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BLOG vom 27.06.2013


Reisekrankheit: Was hilft gegen Übelkeit und Schwindel?
Autor: Heinz Scholz, Wissenschaftspublizist, Schopfheim D
 
Vor etlichen Jahren fuhr ich einmal mit einem rasant fahrenden Kollegen als Beifahrer mit. Er wollte unbedingt das neue Auto seiner Mutter testen und wählte eine bergige und kurvenreiche Strecke im Südlichen Schwarzwald. Die Fahrt begann kurz nach dem Mittagessen. Obschon ich sonst nichts mit Reiseübelkeit zu tun habe, wurde ich diesmal von einer Übelkeit heimgesucht. Mit Mühe konnte ich den Brechreiz unterbinden. Zum Glück dauerte die Fahrt nicht allzu lange, da wir auch wandern wollten. Dabei wurde mir zum ersten Mal bewusst, wie unangenehm sich so eine Reisekrankheit bemerkbar machen kann. In der Vergangenheit fungierte ich meistens als Fahrzeuglenker und hatte keine Probleme, während meine Mitinsassen besonders bei Fahrten über Pässe in der Schweiz und in Österreich mit Reiseübelkeit zu tun hatten.
 
Als Kind litt Richard Gerd Bernardy stark unter der Reisekrankheit. „Eine halbe Stunde im Auto, im Bus oder in der Strassenbahn, seltener im Zug, wurde ich blass, mir wurde schlecht, und dann musste ich mich übergeben. Das Gefühl der Übelkeit konnte ich dadurch etwas unterdrücken, indem ich die Augen schloss und nicht mehr durchs Fenster schaute. Im Erwachsenenalter legte sich das fast ganz. Wenn ich selbst am Steuer sitze, kann ich noch so kurvenreich und wild fahren, es passiert mir nichts. Als Beifahrer ist es zwar nicht mehr so extrem wie in meiner Kindheit, aber übel kann es mir immer noch werden.“
 
Schweissausbrüche und Herzklopfen
Die Vorfreude auf den Urlaub wird so manchem Reisenden schon nach kurzer Fahrt vergällt. Der unter einer Reisekrankheit Leidende bekommt eine bleiche Gesichtsfarbe, Schwindel, Schweissausbrüche (oft kalter Schweiss), Herzklopfen, Druck in der Magengegend, manchmal Hitzewallungen oder ein Zittern am ganzen Körper; er wird müde, gähnt häufig, bekommt manchmal Kopfschmerzen und neigt zum Erbrechen. Aber soweit muss es nicht kommen.
 
Die Symptome der Reisekrankheit stellen sich umso stärker ein, je kurvenreicher die Strecke ist und wenn im Auto geraucht oder nicht ausreichend gelüftet wird.
 
Dazu ein Beispiel: Meist sind die oben genannten Beschwerden mit einem Absinken des Blutdruckes kombiniert. In besonders schweren Fällen beobachtet man sogar Herzbeschwerden, unfreiwillige Stuhl- und Harnabgänge, Apathie und Angstgefühle.
 
Die davon betroffenen Reisenden gehören zu den empfindlichen Personen, bei denen infolge der Fortbewegung in Autos, Flugzeugen, Reisebussen, Achterbahnen, in Zügen mit Neigetechnik oder Schiffen die Kinetosen (griech. kinein = bewegen) in Erscheinung treten. Da bei anderen Bewegungsarten wie Gehen, Laufen und Radfahren die Beschwerden sich nicht zeigen, spricht man besser von Reisekrankheiten.
 
Es gibt auch Pseudokinetosen, die durch Sehreize ausgelöst werden. Dies ist der Fall in Erlebniskinos, Flug- bzw. Fahrzeugsimulatoren und bei Computerspielen.
 
Besonders empfindlich reagiert ein Drittel der Bevölkerung, während ein weiteres Drittel erst nach heftigen Bewegungen und das restliche Drittel nach extremen Situationen Beschwerden verspürt. Am häufigsten ist der Bewegungsschwindel zwischen dem 2. und 12. Lebensjahr anzutreffen. Wer das 50. Lebensjahr überschritten hat, leidet nur noch selten darunter. Das liegt daran, dass die Sinnesorgane durch die Alterungsvorgänge degenerieren. Frauen reagieren besonders heftig zu Beginn der Menstruation und während der Schwangerschaft. Auch ängstliche Menschen und solche, die mit Migräne zu tun haben, sind häufiger betroffen. Auch Seeleute, die schon lange Jahre ohne Beschwerden auf See gefahren sind, können plötzlich seekrank werden.
 
Wie entsteht die Reisekrankheit?
Die Ursache der Reisekrankheit wird wie folgt erklärt: Infolge des Schlingerns, Schaukelns und Wippens werden die Sinnesorgane im Innenohr besonders stimuliert. Die Reize werden über Nervenfasern weitergegeben. Das vegetative Nervensystem, das mit dem Willen nicht steuerbar ist, registriert die Reize und leitet eine Pulsverlangsamung oder Blutdrucksenkung ein. Auch optische und psychische Reize spielen eine wichtige Rolle. So kann zum Beispiel schon das Vorbeilaufen an Toiletten, Kombüsen oder das Wahrnehmen von Zigarettenrauch eine Reaktion auslösen. Eine reflektorische Überleitung der Erregungen des Innenohres auf das Brechzentrum, das mit dem Kreislauf- und Atemzentrum gekoppelt ist, erklärt die geschilderten Symptome.
 
Welche Medikamente helfen?
Es gibt etliche wirksame Medikamente, die bei Reisekrankheiten helfen. Es sind solche mit einem synthetischen Wirkstoff oder Pflanzenwirkstoffen. Es gibt aber auch wirksame homöopathische Mittel zu nennen. Die Beurteilung der Anwender bezüglich Wirksamkeit fällt unterschiedlich aus. Die einen behaupten, dieses oder jene Präparat habe gut geholfen, wiederum andere waren der Ansicht, die Wirkung sei zu schwach oder gar nicht hilfreich gewesen. Es ist deshalb nicht verkehrt, wenn man durch Testung das beste Medikament herausfindet.
 
Antihistamine machen müde
Die meisten Medikamente gegen die Reisekrankheit beinhalten das Antihistamin Dimenhydrinat. Dieser Stoff behindert die Weiterleitung von Nervenimpulsen zum Brechzentrum und hilft gegen Übelkeit und Erbrechen. Im Handel gibt es Tabletten, Dragees, Sirup, Kapseln, Zäpfchen und Reisekaugummis.
 
Wie wirksam sind Reise-Kaugummi-Dragees? Das Dimenhydrinat wird über die Mundschleimhaut viel schneller aufgenommen als im Magen. Nach etwa 10 Minuten erscheinen die gesamten Wirkstoffmengen des Kaudragees bereits im Blut.
 
Weitere Vorteile: Niedrige Dosierung (10 bis 20 mg), geringere Nebenwirkungen, keine zusätzliche Belastung des Magens. Die Kaudragees brauchen nicht vorbeugend, sondern erst dann eingenommen werden, wenn sich die Anzeichen von Übelkeit zeigen.
 
Wie sieht es mit Nebenwirkungen aus? Antihistamine machen müde und können Benommenheit auslösen. Dies ist besonders bei höher dosierten Präparaten der Fall. Da unter Umständen das Reaktionsvermögen beeinflusst wird, sollten Fahrzeuglenker oder Arbeiter, die Maschinen bedienen, keine solchen Medikamente einnehmen. Gleichzeitig verabreichte Beruhigungs-, Schlafmittel und Alkohol verstärken die dämpfende Wirkung.
 
Homöopathische Medikamente
Das homöopathische Mittel Cocculus (Indische Kokkelskörner) hilft gegen Übelkeit im Auto und bei Schiffsreisen. Hat sowohl bei meinen Kindern als auch bei mir selbst gewirkt“, schrieb ein Anwender. Vor Reisebeginn nahm er 5 Kügelchen D30 ein.
 
Wirksam bei Reisekrankheit sind auch Tabacum, Nux vomica. Dieter Berweiler empfiehlt unter www.naturheilmagazin.de die stündliche Einnahme von 5 Tropfen Thuja occidentalis D6 im Wechsel mit Cuprus D6 Tropfen.
 
Ingwer gegen Übelkeit
Aufgrund von Beobachtungen von Fischern in der Karibik, die vor der Fahrt in das stürmische Meer Ingwerwurzeln zum Schutz vor Seekrankheit zerkauten, wurde die Wissenschaft veranlasst, die Wirkung der Pflanze gegen Reisebeschwerden zu ergründen. Eine amerikanische Forschungsgruppe konnte durch verschiedene Studien nachweisen, dass die Wirkstoffe von Ingwer einen bedeutenden Schutz gegen Übelkeit, Erbrechen und Schwindelgefühle bei Auto-, Bus- und Seefahrten herbeiführen, und zwar ohne, dass sie müde machen.
 
Dazu eine Studie von Aksel Grontved aus Svendborg, Dänemark: Vor einer stürmischen Überfahrt im Skagerrak bekamen 40 Kadetten 1 g pulverisierte Ingwerwurzel (eigentlich handelt es sich um einen Wurzelstock = Rhizom) in Kapseln. 40 erhielten ein Placebo mit 1 g Milchzucker. Keiner wusste, was jeweils in den versiegelten Kapseln war. In den nächsten 4 Stunden mussten die Versuchspersonen genau zu Protokoll geben, wie sie sich fühlten. Nach einer Stunde war noch kein Unterschied festzustellen, erst nach der 3. Stunde zeichnete sich ein deutlicher Vorteil für Ingwer ab. Die Kadetten, die Ingwer erhielten, mussten sich seltener übergeben, hatten weniger kalte Schweissausbrüche und litten weniger unter Schwindelgefühle als jene, die mit einem Placebo vorlieb nehmen mussten.
 
Besonders hervorgehoben wurde in den bisherigen Studien die gute Verträglichkeit und weitgehend Freiheit von Nebenwirkungen. Nur sehr wenige Personen litten unter Aufstossen, Durchfall oder Magendrücken.
 
In einer weiteren Studie wurden Kandidaten auf einen Drehstuhl gesetzt und herumgedreht. Die Kandidaten bekamen 20 bis 25 Minuten vor dem Test 940 mg Ingwerpulver. Auch in diesem Test wurde eine Reduktion der Übelkeit erzielt.
 
Laut Prof. Dr. Heinz Schilcher entfalten die Inhaltsstoffe 23 nachgewiesene pharmakologische Effekte. Um nur einige zu nennen: Ingwer wirkt brechreizdämpfend, sorgt für eine bessere „Magenverdauung“ sowie „Magenberuhigung“ und wirkt entzündungshemmend. Das ätherische Ingweröl wirkt, wie in einer im Jahre 2007 publizierte Studie eindrucksvoll festgestellt wurde, gegen Herpesviren.
 
Die ESCOP-Expertenkommission und die WHO empfehlen Ingwerzubereitungen nicht nur zur Vorbeugung der Reisekrankheit, sondern auch gegen Schwangerschaftserbrechen oder bei Brechreiz nach Operationen. Auch bei Blähungen, Appetitlosigkeit, Völlegefühl, Übelkeit und Motilitätsstörungen sind Ingwerzubereitungen angebracht.
 
Im Handel sind Ingwerwurzelstöcke, getrocknete und gezuckerte Ingwerwurzelstücke, Ingwerschokolade, Ingwerteeaufgussbeutel, Ingwerpulver, Kapseln mit Ingwerpulver, Ingwertinktur und ein naturreiner Ingwer-Pflanzentrunk (z. B. von Schoenenberger). Es gibt aber auch Kombinationspräparate mit einem wässrigen Ingwerauszug (Kräuterbitter) oder mit ätherischem Ingweröl. Bei Magen-Darm-Beschwerden können auch eine Ingwertinktur, ein Ingweraufguss oder der Frischpflanzen-Presssaft hilfreich sein.
 
Teebereitung: 1 Teelöffel grobes Ingwerpulver mit 250 ml heissem Wasser übergiessen, 5 bis 10 Minuten ziehen lassen. Nach dem Abseihen vor jeder Mahlzeit 1 Tasse Tee trinken.
 
Ingwertinktur: 20 bis 30 Tropfen in ein Glas Wasser geben und etwa 30 Minuten vor den Mahlzeiten einnehmen.
 
Ingwer-Pflanzentrunk: Bei Übelkeit, Völlegefühl, Blähungen 5 bis 10 ml vor den Mahlzeiten einnehmen. Zur Vorbeugung bei Reiseübelkeit: 5 ml vor Reiseantritt und im Akutfall 10 ml einnehmen. Der Saft wirkt magenberuhigend und beugt Unwohlsein vor.
 
Weitere Empfehlungen
Autogenes Training (AT): Wer diese Technik beherrscht, kann sehr effektiv die Reisekrankheit in den Griff bekommen. Wer nicht viel von AT versteht, kann sich ablenken und an etwas Schönes denken.
 
Atemtechnik: Die meisten Menschen atmen zu kurz. Sie atmen schnell und kurz ein und aus. Empfohlen wird die 3-Phasen-Atmung: Ausatmung – Pause – Einatmung. Man sollte die Bauchatmung anstreben und möglichst grosse Mengen verbrauchter Luft ausatmen. Je mehr Luft ausgeatmet wird, umso mehr Frischluft kommt in die Lungen. Die Kombination AT und Atemtechnik wirkt ausgezeichnet gegen Übelkeit.
 
Akupressur: Durch Akupressur ist eine Beruhigung möglich. Der Betreffende wird gelassener und gelöster. Es gibt mehrere Akupressurpunkte. Einer davon ist der Folgende: Er befindet sich auf dem inneren Unterarm über der Falte des Handgelenks in einer Vertiefung zwischen den beiden Beugesehnen. Der Punkt wird durch kreisförmiges Drücken im Uhrzeigersinn etwa eine Minute massiert. Nach 10 Minuten wird die Akupressur wiederholt.
 
Weitere Empfehlungen: Wer mit seinem Auto besonders rasant in die Kurven fährt oder zu stark beschleunigt und vielleicht noch raucht, braucht sich nicht zu wundern, wenn die mitfahrenden Personen mit einer Reiseübelkeit zu tun haben. Hier hilft nur eine ruhige, defensive Fahrweise. Auch sollte man nicht rauchen und für eine gute Durchlüftung sorgen. Der Reisekranke sollte möglichst vorne sitzen, keine hastigen Kopfbewegungen machen und nach vorne schauen. Weitere Massnahmen sind eine Unterbrechung der Fahrt (möglichst alle 2 Stunden), herumgehen und frische Luft einatmen, oder er steuert das Autos selbst.
 
Was tun, wenn Kindern leicht übel wird? In diesem Fall ist eine sinnvolle Beschäftigung angebracht. Bewährt haben sich das Hören von Musik oder eines Märchens/Hörspiels über den Kopfhörer. Alle diese Massnahmen lenken vom Fahrtgeschehen ab. Nicht empfehlenswert sind das Lesen und Spiele, bei denen der Blick nach unten gerichtet werden muss. Schimpfen Sie auf keinen Fall ihre reisekranken Kinder aus. Schimpfen und Drohen verstärken die Angst und verschlimmern die Beschwerden.
 
Ein kleines Fazit
Um die Reisekrankheit in den Griff zu bekommen, gibt es Medikamente mit einem synthetischen Wirkstoff, homöopathische Mittel, Naturarzneien wie den Ingwer und andere Empfehlungen. Da jeder Mensch anders reagiert, sollte er das für ihn beste Mittel bzw. die effektivsten Massnahmen herausfinden und dann auch konsequent anwenden.
 
 
Hinweis auf einen Blog mit Erwähnung Ingwer
 
Hinweis auf einen Blog über Jetlag
 
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