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BLOG vom 29.09.2013


Androiden: Jaquet-Droz und seine lebendigen Automaten
Autor: Richard Gerd Bernardy, Dozent für Deutsch als Fremdsprache, Viersen/Niederrhein D
 
Niemals werden wir davon erfahren, woher der Uhrmacher Pierre Jaquet-Droz, sein Sohn Henri-Louis und Jean-Frédéric Leschot das Wissen haben konnten, Androiden zu schaffen. Androiden sind Automaten, die sich wie Tiere oder wie Menschen bewegen. 6 Jahre, zwischen 1768 und 1774, haben sie getüftelt, Holz geschnitzt und exakte Maschinenteile geschnitten und gegossen.
 
Sie wohnten in der Westschweiz, in La Chaux-de-Fonds. Es sollte keine Uhr werden, auch keine wie sein Meisterstück, eine Armbanduhr mit einem Vogel in einem Nest unter dem Uhrwerk, das zur vollen Stunde flötete. Nein, es sollten menschenähnliche Gebilde werden, eben Androiden.
 
Zuerst war der Schreiber fertig zusammengebaut; Pierre nannte ihn Albert. Er war noch jung, ein kindliches Gesicht, auf dem Kopf eine gepuderte Perücke, gekleidet nach der Mode der Zeit. Die Arme, der Kopf und die Augen sind beweglich. Wir kennen die Figuren von Bildern, vor allem von Mozart. Albert konnte, nein, er kann es noch immer, schreiben! Sein Schöpfer brachte ihm zuerst bei, seinen Namen zu schreiben. Der Android hält eine Gänsefeder in der Hand, die in ein Tintenfass getaucht wird. Dann schreibt er auf ein Blatt Papier langsam Buchstabe für Buchstabe, wartet, nach dem er Pierre geschrieben hat, ein wenig, als ob es ihm Mühe mache, um dann mit einem kleinen Abstand auch den Familiennamen Jacquet-Droz zu schreiben.
 
Eines Nachts gelang es dem Androiden, sich in den Traum seines Schöpfers einzuschleichen. Er schmeichelte ihm, dass er sein Talent so gut erfasst hatte, seine Fähigkeit, nicht nur unleserliche Kritzeleien, sondern Buchstaben schreiben zu können. Und im Traum drängte er ihn, dass er ihm noch mehr beibringen solle, er wolle mehr schreiben, ein Gedicht, eine Novelle. Am nächsten Tag machte sich der Uhrmacher an die Arbeit. Es war nicht einfach, aber nach und nach erweiterte er die Schreibfähigkeit von Albert.
 
Es war ein Android, ein Automat, kein lebendiges Wesen. Aber er war an der Schwelle zum Menschsein. Langsam erfasste er auch die Stimmen um ihn herum. Eines Tages hatte Pierre Jacquet-Droz den Besuch eines seltsamen Mannes, Jean-Jacques Rousseau mit Namen. Und so konnte er ein Gespräch belauschen, das sein Leben massgeblich beeinflussen sollte. Rousseau erzählte seinem Gastgeber von dem Bildhauer Pygmalion. Zum ersten Mal war er von Ovid erwähnt und von diesem in seinen Metamorphosen beschrieben worden. Pygmalion hatte sich so sehr in eine von ihm geschaffene Statue verliebt, dass er sich unfähig fühlte, noch irgendetwas zu tun und dem Tode nahe war. Da griff die Göttin der Liebe, Venus, ein, erbarmte sich und machte die Statue lebendig. Der Bildhauer schwor der lebendigen Figur ewige Treue.
 
Der Uhrmacher wunderte sich nicht wenig, als er am nächsten Tage las, was der kleine Albert geschrieben hatte.
 
Rufe die Götter an, lass’ mich lebendig werden!, bat er.
 
So sehr der Uhrmacher sich auch bemühte, der Android schrieb nur noch diesen einen Satz, jeden Tag wieder.
 
Die Besucher wunderten sich sehr. Sie zeigten den Uhrmacher bei der Obrigkeit an, er stehe mit dem Teufel im Bunde. Schon ein paar Tage später sollte er vor Gericht gezerrt werden.
 
Wieder träumte er in der Nacht. Im Traum erlebte er, wie er den Androiden auf seinen Schoss nahm, ihm tief in die blauen Augen sah und dann anhauchte. Sein Atem war weiss. Kurz danach blinzelten die Augen von Albert.
 
Er schrieb: Ich werde zwar nicht laufen und sprechen können, aber jetzt kann ich meine Gedanken zu Papier bringen! Ich danke dir!
 
Pierre Jaquet-Droz wachte auf. Er ging zu der Figur und hauchte sie an. Und wirklich, die Augen des Androiden blinzelten. Pierre legte ihm ein Papier zurecht und tauchte die Feder in die Tinte. Albert schrieb:
 
Ich werde dich retten, hab’ keine Angst!
 
Schnell nahm der Uhrmacher den Zettel weg. Zur Gerichtsverhandlung musste der den Automaten mitnehmen, um seine Unschuld beweisen zu können. Er sagte dem Richter, dass er nicht mit dem Teufel im Bunde stehe. Es handle sich um eine simple mechanische Figur, die nur das tue, was er, sein Erbauer, ihm eingebe. Er sagte, das einzige, was die Figur, schreiben könne, sei der Name seines Erbauers. Andere Wörter müssten ihm erst mechanisch eingegeben werden. Dann liess er Albert schreiben. Langsam, Buchstabe für Buchstabe, schrieb der Automat den Namen seines Erfinders auf. Mehr schrieb er nicht.
 
Der Richter konnte nicht anders, er musste Pierre freisprechen. In den folgenden Monaten schuf der Uhrmacher noch 2 weitere Figuren. Ein zierliches Mädchen, sie spielt auf einer Art Orgel mit 2 Flötenspielen, was ein selbstständiges Instrument ist (im Gegensatz zu den modernen Automaten, bei denen das Instrument spielt und die Finger nur den Tasten folgen). Man sieht sie atmen, sie wendet den Kopf zur einen und anderen Seite, blickt nach rechts, nach links, senkt und hebt die Augen, beugt sich nach vorne und richtet sich wieder auf. Sie hebt ihre Bewegungen hervor, wenn sie spielt und beendet es mit einem Knicks.
 
Und er schuf einen weiteren Jungen, der allerdings nicht schreiben konnte, den Gefahren wollte er sich nicht noch einmal aussetzen, sondern zeichnen. Der neue Android zeichnet die Natur, wunderbare Landschaften, einen Hund; er kann sogar Ludwig den XV. malen.
 
Jeden Morgen stand der Uhrmacher auf und liess Albert schreiben. Seite für Seite füllte der Android mit Sätzen.
 
Rousseau hatte von dem Prozess gehört und besuchte Pierre ein weiteres Mal. Pierre weihte ihn in das Geheimnis ein. Rousseau liess sich die beschriebenen Seiten geben und erkannte, dass der Android seine Idee, etwas über Pygmalion zu schreiben, aufgegriffen hatte.
 
Er war sehr beeindruckt, als er die Szene las, wie Galathée, die zum Leben erweckte Figur, sich und ihren Schöpfer, Pygmalion, erkennt:
 
„Sie berührt sich und sagt ‚ich’, berührt eine andere Statue und sagt ‚nicht ich’. Daraufhin berührt sie Pygmalion und sagt: ‚Nochmals ich.’“
 
Der Dialog mit dem Spiegelbild wird zum wirklichen Dialog. Rousseau beschloss, sich des Themas anzunehmen. Später entstand daraus auch eine Oper und mehr, bis hin zu Bernard Shaw und zum Musical My Fair Lady von Frederick Loewe.
 
In der Folgezeit reiste Pierre Jaquet-Droz durch Europa und stellte seine 3 Androiden in vielen Städten zur Begeisterung vieler Menschen vor. Er baute noch andere Androiden, so einen Schäfer, der eine kleine Melodie flötet, ein Hund nähert sich ihm freundlich, aber wenn man dem Schäfer einen Apfel aus einem Korb entwendet, bellt der Hund laut. Der spanische König war begeistert.
 
Nach einem erfüllten Leben starb Pierre. Am Ende hatte er sogar für die Kriegsbeschädigten Prothesen bauen können, die diese befähigten, wieder zu laufen. Nach vielen Wanderungen landeten 1906 die 3 Automaten, der Schreiber, der Maler und die Musikerin, im Musée d’art et d’histoire in Neuenburg/CH.
 
Der Schreiber Albert zeigt noch immer seine Kunst. Aber nicht mehr aus freien Stücken. Der kundige Museumsleiter muss ihm mit Handgriffen die Anweisung dazu geben. Aber verlernt hat er es noch nicht!
 
Quellen
 
Hinweis auf weitere Blogs über Automaten
24.09.2013: Drehung zur Wand. Mystisches im Manchester-Museum
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