Startseite 
Kontakt  °  Inhaltsübersicht  
Seite weiterempfehlen
     16. Januar 2018, 22:42 Uhr
 


Schlossportal
 Kundeneingang

 
 
BLOGs nach Datum sortiert Alle BLOGS zum Zurückblättern
BLOG vom 30.07.2013


Ausstiegsszenario aus der Energiewende: Gebot der Stunde
Autor: Walter Hess, Publizist, Biberstein AG/CH (Textatelier.com)
 
Bevor noch mehr Schäden provoziert werden oder angerichtet sind, wäre es Zeit, mit dieser Energiewende-Phantasterei aufzuhören. Solch eine Wendezeit wurde bereits in den 1970er-Jahren als Folge der Erdölkrise angestrebt, was in der Praxis zu einem rasanteren Ausbau der Kernenergie führte.
 
Als Begriff etablierte sich die Energiewende (das Wort wurde in Deutschland erfunden) im März 2011 unmittelbar nach der Erdbeben-Katastrophe im japanischen Fukushima, die das Kernkraftwerk Fukushima Daiichi schwer in Mitleidenschaft zog. Das Erd- bzw. Seebeben forderte mindestens 16 000 Menschenleben; mehrere Tausend Personen werden noch immer vermisst.
 
In den allermeisten Medien und in der öffentlichen Diskussion wurde der Eindruck erweckt, das Kernkraftwerk sei die Ursache der Fukushima-Gesamtkatastrophe. Auf dieser manipulierten Information wurde eine noch kaum gekannte Kampagne gegen die Kernenergie aufgebaut, welche die Politik, oft genug aus wahltaktischen Gründen, zu unüberlegten Kurzschlusshandlungen veranlasste, fern von jedem vernünftigen Handeln auf der Grundlage von exakten Abklärungen. Am liebsten hätte man bei der aufgeheizten Stimmung alle Atomkraftwerke unverzüglich abgestellt, was aber aus versorgungstechnischen Gründen unmöglich war. Infolgedessen wurden Ausstiegsszenarien aus dem Ärmel geschüttelt – die Politik wollte ihre Handlungsfähigkeit beweisen. Sie riss das Steuer herum, ohne sich im Klaren zu sein, was das in der Praxis bedeuten würde, auch in finanzieller Hinsicht. Nur eines war klar: Die Übung würde teuer werden: „Die Energiewende ist nicht zum Nulltarif zu haben“, posaunte Bundesrätin Doris Leuthard (CVP) heraus, wie ein Feldherr, der Tränen und Blut versprach. Sie warf ihre zuvor öffentlich bekundete Sympathie für die Kernenergie über Bord und wollte mit einem Seitenschritt nach links ihrer Partei ein Dienst erweisen. Bei den Parlamentswahlen 2011 aber wurde die CVP deutlich abgestraft. So ganz schien die Sache nicht zu funktionieren.
 
Die die propagierte Energiewende aber lief weiter. Die Begeisterung im desinformierten Volk flaute kontinuierlich ab, als sich die Folgen dieses Ausstiegs aus der Kernenergie abzuzeichnen begannen. Allmählich dämmerte es, dass eine Stilllegung der Schweizer Kernkraftwerke dank der Sicherheitsphilosophien und der einwandfreien Betreuung und Kontrollen überhaupt keine Notwendigkeit ist und in den nächsten Jahren wohl kaum nötig sein wird. Die Verhältnisse an den Schweizer Flüssen sind mit jenen in Fukushima nicht zu vergleichen. Dort war die Erdbebenanfälligkeit des Standorts Fukushima eindeutig unterschätzt worden, und es wurde – ganz unjapanisch – selbst bei den Sicherheitsstandards geschlampt. Der Einsatz aber, die Katastrophenfolgen in Griff zu bekommen, war bewundernswert, ebenso die gefasste Haltung der betroffenen japanischen Bevölkerung, die keinen Aktivismus entwickelte, wie er vor allem im fernen Deutschland und der Schweiz in Szene gesetzt wurde, wo man förmlich durchdrehte.
 
Allmählich wurde dem Schweizervolk und auch den Deutschen bewusst, dass die dezentralisierte Energieproduktion vor allem aus Sonnenenergie und Windkraft dazu führt, dass Leitungen und Speicherkapazitäten massiv ausgebaut werden müssen. Die Lage ist vergleichbar mit der dezentralisierten Industrieproduktion von Massengütern, bei der Bestandteile und Güter über grosse Strecken ständig hin und her verschoben werden müssen – in beiden Fällen kommt es zu Energieverlusten, zu einem abnehmenden Wirkungsgrad.
 
Leitungsbauten, welche die Landschaftsbilder zusätzlich beschädigen, haben es schwer. Solche Verschandelungen wären in nützlicher Frist nur dann durchzuzwängen, wenn die Einsprachemöglichkeiten der betroffenen Bevölkerung gegen die Trasseeführung der Freileitungen eingeschränkt würden, ein weiterer Schritt zum Zentralstaat. Die Umweltschutzorganisationen gerieten in den Zwiespalt: Sie haben sich opportunistisch auf die Ablehnung der Kernenergie eingeschossen, weshalb sie es sich nicht leisten konnten, noch weitergehende Landschaftsverschandelungen zu bekämpfen. Sie hielten sich vornehm zurück, und einige wenige von ihnen erinnerten sich erst in jüngster Zeit wieder an ihre Kernaufgaben, als sich die Energiewende zunehmend als ein illusionäres Unterfangen herauszustellen begann.
 
Der Elektrizitätsverbrauch stieg 2012 auf dem hohen Niveau um weitere 0,6 % an (Quelle: Gesamtenergiestatistik des Bundesamts für Energie); der Fukushima-Effekt wirkte sich also nur verbal, aber nicht im praktischen Verhalten aus. Die Elektrizität und hatte im Berichtsjahr in der Schweiz einen Anteil von 24,1 % am gesamten Energieendverbrauch. Die sogenannten „Erneuerbaren Energien“ (Biotreibstoffe, Biogas, Sonne und Umweltwärme) brachten es zusammen gerade einmal auf 1,8 %. Selbst beim Photovoltaik-Weltmeister Deutschland stammen heute erst 6 % des Stroms (und nicht etwa des Gesamtenergieverbrauchs) aus Solaranlagen.
 
Um diese Bilanz zu schönen, müssen Sonne- und Windkraftwerke mit Subventionsmillionen zulasten der Öffentlichkeit vorangetrieben werden, obschon sie nur dann Strom liefern, wenn es gerade dem Wetter passt, also sehr unzuverlässig arbeiten. Den Deutschen wird eine Förderabgabe von 5.3 Cent (6.5 Rappen) pro kWh abgeknöpft - für 2014 werden 7 Cent erwartet, was über dem Marktpreis der Elektrizität liegt. Merkwürdig: China wird das Subventionieren von Solarpanels untersagt, obschon beides eine Marktverzerrung ist. Viele deutsche Gas-Kraftwerke sind und wollen sich aus dem Energiemarkt teilweise zurückziehen (betroffene Firmen: E.ON, Vattenfall, RWE).
 
Und Landschafts- und Dorfbildverwüstungen sind unübersehbar. Bei der Windenergie, diesem besonders auffälligen Auswuchs von Landschaftsbeunruhigung an exponierten Stellen, kommt noch der Tod von unzähligen Vögeln und Fledermäusen hinzu; die Propeller wirken als Shredder, wenn sie nicht gerade abgebrochen sind und in der Landschaft umherfliegen (wie Siemens-Propeller in Kalifornien USA). Die Schäden mehren sich: Kürzlich hat der deutsche Energiekonzern Vattenfall gegen den deutschen Atomausstieg geklagt; er will dafür 3,5 Milliarden Euro Entschädigung und setzte damit ein Zeichen.
 
Das Wachstum des Stromverbrauchs bei gleichzeitiger Drosselung der Produktion bedeutet, dass die Energiewende-Länder zunehmend Energie aus dem Ausland zukaufen müssen – es stellt sich das Zwentendorf-Syndrom ein: Verhältnismässig saubere Energieproduktionsanlage stehen untätig in der Landschaft herum, und es muss Strom aus fossilen Dreckschleudern im nahen Ausland gekauft werden. Kohle-, Gaskombi- und Schwerölkraftwerke mit ihrem riesigen, zweifellos klimawirksamen CO2-Ausstoss blühen wieder auf und gelten merkwürdigerweise plötzlich als untadelig. Dabei hatte man gehofft, diese Phase der Umweltbelastung mit ihren Gesundheitsfolgen überwunden zu haben. Schon der Gedanke daran löst einen Reizhustenanfall aus.
 
Während wir unsere Landschaften verhunzen (mit den entsprechenden Folgen für den Tourismus), die Wirtschaft und alle Bewohner preislich abstrafen, setzen andere Länder mit anderen Sitten betont auf die Kernenergie. Laut der Zeit online vom 26.07.2013 will Chinas Führung bis 2020 mindestens 60 neue Anlagen errichten, 26 sind bereits im Bau. Inklusive dem neuen, Mitte Februar 2013 ans Netz gegangenen Meiler in Liaoning sind derzeit 16 Anlagen mit einer Kapazität von total 12,57 Gigawatt. Und die US-amerikanische Energieagentur (EIA) hat angekündigt, China werde bis 2040 Atomstrom in einer Kapazität von 160 Gigawatt produzieren, auch für den Export. Zum Vergleich: Die USA gewinnen derzeit rund 101 Gigawattstunden aus der Atomenergie. In der Schweiz beträgt die Gesamtleistung der 5 Werke an 4 Standorten 3.2 GW.
 
Weitere gravierende Umweltfolgen ergeben sich aus dem Ausbau der Wasserkraft – der Nutzung noch des letzten Wassertropfens. Vor der Wendezeit war die zweifellos zutreffende Ansicht verbreitet, das ökologisch einigermassen Erträgliche sei mit der Nutzung (und Kanalisierung) der Fliessgewässer erreicht, wenn nicht gar überschritten. Jetzt öffnen sich die Schleusen wieder. Die Gelegenheit für Technokraten ist günstig; Behörden und Schützer wagen nicht, den nötigen Riegel zu schieben.
 
Die neueste Hiobsbotschaft betrifft die Geothermie, auf welche die Energiewender grosse Hoffnungen gesetzt hatten. Bis nach Basel (2007) am 20.07.2013 um 5.30 Uhr auch in St. Gallen die Erde bebte. Bei der weiteren Perforation der Erdkruste könnte es zu einem menschengemachten Beben beliebiger Stärke kommen; in Fukushima stellten sich die Erschütterungen ohne solche Nadelstiche ein. Das Geschehen in St. Gallen war das Resultat einer klassischen Fehlprognose. Noch im September 2012 hatte Stefan Wiemer vom Schweizerischen Erdbebendienst der ETH das Risiko von Bohrungen und des Einpressens von Wasser als „sehr klein“ eingestuft – die Auslösung eines Erdbebens sei „unwahrscheinlich“, sagten die Experten. Noch eine Fehlbeurteilung.
 
Als es in St. Gallen bebte, war Doris Leuthard in den wohlverdienten Ferien. Für technische Fragen sei sie nicht zuständig, liess sie ausrichten. Aber weil eine Vielzahl technischer (und ökologischer) Fragen hinter ihrem Energiewende-Entscheid standen, hätte man schon erwartet, dass sie sich zuvor über technische Belange ausgiebig orientiert hätte. Bauchgefühle und der Wille zur Anpassung an den kurz andauernden Zeitgeist genügen doch nicht, um die Energiewelt aus den Angeln zu heben.
 
Das Debakel um die auf Sand gebaute Energiewende wird von Tag zu Tag deutlicher überblickbar, die Beweise dafür, dass man falsch eingespurt ist, häufen sich dramatisch. Eine verantwortungsbewusste Politik müsste die Fehler eingestehen, die ganze Übung stoppen, bevor der Point of No Return überschritten sein wird.
*
In der Militärsprache müsste der Befehl lauten: Das Ganze: Halt! Steigen wir aus der in überstürzter Gedankenlosigkeit propagierten Energiewende aus, bevor noch mehr Geld sinnlos in die ohnehin bedrängte Landschaft hinausgeworfen wird und die Schweiz die internationale wirtschaftliche Konkurrenzfähigkeit wegen unerschwinglicher Energiekosten verliert! Helfen wir stattdessen bei der Perfektionierung der Nukleartechnik mit – vor allem aus Gründen des Umweltschutzes.
 
Selbstverständlich dürfen die Alternativenergien sein und ausgebaut werden, wo es sinnvoll ist und die Schäden den Nutzen nicht in den Schatten stellen. Doch das Marginale zur Hauptsache zu erklären und alle Hoffnungen darauf zu setzen, nur weil es aus wegen eines momentanen politischen Sturms im Wasserglas opportun ist, hat nichts mit Weitsicht zu tun.
 
 
Hinweis auf weitere Blogs zur Energiewende und ihren Folgen
14.03.2011: Gedanken zu den Katastrophen in Japan und zu den Medien
Ihre Meinung dazu?

 
Nach oben  
Alle Blogs
Liste der bisher erschienenen Tagebuchblätter
Blogs nach Autoren
Blogs nach Autoren
Artikel nach Autoren
Wer was geschrieben hat
  Twitter
Wir sind auch auf Twitter, ebenso unsere Gedankensplitter
 
   
  © 2002-2017 Textatelier