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BLOG vom 11.10.2013


Velociped: Das Velo und der Rausch der Geschwindigkeit
Autor: Richard Gerd Bernardy, Dozent für Deutsch als Fremdsprache, Viersen/Niederrhein D
 
Was ein Velo ist, weiss jedes Kind in der Schweiz. In Deutschland nicht, dort spricht man vom Fahrrad, manchmal vom Drahtesel. Ganz unbekannt ist der Begriff allerdings nicht: Velociped (von lat. velox: schnell und pedes: Füsse), eine Maschine, welche die Ausnützung der menschlichen Muskelkraft zur selbstständigen Fortbewegung in vorteilhafterer Weise, als dies beim Gehen möglich ist, gestattet (Brockhaus 1887).
 
Es mag in heutigen Zeiten lächerlich klingen, aber im 19. Jahrhundert empfand man die Geschwindigkeit, die mit einem Fahrrad erreicht werden konnte, als schnell. Bis etwa um 1890 war damit ein Hochrad gemeint; erst danach bekam es das Aussehen, das wir heute kennen. Das Schweizer Velo hat den Namen von  französisch le vélo, Kurzform für vélocipède, Schnellfuss. Allerdings gab es bis 1895 von Carl Benz den ersten in Serie (es wurden nicht mehr als 134 Stück hergestellt) gebauten Motorwagen, der ebenfalls den Namen Velo erhielt.
 
Schon damals wurde in Frage gestellt, ob die Geschwindigkeit etwas Positives sei oder nicht: Ohne Zweifel ist das hervorstechende Merkmal des Lebens in diesem 2. Teil des 19. Jahrhunderts die SCHNELLIGKEIT – die Eile, die es erfüllt, die Geschwindigkeit, mit der wir uns bewegen, der hohe Druck, unter dem wir arbeiten –, und es gilt erstens die Frage zu bedenken, ob diese hohe Geschwindigkeit an sich etwas Gutes ist, und zweitens die Frage, ob sie den Preis wert ist, den wir dafür bezahlen – einen Preis, den wir nur schätzen und nur schwer zuverlässig feststellen können (W.R. Greg, Life of High Pressure, 1877).
 
Seit sich der Autor sich diese Frage gestellt hat, sind mehr als 130 Jahre vergangen. Alles ist seit dem schneller geworden, sogar das Radfahren!
 
Der Wiener Verhaltensforscher Klaus Atzwanger ist der Ansicht, dass der Mensch mit seinem Auto zwar die Evolution in Sachen Geschwindigkeit ausgetrickst habe – doch ohne sein Verhalten den Anforderungen der Zivilisation anzupassen.
 
Velocità bedeutet auf Italienisch Geschwindigkeit, Schnelligkeit, Tempo.
 
Con l'euro abbiamo quasi un'Europa che procede a differenti velocità (A. Merkel, 07.06.2012). Wikipedia führt u. a. diesen Beispielsatz für den Begriff auf.
 
Bundeskanzlerin Angela Merkel hat sich beim Ausbau zu einer politischen Union für ein Europa der unterschiedlichen Geschwindigkeiten ausgesprochen.
 
Vielleicht hat unsere Bundeskanzlerin erkannt, dass es bei den Völkern in Europa, wie auch in der Welt, zeitlich sehr unterschiedlich zugeht, so wie es schon William Shakespeare in seinem Stück Wie es Euch gefällt erkannt hat: Die Zeit vergeht bei verschiedenen Menschen verschieden schnell.
 
Velocità certezza sono essenziali in questo mondo nuovo che si muove così rapidamente. In dieser temporeichen neuen Welt spielt Geschwindigkeit eine entscheidende Rolle, ist noch so ein Beispielsatz aus Wikipedia.
 
Wie unterschiedlich Menschen mit der Zeit umgehen, stellen wir nicht nur fest, wenn wir in ein anderes Land reisen. Es reicht schon eine kurze Fahrt auf der Autobahn. Gelassen fahrende Zeitgenossen, die nicht die zulässig erlaubte Höchstgeschwindigkeit erreichen, erleben häufig die Wut der anderen Autofahrer, die der festen Überzeugung sind, dass Zeit Geld ist.
 
Robert V. Levine, geb. 1945, ist ein amerikanischer Psychologe. Er bereiste 31 Länder und hat über Experimente das Lebenstempo berechnet. 1997 erschien die deutsche Ausgabe seines Buchs A Geographie of time mit dem Titel Eine Landkarte der Zeit.
 
Lebensgeschwindigkeit ist nicht nur eine Frage der Kultur. Levine fand heraus, dass Menschen in Regionen mit einer blühenden Wirtschaft, einem hohen Industrialisierungsgrad, einer grösseren Einwohnerzahl, einem kühleren Klima und einer auf den Individualismus ausgerichteten kulturellen Orientierung sich tendenziell schneller bewegen. (S.38). Levine erkannte ebenfalls, dass die Schweiz beim Lebenstempo an erster Stelle steht: das Gesamttempo kam wie auch die Genauigkeit der Uhren auf Platz 1, bei der Gehgeschwindigkeit auf Platz 3. Bei der Gehgeschwindigkeit kam Irland auf Platz 1. (Die verdammte Kälte hält die Leute auf Trab!) und Deutschland auf Platz 2 (S.180 f.).
 
Das bedeutet aber nicht, dass die Menschen an schnellen Orten unzufrieden sind, denn dort ist der Lebensstandard am einfachsten zu gewährleisten.
 
Alan Lightman beschreibt in seinem Buch Und immer wieder die Zeit, dass die Zeit ein Sinneseindruck ist wie das Sehen oder das Schmecken, und so kann eine Ereignisfolge als schnell oder langsam, gedämpft oder intensiv, salzig oder süss, ursächlich oder ohne Ursache, geordnet oder zufällig wahrgenommen werden – das hängt ganz von der Vorgeschichte des Betrachters ab (S.133).
 
Er beschreibt das Geschehen eines Orts an der Aare, mit dreistöckigen Häusern mit roten Ziegeldächern und Gaubenfenstern; es sind Gebäude, die beschaulich an der Aarstrasse liegen, welche sich am Fluss entlangzieht. Es geht gemächlich zu. Man winkt sich zu, ein Paar streitet sich, und ein junges Mädchen geht langsam durch den Garten an der Kleinen Schanze. Die hohe Rotholztür des Postamts geht auf und zu, auf und zu ...“
 
Dann schreibt der Autor, dass sich die Szene des gemächlichen Lebens auch ganz anders darstellen kann: Eine Frau, die auf einer Bank an der Aare sitzt, sieht die Boote zum Beispiel mit hoher Geschwindigkeit vorüberziehen, so als flögen Kufe über Eis.
 
Und wieder einer anderen Frau erscheinen die Boote dagegen so schwerfällig, dass sie fast den ganzen Nachmittag brauchen, um die Biegung des Flusses hinter sich zu bringen (S. 130).
 
Ich kann das nur bestätigen. Als Aussendienstmitarbeiter musste ich lange Strecken fahren. Ich mochte es, wenn ich 160 oder 190 km/h schnell war, empfand ich das nicht als rasen, sondern dem Verkehrsaufkommen angemessen. Natürlich nur, wenn es erlaubt und möglich war. In der Freizeit oder auch heute, als Pensionär, fahre ich gemächlicher mit dem eigenen Auto.
 
Aber, wenn ich in Stimmung bin, den Wind von hinten spüre und der Weg leicht abwärts geht, fahre ich mit dem Velo so schnell, dass ich den Eindruck habe, die Häuser und Bäume fliegen an mir vorbei, dann erlebe ich velocità, den Rausch der Geschwindigkeit.
 
Quellen
http://sciencev1.orf.at/science/news/48405.
Levine, Robert: „Eine Landkarte der Zeit – Wie Kulturen mit Zeit umgehen“, Pieper, München 1999.
Lightman, Alan: „Und immer wieder die Zeit – Einstein´s Dreams“, Knaur, München, 2004.
 
Hinweis auf weitere Velo-Blogs
18.05.2005: Gedankenblitze auf einer Velofahrt durch Zürich
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