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BLOG vom 05.09.2013


Gemischte Gefühle: Die Ackerkratzdistel in meinem Garten
Autor: Walter Hess, Publizist, Biberstein AG/CH (Textatelier.com)
 
In mehr oder weniger verwilderten Gärten, in denen nicht auf jedes wild wachsende Pflänzchen zur Jagd geblasen wird, machen sich manchmal schon Gäste breit, auf die man verzichten könnte. In meinem eigenen, kalkhaltigen Garten am Jurasüdfuss finden sich viele Pflanzen und Tiere ein, die von den hiesigen günstigen Lebensbedingungen profitieren. Gestern habe ich sogar in der Nähe des Hauseingangs eine junge Eibe gesehen, die ein schattiges Plätzchen zwischen Bruchsteinen belegt hat. Ich habe sie akzeptiert.
 
An einer humusreichen, sonnigen Lage entwickelte sich in den letzten Monaten eine Distelart, die ich mit Hilfe von Heinz Scholz noch vor ihrer Blüte als Ackerkratzdistel (Cirsium arvense L., Familie Asteraceae) identifizieren konnte. Ihre Blätter sind buchtig gezähnt, etwas wellig und am Rand stachelig. Die Pflanze mit dem nicht dornigen Stängel wuchs inzwischen bis auf über 2 Meter Höhe heran und zeigt immer mehr rotviolette Blütenköpfe, die zum Teil einzeln und zum Teil in Gruppen stehen. Sie sind von dornig bespitzten, angedrückten Hüllblättern eingefasst, riechen süsslich, leicht moschusartig und locken viele Schmetterlinge zum Nektarsaugen und zum Bestäuben der Pflanze an.
 
Weil die Ackerkratzdistel – so habe ich es sinngemäss in einem Naturwegweiser gelesen – meistens nur eingeschlechtliche Blüten hervorbringt, müssen männliche und weibliche Pflanzen nahe beeinander wachsen, damit die Schmetterlinge ihre Bestäubungsaufgabe einigermassen rationell erledigen können. Für Notfälle, das heisst, wenn die Bestäubung durch Insekten nicht funktioniert, kann sich die Pflanze auch mit Hilfe ihres kriechenden Wurzelstocks, der beim Ausreissen abbricht, ausbreiten, was gleichzeitig auch ihre Bekämpfung auf Äckern und dergleichen schwierig macht.
 
Aus den Blüten entwickeln sich üble Früchtchen mit federartigen, verzweigten Haaren, die als Fallschirme eine ausgesprochene Flugtauglichkeit entwickeln. Sie fallen in riesigen Mengen an und verteilen sich überall. Sogar die Wasseroberfläche in meinen Brunnen dient ihnen als Landeplatz. Bemerkenswert ist der Umstand, dass Blütenköpfe, Blüten und feder- bzw. büschelartige Früchtchen an ein und derselben mannshohen Pflanze vorkommen – das Bild erinnert mich ganz an die Zeichnungen, auf denen eine Pflanze in allen Stadien gezeichnet ist, die Entwicklungsstadien also komprimiert und nebeneinander gestellt sind. Die Pflanze sieht jetzt wie ein Weihnachtsbaum mit verzupften Engelhaaren aus, wobei die meisten Schmuckelemente ganz oben angesiedelt sind.
 
Bei der Ackerkratzdistel handelt es sich um eine eurasische, also einheimische Pflanze und keinen Neophyten (www.neophyt.ch), die aber dennoch nicht gern gesehen ist. In der Bibersteiner „Dorfziitig“ schrieb der örtliche Pflanzenschutzbeauftragte, Kurt Müller: „Zwischenzeitlich bieten auch einheimische Pflanzen durch den Klimawandel etliche Probleme. Die Ackerkratzdistel breitet sich enorm aus und bildet im Wald sowie auf Ruderalflächen riesige Kolonien, welche üppig blühen und anschliessend Millionen von Samen freisetzen. Diese werden vom Wind verfrachtet und besiedeln die nächsten offenen Flächen. Andere Flora kommt nicht mehr auf, da die Disteln den Platz überwachsen und besetzen.“
 
Die Landwirtschaftsschule Liebegg (Gränichen AG) hat ein Merkblatt über die Ackerkratzdistel im Netz: http://www.liebegg.ch/pdf/1339740758-mb_ackerkratzdistel12c.pdf. Darin wird die Pflanze als „gefürchtetes Ackerunkraut“ apostrophiert, das auch auf Wiesen und Weiden dauerhafte Probleme bereiten kann. Dazu habe auch das „veränderten Pflegeregime der nichtlandwirtschaftlichen Flächen beigetragen“, liest man da. Das könnte im Klartext heissen, dass die sich verbreitende, ökologisch im Allgemeinen zweifellos begrüssenswerte Naturgartenidee solchen Pflanzen Vorschub leistet. Ich fühle mich entsprechend betroffen. Also wird von der Schule Liebegg zu einer konsequenten Bekämpfung aufgerufen, „ohne den ökologischen Wert der unzähligen Distelarten zu vernachlässigen.“ Man muss infolgedessen aufpassen, denn die Ackerkratzdistel kann leicht mit der Gemeinen Kratzdistel oder Lanzett-Katzdistel (Cirisium vulgare) verwechselt werden. Und diese soll man nicht gleich ausreissen.
 
Die Natur passt sich immer an veränderte Lebensraumbedingungen an, ob diese nun natürlichen Ursprungs oder durch menschliche Eingriffe geschaffen worden sind. Nach Ansicht von Descartes (in seinem Hauptwerk „Discours“, 1637) ist die Natur eine gigantische Mechanik, deren Funktionsweise der Mensch zu begreifen lernen muss, um seinen Wohlstand zu sichern. Doch offenbar ist das noch lange nicht gelungen. Das menschliche Gehirn, ebenfalls ein Stück Natur, weiss ohnehin nicht so richtig, was es von alledem halten soll.
 
„Lebe, kalte Natur!“ ‒ „Mehr als dein Reich und seine unnütze Pracht / Liebe ich das Majestätische menschlichen Leidens.“ Mit diesen Worten ist Alfred de Vigny (1797‒1863) – im Unterschiede zu anderen Romantikern – am Versuch, in der Natur die grosse Trösterin, wenn nicht gar Gefährtin, für die Qualen des Menschen zu finden, verzweifelt. Die Natur erneuert sich. Der Mensch stirbt. Es bereitet schon Mühe, darin Trost zu finden.
 
Soll ich unter solchen Umständen meine Ackerkratzdistel fällen? Sie ist ein kleiner Baum, auf dem Ameisen und Weberknechte herumkraxeln. Meine Lust am Zerstören des Naturgewachsenen hält sich in Grenzen, selbst wenn es gute Gründe dafür gäbe.
 
 
Quellen
Lauber, Konrad, und Wagner Gerhart: „Flora Helvetica“, Haupt Verlag, Bern 2007.
Schauer, Th., und Caspari, C.: „Der grosse BLV Pflanzenführer“, BLV Verlagsgesellschaft München, Wien und Zürich 1982.
Sebald, Oskar: „Wildpflanzen Mitteluropas“, Verlag Das Beste Zürich und Wien 1981.
 
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