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BLOG vom 28.04.2013


Langeweile: göttlich, emotionale Pest oder gar tödlich?
Autor: Richard Gerd Bernardy, Dozent für Deutsch als Fremdsprache, Viersen/Niederrhein D
 
 
Haben Sie Langeweile? Dann biete ich Ihnen an, etwas darüber zu lesen. Sie kennen keine Langeweile? Umso besser!
 
Sie finden, über das Thema sei schon viel gesagt und geschrieben worden, es habe seine beste Zeit hinter sich, sei nicht mehr angesagt, obsolet, abgedroschen? Ich meine nicht!
 
Denn das Gefühl ist allgemein bekannt, wenn auch nicht jeder sagt, er leide ab und zu darunter. Mit dem Thema haben sich über die Jahrhunderte schon viele Menschen auseinandergesetzt. Darunter sind unter anderem Schriftsteller, Philosophen und Psychologen.
 
Sören Kierkegaard schrieb in „Entweder - Oder“:Im Anfang war die Langeweile. Die Götter langweilten sich, darum schufen sie den Menschen. Adam langweilte sich, weil er allein war, darum wurde Eva erschaffen. Und von diesem Augenblick an war die Langeweile in der Welt und nahm zu im geraden Verhältnis zur Zahl der Menschen. Adam langweilte sich allein, dann langweilten sich Adam und Eva zu zweien, dann langweilten sich Adam und Eva und Kain und Abel en famille, dann wuchs die Menge der Menschen auf Erden, und sie langweilten sich en masse. Um sich zu unterhalten, kamen sie auf den Gedanken, einen Turm zu bauen, so hoch, dass er bis in den Himmel rage. Dieser Gedanke war ebenso langweilig wie der Turm hoch und beweist mit erschreckender Deutlichkeit, dass die Langeweile schon gesiegt hatte.“
 
Wieder etwas dazu gelernt! Jetzt weiss ich, warum die Menschen überhaupt existieren! Es wäre demnach logisch, die Langeweile selbst als treibende Kraft anzusehen, nicht „die Götter“. Schliesslich ist sie nach dieser Meinung ein Bestandteil „der Seele“, und niemand kann dafür verantwortlich gemacht werden.
 
Friedrich Nietzsche hielt in Menschliches – Allzumenschliches I“ fest, dass die Langweile auf die Befriedigung der Bedürfnisse folge, für die man arbeiten müsse: In den Pausen aber, in welchen die Bedürfnisse gestillt sind und gleichsam schlafen, überfällt uns die Langeweile.“ Und diese wird dann durch das Spiel vertrieben, bis dem Spieler das Spiel auch langweilig wird: „... den überfällt mitunter das Verlangen nach einem dritten Zustand, welcher sich zum Spiel verhält wie Schweben zum Tanzen, wie Tanzen zum Gehen, nach einer seligen, ruhigen Bewegtheit: es ist die Vision der Künstler und Philosophen von dem Glück.“
 
Langeweile als Glückszustand? Soll man sie begrüssen oder fürchten? Begrüsst wird sie in der heutigen Zeit eher nicht. Die Website „Psychologie-Lexikon (psychologie48)“ definiert das Phänomen „Langeweile“ so: „… ein Gefühl der Unerfülltheit, wie es unter allzu gleichmässigen äusseren Umständen entsteht ... Überhaupt ist Langeweile meist mit einer Unlust oder sogar mit innerer Unfähigkeit zu eigener Aktivität gekoppelt …“
 
Sobald ich mich gelangweilt fühle, hat die Langeweile – siehe Kierkegaard – schon gesiegt!
 
Martina Kessel gab in ihrem Buch „Langeweile - Zum Umgang mit Zeit und Gefühlen in Deutschland vom späten 18. bis zum frühen 20. Jahrhundert“ Genaueres bekannt: „Eine Kulturgeschichte der Langeweile in Deutschland führt mitten in die zentralen Probleme von Identitätsfindung, von Gefühlskontrolle und Zukunftsparadigma, die, als individuelle und soziale Phänomene zugleich, die Entwicklung der westlichen Moderne entscheidend mitgeprägt haben.“
 
Es ist zu merken, dass die Autorin unter anderem auch auf Erich Fromm zurückgegriffen hat. Er unterscheidet in seinem Buch „Anatomie der menschlichen Destruktivität“ zwischen jemanden, der sagt: „Ich fühle mich gelangweilt“ und damit ausdrücken will, dass ihn die Aussenwelt nicht mit interessanten oder amüsanten Reizen versorgt, und einem „langweiligen Menschen“ als Person. Chronische Langeweile ist in den Augen von Fromm pathologisch; sie werde aber, da die meisten Menschen gelangweilt seien, nicht als krankhaft angesehen, denn sie werde durch „Trinken, Fernsehen, Autofahren, Parties besuchen, sexuelle Betätigung oder das Einnehmen von Drogen“ verdrängt.
 
Weitere Beispiele, die Fromm anführt, sind „Gruppensex bei den sogenannten ‚Swingers“ (1974!) oder in passiver Form als Folge ungenügend kompensierter Langeweile, „indem man sich von Berichten über Verbrechen, tödliche Unfälle und andere blutige und grausame Szenen angezogen fühlt.“
 
Denn: „Es ist allerdings nur ein kleiner Schritt von der passiven Freude an Gewalttätigkeiten und Grausamkeit bis zu den vielen Formen, aktiv Erregung durch sadistisches oder destruktives Verhalten zu erzeugen.“
 
Sollte Langeweile, so Fromm, ungenügend kompensiert werden, führe sie zu Destruktivität bis hin zum Amoklauf, was er an einem Mord eines 16-jährigen Oberschülers an seinen Eltern festmacht; denn „offenbar ist das Motiv für derartige Morde nicht Hass, sondern (...) ein unerträgliches Gefühl der Langeweile und Ohnmacht und das Bedürfnis, zu erleben, dass es doch noch jemand gibt, der reagiert ... Wenn man jemand umbringt, so gibt das die Möglichkeit, zu erleben, dass man ist und dass man auf ein anderes Wesen eine Wirkung ausüben kann.“
 
Die neueren Forschungsergebnisse zu Amokläufen sagen allerdings aus, dass sich die Gründe, wenn überhaupt, nicht auf den Begriff „Langeweile“ einschränken lassen, sondern sehr vielfältig seien!
 
Die Definition Fromms umfasst auch dies: Wenn wir trinken, fernsehen, Auto fahren und auf Partys gehen, tun wir das nicht, weil wir uns vergnügen und/oder soziale Kontakte pflegen wollen, sondern weil wir der sonst drohenden „Macht der Langeweile“ verfallen würden.
 
(„Doch furchtbar wird die Himmelsmacht, wenn sie der Fesseln sich entrafft …“ – Friedrich Schiller sprach im „Lied der Glocke“ zwar das Feuer ab, aber der Satz passt auch hier!)
 
Ich meine, das Risiko sollten wir eingehen! Langeweile kann auch neue Aspekte bringen, wenn man die folgenden Ausführungen liest: Im Buch „Atlas der Erlebniswelten“ heisst es, dass es mehrere Arten von Langeweile gebe, „zum Beispiel diejenige, deren Folgen dem Betroffenen selbst am meisten zusetzen und die ihn, wenn er nicht schleunigst Massnahmen ergreift, in eine echte Depression stürzen lassen kann. Im Gegensatz dazu trifft die Langeweile mancher Menschen eher andere als sie selbst, wie z. B. die von feriengelangweilten Schülern, jugendlichen Vandalen und Gaffern.“
 
Es wird noch interessanter;  denn die Autoren Prof. Dr. Ilfa Maso und Dr. Saskia Sombeek sehen verschiedene Meditationsformen auch als Langeweile an, und als Beispiel wird die japanische Zen-Tradition in einem Zen-Kloster genannt. Und das „amüsante“ daran sei, dass der westliche Besucher die „dortige strukturierte Langeweile nicht als solche erkennt, sondern sie als erhabene Kunstform betrachtet“, und dazu wird erklärt: „Denn was ist Langeweile anderes, als dass es nichts, aber auch wirklich nichts Neues zu erleben gibt?“ Als ob das kein neues Erlebnis ist, strukturiert Langeweile zu erleben!
 
Das Psychologie-Lexikon erläutert weitere Gründe für die Langeweile: „Die Langeweile wird gefördert, wenn man Menschen in eine starre, gleichmässige Ordnung zwängt, und sie wird gemindert, wenn man ihnen einen Spielraum für eigenes Tun einräumt. Durch die Beengungen in unserer heutigen hochorganisierten Zivilisation ist die Langeweile zu einer Art Zeitkrankheit geworden.“
 
Ich vermute, die Autoren haben dabei z. B. an Fliessbandarbeit gedacht. Das mag auf einige zutreffen, aber längst nicht auf alle. Meine persönlichen Erfahrungen bei kurzfristigen Jobs am Fliessband können dies nicht bestätigen. Meine Arbeitskollegen empfanden ihre Arbeit nicht als langweilig, es gab sogar welche, denen die Betriebsleitung Alternativen angeboten hatten, die sie aber nicht annehmen wollten!
 
Die Psychotherapeutin Eva Maria Bacso schrieb in ihrem Artikel „Langeweile oder die emotionale Pest“ von der „Kälte und Öde technischer Gebilde“:  „Nur für sich allein hockt der Mensch vor den Tastaturen und Bildschirmen, hält stille Zwiesprache mit erfundenen Symbolen, Formeln, Bildern, wird zum technischen Autisten. ‚Kommunikation’ mit der ganzen Welt, ‚Nachrichten’ aus aller Welt ‒ sie langweilen uns schliesslich zu seelisch-geistigem Tode.“
 
Der Begriff „emotionale Pest“ stammt übrigens vom Psychoanalytiker Wilhelm Reich, der damit „destruktives Verhalten des neurotischen Charakters im sozialen Kontext“ meint.
 
Beim Schreiben dieses Texts „hocke“ ich vor einer Tastatur und vor einem Bildschirm, bin ich deshalb gelangweilt? Empfinde ich eine „emotionale Pest“? Wahrscheinlich erst dann, wenn ich das Keyboard an die Wand werfen und deshalb meine Frau anschreien würde, was mir nicht im Traum in den Sinn kommt. Also nicht!
 
Hubertus Breuer plädierte in dem Aufsatz „Tödliche Langeweile“ für eine Ausbreitung der „Langeweile-Forschung“. Als Grund dafür zitiert er Forschungsergebnisse: „‚Langeweile ist ein nicht zu vernachlässigender Risikofaktor’, sagt der kanadische Psychologe John Eastwood von der York-Universität in Ontario, der kürzlich eine ausführliche Studie über dieses komplexe Gefühlsgebilde in der Fachzeitschrift ‚Perspectives on Psychological Science’ publizierte. Denn Forscher haben Langeweile nicht nur mit Depression, Alkohol- und Drogenmissbrauch in Zusammenhang gebracht, auch bei Chirurgen oder Lastwagenfahrern kann sie zu lebensgefährlichen Fehlern führen. Zudem verkürzt Langeweile womöglich unsere Lebenserwartung. Im Jahr 2010 analysierten Forscher vom University College London Fragebögen von mehr als 7500 Beamten im Alter zwischen 35 bis 55 Jahren aus den späten 1980-ern. Diejenigen, die sich zu einem hohen Mass an Langeweile bekannten, starben eher als jene, denen die Zeit selten lang wurde. Da erscheint die Redewendung ‚sich zu Tode langweilen’ in neuem Licht.“
 
John Eastwood habe auch nach der Auswertung von über 100 Fachartikeln herausgefunden, dass der Ursprung offenbar in uns selbst liege. „Genauer: Aufmerksamkeit ist der Dreh- und Angelpunkt allen Langeweilens. Wenn wir nicht in der Lage sind, uns geistig zufriedenstellend zu beschäftigen, obwohl wir es gerne würden, entstehe Langeweile.“
 
Deshalb seien solche Bevölkerungsgruppen schneller und eher gelangweilt, die weniger befähigt sind, sich geistig zu beschäftigen. Sind Sie Chirurg oder Lastwagenfahrer? Bitte vergessen Sie nicht, während Ihrer Berufsausübung aufmerksam zu sein! Sie sind Beamter? Denken Sie mal darüber nach, vielleicht ist Ihre Tätigkeit lebensgefährlich! Auf jeden Fall: sich nicht zur Langeweile bekennen!
 
Sie lesen gern die Zeitung mit all den Grausamkeiten und Verbrechen? Vermeiden Sie mit Erich Fromm nach der passiven Freude daran, den bewussten „kleinen Schritt“ zu tun!
 
Sie wissen manchmal nicht, womit sie sich in diesem Moment beschäftigen sollen? Entspannen Sie sich, machen etwas ganz Sinnloses (Sie finden bestimmt irgendetwas, z. B. das Bügeln von Unterwäsche!), und denken Sie fest daran, dass das eine erhabene Kunstform ist!
 
Aufmerksamkeit erfordert ebenso die Fähigkeit, die eigenen Gedanken zu lenken. Das scheinen besonders diejenigen, die sich häufiger langweilen, nicht mehr zu können.
 
Ich empfehle Ihnen, jetzt ihre Gedanken vom Artikel wegzulenken, eine lange Weile einfach wegzudriften und darüber zu grübeln, ob Sie sich beim Lesen gelangweilt haben.
 
Da Sie meinen Ausführungen bis hierher gefolgt sind, wohl nicht. Über Langeweile nachzudenken, scheint jedenfalls nicht langweilig zu sein!
 
Vielen Dank!
 
Quellen
Martina Kessel: „Langeweile. Zum Umgang mit Zeit und Gefühlen in Deutschland vom späten 18. bis zum frühen 20. Jahrhundert“. Wallstein, Göttingen 2001
Erich Fromm: „Anatomie der menschlichen Destruktivität“, rororo, Reinbek bei Hamburg 1974.
Friedrich Nietzsche: „Menschliches, Allzumenschliches“ (1886), Kindle Edition.
L.v.Sawaaij und Jean Klare: „Atlas der Erlebniswelten“, Eichborn Verlag, Frankfurt, 2000, Karte 5.
 
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