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BLOG vom 07.02.2013


Film Draussen am See: Schreckliches familiär verheimlicht
Autor: Richard Gerd Bernardy, Dozent für Deutsch als Fremdsprache, Viersen/Niederrhein D
 
Zugegeben, ich bin nicht aktuell. Den Film „Drausssen am See", den ich mir am 01.02.2013 auf dem Sender Einsfestival angesehen habe, gibt es bereits seit 2009. 2010 wurde er in englischsprachigen Ländern gezeigt, und inzwischen kann man ihn auch auf Youtube sehen, Wikipedia hat ihm eine Seite gewidmet. Dort ist der Film von den Kritikern nicht sehr gut weggekommen, obwohl er mit dem „Förderpreis Deutscher Film“ ausgezeichnet wurde. Ich fand ihn sehenswert.
 
Der Film wird als Drama bezeichnet. Im „Sachlexikon der Filmbegriffe“ der Universität Kiel wird der Begriff wie folgt definiert:
 
Im Zentrum des Dramas stehen Figuren, die eine Lebenskrise durchmachen, vor eine lebensverändernde Entscheidung gestellt sind, ihr Leben auf Grund von Verlust, Verfolgung, zufälligem Glück oder ähnlichem neu formieren müssen.“
 
Es geht um eine Familie aus Berlin, die an einem See in der Nähe in einer Ferienhaussiedlung ein weiteres Domizil neben ihrer Wohnung hat. Die Familie besteht aus den Eltern und 2 halbwüchsigen Töchtern, wobei die jüngere, Jessica, die Hauptrolle spielt.
 
Der Vater, ein Arbeiter in einer Waschmaschinenfabrik, wird arbeitslos, was er seiner Familie aber erst nach 14 Tagen erzählt. Ein Familienvater, der die Idylle einer heilen Familie gegen die Widerstände bewahren will, Gitarrespieler mit Vorliebe für Country Music, eine Mutter, die für die Familie den Beruf einer Erzieherin aufgegeben hat. Die Arbeitslosigkeit frustriert wegen der Aussichtslosigkeit, eine neue Anstellung zu finden. Der Vater will sparsam leben, die Mutter sieht vermeintliche Glücksmomente im Konsum, was natürlich zu Konflikten führt.
 
Die Mutter bekommt eine Anstellung in einer Kindertagesstätte, der Vater einen minderbezahlten Job in der Sicherungsbranche.
 
Jessica beobachtet alles, schreibt Tagebuch, träumt sich in ferne Welten. Dazu kommen erste Kontakte mit einem Jungen. Die Ferien- und Kurzaufenthalte in der Feriensiedlung lassen die Geldprobleme offenbar werden, weil die Nachbarn diese nicht haben und das auch stolz mit ihrem neuen Auto zeigen. Dann wird die Mutter schwanger, verheimlicht es. Eines Tages kommen der Vater und die jüngere Tochter nach Hause; die Mutter ist im Schlafzimmer, der Hund läuft durch die Wohnung und macht Blutspuren. Der Ehemann geht allein zur Mutter, die in einer Ecke liegt. Sie hat das Kind bekommen und direkt danach getötet. Die Tochter beobachtet im Hintergrund, beschreibt es in ihrem Tagebuch, auch, dass der Vater die Leiche wegbringt. Beim nächsten Besuch am See sieht Jessica, dass die Schwelle zur Tür neu betoniert worden ist. Sie weiss jetzt, wo das tote Kind vergraben wurde.
 
Über diese Vorgänge wird Stillschweigen gewahrt, sie werden im wahrsten Sinne des Wortes „totgeschwiegen“, die ältere Tochter weiss von nichts, das Leben wird einfach weitergelebt. Der psychische Druck, der auf Jessica lastet, äussert sich in einem „Ritzen“, das Verletzen an den Armen mit einem scharfen Gegenstand und mündet in Selbstmordversuchen. Vor dem letzten offenbart Jessica ihrer Schwester das Tagebuch. Der Familienzusammenhang zerbricht, die Töchter beschliessen, in eine eigene Wohnung zu ziehen, was Vater und Mutter verzweifeln lässt, da die Kinder den Kontakt völlig abbrechen. Am Ende meldet Jessica den Mord bei der Polizei, und die Tataufnahme dort ist die vorletzte Sequenz des Filmes. Die abschliessende Botschaft ist, dass bei Jessica erst jetzt eine echte Beziehung zu einem Jungen wirklich möglich ist.
 
Der Film ist nicht spektakulär und auf Aktion getrimmt, sondern baut die Geschichte langsam und behutsam auf. Die pubertäre Entwicklung der jüngeren Tochter und ihre Fähigkeit, über die Welt zu reflektieren, wird durch ihre im Hintergrund gesprochenen Gedanken, die ihre Denkprozesse langsam von allgemeinen naturwissenschaftlichen Erkenntnissen bis hin zu Erklärungsversuchen aus der alltäglichen Welt steigern lässt, dargestellt. Das Leben an sich ist für Jessica etwas Bewahrenswertes, was auch daran festgemacht wird, dass sie Vegetarierin ist und ihre Einstellung vehement verteidigt.
 
Die Reaktion der Tochter auf die Ereignisse, besonders das autoaggressive Ritzen als seelische Störung, wird nicht erklärt und durch die Familie auch nicht besprochen oder psychiatrisch behandelt. Es ist ein weiteres Geheimnis in der Familie, ausgelöst durch die unerklärliche Kindstötung. Die Eltern wollen ihre Kinder offensichtlich nicht belasten. Aber gerade durch das Verheimlichen der Ereignisse entstehen innere Konflikte, die irgendwann ausbrechen müssen.
 
Die Stärke des Films liegt darin, unspektakulär zu sein. Die Kritik an diesem Werk lautet, der Film zeige holzschnittartige Klischees. Da sich der Film auf die jüngere Tochter konzentriert, wirken die verkürzten Charakterdarstellungen der anderen Familienmitglieder manchmal gekünstelt. Filme dieser Art zeigen Lebensausschnitte, die der Regisseur als notwendig für den Fortgang der Geschichte ansieht, und diese bergen tatsächlich die Gefahr in sich, wie Klischees zu wirken.
 
Offensichtlich wird, dass Familiengeheimnisse zu Entwicklungsstörungen bei Pubertierenden führen können und dass die Tochter versucht, sie zu kompensieren. Die Szenenabfolge entwickelt sensibel die Steigerung in die Unerträglichkeit der Situation. Die durch die Tochter gewählte Lösung ist zum einen der Ausbruch aus der Lebenslüge „Familienharmonie“ und zum anderen die Befreiung aus der inneren Zerrissenheit und dem daraus entstandenen Druck.
 
Der Film wirkt realistisch. Er zeigt auf, dass nichts so ist, wie es zu sein scheint. Manchmal kann der Blick hinter eine Fassade Denkprozesse anstossen. Ich denke, bei manchem Zuschauer wird das eingetroffen sein.
 
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