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BLOG vom 18.07.2013


Segantini, Amiet, Twellmann, Kambly u. a. in Trubschachen
Autor: Walter Hess, Publizist, Biberstein AG/CH (Textatelier.com)
 
Knapp 1500 Einwohner hat Trubschachen BE. Dort beginnt das Emmental, wenn man vom Unesco-Biosphären-Reservat Entlebuch mit den überproportionierten Windrädern, die immer mehr und immer grösser werden, her gekommen ist. Und nachdem man im Kambly-Fabrikladen am Dorfeingang mit Biskuits wie Bretzeli und allerhand Teegebäck mit oder ohne Schokoladenüberzug die Lust auf Süsses in Schranken gewiesen hat. Dass es in Trubschachen aber zusätzlich zum Knabbergebäck noch so viel Raum für ältere und neuere Schweizer Kunst geben würde, erwartet man eigentlich kaum. Doch die beiden Schulanlagen im Ort, die von Asphaltwüsten umgeben, drinnen aber durchaus heimelig sind, lehren (zwischen dem 29.06. und dem 21.07.2013), was das Schweizer Kunstschaffen hervorgebracht hat und bei fortschreitendem Verlust an Gegenständlichkeit noch immer hervorbringt. Jedes Schulzimmer ist einem Künstler gewidmet. Ein paar Stühle, ein passendes Blumenarrangement und manchmal ein Teppich sind die gesamte Ausstattung, und so wird man in jedem Raum vom Fluidum jedes einzelnen Kunstschaffenden umfangen, umgarnt.
 
Ausserhalb der Schulhäuser sind an 9 Standorten die beeindruckenden Skulpturen des offensichtlich enorm produktiven Langnauer Bildhauer Urs-P. Twellmann (geboren 1959) platziert, wobei es mir die 670-teilige, in Segmente aufgeschnittene, in alle Richtungen verbogene Hagebuche im Hof des Schulhauses Hasenlehn nahe beim Bach Ilfis besonders angetan hat. Twellmann weiss, dass die Natur perfekt ist, daran also nichts verbessert werden kann. Infolgedessen hat er seinen Fokus auf das Verändern gelegt – auf ein Zerstören und Kreieren, wobei er vor allem dem sich verändernden Holz seine Aufmerksamkeit schenkt und seine manchmal monumentalen, massiven Skulpturen nach den Auffassungen der Land-Art in die Landschaft einbaut, sie möbliert. Er ist ein kraftvoller Künstler, der die Kettensäge, mit der er Baumstämme malträtiert, offensichtlich virtuos beherrscht und dadurch neben Grobklotzigem auch filigrane Formen hervorbringt. Er höhlt Stämme aus, dringt ins Innere der Bäume vor, ergründet das Innen und Aussen (was ist wo?). Und er findet Anlass für philosophische Betrachtungen, wirft Fragen auf, die er selber nicht beantworten kann. Wo ist „Innen“? Ist „Innen“, in Bezug auf eine Person, was innerhalb der Körpergrenze ist? Oder sind es die Hohlräume im Körper? Ist es vielleicht der Geist? Ist „Aussen“ alles, was nicht „Innen“ ist? Ist „Innen“ alles, was innerhalb der weitesten Ausdehnung ist? Ist „Innen“ der Raum, den ich nicht begehen oder berühren kann – oder ist es der unsichtbare Raum innerhalb des Materials? Seine Antworten legt er in handgreiflicher Art vor, nachdem er offene Räume geschaffen hat, wie es sie auch in einem hohlen Baum gibt. Und damit ermöglicht er Einblicke, Durchblicke und Ausblicke, die sich je nach der Art des individuellen Sehens des Betrachters ergeben.
 
Im Inneren des erwähnten Schulhauses Hasenlehn, des jüngeren von beiden, geht es sozusagen mit der Land-Art weiter. Man begegnet der „braunen Kuh an der Tränke“ von Giovanni Segantini (1858‒1899) – die Tränke ist ein verwitterter, ausgehöhlter Baumstamm in der klaren Engadiner Luft. Segantini band Menschen und Tiere in die Natur ein und schuf ein pantheistisches Weltgefühl – die Einheit zwischen Überirdischem und Irdischem. Alles fliesst ineinander; klare Grenzziehungen bzw. Abgrenzungen sind eine menschliche Spezialität.
 
Vom Jugendstil geprägte Bilder mit farbigen Blumen von Augusto Giacometti (1877‒1947) sind im Zimmer nebenan ausgestellt: dekorative Blumenstillleben, Landschaften, die manchmal auch als Plakate verwendet wurden; Abstraktion und Symbolik paaren sich.
 
Der Thurgauer Hans Brühlmann hat in seinem kurzen Leben (1878-1911), das er wohl wegen der Folgen einer syphilitischen Erkrankung selber beendet hat, straff durchkomponierte Landschaften, Blumenstillleben und Porträts gemalt. Bis ihn Lähmungserscheinungen an der rechten Hand zum Aufgeben zwang.
 
Jean-Bloé Niestlé (1884‒1942), ein Neuenburger Künstler, hat Tiere als gleichberechtigte Partner in farblich übereinstimmende Landschaften gestellt – ob man dem Tarnung oder einfühlsame Versenkung in die Natur sagen will, bleibe dahingestellt. Der Betrachter spürt Niestlés Affinität zu den Tieren, die ihm als einzig reine Wesen auf der Erde erschienen sind, treuer und liebenswerter als Menschen. Seine Tiere, welche die Bilder nicht dominieren, sondern sich in seine Bilder organisch einfügen, leben deshalb in visionären Paradiesen mit dekorativ geschwungenen Formen und Flächen – ein Bezug zu Twellmanns Hagebuchen-Schlingen.
 
Beim Fortgang durch die Ausstellung, und insbesondere im Schulhaus Dorf, wird die Schweizer Kunst, wie sie in Trubschachen aufgereiht ist, moderner. Es kommt zu einer Begegnung mit Bildern von Otto Morach (1887‒1973), der vom Kubismus inspiriert war, und von Jakob Weder (1906‒1990), der Farbtonleitern und eine 133-teilige Farborgel schuf, mit deren Hilfe er die Ergebnisse seiner Farbforschungen visualisierte. „Es war immer meine Absicht, mit Farben Symphonien zu machen, wie das in der Musik mit Tönen geschieht“, hielt er einmal fest. Das passt irgendwie zum Inneren eines gotischen Doms in Paris, gemalt von Morach.
 
Aus dem Erlebnis der Farbe heraus sind auch die Bilder von Karl Uelliger (1914-1993) gestaltet; er lebte zuletzt in Dicken SG (Toggenburg). Mit seinen mutigen Farbkompositionen wollte er Freude bereiten, wobei ein gelegentliches Gewitter nicht verschmäht wurde.
 
Mit Hugo Wetli (1916‒1972) ist typische Emmentaler Luft in die Ausstellung eingezogen. In dieser Landschaft hat er Anregungen für Farben und Formen gesucht und gefunden.
 
In den reich befrachteten Werken von Jakob Jenzer (geb.1953 in Auenhofen TG) spiegeln sich Lust, Traurigkeit, Zweifel, die Leichtigkeit des Seins, Sehnsucht und der Drang nach Freiheit, die ganze Palette von Gefühlen.
 
Im älteren Dorfschulhaus wurden während meiner Besichtigungstour gerade die Bilder von Benedicht Fivian (geb. 1940 in Bern) von einer fachkundigen Dame erklärt – es sind Stillleben, die aber nicht als solche bezeichnet werden dürfen, weil der Künstler diesen Ausdruck nicht mag; Materialansammlungen (Materialleben) dürfte durchgehen. Er malte ausgebreitete Gegenstände neben Freiflächen, brachte durch Farbe und Gestaltung ein System in die Unordnung; das Aufräumen unterliess er. Im „Bahnhofbild A“ schuf er durch Reduktion eine düstere, nächtliche Stimmung.
 
Zur jüngeren Generation gehört Julia Steiner (geb. 1982 in Büren zum Hof BE), die Einblick in ihren schwarz-weissen Bilderzyklus „consistence of time“ (Konsistenz, Beschaffenheit der Zeit, 2011 entstanden) gibt: dynamisch, voller Spannung, beunruhigend, aufrüttelnd – vielleicht ein Abbild der heutigen Welt. Fluchtgedanken stellen sich ein.
 
Abschliessend legt Martin Ziegelmüller (geb. 1935 in Graben BE) impressionistische Landschafts- und Wolkenbilder vor, auch Wasserläufe, Schilffelder, urwüchsige Natur, die er in der Regel in seinem Atelier aus dem Gedächtnis malt, weil er in der freien Natur die Gefahr spürt, vor lauter Bäumen den Wald nicht mehr zu sehen.
 
Die Kunst habe eine „erhebende Kraft“, schreibt der Präsident des Kulturvereins Trubschachen, Oscar A. Kambly, im Nachwort zum Ausstellungsführer, dem wesentliche Angaben entnommen sind. Wahrscheinlich wäre solch eine Land-Art ohne den kunstbeflissenen Präsidenten nicht möglich. Die Kunst öffne ein Lichtfenster ins Zeitlose, erhebe uns über unsere eigenen Grenzen, schrieb er.
 
*
Eine Landschaft wie das Emmental ist für den Zugang zum Licht, zur Beschaulichkeit und zur Natur hervorragend geeignet. Wir fuhren am 13.07.2013 hinauf gegen den Napf, dem Bach Trub entlang bis zur Mettlenalp (1060 Höhenmeter, Gmeinde Fankhaus/Trub). Wir trafen 4 Freunde, Elisabeth Neuenschwander, die gerade nicht in Pakistan oder Afghanistan war, Ursula und Sepp Rausser, Fotograf und Verleger (Wegwarte-Verlag) und den welterfahrenen Unternehmer Hansrudolf Schwarz, sprachen auf der Terrasse über diese beunruhigte Moderne und erlabten uns an der Ruhe des Napf-Gebiets.
 
Die Familie Siegenthaler kochte für uns Cordon bleus, Pommes frites und Gemüse beziehungsweise Hübeliwürste zu frisch gemachtem Kartoffelsalat und trug dann Merängge-Berge auf. Alles war mit Sorgfalt zubereitet, eine währschafte, schmackhafte Küche zu einem Glas Ganderwasser und Maienfelder Wein. Unter dem Tisch absolvierte ein rundlicher Berner Sennenhund seinen Mittagsschlaf, diente mir als Fussschemel – zum Betteln hatte das friedliche Tier keinen Anlass. Ein Maler hätte sich von alledem inspirieren lassen können.
 
 
Quellen
Ausstellungsführer „19. Kunstausstellung Trubschachen“.
 
Hinweis auf weitere Blog über Trubschachen und Umgebung
06.04.2007: Das Emmentaler Innenleben nach Rausser-Art ergründet
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