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BLOG vom 04.02.2013


Massenkultur aus -medien: Industrie herrscht über alles
Autor: Emil Baschnonga, Aphoristiker und Schriftsteller, London
 
„Massenmedien bewegen Menschenmassen.“
E. B.
 
Mr Fitzwilliam Darcy aus Jane Austens Novelle „Pride and Prejudice“, erstmals 1813 erschienen, erfreut sich heute, nach 200 Jahren, weiterhin einer breit gestreuten Leserschaft. Davon wurden rund 20 Millionen Kopien verkauft. Hinzu kommt eine wachsende Anzahl von Adaptationen, auch Filme. Eine wahre Industrie habe diese Novelle entfacht, vernahm ich aus den BBC-Morgennachrichten vom 28. Januar 2013. Auch rund um Charles Dickens hat sich eine Industrie entwickelt. Auflagestarke Meisterwerke werden geschäftstüchtig mehr und mehr der Industrie zugeschlagen. Das mag den Leseappetit anheizen.
 
Dennoch stört mich das Wort Industrie, wenn es als Vorhängeschild von Leistungen in der Kunst und Literatur gebraucht wird. Die Auflagestärke bestimmt, was als Industrie gilt. Der Massensport wird zur Industrie gestempelt. Der Massentourismus ebenfalls. Die Markenstärke der Nahrungsmittelindustrie wird raffiniert ausgebeutet. Fast alles wird heute über die industrielle Leiste geschlagen. Dagegen lässt sich wenig ausrichten. Letztlich entscheidet der Käufer. Wie weit wird er von der Werbung beeinflusst – einem weiteren Industriezweig?
 
Mit viel Klamauk und Fanfare werden die vielen Filmfestivals während des Jahres bejubelt. Das Publikum applaudiert, je durchschlagender der Erfolg der Filme sich in Umsatzzahlen ausdrücken lässt. Die Einheitskultur wird damit bis zur Rotglut geschürt. Diese Einheitskultur betrifft auch viele Fernsehprogramme. Die Masse der Zuschauer bestimmt über Erfolg oder Nieten. Je höher das Programmbudget, desto wahrscheinlicher ist der kommerzielle Erfolg, kann daraus ableitend festgestellt werden.
 
Liege ich mit der Vermutung richtig, dass sich eine gewisse Kehrtwendung anbahnt? Viele Leute haben die Nase voll von den seichten und gewaltträchtigen Filmen aus Amerika und schätzen vermehrt wieder gute einheimische und ausländische Filme aus umliegenden Ländern. (Siehe Hinweis auf Filmbesprechungen im Anhang.)
 
Ich bin kein Massenkonsument und meide tunlichst die mit grossem Aufwand propagierten Filme von höchst dubiosem Wert, worin sich die Handlungsfäden verknäueln und Sex und Gewalt das das Mass aller Dinge sind. Stattdessen halte ich Ausschau nach den vernachlässigten Perlen innerhalb des Filmschaffens. Damit schütze ich mich vor dem Schwarm der Programmfüller und Lückenbüsser, die den Zuschauern immer wieder als Festtagsschmaus aufgetischt wird.
 
Die 1. Serie der James-Bond-Filme von Ian Fleming ab 1963 (Dr. No, From Russia with Love, Goldfinger etc.) waren gewiss spannend, doch die Fleming Nachzügler lassen zu wünschen übrig. So oder so wäre ein Menüwechsel angezeigt. Dies gilt auch für Bonnie and Clyde und andere einstige Kassenschlager, womit wir wiederholt vom Fernsehen übersättigt werden.
*
Andere Facetten der Unterhaltungsindustrie im Fernsehen
Unterhaltung muss sein, gebe ich gern zu – Unterhaltung mit Abwechslung meine ich damit. Eine Komödie, die nicht von künstlichen Lachsalven begleitet ist, kann mich entspannen und belustigen. Ich greife hier einige populäre Fernsehprogramme auf, die ich mir ansehe, wie:
 
The Weakest Link (BBC 2)
Diese von Anne Robinson präsentierte Show The Weakest Link hat 13 Jahre mit rund 1700 Episoden überlebt. 9 Teilnehmer werden über ihre Kenntnisse befragt, über Sport, Naturkunde, Geschichte, Geografie usw. Im Ausscheidungsspiel bleibt zuletzt ein Spieler übrig, der die meisten Fragen richtig beantwortet hat und den Preis von £ 1000 bis £ 3000 einsackt. Anne stichelt und wiegelt die Mitspieler auf. Manche ziehen sich mit einem schlagfertigen Kommentar aus der Patsche.
 
Was treibt die Mitspieler zur Teilnahme? Der Anreiz, im Fernsehen zu erscheinen, lockt sie aufs Podium. Der Gewinn, scheint mir, ist ein untergeordneter Lockvogel. Kein Wunder, dass dieses beliebte Quiz von vielen Fernsehstationen imitiert wird. Solche Programme sind Teil der Unterhaltungsindustrie.
 
Als Beobachter halte ich ab und zu mit und gewinne etliche Fingerzeige, wie verschiedentlich die Leute über Hürden springen oder straucheln. Geografie erweist sich immer wieder als der wunde Punkt der Engländer, gefolgt von mangelnden Fremdsprachen-Kenntnissen. Ich bin nicht gewillt, mich dabei öffentlich zu blamieren, denn ich weiss im Voraus, über welche Klippen (u. a. Sportanlässe und ihre Spieler) ich stolpere.
 
Dickinson’s Real Deal (ITV)
Dieses den Antiquitäten gewidmete Programm schaue ich mir gelegentlich ebenfalls an. Dickinson’s Real Deal lockt viele Leute an, die ein Sammelsurium von Objekten zum Kauf anbieten. Ausgewählte Antiquitätenhändler haben die 1. Wahl. Sie blättern ihre Banknoten auf den Tisch. Taschenuhren aus Grossvaters Zeiten werden begutachtet, Moorcroft-Keramik, Puppen, altes Blechspielzeug, Schmuckstücke, Silbergeschirr.
 
Ein Pokerspiel entwickelt sich zwischen Verkäufer und Händler. Die Verkäufer versuchen, die Angebote der Kunden auf die Spitze zu treiben und haben oft überrissene Vorstellungen vom Wert ihrer Schubladen- und Estrichfunde. Reicht das Angebot nicht aus, springt Dickinson schlichtend bei, unterstützt von Schätzpreisen unabhängiger Experten. Liegt das Angebot zu tief, schlägt Dickinson fallweise den Verkauf auf der Auktion vor. In diesem Programm geht es einzig um den Sachwert. Antiquitäten werden zur Handelsware. Gold und Silber werden nach Gewicht bewertet, dem Schmelzwert gleichgesetzt.
 
Was treibt die Leute zum Verkauf? Hier sind einige Antworten: Lag vergessen in einer Schublade. Die Kinder interessieren sich nicht dafür. Wir müssen die Wohnung entrümpeln. Wir brauchen das Geld für eine neue Kücheneinrichtung oder für Ferien. Wir werden den Erlös unter unseren Enkelkinder verteilen.
 
Flog It (BBC 2)
Eine Stufe besser schneidet das Flog lt! (Verramsche es!) ab. In diesem Programm wird mehr Gewicht auf den künstlerischen/gestalterischen Wert gelegt. Die begutachteten Stücke werden anschliessend auf der Auktion ersteigert.
 
Vintage Antiques (BBC )
Das von mir bevorzugte Programm gilt den Vintage Antiques (erlesene Stücke aus Familienbesitz), worüber ihre Besitzer, ohne Verkaufsabsichten, mehr erfahren wollen. Meine Bewertungen der Objekte stimmt sehr oft mit jenen der wahren Kenner überein. Und als passionierter Sammler lerne ich viel dabei. Das Auge wird geschult.
*
Jetzt habe ich wirklich den Faden des Themas verloren. Sachwerte an sich sind mir gleichgültig. Sammelgebiete sind für mich Freudenspender. Mit dem misslichen Wort Industrie kann ich persönlich nichts anfangen, da die industrielle Produktion vorwiegend auf den Massengeschmack ausgerichtet ist. Ich bin und bleibe ein Perlenfischer. „Chacun à son goût“.
 
Hinweis auf Filmbesprechungen
01.12.2012: Ergreifend: Film „Amour“. Blumen bis ans Lebendsende
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