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BLOG vom 08.04.2013


Oskar Freysinger und die Aushebelung seiner Privatsphäre
Autor: Walter Hess, Publizist, Biberstein AG/CH (Textatelier.com)
 
In unserem privaten Cheminéeraum ist ein originelles Gemälde eines unbekannten Künstlers aufgehängt: ein Stillleben, das eine Bogenpfeife mit Meerschaumkopf, eine Blechtabakdose und ein paar angeschwärzte Zündhölzer, einen Bierkrug und eine Tageszeitung („Staats-Zeitung“) zeigt und durch seine gedämpfte Farbgebung von Braun- und Blaugrau-Tönen Behaglichkeit verbreitet. Falls dieses Bild bei einer televisionären Homestory einmal ins Bild gerückt würde, könnte mir das Motiv zum Verhängnis werden: Offensichtlich mache ich Reklame für das Rauchen (ganz schlimm) und fürs Biertrinken (etwas harmloser, aber schlimm genug) und auch gerade noch fürs Zeitungslesen (im Zeitalter des Zerfalls der medialen Kultur zumindest unverständlich).
 
Ich erinnere mich noch an jene Zeiten, zu denen es so etwas wie eine Privatsphäre, auch Intimsphäre genannt, gab. Es handelte sich dabei um den durch das Persönlichkeitsrecht geschützten privaten Bereich des Menschen, der für die Umwelt tabuisiert war. Er war ein persönliches Refugium, ebenso geschützt wie das Bankgeheimnis, das Arztgeheimnis, das Briefgeheimnis und in gewissem Sinne auch das Redaktionsgeheimnis. Der Mensch sollte sich wenigstens innerhalb eines eigenen, geschützten Refugiums ungestört persönlich entfalten können. Dann kam der 11.09.2001 mit den Terroranschlägen in New York, was von der US-Regierung zum willkommenen Anlass genommen wurde, die Bürger zu überwachen, ihre Privatsphäre auszukundschaften, wofür das Internet eine geeignete Plattform ist. Das Beispiel griff um sich. Inzwischen ist der Schutz der Privatsphäre erodiert, in den Köpfen der medienschaffenden Jungmannschaft offenbar nicht existent.
 
Ein Opfer dieser von George Orwell, Aldous Huxley und Cyberpunk-Autoren geweissagten Entwicklung wurde der in der Schweiz beliebte und erfolgreiche Gymnasiallehrer und Politiker (Nationalrat und Walliser Staatsrat) Oskar Freysinger. Er hat sich erlaubt, an der Diele seines privaten Kellerbüros die Reichkriegsfahne (Kriegsflagge des deutschen Kaiserreichs, also des deutschen Nationalstaats als konstitutionelle Monarchie, 1871‒1918) als Dekorationsstück aufzuhängen, was zum Provokateur Freysinger durchaus passt. Dabei soll es sich um eine Schmonzette handeln, um eine kitschige Abwandlung. Er hatte die Flagge vor etwa 15 Jahren beim Besuch einer U-Boot-Ausstellung in Lübeck D wegen des Dekorationswerts der Symbole und Farben gekauft; er fand sie „irgendwie schön“. Einem TV-Team gestattete Freysinger ohne Weiteres, die Flagge ins Bild zu rücken.
 
Er dürfe doch seinen eigenen Geschmack haben und in seinen 4 Wänden aufhängen, was ihm beliebt, denke ich. Falsch. Nachdem die TV-Sendung „Reporter“ (Titel: „Oskar, der Rattenfänger“) das Innenleben Freysingers in Bild und Wort publik gemacht hatte, wurde das Flaggen-Thema von den Medien skandalisiert. Ein guter Aufhänger dafür war eine Anfrage bei der Stiftung gegen Rassismus und Antisemitismus, die ständig nach Profilierungsmöglichkeiten sucht, die Gesellschaft bei jeder Gelegenheit kriminalisiert und deren derzeitiger Präsident Ronnie Bernheim sich „bestürzt“ zeigte: „Oskar Freysinger sollte als Politiker und Lehrer eine Vorbildfunktion wahrnehmen. Wie kann er da eine Flagge aufhängen, unter der schlimmste Menschenrechtsverletzungen begangen wurden?“ (Quelle: „Tages-Anzeiger“ vom 26.03.2013).
 
Das ist schon eine augenfällige Geschichtsklitterung, bezeichnend für die einäugige Arbeitsweise der erwähnten Stiftung. Denn offenbar meinte Bernheim mit seiner Anspielung die Schandtaten, die unter dem Nazi-Regime begangen wurden. Kaiser Wilhelm II. (ab 1888) strebte zwar eine imperialistische Weltpolitik an, ganz ähnlich wie heute die USA (durch Kriege und Kontrolle der Rohstoffe), aber die schlimmsten Menschenrechtsverletzungen erfolgten nicht im Wilhelminismus, sondern später im Dritten Reich unter Adolf Hitler. Die Flagge des deutschen Kaiserreichs wurde in abgeänderter Form während der Zeit des Nationalsozialismus zwar verwendet und 1935 durch die Hakenkreuzflagge abgelöst. Als diese nach dem Krieg verboten war, wurde die Vorgängerflagge durch die Neonazis neu belebt, ist heute aber kaum noch in Gebrauch.
 
Freysingers Flaggenkonstrukt hat also einiges an Geschichte und Geschichten zu erzählen; aber daraus eine üble rechtsradikale Gesinnung des Besitzers abzuleiten, geht schon etwas weit – dafür ist Freysinger zu vielseitig orientiert und zu weltoffen. Wenn aber mit einem Fahnentuch ein erfolgreicher Vertreter der Schweizerischen Volkspartei attackiert werden kann, tun das die Linksmedien natürlich lustvoll. Der Täter aus dem Wallis lässt sich davon nicht beeindrucken. Er macht sich einen Spass daraus, die Fahne in seinem Privatgemäuer zu belassen, zumal sie ja nicht verboten ist. So gab er es via Medien bekannt. Und er fügte scherzhaft bei, er habe sich bei der Antirassismuskommission bereits erkundigt, welche Flagge denn in seinem Kellerbüro noch problemlos aufgehängt werden dürfe: „Ein weisses Kreuz auf weissem Grund soll es sein“ ...
 
Bei all den Sensibilitäten rund um Flaggen ist es für mich höchst verwunderlich, dass die Rassismuskommission nicht gegen das Aufhängen der US-Flagge („Stars and Stripes“) vorgeht. Die US-Kriegsgeschichte hat seit den Indianerabschlachtungen, dem chemischen Krieg gegen das friedliche Vietnam, den Atombombenabwürfen auf Japan, dem Einsatz von Napalm, das grauenhafte, schlecht heilende Hautverbrennungen hervorruft, im 2. Weltkrieg und im Korea- und Vietnamkrieg und bis zu den Massakern im Irak eine einzige Blutspur mit Hunderttausenden von Toten und an Körper und Geist Geschädigten hinterlassen. Die USA haben in den vergangenen 65 Jahren rund 40 Länder bombardiert, Kriege frei erfunden. Das Sterne- und Streifenbanner nahm keinen Schaden.
 
So kann man etwas hinauf- oder herunterspielen und damit Flagge zeigen, ganz wie’s beliebt. Nach dem Ausverkauf der Privatsphäre muss man selbst in diesem intimen Sektor wohl die Flagge streichen.
 
Hinweis auf ein weiteres Blog mit Bezug zu Flaggen
06.09.2006: Äquatorialguinea, ein Schandfleck auf der US-Flagge
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