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BLOG vom 16.07.2013


Der mysteriöse Mythos ist mystifiziertes Mythologisieren
Autor: Richard Gerd Bernardy, Dozent für Deutsch als Fremdsprache,
Viersen/Niederrhein D
 
Die Schweizer verbinden mit den Mythen ein Bergmassiv in den Schwyzer Voralpen, bestehend aus den zwei markanten Felspyramiden des Grossen Mythen 1898 m ü. M. und des Kleinen Mythen 1811 m ü. M. mit dem Nebengipfel Haggenspitz 1761  m ü. M. Die Mythen sind das Wahrzeichen des Kantonshauptorts Schwyz. Die Gipfel ragen von Weitem sichtbar aus dem umliegenden Gelände hervor und fallen im Westen fast 1400 m steil nach Schwyz ab. Ein imposantes Bergmassiv! Der Ursprung liegt im lateinischen Wort (die) mita und entwickelte sich zu der grossen und kleinen Mythe im Singular, erst später wurden die Berge im Plural benannt. Sie haben also nichts mit den Begriffen zu tun, mit dem wir uns heute beschäftigen.
 
Definitionen laut Duden („Das Fremdwörterbuch):
Mysteriös: geheimnisvoll;
Mythos: 1. Sage; 2. legendär gewordene Gestalt oder Begebenheit;
Mystifizieren: täuschen, vorspiegeln;
Mythologisieren: etwas in mythischer Form darstellen oder mythologisch erklären;
Mythograph: jemand, der Mythen aufschreibt und sammelt.
 
Auch wenn ich über Mythen schreibe, bin ich in diesem Blog kein Mythograph!
 
Der US-Mythenforscher Joseph Campbell kategorisierte die Mythen nach 4 Funktionen:
 
Welche Funktion erfüllt ein klassischer Mythos?
Erstens: Mythen erwachsen fast immer aus der Erfahrung des Todes und der Angst vor Auslöschung.
 
Zweitens: Tierknochen in Gräbern lassen darauf schliessen, dass eine Beisetzung mit einem Opfer einherging. Mythologie ist in der Regel untrennbar mit Ritualen verbunden.
 
Drittens: Die stärksten Mythen befassen sich mit Extremen; sie zwingen uns, über unsere Erfahrung hinauszugehen. Es gibt Momente, in denen wir alle auf die eine oder andere Weise völlig unbekanntes Terrain betreten und etwas tun müssen, was wir noch nie getan haben. Mythen handeln von Unbekanntem, von Dingen, für die wir anfangs keine Worte haben. Der Mythos eröffnet also den Zugang in ein grosses Schweigen.
 
Viertens: Ein Mythos ist keine Geschichte, keine Sage, kein Märchen, die um ihrer selbst willen erzählt werden. Er zeigt uns, wie wir uns verhalten sollen. Richtig verstanden, versetzt uns die Mythologie in die geeignete spirituelle oder psychische Haltung, um in dieser oder der nächsten Welt korrekt zu handeln.
 
Fünftens: Jede Mythologie spricht von einer anderen Ebene, die neben unserer Welt existiert und sie in gewisser Weise trägt. Der Glaube an diese unsichtbare, aber mächtigere Realität, die man zuweilen auch als Welt der Götter bezeichnet, ist ein Grundthema der Mythologie. Nach dieser ewigen Philosophie besitzt alles, was in dieser Welt geschieht, alles, was wir hier auf Erden hören und sehen können, eine Entsprechung im Reich des Göttlichen, das grossartiger, stärker und dauerhafter ist als unseres. Jede irdische Realität ist nur ein blasser Abglanz ihres Archetyps, eine unvollkommene Kopie des Originals.
(aus: Armstrong, K.: „Eine kurze Geschichte des Mythos“).
 
Die kosmologische Dimensionist „… die Dimension, mit der sich die Wissenschaft befasst, indem sie zeigt, welche Gestalt das Universum hat, aber es so zeigt, dass das Geheimnis wieder durchscheint.“ Mythen zeigen die Gestalt des Universums hingegen so, dass ein Geheimnis zurückbleibt.
 
Die mystische Funktion:
„… die Erkenntnis, was für ein Wunder das Weltall ist und was für ein Wunder man selbst ist, und das Erlebnis der Ehrfurcht vor diesem Geheimnis.“
 
Die gesellschaftsbezogene Funktion:
„… das Stützen und Bestätigen einer bestimmten Gesellschaftsordnung. Und in diesem Punkt unterscheiden sich die Mythen von Ort zu Ort ganz ungemein. … Es kommt darauf an, wo man lebt.“ Hier übernehmen sie also eine ethische Funktion, wobei sie klären, „… wie das Leben in einer guten Gesellschaft sein sollte.“
 
Die pädagogische Funktion:Mittels dieser Funktion klären Mythen, „…wie man unter allen möglichen Umständen ein menschliches Leben führt.“
Aus: Campbell, J.: „Die Kraft der Mythen“.
 
Den letzten beiden Funktionen begegnet man in der modernen Zeit häufiger: Man verleiht etwas oder einer Person den Nimbus eines geheimnisvollen Flairs. Ein Mythos, manchmal auch mit den Begriffen: Sage, sagenhaft oder Legende oder legendär bezeichnet, ist entstanden. Sagen sind mehr oder weniger wahre Erzählungen aus alter Zeit, zum Beispiel die der Nibelungen. Legenden kenne ich in Verbindung mit katholischen Heiligen. Oft wird auch der Begriff Wunder für ein unerklärliches Geschehen bemüht.
 
Diese Begriffe werden heutzutage häufig profanisiert, wenn jemand oder etwas zum Mythos hochstilisiert wird. Sie haben deswegen mit der eigentlichen Bedeutung nicht viel zu tun, weil diese Art Mythos meist weder Teil eines Welterklärungsmodell ist, noch diesen Wahrheitsanspruch hat. Der heutige Mythos ist ein inflationär gebrauchtes Schlagwort der Medien und der Wissenschaft und bezeichnet eine Ursprungskategorie. Er steht für massenpsychologisch wirksame Vorstellungen. Viel zu oft wird er unreflektiert verwendet: Er besticht durch seine definitorische Unschärfe. Es wird also mysteriös mystifiziert.
 
Menschen, die aus der Masse herausgetreten sind, denen nachgesagt wird, dass sie etwas Ungewöhnliches und Besonderes geleistet haben, bekommen als Person zusammen mit ihren Leistungen den Beinamen Mythos. Zu nennen wären beispielsweise Mahatmi Gandhi und Mutter Theresa. Sie waren Personen mit Kult-, Verehrungs- und Vorbildstatus. Das können auch Schauspieler und andere Persönlichkeiten sein, wie z. B. Marilyn Monroe, Brigitte Bardot, Elvis Presley, John F. Kennedy und andere. In den Erinnerungen sind sie meist verklärt.
 
Nicht nur Personen werden mythologisiert. Im allgemeinen Sinn kann ein Mythos nach dieser Vorstellung ein Begriff, ein Erklärungsmuster oder ein Produkt mit grosser öffentlicher Ausstrahlung sein. Gegenstände werden zu Kultobjekten oder Ikonen; entsprechende Ereignisse bekommen einen Kultstatus. Diese Auffassung ist nicht unumstritten. Sie ist vor allem im angelsächsischen Raum zu beobachten, wenn dort etwa vom Mythos Rhein die Rede ist. Ein erzählerischer Mythos ist dagegen das Aufstiegsszenario vom Tellerwäscher zum Millionär oder das Wunder von Bern. Ehemalige Bewohner Ostdeutschlands erinnern sich an positiv empfundene Ereignisse und Lebensumstände, und schon ist der Mythos DDR entstanden.
 
Die Werbeindustrie macht Firmen und Produkte gern zu Mythen, um Kaufimpulse zu geben. Das können sowohl vergangene als auch heutige Marken sein.
 
Je weniger der Glaube an einen Gott oder die Zugehörigkeit zu einer Religionsgemeinschaft eine Rolle spielen, desto mehr suchen die Menschen nach etwas, das aus der Alltäglichkeit hinausfällt. Und das bietet ihnen unsere Konsumwelt!
 
Ich sehe die so in die Welt gesetzten Mythen sehr skeptisch. Es ist immer sinnvoll, nach dem Hintergrund zu fragen und nach den Zielen derjenigen, die eine Person, eine Begebenheit oder eine Sache zum Mythos erheben! Wer die Mythen sehen will, gehe in die Schweiz!
 
Quellen
Wikipedia.
Barthes, Roland: „Mythen des Alltags“, edition suhrkamp, 1964.
Harms, Max: „Moderne Mythentheorie. Was ist ein Mythos?“, 2009 (Kindle edition).
Campbell, J.: „Schöpferische Mythologie“, Basel 1992.
 
Hinweis auf das Blog über die Mythen bei Schwyz
 
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