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BLOG vom 29.04.2013


Wie man Geschäftsberichte auch noch interpretieren könnte
Autor: Walter Hess, Publizist, Biberstein AG/CH (Textatelier.com)
 
„Der Handel ist eine Art Geschäftsvorgang,
 bei dem A von B das Eigentum von C raubt und B sich revanchiert,
 indem er aus der Tasche von D das Geld zieht, das E gehört.“
Ambrose Bierce (1842–1914), US-Schriftsteller und Journalist
*
 
Im Frühjahr, alle Jahre wieder, blühen die Jahresabschlüsse, deren Botschaften medial weiterverkauft werden. Das Volk erhält einen Einblick, wie ein Unternehmen seinen Geschäftsgang darstellt. Zahlen aus der Buchhaltung werden auf den Markt der Wirtschaftsinformationen geworfen: Gewinn- und Verlustrechnung, Umsätze, Bilanz. Und meistens wird noch ein Lagebericht mitgeliefert, ein rechtfertigender Rückblick oder ein optimistischer oder pessimistischer Ausblick, wie er gerade in die Landschaft passt. Auch öffentliche Körperschaften, ja sogar ganze Staaten, vermelden ihre steigenden (oder in seltenen Ausnahmefällen abnehmenden) Defizite, berichten, wenn es sein muss, über die Aktivität der Notenpressen bzw. der digitalen Geldschöpfungsanlagen der Notenbanken. In den Ländern des wirtschaftlichen Zerfalls wie in den USA nehmen die echten und versteckten Staatsschulden astronomische Grössenordnungen an, eine endlose Geldvermehrung, die zunehmend zur Plünderung der arbeitenden und sparenden Bevölkerung führt. Was im Steuerwesen rund um die Schweiz passiert, sind überdeutliche Anzeichen dafür, und der Schweiz mangelt es am nötigen Selbstvertrauen, um sich den Zugriffen fremder Land- bzw. Weltvögten zu widersetzen.
 
Um die Völker, soweit das noch möglich ist, ruhigzustellen, wird mit der Vermittlung medialer Mietmäuler abgewiegelt, verdreht, mit unlauteren Machenschaften gearbeitet. Wenn man sich nur schon daran erinnert, wie sich Griechenland mit allen denkbaren buchhalterischen Tricks (die teilweise von der US-Bank Goldman Sachs empfohlen wurden) in die Europäische Union EU hineingemogelt hat, verliert man das Vertrauen in die Glaubwürdigkeit der präsentierten Zahlen, weil sie zu oft mit feststehenden mathematischen Gebräuchen – Äusserungen einer exakten Wissenschaft – nicht viel zu tun haben. Sie gehören zum aus dem Spätkapitalismus herausgewachsenen Neoliberalismus, der euphemistisch als neue Freiheit daher kommt, in seinem Wesen aber ein Marktradikalismus oder Marktfundamentalismus ist, dem alles unterworfen wird, auch die Ethik, wenn bloss die Geschäfte rund laufen. Die Politik hat nur noch eine zudienende Funktion.
 
Die Interpretation der Jahresberichte
Doch um die Tricksereien, Mogelpackungen und Luftbuchungen made in Absurdistan geht es in diesem Blog nicht. Nehmen wir der Einfachheit halber einmal an, es sei die mathematisch erhärtete, purlautere Wahrheit, die uns, die wir am wirtschaftlichen und wirtschaftspolitischen Geschehen interessiert sind, aus Jahresabschlüssen entgegenbrandet. Dann kommt es darauf an, in welcher Funktion man sich die dargebotenen Zahlen auf sich wirken lässt: Unternehmer, Aktionäre und Belegschaft freuen sich über hohe Gewinne. Sie ermöglichen Forschungen, Innovationen und verbessern die Aussicht auf höhere Dividenden, steigende Löhne und allenfalls Boni. Tatsächlich sollte ein Unternehmen einen gewissen Gewinn machen, auch zur Reservebildung im Hinblick auf schwierigere Zeiten, für Hungerperioden.
 
Die andere Perspektive: Als aussenstehender Kunde eines Unternehmens, insbesondere eines Handelsunternehmens, mag ich mich über hohe Gewinne nicht so recht zu freuen; denn sie sind doch der Beleg dafür, dass die Produkte oder Dienstleistungen zu einem überhöhten Preis verkauft worden sind, das heisst, ich habe dafür zu viel bezahlt. Microsoft hat beispielsweise allein für das 1. Quartal 2013 einen im Vergleich zum Vorjahreszeitraum um 19 Prozent auf rund 6.1 Milliarden USD erhöhten Gewinn vermeldet, obschon sein neues Betriebssystem „Windows 8“ nur schwache Erfolge verzeichnet, die PC-Verkäufe sinken und die Top-Manager serienweise die Flucht ergreifen. Das bedeutet, dass Upgrade-Angebote und PCs den im System Eingesperrten zu teuer angedreht wurden. Firmengründer Bill Gates weiss mit dem vielen Geld gar nichts Schlaues mehr anzufangen. Er hat die Bill & Melinda Gates Foundation gegründet, welche unter anderem die Impferei noch weitertreiben will; die Impfraten sollen zur Freude der Pharmaindustrie also noch erhöht werden, vor allem in Entwicklungsländern. Man spricht nur von angeblich verhinderten Todesfällen, vor allem bei Kindern, klammert die Impfschäden aber aus. Wirksamer wären Massnahmen, welche die Armut verringern und die Ernährungslage verbessern würden – etwa durch die Beseitigung der Ausbeutungssysteme.
 
Andere Beispiele: Soll ich mich als Kunde darüber freuen, dass der Schweizer Detailhändler Coop 2012 den Gewinn um 4.6 % auf 452 Mio. CHF steigern konnte? Mir wären ein kleinerer Gewinn und günstigere Produkte lieber gewesen. Migros erzielte 2012 gar einen Gewinn von 724.2 Mio. CHF; das sind 9,8 Prozent mehr als 2011, allerdings nicht mehr so viel wie 2010, als die Migros verdient hatte wie nie zuvor. Für mich als Kunde bedeutet das, dass ich bei M besonders gut auf die Preise achten muss. Ausrutscher sind nirgends auszuschliessen. Billige Aldi-Osterhasen sind mit Vanille, die Osterhasen aus der teuren Confiserie Sprüngli in Zürich aber mit künstlichem Vanillin parfümiert (Stand: 2013). Mit Erstaunen habe ich das der Zutatenliste auf den Verpackungen entnommen.
 
Beutezüge aus Neid
Bemerkenswert ist der Umstand, dass die Medien bei ihrer Berichterstattung über die Abschlüsse eigentlich nur die Gleichung „Viel Gewinn = sehr gutes Management“ kennen. Sie messen der Kunst der Unternehmensleitungen, möglichst viel Gewinn herauszuschinden, eine höhere Bedeutung als der Kundenorientiertheit zu. Wer bezahlt den Gewinnsprung der Credit Suisse auf 1,3 Mia. CHF im 1. Quartal 2013? Oder geht das doch? CS-Antwort: Aufwand eingespart. Klartext: Stellenabbau. Und wenn es Schweizer Unternehmen gut geht, erweckt das den Neid der besitzlosen Amerikaner. Der Pharma-Multi Novartis wird in den USA voraussichtlich Millionen Dollar Schadenersatz wegen eines Kickbacksystems beim Vertrieb des Nierentransplantations-Medikaments Myfortic bezahlen müssen. Der New Yorker Staatsanwalt Preet Bharara ermittelt auch gegen Schweizer Banken und deren Mitarbeiter wegen unversteuerter Gelder von US-Kunden. Schweizer, die in den USA geschäften, werden gerupft, dass Gott erbarm’; wir stellen Leute auf die Strasse, um all das bezahlen zu können. Nur die Weltmacht USA mit ihrem Weltherrschaftsanspruch darf sich ungestraft alles, aber auch wirklich alles, erlauben. Die unterdrückte Welt kuscht aus Angst vor einer Abstrafung.
 
Das Talent, von der Handelsspanne besser zu leben als von der Herstellung, ist in hohem Ansehen. Mit anderen Worten: Geschickte Abzocker, die in den Teppichetagen der Grossunternehmen agieren, werden zu Topkönnern, wenn es ihnen gelingt, mit allerhand Verkaufstricks ihre Ware zu überhöhten Preisen abzusetzen. Bei Selbstvergoldungen im Salärbereich sinkt das Ansehen wieder.
 
Einflüsse auf den Preis
Der Marktpreis, der den Tauschwert eines Guts in einer Geldeinheit nennt, ist keine feste Grösse. Die Herstellungskosten sind unterschiedlich. Auf Bazaren kann man markten, oder man kann ein Angebot wegen eines zu hohen Preises ablehnen und anderweitig nach einem anderen Angebot Ausschau halten – man nennt das „Preis-Absatz-Funktion“. Bei höheren Preisen sinkt der Absatz in der Regel, falls Höchstpreise ein Produkt nicht zum Statussymbol empor stilisieren. „Menschenkenner haben immer gewusst, dass man den Leuten eine teure Sache leichter verkaufen kann als eine billige“, wusste schon der englische Erzähler und Dramatiker William Somerset Maugham (1874‒1965). Bei Auktionen erfolgt die Preisbildung durch die Nachfrage und die Laune der Teilnehmer, auch an den Börsen, wo in der Regel die Vorgaben aus Amerika nachvollzogen werden. Der Herdentrieb wird bis zur Selbstzerstörung ausgelebt.
 
Wo teure Anbieter auf überhöhten Beständen sitzen, veranstalten sie befristete Aktionen zu Schleuderpreisen, auch um Kundschaft in ihre Läden zu locken. Sie unterbieten die Konkurrenz und müssen in anderen Segmenten ihre Margen retten. Bei der Fülle der zwar verschiedenartigen, aber doch sehr ähnlichen Produkten, deren Inhalte nur leicht modifiziert sind und die in unterschiedlichen Grössen sowie Aufmachungen auftauchen und bald wieder abgeändert werden, ist ein Preisvergleich mit vertretbarem Aufwand unmöglich.
 
Die Jahreszahlen erläutern der Kundschaft erst hinterher, wie viel sie im Schnitt zu viel bezahlt hat. Ihr bleiben dann nur noch ein strapaziertes Portemonnaie und die uneingeschränkte Bewunderung für das Geschick der Topmanager.
 
 
Hinweis auf weitere Blogs über Handel und Geschäftsgebaren
06.12.2005: Der unbekannte Samichlaus an der M-Kasse im Kreis 5
 
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