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BLOG vom 31.03.2013


Niveausenkung bei den Zeitungen: Pubertieren als Krankheit
Autor: Walter Hess, Publizist, Biberstein AG/CH (Textatelier.com)
 
Im Zeitungskopf der „Aargauer Zeitung“ vom 21.03.2013, rechts oben und damit an privilegierter Position, war das Brustbild des etwas melancholisch dreinschauenden Mundartrockers Baschi (Sebastian Bürgin) abgebildet. Der Begleittext: „Baschi ist wieder solo. Der Sänger und Katy Winter haben sich getrennt.“ Innerhalb des Blatts las man dazu wenig Genaueres: „Sie haben sich auseinandergelebt und trennen sich in Freundschaft.“ Aus gegenseitigem Respekt gaben die Getrennten keine weiteren Einzelheiten bekannt, was ich als diesbezüglich desinteressierter Leser problemlos seelisch verkraftet habe. Billiger, überflüssiger Betroffenheitsjournalismus nach den Vorgaben der Regenbogenpresse und Infotainment berühren mich nicht. Aber er beleidigt mich, weil ich spüre, dass die Medienmacher ihre Nutzer als geistig minderbemittelt betrachten.
 
Gegen den Baschi habe ich nichts, im Gegenteil. Er ist ein netter junger, erfolgreicher Mann, der gern singt – und das nicht einmal auf Amerikanisch, sondern auf gut Deutsch – und dazu noch mundartlich. Ich mag diesen Baschi, ohne ihm in Fan-Manier zu Füssen zu liegen. Nur frage ich mich aber gleichwohl, ob es denn für eine Zeitung, die etwas auf sich hält, opportun sei, die Trennung von einem jungen Mann (26) und seiner adretten Freundin (30) im Zeitungskopf in Bild und Wort anzukündigen. Dies geschah nach einem Tag, an dem die eidgenössischen Räte tagten, Zuwanderungsfragen gewälzt wurden, sich eine Regulierung der Lebensmittelbranche wie bei den Banken abzeichnete und vom Ständerat dem Rauschtrinken der Riegel geschoben wurde. Zudem loderte das Zypern-EU-Problem. Die Kundenorientierung aufgrund einer besseren journalistischen Aus- und Weiterbildung sähe anders aus.
 
Zeitungen sollen sich, wenn ihnen schon nichts Gescheiteres einfällt, doch den gleichen Themen wie „Glanz & Gloria“ des Bezahl-TV-Senders SRF annehmen. Ich würde nur vorschlagen, solch seichte Themen einschliesslich der vor Justin Bieber (19) ekstatisch kreischenden Mädchen auf einer speziellen Seite wie der ehemaligen Seite „Für unsere Kleinen“ irgendwo im hinteren Teil der Zeitung, zum Beispiel unter dem Rubrikentitel „Für unsere lieben Pubertierenden“, anzunehmen.
 
Das redaktionelle Dauerpubertieren an prominenten Stellen beziehungsweise zu besten Sendezeiten bringe Quote, meinen die von vermeintlich geschäftstüchtigen Marketingexperten irregeführten Medienmacher, welche die Grenzen zwischen Nachricht und Werbung einreissen, und dann bass erstaunt sind, wenn die Auflage/Quote sinkt und die Zeitungsverkäuferin Valora (Kioskbetreiberin) den rückläufigen Zeitungsverkauf mit dem Angebot knuspriger Brezeln kompensieren muss. Dass die Pubertierenden, die von Kindsbeinen an eher mit allerhand Allotria statt mit Lesestoff versorgt wurden, kaum noch lesen (können) und wohl kaum in einer Zeitung blättern, wurde übersehen. Mindestens ebenso wichtig wie der Musik- wäre der Leseunterricht – ich scheue mich nicht, dies wiederholt in die digitale Welt zu setzen.
 
Aus den hinlänglich bekannten technischen Gründen (dem Layouten, Drucken und Verteilen bzw. Vertreiben) hinken die Tageszeitungen zwangsläufig zeitlich immer hinter den elektronischen Medien her, auch bei Klatschthemen. Ihre Aufgabe müsste also im Wesentlichen darin bestehen, Hintergründe und Zusammenhänge aufzuzeigen, ihrem Publikum das Weltgeschehen zu erklären, verständlich zu machen, falls gerade keine selbst inszenierten Primeurs aus der Krawalljournalismus-Schublade verfügbar sind. Solch eine permanente politische, wirtschaftliche, soziale, ökologische und kulturelle Weiterbildung wäre ein Dienst an der Demokratie. Besonders eine direkte Demokratie wie die Schweiz ist auf bestens informierte Bürger angewiesen, die sehen, was im Interesse des Lands und der Umwelt sinnvoll ist und die nicht auf jeden Gag zum Beispiel aus dem linken Lager, der auf die Internationalisierung eines selbstbewussten Landes mit Sinn für Eigenverantwortlichkeit abzielt, mangels besseren Wissens hereinfallen. Wenn es schon den Redaktionen nur noch selten gelingt, sollten wenigstens die Nutzer Informationen von Desinformationen, die heute als Waffe im Kriegseinsatz stehen, unterscheiden und Totschweiger und Schönfärber erkennen können. Es braucht ein Gespür für ideologischen Sondermüll. Wie wär’s mit einem „Total Quality Management“, von dem Kommunikationswissenschaftler schon seit Jahren faseln?
 
Wo Zeitungen noch eine starke Position haben könnten: bei der anspruchsvollen und ausführlichen Lokalberichterstattung. Doch auch dafür werden die Mittel gekürzt; der kommerzielle Faktor hat Oberhand gewonnen. Der Tamedia-Konzern will, wie am 27.03.2013 bekannt wurde, in den nächsten 3 Jahren 34 Mio. CHF einsparen. Davon gehen 18 Mio. CHF zulasten der Westschweizer Zeitungen „Le Matin“, „24 heures“ und „Tribune de Genève“ – Qualität hin oder her. Die unter dem Profitstreben leidenden Redaktionen sind generell unterdotiert, haben multimediale Aufgaben zu erfüllen, vertrödeln die Zeit mit bis zu 3 Koordinationssitzungen pro Arbeitstag und kommen kaum noch dazu, nachzudenken und einen ausgereiften Text von sich zu geben. Der Platz wird im Rahmen der Kommerzialisierung mit billigem, leicht beschaffbarem Bildmaterial zugepflastert. Und wenn dann wieder einmal eine Zeitung im Zeichen der medialen Einebnung fusioniert, wird das zu beackernde Gebiet des Lokalen grösser und entsprechend ausgedünnt, auch wenn es entsprechende Regionalbünde in Versionen im zweistelligen Bereich gibt. Leser erfahren kaum noch, was sich in den anderen, separat behandelten (gebündelten) Regionen abspielt. Zudem sollten sich Bezüge zum regionalen Gedankengut ja auch in den übrigen, übergeordneten Bünden bemerkbar machen. Das Totalisieren unterliegt dem unseligen Rubrizieren komplett.
 
Das jüngste Beispiel aus der Zeitungslandschaft: Am 24.03.2013 wurde aus der Sonntagszeitung namens „Sonntag“ „Die Schweiz am Sonntag“, weil die bisherige „Südostschweiz am Sonntag“ aus den Kantonen Graubünden, Glarus und Teilen des Kantons St. Gallen in den „Sonntag“ einverleibt wurde, womit die Auflage des Fusionsobjekts auf 203 000 Exemplare stieg (als E-Paper einzusehen unter www.schweizamsonntag.ch). Die Verflachung wurde redaktionell in einen „echten Beitrag zur Medien- und Meinungsvielfalt“ umfunktioniert. Selbst die Titelverlängerung ist ein Nonsens – ein Zeitungstitel sollte möglichst kurz sein. Da ist wieder etwas, das der nächste Marketingleiter zurückkorrigieren kann.
 
Der Biologe Heiner Keller aus Oberzeihen AG ärgerte sich über die fortgesetzte Fusionitis und ihre Folgen so sehr, dass er den papierenen „Schweiz am Sonntag“-Sonntagsgruss als Selbstschutzmassnahme gleich abbestellte. Er begründete seinen Schritt mit geplatztem Kragen in einem E-Mail an den Verlag folgendermassen:
 
„Es war ja angekündigt, und trotzdem war die Überraschung gross, als ich die ,Schweiz am Sonntag' vom 24. März 2013 erhielt. Seit rund 10 Jahren lese ich die Südostschweiz und fand Gefallen an der Zeitung. In der gleichen Zeit wurde die AZ (Aargauer Zeitung) inhaltlich immer schlechter und letztlich so schlecht, dass sie für mich trotz Interesse am Aargau nicht mehr geniessbar war. Ich habe das der Redaktion (und gelegentlichen Werbetelefonistinnen) so auch mitgeteilt, das Abo gekündigt und alle Lockvogelangebote abgesagt. Und jetzt bekomme ich die ,Schweiz am Sonntag’ via Glarus und bin verärgert: Ich will mir weder den Sonntag noch den Montag so vermiesen lassen. Schauen Sie doch den Artikel über das Aargauer Model und seinen Nagellack an. Das ist Stoff, den die AZ den Einwohnern des Aargaus als wesentlich oder typisch zumutet.
 
Ich bitte Sie höflich, die ,Schweiz am Sonntag’ (Abo 464775) zu streichen und nur noch die Ausgaben der Südostschweiz zu liefern. Sollte dies nicht möglich sein, dann werden wir das Abo nicht mehr erneuern.
 
Anzahlmässige ,Grösse’ ist das Eine. Qualität und Eigenständigkeit sind das Andere. Eine Anpassung wegen wirtschaftlichen Zwängen mag erforderlich sein. Für mich stimmen aber Inhalt, Preis und Leistung nicht mehr. Im Aargau bin ich nicht der Einzige, der so über die AZ urteilt. Es sind vielfach noch die Tradition und Angst, etwas zu verpassen (z. B. die Todesanzeigen) oder keine Zeitung mehr zu haben, welche Abonnenten an der Kündigung hindern. Für die Identität und das Selbstverständnis des vielfältigen und divergierenden Kantons Aargau ist die Sache mit der AZ eine Katastrophe.“
 
Gez. Heiner Keller
 
PS: Die „AZ" erscheint im gleichen Verlag wie die „Schweiz am Sonntag", die bis zur Fusion mit der „Südostschweiz am Sonntag“ schlicht „Sonntag" hiess: AZ Medien AG.
 
Der Brief von Heiner Keller hat die zuständigen Stellen hoffentlich aufgerüttelt. Nach den ständigen Niveausenkungen, wie sie fast die ganze Medienlandschaft prägen, scheint der Nagellack ab zu sein, wie auch ich seit Jahren von anderen gebildeten und vielseitig interessierten Bekannten ständig vernehme. Hören denn die publizistischen Kindereien eigentlich nie auf?
 
So wurde in der 1. „Schweiz am Sonntag“ unter dem amerikanisierten Rubriktitel LIFESTYLE (Lebensstil hätte meiner Ansicht nach auch genügt) auf über 2/3 Zeitungsseiten über das Aargauer „Top-Model“ Manuela Frey (16) berichtet, das sich am liebsten auf dem weissen Soft im Wohnzimmer fläzt, wenn es nicht gerade in einer Model-WG in Paris, Mailand oder New York ist und die Geografie Manhattans studiert, um Adressen der verschiedenen Modedesigner zu finden („Modeschöpfer“ für Leser im deutschsprachigen Mittelland wäre zu banal). In einem Bild zeigte die „Schweiz am Sonntag“ die „Nagellack-Sammlung des Models“, begleitet vom weltbewegenden Hinweis, diese Sammlung bleibe meistens unberührt. Das nenne ich Weiterbildung. Ähnlich läuft es bei den zirzensischen Politiker-Inszenierungen; was sie zu bieten haben, ist weniger wichtig als ihre Medientauglichkeit.
 
In der gleichen Zeitung gibt es allerdings auch einige grössere Reportagen, zum Beispiel über „Die Aargauer Windmühlen-Lotterie“ und eine ausführliche Dokumentation über den Fall des gestrauchelten ehemaligen Nationalbankchefs Philipp Hildebrand. Man nimmt solche Übersichten dankbar entgegen. Sie sollten als zentrale Ereignisse, als Schwerpunkte präsentiert und nicht durch infantile Belanglosigkeiten in den Schatten gestellt werden. Die moderne Gesellschaft wurde zur Spass- und Partygesellschaft umerzogen. Vergnügen dürfen und sollen sein. Aber nicht als zentrale Lebensinhalte von Dauer.
 
Die leitenden Zeitungsmacher, vor denen die Kunden fliehen, sollten einmal in sich gehen, wenn sie einmal nicht  unter einem Kreativitätsschub leiden, und sich in Ruhe überlegen, weshalb ihre Blätter von der Schwindsucht befallen sind, und wenigstens auf intelligente Art in journalistischer Schadensbegrenzung machen.
 
Wo der Art Director, um in der Sprache zu bleiben, mit seinem Rasterdenken die wichtigste Person ist und profilierte Schreiber und Kommentatoren systematisch abserviert werden, ist das Sterben in farbenfroher Schönheit garantiert – ein Akt der Selbstzerstörung. Die Lackfarbe spielt dabei keine Rolle.
 
 
Hinweis auf weitere Blogs zum Thema Zeitungssterben von Walter Hess
16.12.2005: Das Rassismus-Medientheater gehörte zur Hysterisierung
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