölkern. Bei der alten Badi (Badeanlage) wird das Ufer um 5 m zurückversetzt, neu bepflanzt (bestockt), auch hier wird eine Stillwasserzone von etwa 50 cm Tiefe eingerichtet.
 
Die Ökologie feiert hier, wie man sieht, sozusagen ein Hochamt; denn was da an Naturschutzvorkehrungen alles vorgesehen ist, verdient den Dank des Himmels, der Vögel, des Wasser- und Landgetiers, also auch von uns Menschen, die wir in der Regel nicht fliegen und selten tauchen. Der Massnahmenkatalog ist in seinem Umfang schwer zu erfassen: So ist auch am „Biberspitz“, das heisst am oberen Ende des teilweise verbleibenden Mitteldamms, ein neues Naturschutzgebiet geplant, von dem allerdings und in sinnvoller Weise menschliche Spezies ferngehalten werden sollen. Dort werden insbesondere die Wohn- und Lebensräume für Biber und Wasservögel attraktiviert. Und selbstverständlich wird auch die trostlose Rinne des Erzbachs renaturiert (man hätte sie zwar auch als Lehrstück für wasserbauliche Verirrungen erhalten können).
 
Das Geschiebe, das Flüsse mit unbeeinträchtigter Vitalität herumzuschieben pflegen, bleibt träge im Bett liegen, wenn aus einem reissenden Fluss eine Art Stausee wurde, uns Pensionisten nach dem Ausscheiden aus dem Arbeitsprozess ähnlich (auch in solchen Leuten sammelt sich allerhand an). Dem Herumliegen der gerundeten Steine wird der Riegel dadurch geschoben, dass man das Geschiebe mithilfe von überströmten, sohlennahen Spundwänden wenig oberhalb des Oberwasserkanals in Bewegung versetzt. Eine Sohlschwelle beim Einlauf ins neue Dotierkraftwerk (zur Nutzung des Restwassers) schiebt Geschiebe in den alten Aarelauf unterhalb des Werks ab.
 
Man will alles
Rolf Glünkin von der Abteilung Natur und Landschaft des Raumplanungsamtes Solothurn, ein ausgesprochen naturverbundener Fachmann mit Naturschutzpraxis, zeigte an der Orientierungsversammlung das komplexe, kantonsübergreifende Verfahren auf (www.afu.so.ch/aare), bei dem nun wirklich alles und jedes geplant ist ... bis hin zur Mitsprache des Volks und zu den koordiniert ablaufenden Materialtransporten. Mitsprache bedeutet nicht immer Mitentscheidung, ist aber gleichwohl nicht zu verachten.
*
Wenn man als Unbeteiligter das Erneuerungsvorhaben auf sich wirken liess, erhielt man das Gefühl, das sei ein Projekt der Luxusklasse, wie das meines Erachtens nur in der Schweiz möglich ist. Man will (laut Scherrer) „mehr Strom (aus marktpreisfähiger Produktion), mehr Umwelt und mehr Besucher“.
 
Ganz im Gegensatz zum politischen Alltag wird über Generationen hinweg geplant. Das im Übrigen aus der Mode gekommene Wort „Weitsicht“ ist hier aktuell. Aus dieser Weitsicht resultiert Zuversicht.
 
Anhang
Grossprojekte an der Aare zwischen Olten und Aarau
An der Aare zwischen Olten und Aarau werden gegenwärtig 3 Grossprojekte geplant:
 
• „Konzessionserneuerung Wasserkraftwerk Aarau“ (Konzessionärin ist die IBAarau AG),
• „Konzessionserneuerung des Wasserkraftwerks Gösgen“ (Konzessionärin ist die Alpiq Hydro Aare AG) und
• „Hochwasserschutz- und Revitalisierungsprojekt Aare, Olten-Aarau“ (Bauherr ist der Kanton Solothurn).
 
Diese Projekte bieten nach behördlicher Definition die Chance, „den Hochwasserschutz massiv zu erhöhen, die Produktion von Elektrizität aus Wasserkraft langfristig sicherzustellen, die vom Wasser geprägten Lebensräume entlang der Aare aufzuwerten und eine naturverträgliche Erholung zu ermöglichen“.
 
Hinweis auf ein weiteres Blog mit Bezug zum Aarekraftwerk Aarau
12.06.2010: In Biberstein und Umgebung dreht sich vieles ums Wasser
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