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BLOG vom 07.03.2013


Neue Studien 1: Leben die Pessimisten wirklich länger?
Autor: Heinz Scholz, Wissenschaftspublizist, Schopfheim D
 
Das würde den stärkten Optimisten umhauen, wäre man nicht an Nonsens aus dem wissenschaftlichen Forschungsbereich gewöhnt: Nach einer neuen Studie der Universität Erlangen-Nürnberg sollen Senioren, die pessimistisch in die Zukunft blicken, eine stabilere Gesundheit haben und länger leben. Positiv wirkt sich nach den zweifellos gut bezahlten Forschern auch ein höheres Einkommen aus. Das Risiko für körperliche Beschwerden und das Risiko, früher zu sterben, ist bei Optimisten angeblich um etwa 10 % höher. Dazu Frieder Lang, ein Mitautor der Studie, die in der Zeitschrift „Psychology and Aging“ publiziert wurde: „Möglicherweise ermuntern pessimistische Zukunftserwartungen die Senioren dazu, noch besser auf die eigene Gesundheit zu achten und sich vor Gefahren zu schützen.“ (Quelle: AFP, 01.03.2013.)
 
Ich kenne viele aktive Optimisten, die auf ihre Gesundheit achten und sich ausreichend bewegen. Das ist natürlich sehr wichtig. Es gibt aber unter den Optimisten solche, die zum Schein humorvoll sind und sich optimistisch präsentieren. Nennen möchte ich zum Beispiel Kabarettisten und Stars, die in Komödien agieren und ihren Humor nur äusserlich vermitteln. Wie ich hörte, sind solche professionellen Spassmacher im privaten Bereich nicht immer lustig. Nicht nur Ehefrauen können ein Lied davon singen.
 
Für ein längeres bzw. kürzeres Leben spielen oft ganz andere Faktoren eine entscheidende Rolle, so auch das Verhalten im Autoverkehr. Man wird im Alter ruhiger und fährt defensiver (so wie ich). Aber, wie ich neulich hörte, entdecken immer viele Ältere das Motorradfahren. Das Risiko, einen Unfall zu haben, ist dann sicherlich erhöht. Es kann schon sein, dass Optimisten weniger auf mögliche Folgen nachdenken. „Mir kann nichts passieren. Ich fahre vorsichtig“, höre ich immer wieder, wenn sich ein älterer Mann auf das Motorrad schwingt oder mit seinem Auto rasant in die Kurven fährt. Ein Pessimist würde dieses Risiko vielleicht nicht eingehen oder zumindest nachdenken, was alles passieren könnte.
 
Auch wurde immer postuliert, dass beispielsweise ein optimistischer Krebskranker mit der Krankheit besser umgehen könne. Die Heilungstendenz dürfe bei solchen Patienten tatsächlich erhöht sein.
 
In meinem Blog vom 16.01.2009 („Optimismus, Pessimismus: Ist das Glas halbleer oder halbvoll?“) wies ich auf Kranke hin, die eine optimistische bzw. positive Lebenseinstellung haben. Hier ein Auszug:
 
Sie werden denken: Wenn Gesunde pessimistisch sind, wie fühlen sich dann erst Kranke? Als ich Recherchen zu meinem Buch „A. Vogel – Aktiv gegen Rheuma“ (Verlag A. Vogel, Teufen, 2. Auflage 2006) machte, war ich immer wieder erstaunt, wie optimistisch manche Rheumatiker ihr Leiden angehen. So sah ich in Schopfheim eine ältere Frau, die an Arthrose litt und sich mühsam mit einer fahrbaren Gehhilfe fortbewegte. Wegen eines Herzleidens war sie kurzatmig, so dass sie sich öfters auf die Stütze setzen musste. Ich sprach sie an und wollte etwas zu ihrem Zustand gern etwas mehr wissen. Sie betonte, sie beisse jeden Tag die Zähne zusammen, nehme ihre Medikamente ein, schnappe sich die Gehhilfe und gehe einkaufen. Die Bewegung tue ihr gut, und sie komme mit Menschen ins Gespräch.
 
Ich sagte zu ihr, sie sei sicherlich Optimistin. Das bestätigte sie. Sie erwähnte auch, sie kenne Rheumakranke, die sich nicht aus dem Haus trauen und sich ihrem Schicksal ergeben haben. „Sie sind in ihr Selbstmitleid versunken“, fügte sie bei.
 
Eine andere Frau sagte kürzlich: „Heute fühle ich mich nicht wohl. Aber was soll’s, morgen geht es mir wieder besser.“ Alle Hochachtung vor solchen Kranken!
 
Was ein Appenzeller Bauer sagte
Ich fragte einige Blogger an, was sie von dieser Studie halten. Sie teilen mir spontan das Folgende mit:
 
Richard Gerd Bernardy: ,Glaube nie einer Statistik’ ist mein erster Kommentar dazu, mein zweiter: Optimisten leben möglicherweise etwas kürzer, haben dafür aber viel mehr vom Leben!!! Leonard Bernstein, der bekannte Komponist von Musicals und anderem, hatte auch diesen Grundsatz: Soviel wie möglich das Leben geniessen, egal wie lange es dauert!“
 
Diesem Kommentar stimme ich vollumfänglich zu. Auch meine Freunde, die mehr zum Optimismus als zum Pessimismus neigen, halten sich daran. Zum Ritual gehört nach einer Wanderung die Schlusseinkehr. In einer urigen Wirtschaft geniessen wir eine Vesper, erzählen Witze oder diskutieren über die Politik. „So jung kommen wir nie mehr zusammen“, ist unser Wahlspruch, der schon während meiner Bundeswehrzeit Gültigkeit hatte. Oder ein anderer Ausspruch: „Geniessen wir das Leben, solange wir noch fit sind.“
 
Rolf Hess hat zu Studien und Statistiken eine klare Haltung: Lieber Heinz, Statistiken! Welch' ein Unsinn! Ich frage mich immer wieder, wie man solches ,Wissen’ zusammentragen kann. Ich bin jedenfalls nicht befragt worden. Ich bin Optimist und weiss dabei nicht einmal, wie lange ich leben werde ... Und wenn die Aktienkurse steigen oder fallen, kann man gleich lesen, was der Grund war. Genau der gleiche Unsinn: wie kann jemand wissen, was Heerscharen von Aktionären gedacht haben und – noch wichtiger – welche Spiele von den ganz Grossen auf dem Finanzparkett (Hedge Fonds, Banken, Regierungen usw.) getrieben werden?
Am besten kann man dies durch folgende Geschichte erklären: Ein Appenzeller Bauer fragt seinen Nachbarn: ,Was ziehst Du vor, Optimist oder Pessimist? Antwortet der andere: ,Vo dem choge Kunstdünger halti scho grad gar nüt!´" (Vom Kunstdünger halt ich schon gar nichts – wohl eher von Mist.)
 
Walter Hess äusserte sich zur Optimismus-Studie in einer E-Mail vom 01.03.2013 prägnant (das kritische Denken scheint in der Hess-Familie zu liegen ...): „Studien-Nonsens auf der Grundlage von schwammigen, nicht genau fassbaren Begriffen. Die Resultate könnten aus den USA stammen. Dort werden solche ,wissenschaftlichen Erkenntnisse’ am Laufmeter produziert und als Allerweltsweisheiten in die Welt gesetzt, und nun will halt auch Europa nicht zurückstehen. Wissenschaftler alter Schule hätten sich geschämt, mit solchem Bocksmist vor die Öffentlichkeit zutreten.“
 
Fazit: Man darf solche Studien tatsächlich nicht ernst nehmen. Ich bin überzeugt, dass weitere Studien auf diesem Gebiet ganz andere Ergebnisse bringen würden. Entscheidend ist immer, wer die Studien in Auftrag gegeben hat, welche Studienteilnehmer ausgesucht wurden und wie die Studie angelegt wurde.
 
Jenseits aller wissenschaftlicher Beweiskraft glaube ich, dass Optimisten mehr vom Leben haben und auch in der Regel länger leben. Dafür brauche ich keine teuren Forschungsarbeiten.
 
Anhang
Zitate über Pessimismus und Optimismus
„Die glücklichen Pessimisten! Welche Freude empfinden sie, sooft sie bewiesen haben, dass es keine Freude gibt!“
(Marie Freifrau von Ebner-Eschenbach)
*
„Ein Pessimist ist ein Mensch, der sich über schlechte Erfahrungen freut, weil sie ihm recht geben!“
(Heinz Rühmann)
*
„Ein Optimist ist ein Mensch, der alles halb so schlimm oder doppelt so gut findet.“
(Heinz Rühmann)
*
„Sobald ein Optimist ein Licht erblickt, das es gar nicht gibt, findet sich ein Pessimist, der es wieder ausbläst.“
(Giovanni Guareschi)
*
Der ehemalige Arbeitsminister Norbert Blüm, der durch seinen Spruch „Denn eins ist sicher: Die Renten“ unvergessen ist, sagte einmal etwas ganz Vernünftiges zum Pessimismus. „Pessimismus darf heute nicht die einzige Wachstumsbranche sein.“
 
Damit hat er für einmal vollkommen Recht.
 
 
Hinweis auf weitere Blogs über Optimismus und Pessimismus
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