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BLOG vom 03.04.2013


Schlagzeilen 1: Köder zur Mobilisierung von Aufmerksamkeit
Autor: Heinz Scholz, Wissenschaftspublizist, Schopfheim D
 
Unter dieser Rubrik kommentiere ich einige Schlagzeilen (englisch Headlines) und Überschriften von einzelnen Druckmedienartikeln, die mir beim Lesen von Zeitungen, Zeitschriften, Broschüren, in der Werbung und im Internet unter die Augen kamen. Im 1. Teil berichte ich über den Betitelungswahnsinn bei uns und in England, und im 2. Teil beleuchte ich ganz normale Schlagzeilen sowie Titel und was dahinter steckt.
 
Es gibt Redakteure, die Meister ihres Fachs sind und die kuriosesten und schlagkräftigsten Überschriften kreieren. Ich denke da an „Bild“, an den „Blick“ oder an die vielen Illustrierten, die sich mit Skandalschlagzeilen schmücken. Die Macher dieser Zeitschriften sind überzeugt, dass eine gute Schlagzeile den Absatz fördert. Auch wird durch eine aussagekräftige Schlagzeile die Aufmerksamkeit eines flüchtigen Lesers geweckt. Ich kenne Leute, die selektiv Berichte nach Schlagzeilen mit den Unterzeilen lesen. Mir ergeht es manchmal auch so, da ich etliche Berichte für weniger wichtig halte und darüber hinweglese. Mir reicht in diesem Fall die Kurzinformation aus den Schlag- und Unterzeilen und einer in fetter Schrift präsentierten Zusammenfassung am Anfang eines Artikels.
 
Die meisten Leser lesen nur die Überschrift, nicht den Artikel. Deshalb „muss sie, auf ein ähnliches oder sehr lebendig gestaltetes Umfeld abgestimmt, sichtbar herausragen und ihren Inhalt sehr kurz, verständlich und prägnant darbieten und dabei nicht den Inhalt des Artikels verfälschen. Eine Schlagzeile muss eingängig sein, auffallen und zugleich verstanden werden. Um mehr Aufmerksamkeit zu generieren, wird oft mit einer sprachlichen Zuspitzung gearbeitet“, wie unter Wikipedia nachzulesen ist.
 
Auch die Schriftgrösse, Schriftwahl und Schriftfarbe spielen bei Schlagzeilen eine wichtige Rolle. Als „Bild“ am 20.04.2005 mit der Schlagzeile „Wir sind Papst!“ den deutschen Papst Benedikt XVI. begrüsste, füllten die Buchstaben fast eine halbe Seite. Diese Nachricht konnte nicht einmal ein Sehgeschädigter übersehen. Die Schlagzeile schaffte es auf den 2. Platz beim Wettbewerb um das „Wort des Jahres“.
 
Wer hat Schuld am schlechten Sex?
Weitere „Bild“-Schlagzeilen waren: „Klima-Schock: Sind die Bäume selber schuld?“ Laut „Bild“ ist das so, dass Pflanzen grosse Mengen des Treibhausgases Methan ausscheiden und damit zur Klimaveränderung beitragen. Kurz darauf sprachen Forscher die Bäume vor jeder Schuld frei – man kennt ja den Studien-Nonsens.
 
„Wissenschaft vor dem Durchbruch: Wir werden alle bald 100 Jahre alt!“ Dies ist für Produzenten von Zeitungen eine gute Nachricht. Falls sie stimmen sollte, kaufen die Alten länger „Bild“.
 
„Schweinegrippe: Professor befürchtet in Deutschland 35 000 Tote!“ Nur der Professor hatte Pech: Die Prophezeiung trat zum Glück nicht ein. Es starben viel weniger Zweibeiner als vorhergesagt. Warum kolportieren Zeitungen solche Spekulationen gedankenlos?
 
„Schwimmer boxt Krokodil in die Flucht.“
 
„Bäcker (72) schlägt Räuber mit Nudelholz in die Flucht“. Auch der Bäcker war ein abgebrühter Typ. Er rief die Polizei erst 2 Stunden später, er musste ja noch seine Brote in den Ofen schieben und backen.
 
„Wer hat Schuld an schlechtem Sex?“ Nun, eine Sextherapeutin wusste die Antwort. Sie behauptete, dass das Problem bei der Überambition der Männer und bei der Unterambition der Frauen liege. Nun ist das endlich klar: Wenn die eine Person will und die andere nicht, gibt es keinen Sex. Das war schon immer so. Banale Expertenmeinungen sind in diesem Fall überflüssig.
 
Abspecken mit Spezialwasser
Es sind auch marktschreierische Titel bei anderen Zeitungen üblich. Besonders die Regenbogenpresse ist diesbezüglich unglaublich kreativ. Beliebt sind Schlagzeilen, die eine revolutionäre Schlankheitskur anbieten. So erblickte ich am 27.03.2013 auf der „Bild der Frau“ (Nr. 13, 2013) diese Schlagzeile: „In nur 10 Tagen: 15 Pfund weg mit Spezialwasser.“ Eine Nachbarin, der ich das erzählte, war der Ansicht, das sei wohl ein Wasser, das Durchfall erzeuge. Ich hatte zunächst vermutet, es handle sich um ein Wasser, das entweder Magnesiumsulfat (Bittersalz) oder Natriumsulfat (Glaubersalz) enthält. Diese Salze sind für die abführende Wirkung bekannt. Recherchen im Internet unter www.bildderfrau.de ergaben aber, dass es sich nicht um gewöhnliches Wasser, sondern um einen Wassermix aus zerkleinerten Teilen einer Salatgurke, Grapefruit, eines Apfels und aus frischen Pfefferminzblättern handelt. Über Nacht wird die Mischung stehen gelassen und dann von den festen Teilen filtriert. Es ist angeblich Teil einer Diät aus Hollywood, woher bekanntlich alles Schlaue kommt ...
 
Der Werbetext lautete: „Auch der Körper kann jetzt einen Frühjahrsputz gebrauchen! Befreien Sie sich mit diesem neuen Schlankheits-Plan von Schlacken und überflüssigen Pfunden.“ Die Redaktion war wahrscheinlich überzeugt, dass die Abspeckwilligen den Händlern die Zeitschrift aus den Händen reissen würden und haben gerade übersehen, dass der Diäten-Krimskrams vom Publikum kaum noch beachtet, geschweige denn geschluckt wird. Auch für dickbäuchige Zeitgenossen gibt es eine Diät. In einer Ausgabe von „Bild der Frau – Schlank & Fit“ wurde die „Schnelle Bauch-weg-Diät“ angekündigt.
 
Nicht alle wollen einen schlanken Bauch haben. Ein Bekannter sagte mir: „Den Bauch möchte ich behalten, er hat ja viel gekostet.“ Er achtet jedoch darauf, dass ich beim Fotografieren bei gemeinsamen Wanderungen den kugelrunden Bauch nicht zentral ins Bild rücke ...
 
In „Frau aktuell“ (Nr. 14, 2013) „sprang“ mir diese Schlagzeile in die Augen: „Weil der Druck zu gross wird … Helene Fischer: Trennung noch in diesem Jahr?“ Tolle Redakteure, die prophetische Eigenschaften an den Tag legen. Solche oder ähnliche Prophezeiungen nehmen im deutschen Blätterwald immer mehr zu. Die liebreizende Helene, ein Glücksfall für die Unterhaltungsindustrie, dürfte sich kaum davon ins Bockshorn jagen lassen.
 
„Der Tagesspiegel“ (www.tagesspiegel.de) berichtete am 26.03.2013 über das hinterhältige Überholmanöver von Sebastian Vettel gegen seinen Teamkollegen Mark Webber beim Grossen Preis von Malaysia mit folgender Schlagzeile: „Der Killer mit dem Babyface.“ Als ob man so etwas nicht ins Deutsche übersetzen könnte.
 
Beim traditionellen Sommerfest der Landespressekonferenz Sachsen e. V. entschieden sich 360 Gäste im Juni 2011 für die folgende „Schlagzeile des Jahres 2011“ in der „Dresdner Morgenpost“: „Ministerin ,zeugte´ 112 Kinder – endlich mal gut angelegtes Steuergeld.“ Die Zeitung hatte über die künstliche Befruchtung und die entsprechenden staatlichen Zuschüsse berichtet. Bei einer tatsächlichen Zeugerei wäre die Frau überfordert wohl überfordert gewesen. Vorteil für Männer: Da der Staat einspringt, bräuchten sie keine Alimente bezahlen.
 
In der Online-Ausgabe von „Blick“ (www.blick.ch) vom 27.03.2013 entdeckte ich eine kuriose Schlagzeile, die so lautete: „Das hält kein Pferd aus! Katie Price reitet sich ein.“ Nicht was Sie vielleicht denken. Price machte nämlich Werbung mit einem rosafarbenen Plüsch-Pony für ihr Kleider-Label.
 
Falsche Schlagzeilen
Die „Frankfurter Allgemeine Zeitung“ hat vor einigen Jahren im Internet falsche „Bild“-Schlagzeilen aufgelistet und darunter geschrieben, wie sie wirklich hätten lauten müssen (die richtigen Fassungen sind in Klammern gesetzt):
 
„Michelle: Für Sex mit Matthias Reim musste ich mich schminken“ („Michelle spricht nicht über Sex mit Matthias Reim“).
 
„Ireen Sheer will Schmerzensgeld von Florian Silbereisen“ („Ireen Sheer will kein Schmerzensgeld von Florian Silbereisen“).
 
„Feuerameisen überfallen Europa“ („Keine Spur von Feuerameisen in Europa“).
 
„Hier werden zwei Kinderschänder gehängt.“ („Hier werden zwei Jungendliche gehängt, nur weil sie homosexuell sind.“)
 
Unter www.sueddeutsche.de/schlagzeilen werden täglich die neuesten Berichte mit Schlagzeilen aufgelistet. Durch Anklicken kann man den dazugehörigen Text lesen. Je interessanter eine Schlagzeile ist, umso mehr wird der jeweilige Bericht angeklickt. Bei der Nachrichtenflut sind diese „Schlagzeilen der letzten 24 Stunden“ für Vielleser eine Hilfe, falls sie den Inhalt korrekt bezeichnen.
 
Labor-Sklaven und ein Ziegenwurf
Auch Wissenschaftsmagazine und Gesundheitszeitungen bringen auf ihren Titelseiten oder im Text Schlagzeilen. So las ich zum Beispiel im „PM-Magazin“ (2013-04) die folgenden: „Die Labor-Sklaven: Bakterien schuften für unsere Gesundheit“, „Polizei-Computer wissen, wann ein Verbrechen passiert!“ und „Das geheime Wissen der alten Seelenheiler“ (Infos zu Burnout, Depressionen, Panikattacken). Im nächsten Heft konnten sich die Leser über „Die Vorliebe der Germanen für die Gerade“ informieren.
 
Kommentar: Nun weiss ich, dass es heute noch Sklaven gibt, die für uns arbeiten. Es gibt auch Computer, die das Leben der Verbrecher schwer machen. Keine Angst vor Burnout, Depressionen und Panikattacken: Es gibt immer wieder Lebenshilfen, die nutzlos oder in Ausnahmefällen nützlich sind.
 
Auch im „Natürlich“ wurden blumige Schlagzeilen für meine und andere Artikel geschaffen. So titelte ich über die „Parade der Wilden“ (Wildfrüchte, Wildbeeren), „Dill für Mägen und Mumien“, „Der Schärfste lässt nicht nur Tränen fliessen“ (Bericht über den Meerrettich).
 
In „Natürlich“, Heft 5-1992 stand ein kleiner Bericht unter der Schlagzeile „Wo die Ziege vom Kirchturm fliegt.“ Diese Schlagzeile fand ich notwendig und zutreffend, weil dadurch die Leser ganz markant über die Grausamkeiten gegen Tiere informiert wurden. In diesem Bericht mit einem Schwarzweissfoto ging es um einen Brauch zu Ehren des heiliggesprochenen Vincent. Alljährlich wird am 26. Januar vom Turm der Kirche im zentral-spanischen Dörfchen Manganeses de la Polverosa eine Ziege vom Kirchturm geworfen, bezeichnend für die Verachtung der Tiere im Christentum. Weitere Grausamkeiten gegenüber Tieren sind in diesem Bericht mit dem Segen der katholischen Kirche aufgeführt. Diese Religion hat wirklich noch nie mit Tierliebe brilliert – im Gegenteil; Tiere werden sogar zur als Symbole des Bösen missbraucht und wenn möglich ins Jenseits befördert.
 
Von Walter Hess, ehemaliger Chefredakteur von „Natürlich“, wollte ich seine Meinung zu Schlagzeilen wissen. In einer E-Mail vom 26.03.2013 schrieb er mir dies: „Schlagzeilen (reisserische Botschaften auf der 1. Seite einer Zeitung, sie haben also nichts mit Überschriften über Artikeln zu tun) sind Kioskverkaufshilfen. Sie suggerieren, man habe es mit einer besonders interessanten Ausgabe zu tun. Damit grosse Buchstaben eingesetzt werden können, werden oft Wortneubildungen oder Wortklitterungen verwendet, die original und originell sein können. Gegen all das ist nichts einzuwenden, solange die Texte im Innenteil der Publikation halten, was die Schlagzeilen versprochen haben, entsprechend ausführlich und informativ sind.“
 
Wie sieht es in England aus?
Emil Baschnonga, der in London lebt, bat ich um eine Mitteilung, wie es im „Mutterland der reisserischen Schlagzeilen“, in England, aussieht. Er schrieb mir am 27.03.2013 spontan ein E-Mail mit folgendem Inhalt:
 
„Der Schlagzeilenwahnsinn haust auch in England vornehmlich in der ,Boulevard-Presse´. Die gehobene Presse, wie ,Daily Telegraph´, ,The Times´ und ,The Guardian´, ist diesbezüglich eher zurückhaltend und legt Wert auf informative Schlagzeilen.
 
Man fühlt sich mehr und mehr einer Nachrichtenflut ausgesetzt, ganz besonders, wenn Trivialitäten aufgetischt werden, wie ,Pope phones home to cancel the papers´. Somit lese ich sehr selektiv und meide Artikel über die ,Celebs´, das Königshaus inbegriffen.
 
Manchmal bezweifle ich den Wahrheitsgehalt einer Nachricht, betitelt wie ,Forget the burger, a bag of salad ist more likely to make you ill´, laut Meinung des Mikrobiologen Prof. Hugh Pennington. Immer wieder schleichen sich Nachrichten von obskuren Universitäten, besonders aus den USA, in die Spalten ein, die ,à tout prix’ gefüllt werden müssen. Das kommt einem Papierverschleiss gleich. Folglich sind die Sonntagsausgaben gebläht und kaum mehr zu (er)tragen.“
 
Fortsetzung folgt.
 
 
Hinweis auf Blogs zur Sprache und Blogs über Zeitungen, Schlagzeilen
 
 
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