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BLOG vom 15.07.2013


Starkult, Menschenvergötterung – bei Karl Jaspers gelesen
Autor: Walter Hess, Publizist, Biberstein AG/CH (Textatelier.com)
 
„Alle Menschenvergötterung – ob sie nun von Tyrannen gewaltsam gefordert oder herausragenden Menschen frei zugesprochen werde – ist für Karl Jaspers ,in der Wurzel ein Irrtum’. Sie erniedrigt den Menschen und die Gottheit, indem sie einen Menschen überhöht.“ Dies schreibt Hans Saner im Buch „Karl Jaspers. Was ist der Mensch?“ (Piper, 2000); Saner hat das Buch herausgegeben und betreut Jaspers Nachlass.
 
Das Thema Vergötterung hatte von der Vergangenheit bis in die Gegenwart (und wohl auch in die Zukunft) hinein eine unbeschränkte Aktualität. Mit den Zeiten ändern sich nur die verschiedenartigen Ausprägungen der vermeintlichen Ebenbildlichkeit mit Gott. Heute sind es vornehmlich der mediale Aufbau von Stars und die Schaffung von Fanklubs, die ineinander verschmelzen, die an einen Götzendienst erinnern. Fernsehschaffende arbeiten mit Hingabe daran, selber einen Starkult zu erlangen und verscherzen dabei Sympathie.
 
In erster Linie sind es bekannte Führerfiguren, die dem menschlichen Bedürfnis nach Unterwerfung und Leitseilen entgegenkommen, wie das besonders ausgeprägt bei und unmittelbar nach der Wahl des Demokraten Barack Obama zum 44. US-Präsidenten 2008 der Fall war. Der total idealisierte Obama trat sein Amt am 20.01.2009 an. Aus dem Mulatten (Mischling aus weissem und schwarzem Elternteil) wurde kühn ein „Schwarzer“ gemacht („1. schwarzer Präsident der USA“ ...), worauf eine permanente Entzauberung einsetzte. Zuvor hatten ganze in geistiger Unmündigkeit verharrende Völker das Gefühl, ein neuer Alleskönner und Heilsbringer sei an die Spitze unserer orientierungslosen Welt gestellt worden. Der Jubel war grenzenlos, und die höchsten Erwartungen wurden von Obama und seiner Wahlmaschinerie genährt, auch wenn der neue Messias als erfahrener US-Politiker schon immer genau wissen musste, dass sie bei den gegebenen Umständen niemals erfüllt werden konnten. Alles lief auf eine absichtliche Täuschung und Enttäuschung der Weltöffentlichkeit hinaus. Das sogenannte Land der Freiheit degenerierte zum Polizeistaat und riss die Gefolgstaaten mit. Unter dem verhängnisvollen US-Diktat haben viele Länder ihre Seele verloren.
 
Der Drang zur Unterwerfung
Der deutsche Philosoph Karl Jaspers (1883‒1963), der die Schweizer Staatsbürgerschaft annahm und ab 1948 in Basel lebte, befasste sich unter anderen mit den Aspekten der Massengesellschaft und ihrem Verhalten. Er kam bei dieser Thematik nicht umhin, sich der Menschenvergötterung zuzuwenden und schrieb dazu (in „Der philosophische Glaube“, 1948): „Es ist ein universales Phänomen, dass Menschen einen einzelnen Menschen schwärmerisch verehrten, ihn zum Übermenschlichen steigern, in ihm das Ideal des Menschseins verwirklicht sehen. Sie sind geneigt, sich ihm blindlings zu unterwerfen, von ihm Wunder zu erwarten. Es ist psychologisch etwas Analoges.“
 
Das wurde 60 Jahre vor dem Obama-Syndrom geschrieben, und der Text hatte zweifellos einen unausgesprochen Bezug zu Adolf Hitler (und damit zum Nazi-Deutschland), von dem Jaspers mit einem Publikationsverbot belegt wurde und um seine Existenz fürchten musste; auf diese traumatischen Erlebnisse war wohl auch seine Auswanderung in die Schweiz zurückzuführen.
 
Alle Erfahrung lehrt, dass die Vergötterung von einzelnen Menschen früher oder später ihr Ende findet, wenn auch dieser Prozess nur verzögert und damit schleichend vonstatten geht. Denn wer auf Versprechen hereingefallen ist und unhaltbare Illusionen entwickelt hat, wird sich mit dem Abwenden von einem Idol schwertun, weil sein Verhalten im Rückblick peinlich war. Er muss eine Fehlbeurteilung eingestehen.
 
Tatsächlich ist ein unbegründet heraufbeschworener gottähnlicher Status auf Dauer nicht aufrecht zu erhalten, wie jede Erfahrung lehrt – selbst der eifersüchtige Bibelgott ist heute nicht mehr, was er einmal war. Beim um sich greifenden religionskritischen Denken, das viele Auslöser hat, kommt man bald einmal zur Einsicht, dass auch an den Glaubensgrundlagen etwas faul sein muss, ansonsten das Religionsgeschehen im weitesten Sinne in anderen, ethisch hochstehenderen Bahnen verlaufen wäre und würde. Die kritische Religionswissenschaft kommt ebenfalls zum Ergebnis, dass die Bibel im Prinzip eine Propagandaschrift im Dienste der Machtausweitung des Christentums ist, sozusagen ein opulentes Traktat. Karlheinz Deschner, Autor der 10-bändigen „Kriminalgeschichte des Christentums“ dazu: „Der heutige Text des Neuen Testamentes ist ein Mischtext, das heisst er wurde aus den verschiedensten Überlieferungen zusammengestückelt. Er beruht 1. auf griechischen Handschriften, 2. alten Übersetzungen und 3. den oft aus dem Gedächtnis angeführten neutestamentlichen Zitaten der Kirchenväter. Justin etwa bietet davon über 300, Tertullian über 7000, Origenes fast 18000. Die Werke der Kirchenväter freilich sind selbst wieder mit recht unterschiedlicher Zuverlässigkeit überliefert.“
 
Dennoch hat sich die Vergötterung auf dem harten Pflaster, mit dem diese Erde zunehmend versiegelt wird, halten können. Jaspers verweist auf deren Folgen (im Originaltext): „Die Vergötterung wirkt auf den Vergötterten zurück: die Menschen quälen den von ihnen als heilig Angeschauten, dass er sich verhalten muss, wie es dem Ideal entspricht. Sie erwarten von ihm, dass er sich fügt, sie zeigen ihn gleichsam vor, und er muss da sein. Es ist eine Gier der Massen nach Menschenkult. Es ist, als ob es eine Beruhigung wäre, wenn der einzig Vergötterte irgendwo sitzt, wie der Bienenschwarm durch die Königin in Ordnung bleibt.“
 
So werden auch Tyrannen gelegentlich zu Göttern, zum Söhnen Gottes, ein Relikt aus den Jahrhunderten, in denen Religionsmächtige mit den weltlichen Regenten verbündet waren, die Trennung von Kirche und Staat noch nicht einmal diskutiert werden durfte. Und da sind auch noch die Religions- und Sektenführer, die wundersame Geschichten darüber erfinden, wie sie zur Auserwähltheit gelangten und von Wundertaten erzählen, die nicht nachkontrolliert werden können. Die raffiniertesten, skrupellosesten unter den Heilern erzählen von ihrem Kanal nach ganz oben, um sich direkt ins himmlische Geschehen einzubinden, um sich als Teil eines göttlichen Systems auszugeben. Der blinde Glaube und die Nachfolge zahlreicher unselbständiger, führungsbedürftiger Menschen ist ihnen gewiss. Diese werden zusätzlich verdummt, manipuliert ausgenommen, degradiert: „Menschenvergötterung entwürdigt den Menschen“ (Jaspers).
 
Geradezu harmlos ist demgegenüber der meist medial hochgespielte Starkult, vor allem im Umfeld des amerikanisierten, kommerzialisierten Musikbetriebs und des Sports. Hier werden Einzeldarsteller (wie auch Trainer) oder ganze Mannschaften zu Kultobjekten. Und der Sport zeigt am deutlichsten, wie kurz das Verfalldatum sein kann: nur gerade bis zur nächsten Niederlage, bis zum Abrutschen in eine untere Liga.
 
Die Medien leben von Stars, oder aber sie glauben zumindest, ohne solche nicht überleben zu können – bei sinkender Auflage. Die immer gleichen Super- und Megastars werden begleitet, und jede Banalität aus ihrem Leben, die von einem Paparazzo aufgegabelt werden konnte, wird zur Megastory aufgeblasen und zurechtgestylt, ohne Rücksicht auf die wirkliche Faktenlage. Dazu ein passender Jaspers-Satz: „Es ist immer wieder erstaunlich, mit welcher Selbstverständlichkeit die Tatbestände der Realität der vergötterten Menschen umgangen, verschleiert, umgedeutet werden.“
 
Beim Starkult geht es nicht allein um den Absatz von Zeitungen und Zeitschriften, sondern auch um den Verkauf von Tonträgern und Fanplunder aller Art für Infantile, ums Geschäft mit Massenanlässen. Und wer genauer hinsieht, erkennt (mit Jaspers) den grundlegenden Irrtum der Menschenvergötterung, welche die „Endlichkeit und Unvollendbarkeit des Menschen“ übersieht.
 
Im Kulturbetrieb sei die Vergötterung eine eher harmlose Angelegenheit, würde man meinen. Das Problematische liegt meines Erachtens im Umstand begründet, dass dadurch das kritische Denken verdrängt wird und die Massen dazu erzogen werden, sich in blinder Ergebenheit führen zu lassen. Dies wird zum Normalfall. Ihre Manipulierbarkeit wird dadurch vergrössert, was gerade in Staatsformen, die als Demokratie bezeichnet werden, verheerend sein kann. Eine Demokratie ist auf geistig wache Menschen mit wissensbasiertem Beurteilungsvermögen angewiesen, ansonsten sie zur Farce wird; sie kann nicht besser als ihr Personal sein. Zudem besteht die Gefahr, dass herangezüchtete, leicht manipulierbare Massen Führerfiguren mit Guru-Status in blinder Ergebenheit nachfolgen, komme, was da kommen möge. Die zunehmende Bildungsmisere und das Fernsehen, das die Hauptsendezeiten mit Allotria vollstopft, unterstützen solche Verblödungsvorgänge.
 
Die Welt ist ein Spiegelbild der agierenden Generation mit ihren Bleigewichten aus der Vergangenheit und ihrer Unfähigkeit, die Zukunft zu erahnen. Das System ist immer unvollkommen und unvollendet. Die Unvollkommenheit taucht in unterschiedlichen Schweregraden auf. Bei den heutigen technischen Möglichkeiten müsste man sehr aufpassen, dass das (Selbst-)Zerstörungspotenzial in Grenzen gehalten werden kann. Das wird wahrscheinlich nur unter dem Druck desolater, unerträglicher Zustände überhaupt eingesehen.
 
 
Hinweis auf ein weiteres Blog zu Karl Jaspers
18.05.2006: Liebe zur Weisheit: Philosophie und Ungereimtheiten
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