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BLOG vom 24.08.2013


Missglückter Artikel über die faszinierende Sängerin Bartoli
Autor: Richard Gerd Bernardy, Dozent für Deutsch als Fremdsprache, Viersen/Niederrhein D
 
„Ein gesuchter, verkrampfter, geschwollener Stil ist so unansehnlich wie ein geschwollenes Auge. Es besteht kein Anlass, an Wörtern und Ausdrücken achtlos vorbeizugehen, die sich als die natürlichen aufdrängen. Mit diesem Einfachen, Normalen, Natürlichen haben sich auch grosse Schriftsteller begnügt. Nur für die Überschriftsteller aus dem Tagesgeschäft ist das normale Wort zu simpel.“
 
Er passte „wie die Faust aufs Auge“, der Artikel vom 24.08.2013 meines Blogger-Kollegen und Publizisten Walter Hess mit der Überschrift „Der Zeitungsschreiber und sein Stil: miniaturisiert, banalisiert“, aus dem das obige Zitat stammt, zum Artikel „Die Diva“ in der „Rheinischen Post“ am selben Tage, verfasst nach einem Interview des Musikjournalisten Wolfram Goertz mit der italienischen Mezzosopranistin Cecilia Bartoli. Denn die Hinweise und Tipps für einen guten Schreibstil von Walter Hess lassen sich hervorragend an diesem Zeitungsartikel anwenden und gleichzeitig können noch die Stilmittel untersucht werden, die Wolfram Goertz eingesetzt hat.
 
Das Interview, von Goertz „eine Begegnung am Rande der Salzburger Festspiele“ genannt, stellt die berühmte Sängerin vor. Gleichzeitig soll auf ihre neueste Leidenschaft“ hingewiesen werden, die „einem grossen Vergessenen, der jeden Rheinländer interessieren müsste, dem Barockkomponisten Agostino Steffani (1654 1728), gilt.“
 
Goertz schreibt dazu: „Den hat sie im vergangenen Jahr mit ihrem CD-Projekt ‚Mission’ wie mit einem Schneidbrenner aus dem Tresor der Vergessenheit befreit …“
 
Nur dieser eine Satz zeigt, wie unpassend Vergleiche sein können: Der Name des Komponisten, bei Google eingegeben, ergibt 188 000 Ergebnisse, was man wahrlich nicht „Tresor der Vergessenheit“ nennen kann. Zudem finde ich das Bild, ein Barockkomponist werde mittels eines Schneidbrenners aus einem allegorischen Tresor befreit, unpassend und ziemlich weit hergeholt.
 
Das ist aber nur eine der in meinen Augen häufigen stilistischen Entgleisungen in diesem Artikel von Wolfram Goertz. Er beginnt mit einer Wetterbeschreibung aus Salzburg, in der „die Sonne wie eine einsame Braut, von Wolken im Stich gelassen, am blauen Himmel steht.“
 
Auch das eine missglückte Allegorie; denn die Sonne als Braut, die Wolken als Bräutigam? Eine seltsame Verbindung, die er da suggeriert. Es hat sich abgekühlt, und die Sonne „weicht die Gehirne der Menschen nicht mehr auf“, die zu Tausenden aufträten, was dazu führe, dass „Salzburg wimmelt“.
 
In dem Händeschütteln mit der Diva, deren Aussehen und Kleidung kurz beschrieben wird, vermeint Goertz „einen Pakt“ zu erkennen, der verpflichtet, ausschliesslich das Thema Musik und die Rolle, die Cecilia Bartoli „in dieser Welt der Töne“ spielt, anzusprechen.
 
Die Maximalhauptrolle“ sei das. Der Begriff ist eine Erfindung von Wolfram Goertz, eine Hyperbel, hier im positiven Sinne.
 
Manchmal sollte man Formulierungen, die als unpassend erkannt werden, gleich weglassen:
 
Wenn es nicht ungalant klänge, müsste man sagen: Sie ist ein Panzer, der sich im Dienst neuer Missionen in Gang setzt. Das Erstaunliche ist, wie quicklebendig dieser Panzer rollen kann.“
 
Ich würde es nicht nur als „ungalant“ ansehen, würde man mich mit einem in Kriegen benutzten Fahrzeug vergleichen und dieser Vergleich Assoziationen zum Typus „Leopard“ hervorruft, von dem berichtet wird, wie wendig er sei.
 
Wenn Cecilia Bartoli singt, erleben „wir Zuhörer“, so beschreibt es Wolfram Goertz, „pfeilschnell klackernde Perlenketten, kaum vergleichbar mit jenen drolligen Fernsehaktionen, bei denen 25 000 Dominosteine geplant umfallen, einer nach dem anderen.“
 
Ich besitze CDs, auf der Frau Bartoli singt, aber zu solchen Erkenntnissen bin ich bisher noch nie gelangt. Sie hat eine Stimme, die mich fasziniert!
 
Frau Bartoli sei „gern Diva, aber sie ist keine Zicke.“ Das könnte man als Kompliment auffassen, wenn nicht diese Sätze folgen würden: „Und eine Dame war sie eigentlich nie. Zu einer Dame gehört eine gewisse Reserviertheit, dieses Distinguierte, spirituell leicht Gespreizte, das eine durchsichtige Mauer aus Undurchdringlichkeit zwischen sich und ihrem Gegenüber errichtet.“
 
Ohne die Erläuterung von Wolfram Goertz, was er unter „Dame“ versteht, ist der erste Satz eine Beleidigung. Es ist erkennbar, was er meint, nämlich die Hochnäsigkeit mancher Künstler Journalisten gegenüber. Dennoch: Für mich ist jede Frau im heutigen Sprachgebrauch immer auch eine Dame!
 
Auch die weiteren Erkenntnisse des Journalisten kann ich nicht nachvollziehen: „Koloraturen sprudeln nicht von selbst, ein abgebrühter Sängergeist steuert sie, teilt sie auf strömendem Atem ein, lässt sie auf dem Trampolin des Zwerchfells turnen, schlägt Haken und führt die Töne wie auf einer Achterbahn oder über Serpentinen.“
 
Jeder Musikliebhaber mag seine eigene Interpretation und seine eigenen Gedanken beim Hören haben, aber diese Vergleiche hinken meines Erachtens gewaltig.
 
Das „Stabat Mater“ von Agostino Steffani liegt Frau Bartoli am Herzen, und sie singe „das nicht verhärmt, nicht gemessen, sondern wie eine düstere Klage. Sie jammert nicht, sie fasst den Schmerz in Bronze.“
 
Ich kann mir in etwa vorstellen, was Goertz mit dieser Metapher meint, vielleicht fehlt mir aber die Phantasie, wie man „Schmerz in Bronze“ fasst.
 
Ich stimme Walter Hess zu, für den ein geschwollener Stil so unansehnlich ist wie ein geschwollenes Auge. Ab und zu sind mir in Artikeln von Wolfram Goertz Formulierungen unangenehm aufgefallen, aber es waren nur wenige. Bei diesem Artikel spielen sie aber „die Maximalhauptrolle“ im negativen Sinne und werden der Faszination der Person Cecilia Bartoli mit ihrer unvergleichlichen Stimme nicht gerecht.
 
 
Quelle
Rheinische Post, Düsseldorf D, 24./25.08.2013, Seite E 1, RP-online.de/Magazin.
 
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