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BLOG vom 05.05.2013


„Ismusismus“ und Relativismus – oder : „Was bin ich?“
Autor: Richard Gerd Bernardy, Dozent für Deutsch als Fremdsprache, Viersen/Niederrhein D
 
In der Geisteswissenschaft gibt es viele Begriffe, die mit „–ismus“ enden, ein Suffix, das ein Abstraktum bezeichnet, ein Glaubenssystem, eine Ideologie, eine geistige Strömung. Die Definition dieser Begriffe und die Auseinandersetzung damit verbundener Theorien und Hypothesen sind oft vielfältig, umfangreich und manchmal seit Tausenden von Jahren Inhalt von Diskussionen. Personen, die sich zu einer der Strömungen oder Richtungen bekennen, sind dann „-isten“, manchmal auch „-iker“. Die Begriffe können (teilweise) Gegensätzlichkeit bedeuten, wie zum Beispiel „Theismus“ und „Deismus“, „Atheismus“ und „Agnostizismus“. Andere Begriffe sind voneinander abzugrenzen wie z. B. „Materialismus“, „Naturalismus“, „Humanismus“, „Nihilismus“. Diese sind „Ausrichtungen“ der beiden vorherigen Begriffe.
 
Personen, die von sich selbst sagen, sie gehörten der einen oder anderen Richtung an, sind überzeugt von dem, was dahinter steht, jedenfalls von den Inhalten, die sie mit diesem Begriff verbinden.
 
Bin ich ein Naturalist? Es kommt darauf an! Worauf? Darauf, was ich unter „Natur“ verstehe! „Alles ist Natur!“ Das bedeutet, es existieren keine „übernatürlichen Phänomene“, also kein Gott, keine Wunder, keine Geister. Also: ich grenze mich von religiösen Inhalten ab. Es kommt mir auf die Naturwissenschaft und ihre Erkenntnisse an.
 
Der Naturalist Wilfrid Sellars erklärt daher: „Wenn es um die Beschreibung und Erklärung der Welt geht, sind die Naturwissenschaften das Mass aller Dinge.“ Diese Aussage ist natürlich nicht unwidersprochen geblieben. Denn dabei bleiben Fragen offen, wie etwa, ob das menschliche Bewusstsein, die Sehnsucht nach Transzendenz usw. auch naturwissenschaftlich erklärbar sind.
 
Auf die Frage: „Was ist?“ könnte ich antworten, „nur Materie!“ Ohne diese sind auch keine geistigen oder immateriellen Elemente möglich. Diese Richtung nennt man ontologischer oder erkenntnistheoretischer Materialismus in Abgrenzung zum dialektischen oder ökonomischen Materialismus von Karl Marx. „Gott“ lässt sich mit naturwissenschaftlicher Methode nicht überprüfen (verifizieren oder falsifizieren). Ich behaupte, viele von uns sind sogenannte „ethische Materialisten“; wir streben hauptsächlich nach Besitz und Wohlstand in verantwortbarer Praxis, also nicht durch Mord, Totschlag, Raub, usw.
 
Das heisst, ich will Humanist sein und mich an Toleranz, Gewaltfreiheit und Gewissensfreiheit orientieren, also „menschlich“ sein, im Sinne der Idee, das menschliche Dasein zu verbessern. Als säkularer Humanist kann ich der Aussage von Michel Foucault zustimmen: „Tatsächlich hat die Menschheit keine Zwecke. Sie funktioniert, sie kontrolliert ihr Funktionieren und bringt ständig Rechtfertigungen für diese Kontrolle hervor. Wir müssen uns damit abfinden, dass es nur Rechtfertigungen (d. h. keine Wahrheiten) sind. Der Humanismus ist nur eine von ihnen, die letzte“ (Aus: „Von der Subversion des Wissens“).
 
So fliessen Gedanken aus dem Humanismus auch in die „allgemeinen Menschenrechte“ ein. Damit sind sie auch für diejenigen, die eine Existenz „Gottes“ verneinen, akzeptierbar.
 
Damit sind Atheisten oder Agnostiker gemeint. Als Agnostiker lasse ich mir „ein Hintertürchen offen“, ich bin nämlich der Meinung, dass das menschliche Wissen begrenzt ist. Also auch die Naturwissenschaften können nicht alles erklären. Dabei kann ich ein atheistischer Agnostiker sein, d. h. ich glaube nicht an die Existenz eines Gottes. Ich kann aber auch ein theistischer Agnostiker sein, der nicht weiss, ob es einen Gott gibt, aber ihn für möglich hält. Agnostiker können mit dem Begriff „Gott“ nichts anfangen, können also auch keine Aussage darüber machen. Ein Atheist ist konsequenter, er ist davon überzeugt, dass es keinen Gott gibt, was immer man darunter auch verstehen mag.
 
Anhänger des Deismus sehen den Gottesglauben der Theisten noch anders. Gott hat wohl das Universum erschaffen oder war an der Entstehung beteiligt. Das könnte der Verstand erkennen, aber der Glaube an „Gott sieht alles“ und was die Anhänger der Religionen sonst noch so über die Einwirkung eines oder mehrerer göttlichen Wesen auf unser Leben erzählen, geht über deren Überzeugung hinaus. Albert Einstein wird mit seiner berühmten Aussage: „Die Theorie liefert viel, aber dem Geheimnis des Alten bringt sie uns doch nicht näher. Jedenfalls bin ich überzeugt davon, dass der nicht würfelt“, in diese Richtung interpretiert, zumal er auch betont hat, dass er an einen „persönlichen Gott“ nicht glaube.
 
Und wenn ich alle diese Richtungen und Strömungen ablehne? Weder das eine noch das andere sagt zu? Das Leben hat keinen Sinn. Wozu also darüber nachdenken, einer Idee nachstreben? Nihilisten sind dieser Auffassung. Für Friedrich Nietzsche war sogar das Christentum nihilistisch, da es die physische Welt zugunsten eines erdachten, nichtexistierenden Ideals ablehne. Aus dem Glauben ans Jenseits könne nichts Gutes entstehen. Christliche Vertreter werfen wiederum denjenigen Nihilismus vor, die sich nicht an der Religion orientieren, die allein die Begründung für einen Sinn des Lebens böten. Dem Buddhismus wird vorgeworfen, er sei eine nihilistische Lehre, wegen des Nirwanas. Das ist aber nicht ein Ort des Nichts, sondern ein Ort, an dem es kein Leiden mehr gibt.
 
Ich orientiere mich an Karl Popper, der den Sinn des Lebens im Leben selbst sieht; man muss ihn sich nur schaffen. Und bleibe dem Skeptizismus treu, jedenfalls im Gegensatz zu allem Dogmatismus.
 
Wie wir es auch drehen und wenden, ohne ein „-ismus“ kommen wir nicht aus, es gibt eine lange Reihe davon. Die Unsinn-Website „Stupidedia“ (als Antwort auf Wikipedia) hat den Begriff „Ismusismus“ kreiert und definiert ihn so:
 
Als Ismusismus bezeichnet man eine Geisteshaltung, die durch Koppelismus mit dem Terminismus  Terminus ‚ismus’ zum Konstruktionismus von manch Neologismus und dem Imperialismus des Wörtchens ,Ismus’ beiträgt. Unter dem Motto „Ismus is Muss“ werden Wörter mit Suffix „Ismus“ nahe dem Exhibitionismus in der Öffentlichkeit vorgeführt. Dies geschieht zu Ungunsten des Lesers als Reflexismus, lässt sich als Determinismus im Gehirn des Autoren aber nicht mehr entfernen (was dieser Artikel beweist), ein Immunismus war bislang nicht aufzufinden.“
 
Damit finden auch meine „ismistischen“ Ausführungen ein Ende!
 
Quellen
Es wurden entsprechende Inhalte aus Wikipedia zu den genannten Begriffen verwendet.
 
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